Waldis | Hier. Dort. Fort | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Waldis Hier. Dort. Fort


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7559-8
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7559-8
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



HIER, da sind Mona und Rick, sie leben in ausgeleierter Ehe, aber schön eingerichtet in der Stadt. Als ihnen ein altes Haus auf dem Land zufällt, packt Mona die Gelegenheit. Immer öfter flüchtet sie sich in die »Rosmatt« – die anstehende Renovation und die ideale Inspiration für ihre Werbetexte vorschützend – und genießt ihre Freiheit. Nur taucht seltsamerweise der fluchende Maurer Felice nicht mehr auf. Mit seinem Verschwinden – weniger diskret, als ihr lieb ist – ist die Ruhe nun wieder dahin, und Mona macht sich auf, in einer ihr unbekannten italienischen Stadt nach Spuren zu suchen. DORT hilft ihr die alte Elena weiter, die sich nach einem bewegten Leben langsam aufmacht ins FORT. FORT, aber anders, will auch Effi, noch vier Wochen, dann ist sie vierzehn. Effi, die niemanden mehr hat und immer reimen muss, was irgendwie hilft. Im verhassten Internat sitzt sie über einer Strafarbeit – Schreibe deinen Lebenslauf! Fetzen der Erinnerung an ihren Vater und die italienische Großmutter tauchen auf – nur wie soll sie es wiederfinden, das Haus mit den drei hohen Fenstern, Drohgespenstern ?
In ihrem psychologisch fein beobachtenden Roman lässt Angelika Waldis vier Lebensläufe ineinanderfließen. Mit leisem Humor, Sprachbildern voller Phantasie und Witz erzählt sie von Freudentränen, einem alptraumhaften Roadtrip und unverhoffter Liebe. Kurz blitzt die Hoffnung auf, dass sich, ganz wunderbar, alles mit allem verbinden könnte.
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Autoren/Hrsg.


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1 Mona. Höfliche Liebe


Ich lobe das Gold unter meinen Augendeckeln. Das Schnurren eines Küchengeräts im Nachbarhaus. Den Geruch des alten Teebeutels. Amselmännchens Wiederholungen. Den sanft wachsenden Hunger. Mein innerliches Singen. Das Anrücken eines weiteren Tags. Die Stille von der Straße. Meine schlafenden schlechten Gewissen. Die Freude auf nichts Besonderes. Die Urlaubsgrüße meiner Hoffnungen. Die Möglichkeit eines Hausgespensts. Die Anfänge von Ricks Anrufen. Das Nachkosten eines Einfalls. Felices Mut, zu verschwinden. Meinen mir treu bleibenden Übermut. Die Innigkeit zwischen den beiden abgestreiften Socken. Die Erinnerung an Campari auf der Zunge. Die Gabe des Vergessens. Das ewige Licht der Tastaturmaus.

Mit einem großen Stein schlägt Mona den Vogel tot. Sie hatte ihn mit einem Lappen aufgehoben, durch den Lappen hindurch seinen zuckenden Flügel gespürt, ist zum Steinhaufen gerannt. Jetzt ist er still. Und Mona sieht, was er war: eine Meise, eine langweilige Kohlmeise. Die Katz hat sich verzogen. Wenn sie etwas fängt, frisst sie es nicht. Mona fährt mit dem Zeigefinger über den Vogelflügel. So etwas Feines gibt es selten zu streicheln.

Es war Rick, der die Katz ins Haus geholt hat, das war vor neun Jahren. Eines Abends ist er heimgekommen, die Katz im Arm, und hat sie in der Küche auf den Boden gesetzt. Da hast du was, hat er gesagt, sie streunt seit Tagen herum. Ich glaube, die will zu uns. Wie klein sie da noch war, die Katz. Mona schmolz gleich das Herz weg. Ja, und dann blieb die Katz, bekam Futter und nie einen Namen. Sie blieb, weil niemand sie suchte.

Bleiben, weil niemand einen sucht. Ist doch auch ein Grund.

Soll sie Rick vom Vogel und vom Stein erzählen? Früher hätte sie sich das nicht überlegt. Hätte einfach drauflosgeredet. Aber heute malt sie sich oft aus, wie er auf etwas reagieren wird. Gelassen oder gereizt. Sie wird nichts sagen. Sie will nicht hören, dass er etwas von Totschlagen sagt. Dass er später irgendwo sagt: Meine Frau schlägt Vögel tot.

