E-Book, Deutsch, Band 8, 96 Seiten
Reihe: Die Ewigen
Wagner DIE EWIGEN. Vom Schicksal der Zeit
Originalausgabe 2018
ISBN: 978-3-86282-589-9
Verlag: acabus Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Folge 8
E-Book, Deutsch, Band 8, 96 Seiten
Reihe: Die Ewigen
ISBN: 978-3-86282-589-9
Verlag: acabus Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Chriz Wagner, Jahrgang 1972, versinkt gerne in Büchern über unheimliche Gegebenheiten an fantastischen Orten. Vielleicht fing er aus diesem Grund mit 33 Jahren an, selbst solche Texte zu verfassen. In ruhigen Momenten zeichnet er Bleistiftskizzen. Und gelegentlich spielt er ein Stück auf seiner verstaubten Gitarre. Er lebt mit seiner Ehefrau und zwei bezaubernden Töchtern in einem Vorort von München, wo er bereits an dem nächsten mystischen Roman arbeitet. In der Tat begann der Autor erst sehr spät mit dem Schreiben. Seine Jugendzeit verbrachte er überwiegend im eigenen, kleinen Tonstudio und produzierte Eigenkompositionen. 1999 huschten die ersten Gedanken von selbst geschriebenen Geschichten durch seinen Kopf, die sich aber ebenso schnell wieder verzogen. 2006 startete er schließlich aktiv, sein Wissen über das fiktionale Schreiben aufzubauen, und arbeitete parallel dazu an Übungsromanen und Kurzgeschichten. Chriz Wagner arbeitet hauptberuflich als Softwareentwickler in München.
Autoren/Hrsg.
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Vom Schicksal der Zeit I Augsburg, Deutsches Kaiserreich im Jahr 1753 Tick, tack, tick, tack. Die Eiseskälte saß mir in den Knochen. Ich vergrub meinen Nacken im Kragen der dicken Lammfelljacke. Und der Duft von verbranntem Buchenholz stieg in meine Nase. Solange das Feuer noch nicht vollständig brannte, roch es herrlich nach Rauchwurst. Das Uhrwerk mit seinen Rädchen, Schräubchen und Federn lag vor mir und wartete darauf, von mir zusammengesetzt zu werden. An einem Tag wie diesem, wenn sich der Schnee kniehoch an den Werkstattwänden türmte, schaffte ich oft nur wenige Teile. Da konnte es schon mal Wochen - Monate - dauern, bis jedes Bauteil an seinem angestammten Platz saß. Tick, tack, tick, tack. Ich startete einen neuen Versuch. Ich hielt die Luft an und konzentrierte mich auf das messingfarbene Wunderwerk. Die kleine Maschine versetzte mich in ein Hochgefühl. Ich wusste, es würde ein Gefühl vollendeter Befriedigung durch meinen Körper ziehen, sowie sie zum ersten Mal tickte. Wenn die Unruh zappelte, das Zeigerwerk arbeitete, die Zahnräder ineinandergriffen, die Achsen sich drehten und der Zeiger über das Ziffernblatt fuhr, dann würde das mechanische Herz dieser Uhr im stetigen Rhythmus des Federantriebs schlagen - wie ein neues Leben. Meine Augen leisteten hervorragende Arbeit. Sie verliehen mir die Fähigkeit jede Kerbe, jede Anspitzung und jede Ungenauigkeit gestochen scharf zu sehen. Aber meine Finger waren zu kalt, zu unbeweglich, um das winzige Rädchen mit der Pinzette passgenau auf die Achse zu heben. Heute würde das nichts werden, soviel war klar. Frustriert legte ich alles beiseite und seufzte. 'Lass dich nicht unterkriegen', brummte Konrad, der mit dem Rücken zu mir saß. Auch seine Werkbank war so hoch, dass das Werkstück nur wenige Finger breit vor seiner Nase lag. An der Wand zu seiner Linken hingen Sägen, Hämmer, mickrige Schraubwerkzeuge und Feilen an ins Holz geschlagenen Nägeln. Blechscheiben, Zahnräder, Federn und Schrauben türmten sich auf dem Regal neben dem Christuskreuz. Tick, tack, tick, tack. Die große Pendeluhr über seinem Kopf wies mir stets mit erhobenem Zeigefinger die Richtung. So hatte jedes Uhrwerk früher oder später zu arbeiten - tick, tack, tick, tack. Konrad Meisner war der Inhaber des Ladens. Es war nun schon ein paar Jahre her, dass er mich angestellt hatte. 'Weil deine Finger so geschickt sind', hatte er gesagt, nachdem ich aus einem Häufchen mit Messingteilen in Windeseile eine passende Feder hervorgekramt hatte. Damals reparierten wir Holzräderuhren, setzten Pendeluhren instand und kümmerten uns um klassische Dosenuhren, wenn sie nicht mehr ordnungsgemäß liefen. Aber was die Uhrmacherei Meisner ausmachte waren Konrads bezaubernde Entwürfe liebevoll ausgearbeiteter Taschenuhren. Sie brachten viele Kunden in den Laden. Und mit ihnen kam das Geld. Konrad hatte bereits vor Jahren das Potential der Meisterstücke mit Sprungdeckel und seitlicher Aufzugskrone erkannt, da schraubten die meisten Augsburger Uhrmacher noch immer Dosenuhren zusammen. Und während er jedes Einzelstück kunstvoll ausarbeitete, mit einer Gravur auf der Kehrseite und handbemaltem Ziffernblatt versah, entstanden massenhaft tickende Dosen, die nicht mehr an den Mann gebracht werden konnten. Ja. Lass dich nicht unterkriegen, sagte ich mir, dachte dabei aber an Konrad. Er arbeitete emsig wie eh und je, obwohl die Auftragslage seit einer Weile miserabel geworden war. Die Zeiten hatten sich geändert. Heute war unser Werkzeug rostig und kaputt. Die Konkurrenz hatte den neuen Trend erfasst und war aufgesprungen. Taschenuhren gab es jetzt überall. Und die Lage der Uhrmacherei Meisner, auf dem namenlosen Weg hinter der Rückseite der Becken-Gasse mit Augsburgs Stadtmauer im Nacken, war schlecht.




