E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Wagner Wie das Leben gelingen kann
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-7839-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Überlegungen zur Vergangenheit und Gegenwart
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7839-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Werner Wagner, geb. 1931, Studium der Philosophie und Theologie als Dominikaner auf der Hochschule in Walberberg bei Bonn von 1952 bis 1960. Abschluss: Lektoratsdissertation "Offenbarungstat Gottes und Glauben des Menschen nach Karl Barth". Anschließend intensives Privatstudium ev. Theologie und vor allem der Werke des Religionsphilosophen Paul Tillich. Bedingt durch dessen Einfluss und die Situation nach dem Zweiten Vatikanum erfolgte 1966 der Übertritt in die ev. Kirche. Zwischenzeitlich Studium der Geschichte mit Abschlussexamen in Freiburg im Breisgau. Nachträglich Examen in Philosophie an der Universität Stuttgart. Von 1968 bis 1995 Lehrer der ev. Theologie, Geschichte und Philosophie im gymnasialen Schuldienst.
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Die “natürliche” Welt als Heimat des Menschen
In unseren Tagen ist oft von Heimat die Rede. Sogar ein Ministerium beschäftigt sich damit. Ohne auf die geäußerten Meinungen, was Heimat ist, einzugehen, möchte ich all den möglichen Vorstellungen entgegenhalten, die eigentliche Heimat des Menschen ist vom Ursprung her gesehen, eigentlich die Natur. Und was für uns eigentlich etwas ist, wird dann bedeutsam, wenn wir es nicht mehr haben und und es uns unbedingt besorgen müssen.
Wenn Menschen Erholung brauchen, wenn Rekonvaleszenz angeordnet wird, wenn wir wegen Erschöpfung ausspannen sollen, dann gehen wir gewöhnlich nicht in den städtischen Trubel, etwa auf den Stachus. Jeder erfahrene Arzt wird uns davon abraten. Ein Heilmittel ist dann die Natur. Wenn wir entspannen wollen, dann gehen wir spazieren über Berge und Täler, in Wälder, Wiesen, Felder und Flure. Die Stille des städtischen Friedhofs ist nur ein Ersatz. Auf dem Gemäuer einer Burgruine kann man stundenlang sitzen, in das Auf und Ab der Berge und Täler schauen, den Gedanken freien Lauf lassen, und am Ende ist man von dem Vielen-Sehen nicht beschwert. Ganz anders ist das Erlebnis in den Straßen der Stadt mit den vielen verschiedenen Eindrücken. Diese können uns im Gegensatz zur Naturerfahrung verwirren und das Gemüt belasten.
Der Westerwald, die Höhen des Schwarzwaldes oder das felsenreiche Bergland der Pfalz sind begehrte Erholungsziele. Sie stehen stellvertretend auch für andere Gegenden, wo man erleben kann, was Natur heißt. Dort lebt man nicht einfach in der Natur, man erlebt sie. Dieses Naturerlebnis vermittelt ein bleibendes Heimatgefühl, auch wenn diese Natur nicht unsere ursprüngliche Heimat ist, und zwar deshalb, weil es bleibend unser Erleben bestimmt.
Eine Erfahrung, die das Gemüt ausgeglichen und standhaft machen kann.
Dennoch ist der Begriff Heimat gerade bei aller Vielfalt der Bedingungen (Migration, Integration, Isolation, Urbanisierung etc.) nach meinem Verständnis von uns heute vornehmlich soziologisch-kulturell zu gebrauchen. Der Bezug zur Natur, der wie die Grundlage der Kultur ist, kann in der Kindheit wie auch später erlebt werden; viele, die nicht mehr in der angestammten Heimat leben, fühlen sich in der neuen recht wohl. Deshalb sage ich im Hinblick auf die Mobilität moderner Gesellschaften, ist Heimat heute vor allem ein kultureller Begriff, der aber die Naturerfahrung späterer Jahre erfahrungsgemäß einschließt. An dieser Begriffsbestimmung ist nach meinem Verständnis, da er durch Erfahrungen belegt ist, nichts auszusetzen.
