Wallner Alpengold - Folge 226
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-3563-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Doch ihren Stolz konnt‘ keiner brechen
E-Book, Deutsch, Band 226, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-3563-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie ist eine ganz Besondere, die Agnes Windacher, eine, die sich mit Heilkräutern und Gewürzen befasst, die Salben und Tees herzustellen weiß und ein stilles, weltfernes Leben führt droben am Windacher-Hof. Sie versorgt den Vater, der nichts mehr tut, sondern das letzte Geld im Dorf vertrinkt, und die armselige Wirtschaft, die kaum etwas hergibt. Und nur Wenige erkennen hinter dem bescheidenen Auftreten der Agnes den Fleiß, den Anstand und den Stolz, die ihr die Kraft geben, das alles zu ertragen.
Stefan, der Jungbauer vom reichen Eschthaler-Hof, gehört zu diesen Wenigen, und schon als er die Agnes zum ersten Mal sieht, weiß er, dass sie die Frau seines Lebens ist. Die Liebe überwältigt die beiden jungen Menschen, erfüllt sie mit dem Glauben an das gemeinsame Glück. Doch da kehrt Jutta heim auf den Windacher-Hof, Agnes' schöne skrupellose Schwester ...
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Stefan Eschthaler blieb aufatmend stehen, als er das kleine Gebirgsplateau erreicht hatte, und blickte mit strahlenden Augen um sich.
Wie schön seine Bergheimat jetzt im Frühling war! Fast hatte er vergessen, wie süß die Almwiesen dufteten, die sich bis zum dunklen Bergwald hochzogen. Unter ihm schmiegten sich die Häuser des kleinen Dorfes in das tief eingeschnittene Tal, umkränzt von blütenbeladenen Obstbäumen.
Schützend hob er die Hand über die Augen, als sein Blick über das gewaltige Gebirgsmassiv glitt, das ihm gegenüber emporwuchs, und die Gletscher leuchteten im Sonnenlicht wie blaues Feuer.
Stefan stieß einen Jauchzer aus, so leicht war es ihm ums Herz, dann setzte er seinen Weg fort. Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte, so sehr freute er sich darauf, seine Eltern wiederzusehen.
Über vier Jahre war er von zu Hause weg gewesen, um auf den Wunsch seines Vaters eine landwirtschaftliche Ausbildung in der Stadt zu absolvieren. Anfangs hatte er es vor Heimweh kaum ausgehalten, doch dann hatte er sich an das Großstadtleben gewöhnt, und war – besonders vor den Prüfungen – seltener nach Hause gekommen.
Jetzt aber empfand er mit überklarer Gewissheit, wo er hingehörte und dass er die Heimat aus freien Stücken niemals mehr verlassen würde.
Bald schon lag der Eschthaler-Hof vor ihm, und erneut hielt Stefan einen Augenblick inne und nahm das vertraute Bild in sich auf. Die Eschthalers waren die reichsten Bauern in der ganzen Gegend. Seit Generationen war der Hof im Besitz der Familie, und jeder Eschthaler hatte das Seine getan, um den Wohlstand zu mehren oder ihn in schlechten Zeiten wenigstens zu wahren.
Während die Zeit an dem Wohnhaus mit seinen blumenüberrankten Balustraden und der kunstvollen Lüftlmalerei nahezu unbemerkt vorübergegangen zu sein schien, bargen die angrenzenden Gebäude modernste Bewirtschaftungsräume. Stefans Vater hatte rechtzeitig die Notwendigkeit einer umfassenden Modernisierung erkannt, ohne jedoch den Eigencharakter des Hofes zu zerstören.
Die holzgeschnitzte Haustür öffnete sich, eine Frauengestalt trat heraus und spähte zum Hoftor hin.
»Mutter!« Stefan eilte zu ihr hin, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie ungestüm im Kreis herumgeschwenkt.
»Geh, Stefferl, lass mich aus! Du bist halt immer noch so wild wie früher!« Ruth Eschthaler küsste ihren Sohn herzhaft auf beide Wangen und zerzauste ihm das dichte blonde Haar noch mehr. Sie strahlte vor Glück, denn sie liebte diesen Sohn, das einzige Kind, das ihr das Schicksal vergönnt hatte, über alles.
