E-Book, Deutsch, 112 Seiten
Wagner Gottesglaube
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-7835-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7835-0
Verlag: BoD - Books on Demand
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Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Werner Wagner, geb. 1931, Studium der Philosophie und Theologie als Dominikaner auf der Hochschule in Walberberg bei Bonn von 1952 bis 1960. Abschluss: Lektoratsdissertation "Offenbarungstat Gottes und Glauben des Menschen nach Karl Barth". Anschließend intensives Privatstudium ev. Theologie und vor allem der Werke des Religionsphilosophen Paul Tillich. Bedingt durch dessen Einfluss und die Situation nach dem Zweiten Vatikanum erfolgte 1966 der Übertritt in die ev. Kirche. Zwischenzeitlich Studium der Geschichte mit Abschlussexamen in Freiburg im Breisgau. Nachträglich Examen in Philosophie an der Universität Stuttgart. Von 1968 bis 1995 Lehrer der ev. Theologie, Geschichte und Philosophie im gymnasialen Schuldienst.
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Die frühchristliche Epoche und der Einfluss der griechischen Philosophie
In den biblischen Schriften ist der biblische Gott (Monotheismus) in der Nachbarschaft der Götter (Polytheismus) die dominierende Größe. In den Religionen der Griechen und Römer herrscht innerhalb ihrer Länder mit ihren jeweiligen Einflussgebieten der Polytheismus. Aber die philosophisch Gebildeten sind monotheistisch ausgerichtet. Für die Belange des Alltags sind beim einfachen Volk göttliche Mächte oder Götter zuständig, nach biblischem Glauben, nicht so sehr in der Frühzeit, mehr in der Spätzeit, ist es in Israel allein Gott. Die Auseinandersetzung der biblischen Religion mit der damaligen kulturellen Umgebung und besonders den Gottesvorstellungen geschieht auf der Ebene der philosophischen Schulen sowie der Religionsgemeinschaften. Athen, Jerusalem und Rom sind wie Symbole der Zentren damaliger Kulturen. Die in den politischen Schriften enthaltenen Gegebenheiten dieser Zeit sind ein Interessensgebiet für sich. Uns geht es um die Kultur, die den Zeitraum von Beginn des vierten Jahrhunderts vor bis zum Ausgang des fünften nach Christus umfasst. Spätere Historiker haben sie Hellenismus genannt, da das Hellenentum (Hellenen ein anderes Wort für Griechen) vorherrschend war. Es entstand eine Zeit sogenannter Kulturverschmelzungen. Es ist eine Zeit der Krisen, der Übergänge, der Anpassungen und Neuausrichtungen. Eine Zeit, die gekennzeichnet war von einem Nicht-Mehr und Noch-Nicht. Eine interessante Zeit. Trotz aller grundlegenden Unterschiede zu heute ist diese Epoche nach meinem Verständnis mit unserer Epoche kulturell vergleichbar. Damals ging es zentral um das Gottesverständnis, worum es auch heute geht, wenn auch mehr im Hintergrund.
Alexandria in Ägypten war in der Zeit der religiösphilosophischen Auseinandersetzungen ein kulturelles Zentrum mit einem beachtlichen jüdischen Bevölkerungsanteil. Aus ihm ging Philon (13 v. Chr.-45/50 n. Chr.), ein hochgebildeter jüdischer Autor und Philosoph hervor.