Man kann sich auch in zwei Kulturen wohlfühlen. Das war schon immer so. Ich sage nur, die Kultur kann oder soll ergänzt werden, entweder kulturell durch die Erfahrung einer anderen oder durch ein Erfahren von Natur. Zusammengefasst: Natur ist die Basis, Kultur die Gestaltung. Beide sind bleibend und aufeinander bezogen. Sie stehen zueinander in einem permanent dialektischen Verhältnis.
Da Heimat die “Annäherung an ein schwieriges Gefühl” ist, wie DER SPIEGEL Wissen 6/2016 auf dem Deckblatt schreibt, soll neben dem kulturellen Bezug, besonders der zur Natur, der heute, wie es scheint, in anderen Bezügen allgemein neu entdeckt wird und immer mehr in seiner Bedeutsamkeit auch gesehen werden muss, in Ansätzen dargelegt werden.
Heimat, Lebensgefühl, Geborgenheit, Dazugehörigkeitsbewusstsein sind primär natürliche Daseinserfahrungen.
Damit keine Missverständnisse oder Unklarheiten entstehen, sei gleich betont. Dieser Naturbezug hat nichts mit der naturnahen Heimatbestimmung der nationalsozialistischen Volkstumsideologie zu tun, höchstens mit dem Bereich eines ursprünglich naturnahen, individuellen wie gemeinschaftlichen Lebens.
Und das beginnt in der Kindheit, wobei besonders abgehoben wird auf die Sprache, dann auf die Gewohnheiten bei Tisch und beim Zu-Bett-Gehen, wenn nach dem Gebet und dem Gute-Nachtwunsch noch unbedingt erzählt werden muss, was der Nachbarjunge oder das Nachbarmädchen heute Nachmittag angestellt hat. All das betrifft das kindlich Soziale, was gemütsprägend ist.
Was ich noch besonders hervorheben möchte, ist das heimatlich Naturelle und Kulturelle. Der Einfluss, wo vom Morgen bis zum Mittag und dann vom Nachmittag bis zum Abend innerhalb der Straßen gemeinsames Geschehen erlebt wird; wie am Fichtensaum des Waldes, in der Nähe der drei Buchen am Abend die Rehe an den Wiesenrand kommen, um zu grasen; das alles hat man beobachtend gemeinsam erlebt. Die Gegend und das Mit-und Zwischenmenschliche beeindrucken unbewusst, sie können als bleibender Eindruck unbewusst im Gedächtnis bewahrt werden und als Alterserinnerung wieder auftauchen.
Die Natur als Garten mit Rasen und Hof, der Kinderspielplatz mit Bäumen und Wiesen und in der Ferne mit Waldwegen, die Äcker mit Getreide, Kartoffeln und Rüben, all das scheint nur einen blassen Schimmer zu hinterlassen, scheinbar. Es ist der Hintergrund unseres Erlebens. Dann kommt das eigentlich Menschliche. Dass es das Zwischenmenschliche oder anders gesagt das Soziale ist, was uns wegen seiner beeindruckenden Bedeutsamkeit vor allem interessiert, muss nicht besonders hervorgehoben werden
Unser vom Natürlichen bestimmter Heimatbegriff benötigt eine Ergänzung; und diese sollte auch in der Erziehung eine Zielvorstellung sein. Gemeint ist das soziale Umfeld in der Breite der Möglichkeiten. Dazu gehört zunächst die Offenheit für Menschen, Tiere und Sachen und ein Blick für die Gegend.
