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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Wagner Abenteuer der Moderne

Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-608-12296-1
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Adorno, Gehlen und der lange Schatten des Nationalsozialismus
Freigeist trifft auf Demokratieverächter – Thomas Wagner enthüllt die so spannende wie eigenwillige Beziehung zwischen dem linken Philosophen Theodor W. Adorno und seinem rechten Widerpart Arnold Gehlen. Mit großer Erzählkunst nimmt er uns mit auf die aufregende Reise in eine sich mitten im Kalten Krieg rasant modernisierende Gesellschaft. Dabei gibt er überraschende und verstörende Einblicke in die Intellektuellengeschichte der jungen Bundesrepublik. 
Frühjahr 1958: Theodor W. Adorno bezichtigt seinen Kollegen Arnold Gehlen mit einem vernichtenden Gutachten des faschistischen Denkens – und verhindert dessen Berufung nach Heidelberg. Wenige Jahre später schreiben sie sich Briefe, treffen sich privat und führen eine Reihe von Rundfunkgesprächen – wieso? Vor dem Hintergrund von Wiederbewaffnung und deutscher Teilung schildert Thomas Wagner die Geschichte dieser außergewöhnlichen Begegnung. Er zeigt, wie sich die Soziologie als neue Leitwissenschaft etabliert und welchen Anteil ehemalige Nationalsozialisten dabei haben. Sein Erzählbogen reicht von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die Hauptstadt der DDR. Mit illustren Figuren wie Arendt, Benn, Brecht, Augstein, Plessner und Harich entsteht ein plastisches Bild von der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik. Die Wurzeln der aufgeheizten Debatten unserer Gegenwart erscheinen dadurch in einem überraschend neuen Licht.
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1. Prolog. Blick durch den Eisernen Vorhang
Vor dem Tonbandgerät
Berlin, Hauptstadt der DDR, irgendwann im Frühjahr oder in den ersten Sommermonaten des Jahres 1965. Zwei Männer sitzen vor einem Tonbandgerät. Der eine, Wolfgang Harich, ist ein an der Akademie der Wissenschaften beschäftigter Verlagslektor von Anfang vierzig Jahren. Der andere, Manfred Wekwerth, acht Jahre jünger, arbeitet als Chefregisseur am Berliner Ensemble, dem Theater, das von dem neun Jahre zuvor verstorbenen Dichter Bertolt Brecht am Schiffbauerdamm gegründet worden war. Harich befindet sich nach einer langen Haftstraße erst seit ein paar Monaten wieder auf freiem Fuß. Der überzeugte Kommunist hatte in den 50er Jahren als Kopf einer konspirativen Gruppe einen waghalsigen Plan zur Überwindung der deutschen Teilung entwickelt. Da die Regierung Ulbricht dem im Wege stand, wollte er sie stürzen. Er und seine Mitverschwörer flogen schon bald auf und Harich wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt, die ihn in die berüchtigte Vollzugsanstalt Bautzen brachte. Vier Jahre war es nun her, dass der Bau der Mauer den Riss zwischen Ost und West besiegelt hatte, doch am geistigen Leben, das auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs geführt wurde, war man in der DDR nach wie vor interessiert. Auch am nun von Brechts Witwe Helene Weigel geleiteten Theater am Schiffbauerdamm. Die am 3. Februar 1965 vom Südwestfunk ausgestrahlte und am 21. März 1965 im NDR wiederholte Sendung zum Thema »Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen?« stieß hier jedenfalls auf so viel Interesse, dass Wekwerth sie aufzeichnen ließ. Der Grund dafür dürfte allerdings weniger das Thema als die namhaften Kontrahenten gewesen sein, die zum Streitgespräch in ein Rundfunkstudio geladen worden waren: Theodor W. Adorno, ein wortgewandter linker Intellektueller von Gewicht, traf auf Arnold Gehlen, einen der profiliertesten Köpfe des Rechtskonservatismus. Von der in dieser Konstellation liegenden Spannung war zunächst nicht viel zu spüren. Denn die Diskutanten waren sich, wie Gehlen an einer Stelle bemerkte, »in tiefen Prämissen einig«.