»Gut schaust du aus, Mutterl!«
»Ach geh!« Sie errötete freudig, und Stefan betrachtete seine Mutter, deren Ausstrahlung in der Reife der mittleren Jahre noch stärker geworden war, voller Stolz und Zuneigung.
»Und für deinen armen alten Vater hast du wohl kein Wort übrig?« Unbemerkt hatte sich Thomas Eschthaler zu Mutter und Sohn gesellt, ein liebevolles Schmunzeln lag auf seinen markanten Zügen.
Ihm wurde eine nicht minder herzliche Begrüßung zuteil, und gemeinsam gingen sie dann ins Haus.
»Du kommst grad recht zum Essen, ich hab auch deine Leibspeise gekocht«, sagte die Bäuerin.
»Du verwöhnst mir den Buben schon wieder, kaum, dass er über die Schwelle tritt!«, neckte ihr Mann sie, und Ruth lachte auf.
Stefan empfand das gute Einvernehmen, das zwischen seinen Eltern herrschte, wohltuender denn je, da er inzwischen Gelegenheit gehabt hatte, andere Familienverhältnisse kennenzulernen. Früher hatte er es immer für selbstverständlich gehalten, dass es nie Zank und Hader auf dem Eschthaler-Hof gab, doch jetzt wusste er, dass diese Harmonie ein Geschenk war, für das man dankbar sein musste.
Obwohl die Heirat von Ruth und Thomas Eschthaler von deren Eltern mehr oder weniger in die Wege geleitet worden war, hatten sich die beiden jungen Leute damals in Liebe gefunden, und ihre Zuneigung und innere Verbundenheit war in der Ehe noch gewachsen. Der einzige Schatten, der über ihre Ehe gefallen war, war der Umstand, dass nach Stefans Geburt weitere Kinder ausgeblieben waren. Doch da der kleine Stefan ein gesundes, wohlgeratenes Kind war, fanden sie sich damit ab und schenkten ihm ihre ganze Zuwendung und Zärtlichkeit.
Der große Esstisch in der Stube war festlich gedeckt, auf weißem Leinen prangte das gute Geschirr, auch ein bunter Frühlingsstrauß fehlte nicht.
»Der verlorene Sohn ist endlich zurückgekehrt!«, scherzte Stefan, um seine Rührung zu überspielen.
Die Hofleute, die schon am Tisch saßen, hießen ihn herzlich willkommen. Rupert, der schon seit Stefans Kindheitstagen auf dem Hof war, klopfte ihm mit seiner schwieligen Hand auf den Rücken, und die alte Anni hatte Tränen der Rührung in den Augen.
»Wenn ich net meinen Seppi hätt, würd ich mich reinweg in dich verschauen!«, warf Lisei, die bei der Hauswirtschaft half, keck ein.
Sie war ein dralles Mädchen mit etwas groben, aber nicht unhübschen Zügen, der man ansah, dass sie mit beiden Beinen fest auf der Erde stand und ordentlich zupacken konnte.
»Jawohl, ein fesches Mannsbild bist du geworden! Als du von hier weggegangen bist, warst du noch ein richtiger Grünschnabel«, fuhr sie fort, was Stefan in einige Verlegenheit brachte.
Es war dem jungen Mann eher peinlich, wenn Anspielungen auf sein gutes Aussehen gemacht wurden. Schlank und hochgewachsen und mit ebenmäßig geschnittenem Gesicht, in dem die wachen hellblauen Augen auffielen, erregte er mehr Aufmerksamkeit, als ihm lieb war. Seine besondere Anziehungskraft bestand jedoch gerade darin, dass er sich seines hübschen Äußeren nicht bewusst war und es auch nicht zu seinem Vorteil einsetzte.
Doch auch beim Essen – die Bäuerin hatte eine wunderbar duftende Gemüsesuppe aufgetragen – war Lisei keineswegs gewillt, das Thema fallen zu lassen.