Die Bibel des AT, der er als Jude verständlicher Weise den Vorrang vor anderen Schriften einräumte, und die griechische Philosophie, vor allem Plato, glaubte er miteinander in Einklang bringen zu können. Er meinte sogar, die Philosophie sei in den biblischen Schriften enthalten. Das ist zwar abwegig, führte aber zu für die Zukunft bleibenden Einsichten, denn etwas anderes ging in die Geschichte der Bibelauslegung ein. Er versuchte, literarische Bilder sowie mythische und überhaupt fremd anmutende Erzählungen, mittels einer Methode, die man Allegorie nennt, zu interpretieren. Allegorie (griechisch allegorein etwas anders sagen) heißt: Eine Erzählung als Verbildlichung eines Begriffs deuten. So meinte er, den Gott der Bibel, von dem in erzählerischer Form berichtet wird, mit philosophischen Begriffen wie Sein und entsprechenden Ableitungen darstellen zu können. Von gewissen menschlichen Zügen musste er gemäß der Hermeneutik (hermeneuein - auslegen) in der Gotteserklärung abstrahieren. Philon hat sehr grundsätzlich gedacht. Deshalb gilt nach ihm die Transzendenz (das das Erfahrbare Übersteigende) Gottes nicht nur gegenüber der Welt und allem Weltlichen, auch gegenüber den Ideen, selbst der Idee des Guten. Nach Plato eine äußerst extreme Transzendenz. Philon sagt, Gott ist das unpersönlich wahrhaft Seiende, das gleichzeitig aber auch als persönliches Wesen zu sehen ist. Das berührt die Grenzen der Gotteserkenntnis. Man möchte hier von einer erkennenden Unerkennbarkeit sprechen. Diese Unerkennbarkeit wird besonders deutlich, wenn Philon Jahwe zu Mose sagen lässt: “Das Verständnis meines Wesens ist aber nicht nur den Menschen sondern auch dem ganzen Himmel und dem Weltall versagt.“
Wenn Gott nicht erkannt werden kann, dann soll man wenigstens sein Abbild, den allerheiligsten Logos erfassen. Im damaligen Denken ist Logos (das Wort) das Schöpfungswort und damit Grund der Erkenntnis und Wahrheit. In 1 Mose 1,3 heißt es: Und Gott sprach, es werde … und es ward … Da Gott durch das Wort spricht, ist es Schöpfung und Offenbarung und damit Mittler zwischen Gott und den Menschen. So ist eine geistige Verbindung geschaffen. Durch die Ideen als geistige Kräfte, die das Vorbild der materiellen Welt sind, wurde die Welt, in der die Sterblichen leben, geschaffen. Zwischen Gott, der absolut transzendent (jenseitig) ist, und den Sterblichen vermittelt somit der Logos. Schöpfung als Möglichkeit der Gotteserkenntnis ist ein Gedanke, der auch noch heute zu durchdenken ist statt zu spekulieren, wie was geworden ist.
Nach Philon verfügt der Vater des Alls, der der wahrhaft Seiende ist, über eine doppelte Kraft, eine Schöpferkraft, weshalb er Vater heißt und eine herrscherliche, weshalb er der Herr ist. Daher kann Gott als Einheit, aber auch als Dreiheit, als Vater, Schöpferkraft und Herrschaft gesehen werden. Dieser Dreiheit ist die Einheit übergeordnet. Für die Theologie des Mittelalters galt Philon als Vorbereitung des christlichen Glaubens, da bei ihm so etwas wie eine Trinität angedeutet wird. Das ist aber sehr fraglich, da Philon Zeit seines Lebens bewusst das Judentum vertreten hat. Ausgangs-und Mittelpunkt sowie Basis seines Denkens waren die jüdischen Schriften. Aber ein anderes philosophisch-theologisches Problem wird durch ihn geschichtswirksam. Er vertrat die Auffassung: Wohl kann man von Gott sagen, dass er ist, aber nicht, was er ist. Trotz aller späteren nicht allzu intelligenten Gegenaussagen begleitet diese Einsicht dennoch die ganze weitere Denk-Geschichte. Diese Einsicht, die man später theologia negativa nannte, sollten wir bei der weiteren Erörterung unseres Themas berücksichtigen.
