E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Wallon Sterben kann ich morgen noch
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95520-635-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-95520-635-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alfred Wallon, geboren 1957 in Marburg/Lahn, ist seit 1981 als Schriftsteller tätig. Er veröffentlichte bereits über 200 Romane in nahezu allen gängigen Sparten der Spannungs- und Unterhaltungsliteratur. Wallon gehört zu den wenigen Europäern, die bei den renommierten 'Western Writers of America' aufgenommen wurden, und ist außerdem Mitglied bei den 'Western Fictioneers'. Bei dotbooks veröffentlichte er seinen Roman STERBEN KANN ICH MORGEN NOCH.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Die Flucht
Allmählich wurde mir klar, auf was ich mich da überhaupt einließ. Denn eins stand fest: Wenn ich Logan zum nächsten Bahnhof brachte, dann stand mein Job auf dem Spiel. Marsh würde mich feuern, und dann stand ich auf der Straße. Andererseits musste ich immer wieder an Frank Logan denken, der sich über solche Dinge wie Arbeitslosigkeit und wie man sich am besten durchs Leben schlug, gar keine Gedanken mehr zu machen brauchte. Die Uhr tickte unbarmherzig für ihn – und jede vergeudete Stunde ließ den Tod näher kommen.
Allein mir so etwas auch nur vorzustellen, ließ mich in der ersten Nacht kaum schlafen. Denn ich hielt mir vor Augen, dass ich vielleicht irgendwann auch einmal in solch eine Situation kam, und dann war es umso wichtiger, dass man auf die Hilfe von Freunden zählen konnte, die einem die wenige Zeit, die noch blieb, erträglich machten.
In der ersten Nacht träumte ich wirre Dinge und hatte am nächsten Morgen große Mühe, mich an alles zu erinnern. Ich wusste nur, dass ich vor irgendjemandem davongerannt war, der sich an meine Fersen geheftet hatte und in seiner rechten Hand eine große Sanduhr schwenkte, die mir verdeutlichen sollte, dass auch mein Leben verrann.
Ich war in Schweiß gebadet, als ich mich unter die Dusche stellte, und fühlte mich erst dann erleichtert, als ich den heißen Wasserstrahl auf meinem Körper spürte. Dann zog ich mich an und verließ die Wohnung. An diesem Morgen verspürte ich keinen Appetit, sondern dachte nur daran, dass der Plan, Logan von hier wegzubringen, hoffentlich auch so funktionierte, wie er sich das vorstellte.
Als ich schließlich eine halbe Stunde später das Sunset Valley Senior’s Rest erreichte, entdeckte ich ihn auf dem Balkon seines Zimmers. Er hatte sich auf die Brüstung gestützt und winkte mir zu wie jemand, der überhaupt nicht daran glaubte, dass seine innere Uhr schon in wenigen Monaten ablief.
Ich fuhr mit dem Lift nach oben, ging zu seinem Zimmer und klopfte kurz an. Als eine vertraute Stimme mich schließlich aufforderte einzutreten, öffnete ich die Tür. Logan lächelte und gab mir ungeduldig ein Zeichen, die Tür hinter mir zu schließen und zu ihm zu kommen.