»Sicher hast du allen Madeln in der Stadt den Kopf verdreht und ihnen die Herzen gebrochen! Man weiß ja, wie die Mannsbilder so sind!«
»Was du dir so denkst, Lisei!« Stefan schüttelte den Kopf. »Ich hab viel zu lernen gehabt, und da ist mir kaum Zeit geblieben, mich um die Madeln zu kümmern. Und Herzen brech ich schon gar net!«
»Es gibt also keinen Schatz, der in der Stadt sehnsüchtig auf dich wartet?«, fragte Lisei ungläubig.
»Nein. Ich fühl mich auch noch zu jung, um ans Heiraten zu denken. Außerdem haben mir die Madeln in der Stadt net gefallen. Wenn ich schon eine nehm, dann muss sie von hier sein.«
»Ja, wenn du das so siehst! Aber du hast schon recht damit«, erwiderte Lisei etwas kleinlaut.
Obwohl die Bäuerin Liseis vorlaute Art missbilligte, hob doch ein befreiter Atemzug ihre Brust. Sie hatte es wie ihr Mann gutgeheißen, dass Stefan sich in der Stadt das nötige Rüstzeug erwarb, um ein tüchtiger Großbauer zu werden. Doch insgeheim hatte immer die Furcht an ihrem Herzen genagt, dass Stefan eine Braut aus der Großstadt mitbringen würde, die sich nicht in das bäuerliche Leben einfügen könnte.
»Aber jetzt mal zu dir, Lisei! Wie steht es denn mit dir und deinem Seppi?«, fragte Stefan in scherzendem Tonfall.
Nun war es an Lisei zu erröten. Sie lachte auf.
»Gut steht es! Wir haben schon das Aufgebot bestellt!«, gab sie dann zur Antwort.
»Ich weiß gar net, was ich ohne dich anfangen soll, Lisei, obwohl ich dir den Seppi von Herzen gönn«, meinte die Bäuerin aufseufzend.
Sie ließ die tüchtige, zuverlässige Lisei, die ihr trotz ihres losen Mundwerks wie eine Tochter ans Herz gewachsen war, nur ungern ziehen. Doch sie verstand die Sehnsucht der jungen Frau nach einem eigenen Hausstand.
Lisei hatte lange genug darauf warten müssen, denn auch Josef Angerer war von Haus aus arm wie eine Kirchenmaus, und da hieß es sparen und sich in Geduld fassen. Wie Lisei war er jedoch arbeitsam und auch sehr ehrgeizig, und es hieß, dass er bald Verwalter im großen Sägewerk am Rande des Dorfes werden würde.
Das Gespräch wandte sich nun anderen Themen zu – Ereignissen, die sich im Dorf zugetragen hatten –, und Stefan steuerte noch ein paar Anekdoten von seinen Lehrern hinzu, die alle zum Lachen brachten.
In bester Stimmung wurde das Mittagsmahl beendet, und als Stefan danach seinem Vater seine Hilfe anbieten wollte, wehrte dieser freundlich ab.
»Nein, Stefan, das muss net sein! Jetzt lässt du dir erst mal ein bisserl Zeit, um dich wieder einzugewöhnen, und auspacken musst du ja auch noch. Nächste Woche sehen wir dann weiter.«
»Du kannst dich ja in der Kuchel nützlich machen«, meinte Lisei, die gerade abräumte, schelmisch.
Gefolgt von Gelächter und Neckereien stieg Stefan zu seiner Kammer hoch, um seine Sachen einzuräumen. Der Raum lag unter dem Dach, und das Fenster bot einen weiten Blick auf das Gebirgspanorama, das er in der Enge der Großstadt so schmerzlich vermisst hatte.
Stefan stand eine Weile in regloser Betrachtung versunken da. Tiefe Zufriedenheit erfüllte ihn, die Zufriedenheit eines Menschen, der weiß, wo sein Platz ist und dessen Zukunftsweg klar vorgezeichnet scheint.
Dann wandte er sich ab und nahm wieder von der Kammer Besitz, die die Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit und Jugend barg.
Bald hatte er seine Sachen verstaut, und er beschloss, einen längeren Gang zu unternehmen, so als müsste er sich auch wieder mit seiner näheren Umgebung vertraut machen. Durch Wiesen und Felder schlug er den Weg zum Bergwald ein, der in seiner Kindheit einer...