[1] Der Mensch in der modernen Welt, darauf liefen ihre jeweiligen Zeitdiagnosen fast deckungsgleich hinaus, hatte Institutionen geschaffen, die ihm gegenüber eine Gewalt ausübten, auf deren Eigendynamik er kaum noch gestaltenden oder gar steuernden Einfluss auszuüben in der Lage war. In einer Hinsicht unterschieden sie sich allerdings deutlich. Während Adorno den Zustand dieser »verwalteten Welt« – die von dem Soziologen Max Weber ein halbes Jahrhundert zuvor als »Gehäuse der Hörigkeit« beschrieben worden war – bei aller offen zutage liegenden Ohnmacht der Akteure gleichwohl auf ihre Veränderbarkeit hin kritisch befragen wollte, hielt Gehlen derlei Bemühungen für chancenlos und zudem für brandgefährlich.[2] Und zwar deshalb, weil er die Institutionen, in die sich die Menschen verstrickt hatten, als überlebensnotwendig ansah. Sie entlasteten das nicht durch Instinkte festgestellte Tier, als das er den Menschen sah, gaben ihm den nötigen Halt und schützten es vor den Aggressionen seiner Artgenossen wie vor der Unbeständigkeit seiner eigenen Natur. Erst dadurch waren in seinen Augen die Voraussetzungen geschaffen, um das im Vergleich zur Tierwelt ungeheure kreative Potenzial, das dem Menschen innewohnte, in sozial verträgliche und für den Fortbestand der Gattung förderliche Bahnen zu lenken. Der Gesichtspunkt der Sicherheit
Anders als Adorno sah er in der Entfremdung des Menschen durch die und von der von ihm geschaffenen künstlichen Welt nicht in erster Linie ein Übel, sondern die Bedingung der Möglichkeit für wirkliche Freiheit. Statt das Vertrauen der Menschen in die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohnehin schwer beschädigten Institutionen durch grundsätzliche Kritik weiter zu erschüttern, käme es nun vielmehr darauf an, das, was an ihnen noch intakt war, zu konservieren.[3] Er sei geneigt, sagte Gehlen zum Ende der knapp einstündigen Sendung, »dem Gesichtspunkt der Sicherheit eine große Rolle einzuräumen.«[4] Nun nahm die Diskussion noch einmal merklich an Fahrt auf. Adorno erkannte in Gehlens Haltung – nicht ohne Verständnis für diese Gemütslage – »den Untergrund einer tiefen Verzweiflung«, die sein Gegenüber dazu verleite, »sich theoretisch mit eben der Macht zu identifizieren, die Sie selber, wie wir alle, fürchten«.[5] Er selbst wollte stattdessen dabei helfen, die Menschen von den Zwängen, die sie nicht durchschauten, zu befreien: »Ich will ja gar nichts anderes, als dass die Welt so eingerichtet wird, dass die Menschen nicht ihre überflüssigen Anhängsel sind, sondern – in Gottes Namen – dass die Dinge um der Menschen willen da sind und nicht die Menschen um der Dinge willen, die sie noch dazu selbst gemacht haben.«[6] Gut gebrüllt Löwe, könnte man sagen, doch Gehlen war durch dieses Bekenntnis nicht zu beeindrucken. »Glauben Sie wirklich«, hub er an, »dass man die Belastung mit Grundsatzproblematik, mit Reflexionsaufwand, mit tief nachwirkenden Lebensirrtümern, die wir durchgemacht haben, weil wir versucht haben uns freizuschwimmen, dass man die allen Menschen zumuten sollte?« Adorno nahm den Fehdehandschuh auf: Darauf kann ich nur ganz einfach sagen: Ja! Ich habe eine Vorstellung von objektivem Glück und objektiver Verzweiflung, und ich würde sagen, dass die Menschen so lange, wie man sie entlastet und ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbstbestimmung zumutet, dass so lange auch ihr Wohlbefinden und ihr Glück in dieser Welt ein Schein ist. Und ein Schein, der eines Tages platzen wird. Und wenn er platzt, wird das entsetzliche Folgen haben. Darauf Gehlen: Da sind wir nun genau an dem Punkt, wo Sie ›ja‹ und ich ›nein‹ sage, oder umgekehrt, wo ich sagen würde, alles, was man vom Menschen seit je bis heute weiß und formulieren kann, würde dahin weisen, dass Ihr Standpunkt ein anthropologisch-utopischer, wenn auch großzügiger, ja großartiger Standpunkt ist …[7] Doch sei dieser eben zugleich auch gefährlich, da Adorno die Neigung habe, »den Menschen mit dem bisschen unzufrieden zu machen, was ihm aus dem ganzen katastrophalen Zustand noch in den Händen geblieben ist.