»Du siehst schlecht aus, Mike«, sagte er. »Hattest du Alpträume? Vielleicht solltest du früher schlafen gehen.«
»Alpträume?« Ich winkte ab, weil er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Aber das wollte ich natürlich nicht zugeben. »Ach was«, fuhr ich fort. »Ist nichts Besonderes. Ich verliere ja auch nur in zwei Tagen höchstwahrscheinlich meinen Job, weil ich unbedingt den barmherzigen Samariter spielen muss.«
»Bereust du es vielleicht schon? Änderst du so schnell deine Meinung?«
»Herrgott, nein«, brummte ich. »Aber ich darf mir ja wohl noch den Kopf darüber zerbrechen, was alles passieren könnte, wenn die Sache vorher bekannt wird.«
»Das wird aber nicht geschehen«, versicherte er mir. »Wir müssen uns nur ganz ruhig verhalten. Cool bleiben – so sagt man doch heute dazu, oder?«
»Aus Ihrem Mund klingt das irgendwo komisch. Aber nun gut – ich habe versprochen, Ihnen zu helfen. Glauben Sie denn wirklich, dass das eine vernünftige Lösung ist?«
»Du hast keinen Darmkrebs, sondern ich«, sagte er. »Und wie sich das anfühlt, das willst du lieber nicht wissen. Darauf würde ich wetten. Mach deinen Job wie immer und grübele nicht zu viel. Alles andere klappt schon. Du musst dich nur ruhig und ganz normal verhalten. Ich tue das schließlich auch.«
»Das ist leichter gesagt als getan«, meinte ich. »Wie soll das denn alles überhaupt ablaufen?«
Logan verdrehte die Augen, als er spürte, wie sehr ich mit mir haderte. »Wenn ich gewusst hätte, dass du so ein Angsthase bist, dann hätte ich dich niemals um diesen Gefallen gebeten. Ist es denn wirklich so schwer für dich, einem alten Mann zu helfen? Glaubst du an Gott oder eine höhere Macht?«
»Mr. Logan, ich …« Ich suchte verzweifelt nach den passenden Worten, fand sie aber nicht. Zumindest nicht in diesen Sekunden.
»Meinst du nicht, dass ein Mensch wenigstens einmal in seinem Leben etwas tun sollte, worauf er stolz sein kann und an das er sich noch lange erinnern wird?«, fragte Logan. »Hast du so ein Gefühl überhaupt schon mal erlebt?« Als ich zögerte, schüttelte er nur seufzend den Kopf. »Also, ich sag’s dir jetzt noch einmal klar und deutlich: Ich verschwinde sowieso aus dieser Leichenhalle. Ob nun mit oder ohne deine Hilfe. Mit dir würde es aber deutlich einfacher sein.«
Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte, alles lief darauf hinaus, dass ich aus dieser Sache nicht mehr herauskam. Mitgefangen, mitgehangen lautet bekanntlich ein altes Sprichwort. Aber ich hoffte sehr, dass sich solch ein Schicksal für mich nicht erfüllte. Also beruhigte ich mich wieder.
»Sie können aber nicht viel mitnehmen, Mr. Logan«, wies ich ihn an. »Ihre Bibliothek da drüben ganz sicher nicht.«
»Aber die Bücher, die ich geschrieben habe, ganz bestimmt«, erwiderte er mit einer Sturheit, die mich stöhnen ließ. »Die passen bequem in den Koffer da drüben. Den Rest kannst du meinetwegen behalten, wenn du willst. Überlass das alles mir. Du musst nur darauf bestehen, dass du mich ins Hospital fährst. Kriegst du das hin?«
»Ich denke schon«, erwiderte ich.
»Sag mal, kannst du mir etwas Geld leihen?«, fragte er mich dann. »Ich bin nämlich nicht sonderlich flüssig, wie du weißt.«
»Für das Bahnticket komme ich schon auf«, versprach ich. »Das geht in Ordnung.«
»Gut, dann geh jetzt und mach deinen Job. Wir schaffen das.«
Er schlug mir aufmunternd auf die Schulter und nahm dann wieder in seinem Sessel Platz. Merkwürdig – wenn ich nicht gewusst hätte, dass sein Leben in wenigen Monaten grausam enden würde, hätte ich niemals vermutet, wie schlecht es um Frank Logans Gesundheit bestellt war. Im Moment wirkte er so agil und lebensfroh, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Weil er wusste, dass er nur diese eine Chance hatte – und daran klammerte er sich jetzt wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.
Ich lächelte ihm noch einmal zu und verließ dann das Zimmer. Den restlichen Tag verrichtete ich meinen Dienst, ohne dass es irgendwelche Probleme gab – und was noch wichtiger war: Ich ließ mir nicht anmerken, was in wenigen Tagen geschehen würde.
