Wallner Alpengold - Folge 165
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5610-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verliebt in einen Außenseiter
E-Book, Deutsch, Band 165, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-8387-5610-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dunkel und wenig einladend liegt der Brandstetter-Hof vor ihr, und unwillkürlich kommen der hübschen Buchinger-Marie die Schauergeschichten in den Sinn, die im Dorf über diesen Hof kursieren. Ein rechter Räuberhauptmann soll der alte Brandstetter gewesen sein, verstrickt in übelste Machenschaften! Heute lebt nur noch der jüngste Brandstetter-Sohn hier, Jonas - und sein kleiner Neffe Sandro. Über ihn muss die junge Lehrerin dringend mit Jonas sprechen! An diesem spätsommerlichen Tag verliebt sich Marie Hals über Kopf in den geheimnisvollen Jonas Brandstetter - und ist deshalb bald selbst eine Ausgestoßene im Dorf! Doch Marie und Jonas wollen nicht voneinander lassen, sondern um ihre Liebe kämpfen, aber ihr Glück gerät jäh in Gefahr, als eines Tages Sandros verschollene Mutter Ramona auf dem Hof auftaucht und ihren Sohn zurückfordert. Da droht das unselige Erbe der Brandstetters auch in Jonas aufzubrechen...
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Marie Buchinger lächelte glücklich, als sie durch die Räume der kleinen Wohnung schritt, die ihr Zuhause war.
Die Zimmer, eigentlich waren es eher Kammern, waren altmodisch und der Flur verwinkelt, doch sie wirkten anheimelnd. Dazu trug bei, dass sie von Marie liebevoll ausgestattet worden waren. Im Wohnzimmer wurde eine Wand von einem Bücherregal eingenommen, ein ausladendes Sofa mit Kissen in verschiedenen Größen lud zum Lesen ein, und in einer Ecke stand noch ein großer, gemütlicher Ohrensessel.
Neben dem Schlafzimmer, das mit Möbeln aus Zirbenholz eingerichtet war, und einem zweckmäßigen Arbeitszimmer, gab es nur noch eine winzige Küche und ein enges Bad.
»Da kannst ja noch net mal eine Maus drin frisieren«, hatte ihre Schwägerin abschätzig gesagt, als sie Maries neue Behausung in Augenschein genommen hatte.
Maries Gesicht verdüsterter sich, wenn sie an Silvana dachte, aber dann verdrängte sie alles, was mit ihrer Schwägerin zu tun hatte, denn sie wollte sich die Freude an ihrem Heim nicht verderben lassen. Besonders jetzt, wenn die Sonne hereinfiel und ein sanfter Sommerwind die weißen Gardinen am offenen Fenster aufbauschte. Die leuchtenden Farben der Läufer, die auf den honigbraunen Dielenbrettern lagen, kamen so zur Geltung und auch der rote Blumenstrauß, der den Tisch schmückte.
Sie nahm sich vor, die Blumenkästen an den Fenstern im nächsten Frühsommer mit Geranien zu bepflanzen. Und der Flur, von dem noch eine Abstellkammer abging, war recht kahl, und würde mit einer Bilderreihe einladender aussehen.
Eigentlich war diese Wohnung ja eine Besonderheit, denn sie lag im Obergeschoss der Schule des kleinen Gebirgsortes, wo Marie nun ihre erste Stelle als Lehrerin antrat. Alles hatte sich so glücklich gefügt – der schon recht greise Schulmeister war nun doch in Ruhestand gegangen und mit seiner jüngeren verwitweten Schwester zusammengezogen. Und so hatte sich Marie die Möglichkeit geboten, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, nach dem sie sich während ihrer Ausbildung vor Heimweh verzehrt hatte.
Manchmal beschlich sie allerdings der Verdacht, dass ihr Vater, der reiche Franz Josef Buchinger, seinen nicht unbeträchtlichen Einfluss geltend gemacht hatte, dass sie hierher versetzt wurde, doch auch daran mochte sie nicht denken. Jedenfalls würde sie die Kinder, die ihr anvertraut werden würden, nach bestem Wissen und Gewissen unterrichten und fördern, denn Marie Buchinger sah in ihrem Beruf eine Berufung.