In der Zeit des Hellenismus geschieht eine tiefgreifende und die weiteren Jahrhunderte bestimmende Auseinandersetzung zwischen biblischem Denken und griechischer Philosophie. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die platonischen Schulen, die sich zu systematischen und rational begründeten „Aussagen über Gott“ fähig sahen. Wie Philon waren es zunächst jüdische Denker, wie die der alexandrinischen Schule, die biblische Texte und Vorstellungen von Gott besser verstehen wollten.
Für die Platoniker waren alle Aussagen über Gott ihn nicht treffend, denn er ist die absolut transzendente Über-Gottheit, die als reine Einheit für sich selbst alle menschlichen Bestimmungen abweist. Plato (427-347) hatte gesagt, Gott ist die Einheit, Unveränderlichkeit, Gutheit und Vollkommenheit. Er hat aber auch gesagt, die Idee der Gutheit ist unerklärbar. Er verglich sie mit dem Bild der Sonne, die alles erhellt. Wie man in sie nicht hineinschauen kann, so auch nicht in die Idee des Guten. Aber alles von ihr Beschienene ist erkennbar. Hier weiter gedacht, ist, was die Welt bestimmt, die absolute Güte. Diese Idee ist auch das besonders zu Liebende (proton philon). So in Kurzfassung die platonische Philosophie in Bezug zur Gottesfrage. Aus diesem Transzendenzverständnis gefolgert dürfte eine Einstellung zum Leben, neuzeitlich verstanden, positiv sein.
Ein weiterer Zeitzeuge ist Origines (185-253/4) Er steht ebenfalls ganz in der Linie Platos, wenn er behauptete, dem Wissen kommt eine größere Bedeutung zu als dem Glauben. Der platonischen Sichtweise entsprechend ist besonders hervorzuheben die Identifikation Gottes mit dem Einen, das jenseits aller Vielheit zu sehen ist und ihm deshalb kein Prädikat (Satzaussage) zugedacht werden kann. Zum Verständnis: Jeder Satz hat ein Subjekt und ein Prädikat. Ein Gott zugeordnetes Prädikat entfällt, weil Gott als Subjekt mehr noch als fraglich ist, was platonischem Denken entspricht, über Gott keine Wesensaussagen zu machen.
Aber der Logos im Johannesprolog (Jh. 1,1ff) enthält Vielheit, was einer Erklärung bedarf. Während Gott an nichts teilhat, hat der Logos an Gott teil. Wohl transzendiert Gott als Vater den Sohn, der Logos genannt wird. Da der Logos geschichtlich gesehen wird, hat er zunächst in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur seinen Platz. Anders als dort ist der Logos bei Johannes von göttlichem Wesen und offenbart den Vater. Er ist der sich als Sohn Gottes zusagende Gott. Nach Joh. 1,14 ist er zwar Mensch geworden, aber trotzdem Gott geblieben. Gott hat sich nur geoffenbart im Wort. So wurde im Wort die Ewigkeit Gottes Zeit und Geschichte. Das Wort ist somit Gott, der sich geschichtlich den Menschen im Sohn zusagt, so geschieht die Wahrheit, und so ist die eigentliche Wahrheit des Glaubens entweder Gott oder was von Gott kommt. Weiter: Wenn Gott der oder das Höchste ist, dem kein anderes Wesen überlegen sein kann, dann muss er auch existieren. Das sind typisch griechische Denkvorstellungen, die dem heutigen Denken fremd sind.
Griechisch weitergedacht kann man sagen: Wenn das so ist, d.h. wahr, dann gibt es auch Wahrheit für uns, sonst nicht. Die Wahrheit wird allerdings noch etwas anders begründet, nämlich gleichsam subjektiv. Der Gedankengang ist: Da es Wahrheit gibt, wenigstens in der Selbsterkenntnis, gibt es etwas, das dem menschlichen Geist überlegen ist. Diese Wahrheit muss seinen Grund letztendlich in Gott haben. Dann ist folglich Gott das, über das hinaus Größeres nicht...