Als sie kürzlich an einer Vernissage mit dem Galeristen redete, hörte sie mit dem linken Ohr, wie Rick jemandem die Geschichte vom Einbruch erzählte, wie sie die eingedrückte Balkontür entdeckt und dann registriert hatten, was alles gestohlen worden war. »Meine Frau zitterte vor Angst«, sagte Rick. Sie hatte nicht vor Angst gezittert, sondern vor Wut. Vor Wut, weil Rick es abgestritten hatte, die Balkontür nicht richtig geschlossen zu haben. Weil Rick nur ein Achselzucken dafür übrig hatte, dass das kleine Jade-Pferd von Monas Großmutter verschwunden war. Dass er sagte, seine teure Taschenlampe sei auch weg, die habe fünfundachtzig Euro gekostet in Konstanz. Dass er sagte, die teure Versicherungsprämie lohne sich jetzt endlich einmal. Keine Versicherung konnte das Pferdchen vergüten, Großmutter hatte es Mona als Glücksbringer geschenkt. Darum hatte sie gezittert. Vor Wut. Aber Rick verbiegt mit Leichtigkeit so manches. Wenn sie ihn darauf hinweist, gibt es Streit. Also schweigt sie.

Der Galerist redete auf sie ein. »Ich liebe die Fäulnis im reifen Werk«, sagte er. Ach, du Kotzbrocken, dachte Mona.

Vor einem halben Jahr haben sie beschlossen, das Haus in Maters renovieren zu lassen, es Schritt um Schritt wieder bewohnbar zu machen. Es hat Ricks Vater gehört, der hatte es von seiner Schwester Maria geerbt, hat es »die Hütte« genannt und nach Marias Tod nie betreten. Jetzt ist er auch tot. Und jetzt ist das Haus Monas Glück: Sie kann nach Maters abhauen, wann immer sie will.

Rick hat eingesehen, dass es wichtig ist, den Handwerkern auf die Finger zu schauen. Erst ist Mona nur für einen Tag hingefahren, und jetzt, seit das Wasser wieder läuft und der Strom funktioniert, bleibt sie länger. Sie schläft in der Stube auf einer Matratze, sie arbeitet am alten Stubentisch, macht Homeoffice, sie hat ja schon vorher von zu Hause aus gearbeitet. Eine Dusche gibt es noch nicht, aber Internet. Der mürrische Elektriker aus dem Dorf hat ihr dazu verholfen. An Zoom-Sitzungen wirkt die dunkle Holzwand hinter ihr wunderschön. Den verfaulten unteren Teil sieht man nicht. Wasserschaden, hat der Elektriker gesagt, die Wand muss raus. Mona lässt sich Zeit damit. Je länger die Renovierungsarbeiten dauern, desto besser. Bis sich im ersten Stock ein Schlafzimmer einrichten lässt, werden noch Monate vergehen. Ein neues Leben hat sich eingependelt. Maters ist für Montag, Dienstag, Mittwoch. Die restliche Woche ist für Rick. Und für die Katz.

Es schaut so aus, als ob Rick nichts dagegen hätte. Mona sorgt dafür, dass der Kühlschrank stets gut gefüllt ist mit Dingen, die er mag. Dass immer Pizzen und Lasagne zum schnellen Aufbacken da sind. Oft geht er abends zum Essen auch gar nicht nach Hause, sondern mit Kollegen in den Rebstock, in den Bierkönig oder in die Schottenbar. Da, sagt er, reden sie dann weiter über die geplante Umstrukturierung der Firma. Wenn er spät heimkommt und Mona schon zu Hause ist, heißt es meistens: Ach, diese Umstrukturierung. Mona fragt sich manchmal, ob er sich vielleicht mit einer Frau trifft, und sie fragt sich, ob ihr das was ausmacht, und weiß nicht, was sie sich antworten soll.

»Liebst du mich?« Das hat Rick schon lange nicht mehr gefragt. »Das weißt du doch«, sagt Mona. Liebt sie ihn? Ja, sie liebt ihn, liebt ihn wie eine Jahreszeit, mit Vorbehalten. Ich liebe den Frühling, außer diesen grellen Krokussen und den angebräunten Schneefetzen. Ich liebe den Sommer, außer der Schwüle und den halb nackten unschönen Menschen. Ich liebe den Herbst, außer dem Getue ums Buntlaub und dem Dauerfrösteln. Ich liebe den Winter, außer den dunklen Morgen und den kahlen Hecken.

Ja, sie liebt ihn.

Außer.

Sie braucht eine Stunde und circa acht Minuten nach Maters. Wenn sie die Stadt hinter sich hat und in die Autobahn einspurt, klickt sie im Radio auf den Romantiksender und fängt an mitzusingen. Laut singt sie und falsch. Oft bei offenem Fenster. In einem Tankstellenshop kauft sie ein, damit sie nicht zum Dorfladen muss. Sie fühlt sich noch ein bisschen zu fremd da, weiß nicht, was sie reden soll.

Ja, ja, das rosa Haus im Oberdorf, hellrosa.

Ja, ja, wir bauen ein bisschen um.

Ja, ja, Maria Herder war die Schwester meines Schwiegervaters.

Weil der Herd verrostet ist, hat sich Mona eine Doppelkochplatte angeschafft, darauf macht sie Wasser heiß fürs Haarewaschen, sie kocht sich Gemüsesuppe und Teigwaren und Rührei. Abends schenkt sie sich einen Gin oder Campari ein, zieht den Campingsessel entweder ans tiefe Stubenfenster oder hinaus auf den kleinen Vorplatz und denkt.