Dass ihr nun diese Wohnung, so bescheiden sie auch sein mochte, zur Verfügung stand, war noch ein weiterer großer Vorteil, der Maries Wünschen sehr entgegenkam. Denn sie hatte, bevor die Räume bezugsfertig waren, nach ihrer Rückkehr aus der Stadt ein paar Wochen auf dem Buchinger-Hof gewohnt.
Und selten war ihr eine Zeit so lange und unerträglich vorgekommen wie diese Zeit in ihrem Elternhaus.
Es hatte nie ein offenes Zerwürfnis zwischen ihr und ihrer Familie gegeben, und dennoch fühlte sich Marie nicht wesensverwandt mit ihren Angehörigen. Besitzstolz und Eigennutz prägten das Verhalten der Buchingers, verbunden mit einem Hang zu Traditionen, die nicht mehr zeitgemäß waren. Seitdem ihr älterer Bruder, der Hoferbe, geheiratet hatte, war alles noch schlimmer geworden, denn ihre Schwägerin brachte ihr offene Abneigung entgegen und versäumte keine Gelegenheit, Marie in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen.
Am kommenden Sonntag würde auf dem Hof ein großes Familienfest stattfinden, zu Ehren Buchingers, der seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Marie sah dieser Feier mit Bangen entgegen, doch für ihren Vater wäre es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn sie nicht daran teilnehmen würde.
Marie seufzte und ließ sich auf das Sofa sinken. Zerstreut nahm sie ein Buch zur Hand und legte es dann wieder auf den Tisch vor ihr. Es gab noch etwas anderes, was sie innerlich nicht zur Ruhe kommen ließ.
Während ihrer Ausbildung hatte sie sich mit einem anderen Studenten angefreundet, dessen Zielstrebigkeit und engagierte Einstellung sie bewundert hatte. Auch er war von ihr angetan gewesen, sie begannen, miteinander auszugehen, und allmählich entwickelte sich eine Liebesbeziehung zwischen ihnen.
Maries Entschluss, wieder in ihre Gebirgsheimat zurückzukehren, hatte ihr bisheriges Einvernehmen ins Wanken gebracht. Er konnte nicht begreifen, dass sie sich in »der Einöde vergrub, wo das Leben an ihr vorübergehen würde«, wie er es ausdrückte. Sie hatten sich heftig gestritten, doch Marie beharrte darauf, in ihrem Heimatdorf zu unterrichten.
Sie hatten nicht miteinander gebrochen, doch Marie hatte das Empfinden, dass er sich innerlich von ihr entfernt hatte. Und darin hatte sie sich nicht getäuscht, denn seit ihrer Rückkehr hatte sie kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten.
Und sie würde auch nie mehr von ihm hören, davon war sie inzwischen überzeugt.
Die Enttäuschung brannte in ihr, doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann litt sie mehr unter der Kränkung als unter dem Verlust einer großen Liebe. Sie würde darüber hinwegkommen, das wusste sie, denn hier war sie an dem Ort, in den sie gehörte und wo eine Lebensaufgabe auf sie wartete.
Marie lehnte sich zurück und genoss die nachmittägliche Stille und den Sonnenschein, der den Raum in ein warmes Licht tauchte. Bis zum Schulbeginn blieb ihr noch etwas Zeit, denn sobald die Renovierung der Wohnung beendet gewesen war, hatte sie beinahe fluchtartig ihre Sachen gepackt und war eingezogen. Dann hatte sie sich in aller Ruhe eingerichtet, erleichtert, der angespannten Atmosphäre auf dem Buchinger-Hof entronnen zu sein.
Sie musste in einen leichten Schlummer gefallen sein, denn sie schrak auf, als das Abendläuten erklang. Das Schulgebäude stand in unmittelbarer Nähe der Kirche im Ortsmittelpunkt, doch Marie fand das Glockengeläute eher anheimelnd als störend. Das Sonnenlicht hatte sich aus dem Zimmer zurückgezogen, und durch das geöffnete Fenster drang ein kühler Abendhauch.