Auch wenn Frank Logan meine Skepsis zu beschwichtigen versuchte, mein Mitwirken in dieser Sache war nichts anderes als ein grober Verstoß gegen die Richtlinien des Sunset Valley Senior’s Rest. Was die Sache ebenso schwer für mich machte, war die Tatsache, dass ich immer deutlicher begriff, wie wichtig Logan dieses Vorhaben war. Er wollte nicht im Krankenhaus sterben, sondern sein Leben so beenden, wie er es für richtig hielt. Vor dieser Entscheidung konnte man nur Respekt haben.
***
»Ich glaube, es ist besser, wenn wir heute auf den großen Bahnhof verzichten, Toby«, schlug ich vor, als dieser zum Telefon greifen und einen Krankenwagen bestellen wollte. »Überlass das mir. Ich fahre Mr. Logan ins Krankenhaus.«
Toby runzelte argwöhnisch die Stirn. »Das ist doch gar nicht unsere Aufgabe«, erwiderte er. »Überlass solche Dinge den Profis, Michael. Die verstehen was davon und …«
»Wie würdest du dich denn fühlen, wenn plötzlich ein Krankenwagen vorfährt und du einsteigen musst? Und das in dem Wissen, dass du vielleicht nicht mehr zurückkommst? Würdest du dich dann nicht auch darüber freuen, wenn dich stattdessen jemand ins Krankenhaus fährt, der dir vertraut ist? Jemand, der nicht ganz so fremd ist und sich wenigstens etwas Zeit nimmt?«
»Und das bist du?«
Toby blieb skeptisch angesichts meiner Bemerkung. Natürlich wusste er mittlerweile, dass ich der Einzige war, mit dem der alte Mann offensichtlich noch zurechtkam. Diese Tatsache würde er wahrscheinlich nie begreifen, aber es interessierte ihn ohnehin nicht sonderlich.
»Ich glaube schon«, fügte ich hinzu. »Lass mich das einfach machen – ich fahre ihn hin, kümmere mich darum, dass die Einweisung ordnungsgemäß verläuft, und bleibe dann noch kurz bei ihm.«
»Na gut.« Er nickte schließlich. »Aber bleib nicht zu lange. Hier sind auch noch andere Dinge zu tun. Eins hast du offensichtlich mal wieder vergessen: Es bringt nichts, persönliche Beziehungen zu den Menschen hier aufzubauen. Sie sind nur Gäste im Sunset Valley. Gäste auf Zeit.«
»Ich sehe das anders«, antwortete ich. »Aber darüber will ich mich jetzt nicht streiten. Ich gehe jetzt zu Mr. Logan und fahre ihn ins Krankenhaus. Bis später dann.«
Ich wandte mich ab und ließ Toby einfach stehen. Natürlich rief er mir noch etwas hinterher, aber das nahm ich nur mit halbem Ohr wahr, denn meine Gedanken kreisten verständlicherweise um ganz andere Dinge. Ich konnte von Glück reden, dass ich noch so ruhig war, denn innerlich befand sich der Vulkan kurz vor der Eruption. Und dabei hatte die entscheidende Phase noch nicht einmal begonnen.
Ich erreichte den Westflügel des Altenheims und stand schließlich vor Mr. Logans Zimmertür. Ich atmete noch einmal kurz durch, klopfte an und betrat das Zimmer. Ein überaus gelassener und gutgelaunter Frank Logan begrüßte mich. Er hatte sich bereits angekleidet und auch seine beiden Koffer gepackt.
»Ich dachte schon, du hättest verschlafen«, sagte er. »Aber jetzt bist du ja endlich da. Wie du siehst, bin ich fertig. Wir können aufbrechen.«
Mein Blick schweifte durchs Zimmer, und ich entdeckte auf einmal die Lücke im Bücherregal. Logan grinste immer...




