E-Book, Deutsch, 211 Seiten
Waldscheidt Die Stimme: Leser verzaubern mit den Stimmen von Autor, Erzähler und Charakter
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7502-1167-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meisterkurs Romane schreiben
E-Book, Deutsch, 211 Seiten
ISBN: 978-3-7502-1167-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stephan Waldscheidt publiziert Bücher, Blog- und Zeitschriftenartikel über das Schreiben und Veröffentlichen von Romanen. Als John Alba schreibt der Autor Spannungsromane mit mehr menschlichem Drama als Blut. Mehr Informationen über den Autor und seine Arbeit finden Sie auf schriftzeit.de und johnalba.de.
Autoren/Hrsg.
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Die Stimme des Erzählers
Bezaubern und Verführen mit nichts als Wörtern
»Oftmals ergibt ein Stück Text kein Ganzes, bis der Autor die richtige Stimme dafür gefunden hat«, schreibt Barbara Baig.[Fußnote 2] Sie beschreibt damit zwei zentrale Aspekte der Stimmen, in denen der Roman zu seinen Lesern spricht: Es gibt eine richtige, eine gut geeignete Stimme. Und sie sollte wie aus einem Guss wirken, erst dann kann sie den Leser in den Lesefluss leiten und zugleich die Geschichte zusammenhalten.
Welche Stimme meint sie?
»Stimme«, schreibt Gabriela Pereira, »ist eins der Versprechen, die Sie dem Leser von der allerersten Seite an machen sollten.«[Fußnote 3] Viele Autoren denken bei dem Vertrag mit dem Leser nur an die Inhalte. Doch wie viel Inhalt kann man schon in den ersten Sätzen eines Romans übermitteln? Anders sieht es mit der Stimme aus, mit der der Roman zu den Lesern spricht. Sie ist das Versprechen, das Sie dem Leser machen.
Welche Stimme meint Pereira?
Was verführt Sie im Buchladen oder bei einer Leseprobe, ein Buch zu kaufen? Der Klappentext. Das Thema. Eine zufällig ausgewählte Stelle aus dem Inhalt. Der Anfang des Buches.
Die Stimme des Erzählers.
Was verzaubert einen Literaturagenten? Womit überzeugen Sie eine Lektorin? Die meisten Profis im Buchmarkt lassen sich bei ihren Entscheidungen immer auch von ihrem Bauchgefühl leiten. Besonders sensibel reagiert es auf die Stimme des Romans. Spricht der Text zu ihnen? Löst er starke Emotionen bei ihnen aus?
Viele Lektoren und Lektorinnen sind Literaturwissenschaftler oder Germanisten. Und diese, bei aktuellen Romanen erfahren und zugleich vertraut mit den Klassikern, haben ein empfängliches Ohr für Stimme und Stil, häufig empfänglicher als das der Leser.[Fußnote 4]
Die Stimme ist der erste Eindruck, den Sie mit Ihrer Geschichte hinterlassen. Und Sie wissen selbst um die enorme Bedeutung des ersten Eindrucks und wie er alles Weitere einfärbt. Die Stimme reißt mit? Schon erscheinen dem Leser Plotlöcher weniger gravierend, die Protagonistin sympathischer, Ihre Ideen strahlender.
Was ist die einzige Verbindung, die Sie zu einem fremden Menschen in einem Buchladen in einer Stadt aufnehmen, in der Sie nie waren? Was verbindet Ihre Geschichte direkt mit Herz und Hirn des Lesers? Die Stimme des Erzählers.
Wie etwas gesagt wird, ist in vielen Fällen so wichtig wie das Gesagte selbst. In manchen Fällen sogar wichtiger.
Außer für die sprachlich unmusikalischen Leser ist die Erzählstimme auf den ersten Seiten eines Buchs wichtiger als ein inhaltlich packender Anfang. Es ist die Stimme des Erzählers, die den Leser ins Buch zieht. Zahllose Bestseller, die ohne jedes Spektakel loslegen, zeugen davon. Nehmen Sie Robert Seethalers Spiegel-Bestsellerlisten-Topper »Das Feld«. Der beginnt so:
(Robert Seethaler, »Das Feld«, Hanser 2018)
Anders als (unser aller) Onkel Max, dieser vollkommene Erzähler, kommt die Stimme Ihres Roman-Erzählers mit einem Nachteil belastet daher: Wo Onkel Max mit ausgreifenden Gesten seine Worte unterstreicht, wo seine Stimme an- und abschwillt, seine Augenbrauen tanzen und er die Stirn in Falten legt, wenn es spannend wird, wo er seinem Publikum zublinzelt, wenn er etwas ironisch meint, wo er seiner Stimme einen piepsigen Klang verleiht, wenn er die Worte einer kleinen Elfe wiedergibt – in all diesen Situationen müssen Sie als Autorin oder Autor auf das Einzige zurückgreifen, was Ihnen bei dem Kontakt mit den Lesern zur Verfügung steht: die Wörter auf der Seite. Keine Mimik, keine Gesten, keine Lautstärke oder verstellte Stimme helfen Ihnen dabei, es macht keinen Unterschied, ob Sie einen langen Bart tragen und einen Schlapphut aufsetzen oder im Schlafanzug vor Ihren Lesern – also vor der Tastatur – sitzen, es spielt keine Rolle, wie Sie aussehen oder ob Sie zum Stottern neigen, der Leser bekommt von alldem nichts mit.