Von der Straße her vernahm sie laute Männerstimmen und Gelächter, die Dörfler strebten ihrem Stammtisch im Gasthaus »Zum Adler« zu, wo wahrscheinlich wieder einmal eines der zahlreichen Vereinstreffen stattfand. Bei den meisten führte ihr Vater den Vorsitz. Ihre Mutter ging ganz in der Kirchenarbeit auf und brachte sich außerdem seit Jahren bei der Landfrauenvereinigung ein.
Marie bereitete sich in ihrer gemütlichen Küche eine leichte Mahlzeit zu, die sie mit gutem Appetit verzehrte. Dann räumte sie in ihrem Arbeitszimmer die Lehrbücher und Unterlagen, die noch in Kartons auf dem Boden standen, in die dafür bestimmten Regale und Schränke ein und machte sich dabei Gedanken, wie sie den Anfangsunterricht für die Erstklässler gestalten sollte.
Ganz gewiss sollte die Musik eine große Rolle spielen …
Ihr Blick flog zu der Gitarre, die in der Ecke lehnte. Schon seit frühester Jugend begleitete das Instrument sie, das ihr Vater ihr einst in einer Anwandlung von Großzügigkeit zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr Spiel hatte sich in den letzten Jahren immer mehr gesteigert, außerdem besaß sie eine schöne Singstimme.
Sie vertiefte sich zuerst in ihre Notenblätter, dann in ihre Unterrichtsaufzeichnungen und darüber verfloss die Zeit, sodass Marie gegen ihre sonstige Gewohnheit viel zu spät zu Bett ging. Es war die erste Nacht, die sie in ihrem neuen Zuhause verbrachte, und sie schlief tief und traumlos. Am nächsten Morgen wachte sie erfrischt und voller Tatendrang auf und nahm die geplanten Verschönerungen ihrer Wohnung in Angriff.
***
Als Marie jedoch am Sonntagmorgen aus einem wirren Traum erwachte, blieb sie bedrückt im Bett liegen und wäre am liebsten gar nicht erst aufgestanden.
Heute fand die große Familienfeier auf dem Buchinger-Hof statt, vor der es Marie graute. Schließlich aber rief sie sich zur Ordnung und verbrachte lange Zeit unter der Dusche und trank ein großes Haferl schwarzen Kaffee, was sie jedoch nicht wie erhofft ermunterte. Sonst brachte sie keinen Bissen herunter, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Als es Zeit war, sich anzukleiden, trat sie vor den Schrankspiegel und betrachtete sich kritisch. Sie wirkte blass und übernächtigt, obwohl sie ausreichend geschlafen hatte, und war mit ihrem Äußeren sehr unzufrieden.
Dabei war Marie Buchinger ein auffallend schönes Mädchen mit regelmäßigen Zügen, großen tiefblauen Augen und einem reizvoll geschwungenen Mund. Üppiges goldbraunes Haar ergoss sich über ihre Schultern, und ihre Gestalt war sehr schlank, aber mit ausgeprägten weiblichen Formen.
Marie hatte eigens für diesen Tag ein Dirndlkleid in traditionellem Stil erstanden, also mit wadenlangem Rock, bauschigen Ärmeln und engem, ausgeschnittenem Mieder. Das Mittelblau mit den weißen Verzierungen stand ihr gut zu Gesicht, und die Machart brachte ihren ebenmäßigen Wuchs noch besser zur Geltung. Sie band die dunkelblaue Taftschürze fest um ihre Taille, zupfte noch an dem Ausschnitt herum, der ihr etwas zu gewagt vorkam, dann war sie einigermaßen zufrieden mit ihrem Spiegelbild.
Ihre Haare umschmeichelten seidig das Gesicht, und sie legte die Kette an, die sie von der Großmutter selig geerbt hatte. Ihre Wangen hatten sich mittlerweile etwas gerötet, und sie hoffte, durch den Gang zum Buchinger-Hof, der etwas außerhalb des Dorfes lag, ihre übliche gesunde Gesichtsfarbe vollends wiederzuerlangen.
Sie ergriff noch eine Tasche, in der sie das Geschenk für ihren Vater unterbrachte, ein Bildband über die Geschichte der Gebirgsschützen. Da Franz Josef...