Das der Erziehung und der Einführung ins natürliche Leben Entsprechende, könnte auch damit beginnen, Kindern auf Spaziergängen allerlei, was man so sieht, Pflanzen, Blumen, Gräser, Büsche und Bäume zu benennen und zu erklären; auch von Menschen, denen man begegnet, etwas Nettes zu sagen. Das weckt Aufmerksamkeit und kann ein erster Schritt sein, das Leben positiv zu sehen oder wenigstens offen zu sein. Es wird allerdings schwierig, wenn Mama und Papa selbst keinen offenen, neugierigen Blick für Zufälliges haben oder sich selbst in der Natur nicht richtig auskennen und nicht wissen, Gerste von Hafer und Roggen vom Weizen und die verschiedenen Bäume zu unterscheiden. Und von Menschen kann man einfach etwas Lustiges zum Lachen sagen.
Das alles ist eine lockere Einführung ins heimatliche Leben.
Zu der Natur als Heimaterlebnis gehört neben der Gegend mit der Flora auch die Fauna, aber diese ist gegenwärtig für uns, ganz prosaisch ausgedrückt, der Fleischproduzent. Die Ausnahme ist vielleicht nur noch im Zoo oder im unzugänglichen Urwald anzutreffen. Der Bestand an Tieren wird allgemein in Tonnen und Kilo angegeben. Das passt gut in unsere Zeit, in der alles in Maßeinheiten angegeben wird. So ist auch die Wissenschaft der Neuzeit und Moderne bestimmt durch die Mathematik, die alles zahlenmäßig, d.h. quantitativ, angibt. Die Natur in Flora und Fauna ist aber von ihrem Ursprung her eine qualitative Vorstellung. Denn so wird die Natur als Form unseres Lebens zunächst erlebt. Für dieses Zusammenleben, das sich jenseits jeglicher Isolation vollzieht, ist der Begriff Heimat angemessen.
Dass die Isolation von Mensch und Tier heute heute völlig neu bedacht werden sollte, darauf weist uns der Einsatz von Therapiehunden in der Psychotherapie und Altenbetreuung hin. Wie Kinder sich Tieren im Zoo oder in einem freien Gehege nähern, ist nicht nur rührend. Es muss auch nachdenklich machen.
Wir sind hier am Anfang, die Isolation von Mensch und Natur als Problem zu erkennen. Und da es um das Gelingen des Lebens geht, sollte hier neben dem Sozial-Kulturellen auch das ursprünglich animalisch Natürliche zur Geltung kommen.
Wer die geschilderte Breite der Naturerfahrung als überzogen ansieht, hat sicher ein anderes Problembewusstsein. Es stehen sich hier zwei Deutungen von Natur-und Heimaterfahrung mit ihren Konsequenzen gegenüber. Ich meine, die geschilderte und gemeinte Erfahrung sollte breit sein, damit sie für junge Menschen wie ein festes und sicheres Sprungbrett für die typisch menschlichen Aktivitäten fungieren kann.
Die bisher beschriebene Naturerfahrung war vom Menschen her gesehen mehr eine hinnehmende. Die Offenheit für das sich in der Natur Zeigende bestimmt hier das Dasein und kann so das Leben auf der Basis des Naturgegebenen nach Möglichkeit gelingen lassen. Das weitere Gelingen des Lebens hängt ab von der Eigenaktivität des Menschen.
Das Leben als zu bedenkende Aufgabe
Das gelingende Leben mehr in der offenen Erwartungshaltung des Beschenktwerdens zu sehen, ist der eine Aspekt des Lebens. Der andere Aspekt ist der Rückbezug auf die Vergangenheit, an der nichts mehr zu ändern ist. Man kann aus einem Rückbezug nur entsprechende Folgerungen ziehen. Eine weitere Sicht ist die auf den Lebensraum, der zur Eigeninitiative und zur Selbstgestaltung herausfordert. Das ist die individuelle und soziale Welt des Menschen, in der er zeigt, was er jetzt alles kann, und wozu er darüber hinaus noch fähig ist. Als Beweis für die zu treffenden Feststellungen dienen Beispiele menschlicher Tätigkeiten, die sehr zahlreich sind und den verschiedensten Lebensbereichen angehören, und...