Alles, was Ihnen zur Verfügung steht, um Ihre Leser zu erreichen und zu berühren, alles, was Sie haben, um eine Brücke zwischen Ihrer Phantasie und der Phantasie des Lesers zu spannen, ist die Stimme Ihres Erzählers. Klingt, als müsste diese ein ebenso zentrales wie machtvolles Instrument in Ihrem Handwerkskasten für Autoren sein.
Oft wird ein Text überhaupt erst lebendig, wenn Sie als Autor die richtige Stimme dafür gefunden haben. Falls Sie mal bald nach dem Beginn eines Romans nicht mehr weiterkommen und den Grund vergeblich suchen, probieren Sie es mit einer veränderten oder gleich ganz anderen Erzählerstimme. In vielen Fällen hilft das, und wenn nicht, gibt Ihnen selbst eine nur vorübergehende Änderung der Stimme neue Impulse und Ideen. Versprochen.
Die Stimme, so Literaturagentin Paula Balzer, ist die Persönlichkeit Ihres Textes.
Im Buch »Der Erzähler« haben wir gesehen, dass Erzähler und Autor nie identisch sind, nie identisch sein . Entsprechend ist die Erzählstimme nicht mit der Stimme des Autors identisch. Dass beide dennoch so oft für dasselbe gehalten werden, sorgt auf der einen Seite für Verwirrung und auf der anderen Seite für Geschichten und Romane, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Nur, wenn Sie sich der Unterschiede bewusst sind und diese kennen, können Sie sowohl Ihre Autorenstimme als auch die Ihrer Erzähler entwickeln, pflegen und gezielt einsetzen.
In Abgrenzung zum Stil gehört die Erzählstimme zum Erzähler, während der Stil zum Autor gehört.
Die Erzählstimme eines bestimmten personalen oder auktorialen Erzählers beschränkt sich auf einen Point-of-View-Charakter, auf einen Erzählstrang, auf einen Roman oder auf eine Romanreihe.
Eine kraftvolle Stimme, egal ob sie vom Autor, vom Erzähler oder von einer Romanfigur kommt, sorgt für Emotionen. Eine starke, eigenständige Stimme lässt keinen halbwegs sensiblen Leser kalt. Es sind diese Emotionen, mit denen Sie Ihre Leser an sich binden.
Stimmt, viele stimmlose Autoren haben dennoch ihre Fans. Weil sie etwas anderes richtig machen, beispielsweise verlässlich unterhaltsame Romane abliefern. Wobei sich mit einer effektiven Stimme auch die Unterhaltsamkeit steigern ließe ...
Sehen Sie die starke Stimme als zusätzliches Mittel zur Leserbindung. Das können Sie mit dem Erzähler einer Reihe erreichen oder mit einer Serienfigur in den Romanen selbst. Auch Ihre Autorenstimme, wenn sie ihren eigenen Sound mitbringt (wie beispielsweise die Stephen Kings, der in vielen seiner Bücher im Original einen Rock-’n’-Roll-Sound an den Tag legt), kann mithelfen, Leser in treue Leser zu verwandeln und diese in Fans.
Unterhaltsame Romane schreiben auch Ihre Kollegen. Aber niemand anderes bringt den Chor Ihrer Stimmen mit. Wäre es nicht eine Verschwendung, gerade dieses Einzigartige zu nutzen?
In die Stimme des Erzählers gehen folgende Aspekte ein, die wir uns einzeln und genauer ansehen:
• Haltung und Einstellungen
• Inhalt und Fokus
• Erzählton und Stimmung
• Erzählrhythmus und Erzähltempo
• Sprache und Stil
• Genre und Anspruch
• Die innere Stimme des Lesers
• Faktor X – Die Stimme des Autors (als Teil der Erzählerstimme)
Keiner dieser Aspekte lebt in einem Vakuum, jeder beeinflusst die anderen und wird von den anderen beeinflusst. Die isolierte Betrachtung wird Ihnen dennoch enorm weiterhelfen. Sehen – oder besser: – Sie selbst.