«[8] Er selbst, richtete sich Gehlen mit einem Stoßseufzer an sein Gegenüber, suche in der Wirklichkeit eigentlich nur eins: »eine honorige Sache, der man dienen kann.«[9] Marxistisches Liebeswerben
Wer war als Sieger aus dem Disput hervorgegangen? Wer hatte die überzeugenderen Argumente, die nachvollziehbarere Haltung, das größere rhetorische Geschick? Für die beiden Zuhörer aus der DDR war die Sache klar. Beide waren sie überzeugte Marxisten. Der eine fühlte sich der Idee des engagierten, des politisch eingreifenden Epischen Theaters verbunden. Der andere hatte sich in der Haftzeit dazu entschieden, den ersten Versuch, auf deutschem Boden den Sozialismus aufzubauen, fortan gegen alle Anfechtungen zu verteidigen. In den letzten Kriegsmonaten war er in den Untergrund gegangen und hatte sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe angeschlossen. Seit dieser Zeit verstand er sich als ein mindestens ebenso überzeugter Antifaschist wie der aus dem amerikanischen Exil in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zurückgekehrte Adorno. Was nun das Streitgespräch betraf, waren beide, sowohl Wekwerth als auch Harich, jedoch nicht auf dessen Seite, sondern auf der seines Widersachers, mit dem Harich über die Zonengrenze und erhebliche weltanschauliche Differenzen hinweg seit Ende der 40er Jahre ein freundschaftlicher Briefkontakt verband. Zum ersten Mal auf den Namen »Gehlen« gestoßen war er vermutlich schon 1941/42. Damals schwänzte der philosophisch interessierte Gymnasiast die Schule, um Veranstaltungen von Nicolai Hartmann an der Berliner Universität zu besuchen.[10] Seine eigene intensive Beschäftigung mit der Philosophischen Anthropologie begann im Zuge seiner 1951 abgeschlossenen Doktorarbeit über Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits »seit einem Jahr Lektor im Aufbau-Verlag, zuständig für Philosophie und Klassikerausgaben«.[11] Durch seine Arbeit pflegte er Kontakt zu weltläufigen Intellektuellen wie Ernst Bloch und Georg Lukács, die auf unterschiedliche Weise der Sache der Arbeiterbewegung und des revolutionären Marxismus verbunden waren.[12] Gehlen stand für das genaue Gegenteil. Er war an nichts mehr interessiert als am Erhalt der bürgerlichen Staatsordnung. Im Faschismus hatte er zu den Todfeinden Harichs und seiner Genossen gehört. Das wusste der junge Kommunist. Doch war er davon überzeugt, dass ein Mann von solch’ überragendem Intellekt wie Gehlen am Ende die Überlegenheit des marxistischen Denkansatzes einsehen müsste. Er hoffte, den Klassenfeind zum wissenschaftlich begründeten Sozialismus bekehren zu können....


Wagner, Thomas
Thomas Wagner, geboren 1967 in Rheinberg, ist Kultursoziologe. Als freier Autor schrieb er unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, der Freitag, Junge Welt und das ND. Zuletzt veröffentlichte er die Sachbücher 'Der Dichter und der Neonazi' (2021) und 'Fahnenflucht in die Freiheit' (2022).

Thomas Wagner, geboren 1967 in Rheinberg, ist Kultursoziologe. Als freier Autor schrieb er unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, der Freitag, Junge Welt und das ND. Zuletzt veröffentlichte er die Sachbücher 'Der Dichter und der Neonazi' (2021) und 'Fahnenflucht in die Freiheit' (2022).


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