Was denkst du, will Rick manchmal wissen, wenn sie dasitzt, ohne was zu tun. »Nichts«, sagt sie dann, und das heißt: Es geht dich nichts an. Ich kann mir überlegen, ob ich mir das Weh in der linken Ferse nur einbilde, und ich kann mir überlegen, ob ich auf dem Sterbebett gern an Gott glauben würde. Ich will in meinem Kopf umherstreifen, ohne darüber Auskunft zu geben. Rick braucht mir dabei nicht Händchen zu halten. Ich denke an Büroklammern, überfahrene Katzen, Aprikosenschnaps, tanzende Derwische, Backofenreiniger, Transsexuelle und Palmölplantagen. Es geht Rick nichts an, und wenn es ihn irritiert, dass ich dasitze ohne sichtbaren Grund, ist er selber schuld. Auf einer Bahnreise darf man auch einfach dasitzen, ohne etwas zu sagen. Darf ohne Erlaubnis an nichts und alles denken wie die anderen Dasitzer. Würden deren Gedanken Geräusche machen, würde man sich beschweren. Können Sie bitte ein bisschen leiser denken, Sie Hirnarsch. Damit Rick nicht so oft fragt, was sie denkt, nimmt Mona zum Dasitzen etwas in die Hand, eine Nagelfeile, ein paar Haselnüsse, eine Rechnung. Und denkt dazu vielleicht an Alphörner, Nonnen und Erhängen.

Früher hat sie oft daran gedacht, wie es wäre, ein Kind zu haben. Hat sich die Katz zum Streicheln auf den Schoß geholt und sich gedacht, wie es wäre, sich ein Kind auf den Schoß zu holen. Sie wüsste gar nicht, wie man es anfasst, wie man es hochhebt. Ein Kind war nie ein Thema, entzündete Eileiter, verdorrte Hoffnung. Sie hat es Rick gleich zu Anfang gesagt, und Rick war’s recht, er hat schon einen Sohn, wenn auch weit weg in Chicago. Rick ist zufrieden so. Und Monas alte Traurigkeit kommt nur noch ganz selten hoch. Wenn sie da ist, spürt Rick nichts davon. Ein einziges Mal hat er sie gefragt, ob es sie stört, dass sie keine Kinder haben kann, und sie hat gesagt: »Nein, warum? Sollte es?« Später hat er an einem Wohltätigkeitsbasar einen Teddybären gekauft.

Der mürrische Elektriker hat einen Arbeiter geschickt, der soll in der Küche die Fliesen wegmachen: Felice. Er ist ein freundlicher Mann, ein langer Kerl, er flucht die ganze Zeit auf Italienisch, das klingt richtig schön. Porcamiseria. Porcamadonna. Porcavacca. Porcodio. Porcocane. Che porcheria. Che merda. So schimpft er die Wand und sein Werkzeug an. Rick hat nur zwei Wörter zum Schimpfen: Mannomann und Mistaberauch. »Mannomann, wo legst du nur immer die Schlüssel hin, Mistaberauch.« Wenn sie Scheiße sagt, zieht er die linke Augenbraue hoch. Das macht er auch, wenn sie niest und wenn sie einen Apfel laut anbeißt. Mona hat es vor dem Spiegel üben wollen, das einseitige Augenbrauenhochziehen. Es ist ihr nicht gelungen. Rick kann auch mit einzelnen Zehen wackeln, kann mit geschlossenen Augen schnurgerade rückwärtslaufen. Rick kann sich kontrollieren. Und andere auch. Mona kommt sich neben Rick oft alt vor und schlaff wie ein halb voller Sack. Sie ist ein Jahr jünger. Im September wird sie dreiundfünfzig. Sie kann keine Kinder mehr kriegen, auch wenn sie mal gekonnt...


Waldis, Angelika
Angelika Waldis, 1940 in Luzern geboren, hat einige Semester Anglistik und Germanistik an der Universität Zürich studiert. Der Titel ihrer ersten und letzten Seminararbeit: »Poetic diction in the eighteenth century«. Weil sie lieber über das Hier und Jetzt schreiben wollte, schlug sie eine journalistische Laufbahn ein. Zusammen mit ihrem Ehemann Otmar Bucher gründete sie die mehrfach ausgezeichnete Jugendzeitschrift Spick. Waldis schrieb für die Jugend und, wenn sie noch Zeit hatte, für die Schublade. Mit sechzig hörte sie mit der Zeitschrift auf – und schrieb endlich ihr erstes Buch. Ihre Romane und Kurzgeschichten für Erwachsene wurden mehrfach ausgezeichnet; Ich komme mit war 2019 das Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels und erhielt im selben Jahr den ZKB Schillerpreis. Angelika Waldis hat einen Sohn, eine Tochter und drei Enkelkinder. Sie lebt in der Nähe von Zürich.



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