E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Walbelder Wertschätzend miteinander umgehen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96157-980-8
Verlag: camino
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Prophylaxe für Paare
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-96157-980-8
Verlag: camino
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Vier-Parteien-Haus mit vier ganz unterschiedlichen Paaren und jedes hat seine größeren und kleineren Probleme. Zum Schluss ist klar: Vieles hätte man sich erspart, hätte man offen und wertschätzend miteinander kommuniziert. Aber wie geht das? Der junge Paarkommunikationsexperte David Walbelder spielt verschiedene Themen und Probleme durch und zeigt, wie man Missverständnissen vorbeugt: Prophylaxe eben.
Autoren/Hrsg.
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Treue
Wie man echte und konkrete Fragen stellt
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Echte Fragen, konkrete Situationen und beim Thema bleiben
Ich unterbreche hier mal kurz. Zwischen den beiden ist in den wenigen Sätzen schon eine Menge passiert. Es lohnt sich, das auseinander zu dröseln. Treue ist schließlich für die Meisten ein wichtiger Faktor in der Beziehung. Kerstin scheint dazu etwas bereden zu wollen und spricht das Thema an – eigentlich eine gute Idee. Das Problem ist die Art und Weise. Sie tut das nämlich durch die Blume und wird nicht konkret. Der Film dient ihr als Türöffner für das Thema. Dann bringt sie noch ihre Großeltern ins Spiel und zum Schluss den Wink mit dem Zaunpfahl: ihre Beobachtung, dass es Treue kaum noch gäbe. Damit liegt der Ball bei Stefan, der jetzt reagieren muss und Gedankenleser spielen darf: »Was soll das heißen? Was meint sie damit? Was erwartet sie?« Wenn Kerstin benannt hätte, dass sie bei dem Film auch an ihre Beziehung mit Stefan denken muss und erklärt hätte, warum, wäre das Gespräch sicher anders verlaufen.
Wenn zwei Menschen länger zusammen sind, erwarten sie gerne mal voneinander, dass der oder die andere schon weiß, wie etwas gemeint ist. Das ist für kleine romantische Gesten genau das Richtige: »Den Blick kenne ich, jetzt hilft nur noch Latte macchiato.« Auch Sex wäre eine ziemlich unromantische Angelegenheit, wenn die Partner sich nicht auf ihre Intuition verlassen könnten und alles im Detail durchsprechen müssten.
Aber wenn über ein so großes Thema wie Treue gesprochen werden soll, ist diese »Lies-es-mir-gefälligst-von-den-Augen-ab«-Haltung schwierig. Denn Stefan kann bestenfalls raten, wie der Kommentar gemeint ist. Ob Kerstin die Beziehung der beiden meint oder die Gesellschaft im Allgemeinen, ob sie jetzt diskutieren will oder nicht. Klar, so ein Thema wie Treue ist auch sehr grundsätzlich und sehr allgemein. Gerade deshalb ist es wichtig, erstmal klarzustellen: »Worüber reden wir hier eigentlich?« Gerade weil es so allgemein ist, hat bei diesem Thema jeder für sich eine genaue Vorstellung davon, was dazugehört und hält sie für selbstverständlich.
Wie soll man da also »konkret« sein? Soll Kerstin etwa sagen: »Ich will ganz konkret, dass du mir treu bist«? Naja, so ähnlich. Irgendetwas steckt ja hinter der Aussage: »Das gibt es ja heutzutage kaum noch.« Spätestens, wenn Stefan nachfragt, könnte sie beispielsweise erklären, was Treue mit Stefans Wochenendplänen zu tun hat. Zum Beispiel: »Als du letzten Freitag mit deinen Leuten loswolltest, da hatte ich den Eindruck, dass du so richtig Bock auf den Abend hattest. Du warst da so voller Energie. Und als wir dann am Samstagabend etwas machen wollten, hatte ich den Eindruck, dass du ziemlich durchgehangen hast. Ich hatte das Gefühl, dass du lieber mit deinen Leuten abhängst. Und dann habe ich mich erinnert, wie du der Sonja so zugezwinkert hast.« Stefan wüsste jetzt, um welche Situation es genau geht und welches Verhalten Kerstin meint. Denn auch, wenn er häufiger mit seinen Leuten loszieht und Sonja vielleicht eine sehr gute Freundin ist: Wer genau weiß, um welche Situation es geht, kann sich die einfach wieder ins Gedächtnis rufen. Dann kann er viel besser nachvollziehen, was da wie passiert ist und warum er sich wie verhalten hat.
Stefan hat offenbar eine Idee, die gar nicht so schlecht ist: Wenn ich etwas nicht einordnen kann, frage ich nach. Ganz klar. Macht er dann auch: »Was soll das denn heißen, ›gibt es heutzutage kaum noch‹? Wir beide sind doch zum Beispiel schon seit sechs Jahren zusammen.« Netter Versuch, aber das ist keine echte Frage – erst recht nicht in dem Tonfall. Bei echten Fragen bin ich nämlich wirklich auf die Antwort gespannt, denn ich will ja etwas erfahren oder besser verstehen. In diesem Fall: Was Kerstin mit ihrem Kommentar eigentlich meint. Stefans Frage bekundet aber kein Interesse. Ganz im Gegenteil, sie enthält schon eine Unterstellung und wirkt dadurch eher wie ein Vorwurf: »Du liegst falsch!« Solche Fragen signalisieren Kerstin nicht: »Ich bin ehrlich interessiert daran, was du meinst und wie du das meinst.« Sie behaupten: »Ich weiß schon ganz genau, wie du das meinst und es ist Blödsinn.« Auf solche Fragen antwortet keiner gerne. Es gibt relativ einfache Fragen, die da besser funktionieren. Zum Beispiel ein offen ausgesprochenes »Was meinst du damit?«. Das hat auch den Vorteil, dass man echte Zusatzinformationen gewinnt, mit denen dann plötzlich Sinn ergibt, was vorher noch unverständlich war.
Stefan schiebt außerdem noch eine Vermutung rüber: Bei Treue, so seine Meinung, denkt Kerstin vor allem an Menschen, die lange zusammenbleiben. Im weiteren Verlauf des Gesprächs deutet sich aber an, dass Kerstin eigentlich einen anderen Aspekt von Treue meint: füreinander da sein, Zeit zu zweit verbringen. Dass Stefan mit seiner Vermutung daneben liegt, ist übrigens kein Wunder: Wer einfach mal drauf losrät und die Gedanken des anderen lesen will, trifft bestenfalls zufällig, auch wenn man sich nahesteht. Leider springt Kerstin direkt darauf an mit ihrem Kommentar: »Sechs Jahre sind ja voll die Ewigkeit.« Sie selbst . Denn ihr geht es ja eigentlich gar nicht um die Länge der Beziehung. Das ist ein weiteres Problem von unechten Fragen: Wenn damit direkt ein Vorwurf oder eine Unterstellung kommuniziert wird, fühlen sich die meisten genötigt, zu reagieren und ihn richtigzustellen. Dadurch verlieren sie dann den Faden und innerhalb von wenigen Minuten kommt man von Hölzchen...




