Wagendorp | Ventoux | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Wagendorp Ventoux

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18218-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-18218-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Fragen, die wichtig sind. Antworten, die sich gewaschen haben. Und alles vor der Kulisse des Mont Ventoux.

Bart ist Journalist, liebt Radrennen und ist fast fünfzig, als seine Jugendfreunde André, Joost und David unerwartet wieder in seinem Leben auftauchen. Und mit ihnen der Sommer des Jahres 1982. Ein Sommer, in dem sie alle in die schöne Laura verliebt waren, ein Sommer der großen Gefühle – und eines tödlichen Unglücks auf dem Mont Ventoux. Die Freunde waren achtzehn, als sie zu fünft die legendäre Etappe der Tour de France hinauffuhren – und zu viert zurückkehrten. Als auf einen Schlag ihre Träume zerplatzten. Und Laura, die mit ihnen in der Provence war, spurlos verschwand. Dreißig Jahre später, im Sommer 2010, will Laura die vier Männer am Ventoux wiedertreffen. Sie will darüber sprechen, was damals wirklich geschah. Und die Freunde folgen ihrer Einladung: die Rennräder auf dem Autodach, ihren Krempel im Anhänger und jede Menge Fragen auf dem Rücksitz …

Bert Wagendorp, Jahrgang 1956, ist als Kolumnist für die niederländische Zeitung De Volkskrant und eine flämische Tageszeitung tätig. Zwischen 1989 und 1994 berichtete er unter anderem von der Tour de France. Zudem hat er das literarische Radrennmagazin De Muur mitbegründet. Sein Roman »Ventoux« war der große Überraschungsbestseller der letzten Jahre in den Niederlanden und wurde dort erfolgreich verfilmt. Die Arbeiten an der Verfilmung von »Ferrara« haben bereits begonnen.
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I

Mein Name ist Bart Hoffman. Eigentlich heiße ich Johannes Albertus Hoffman – Hoffman wie Dustin, mit Doppel-f und einem n. Ich wurde vor bald fünfzig Jahren in Zutphen im Achterhoek geboren, einem Städtchen an einem großen Fluss. Mein Vater war dort Rektor einer protestantischen Grundschule.

Ich bin Gerichtsreporter bei einer überregionalen Zeitung – in meiner Generation landeten noch viele Studienabbrecher bei der Presse. Ein Bekannter, der auch Niederländisch studierte, schrieb damals hin und wieder Artikel für die Kunstseite der Volkskrant. Von ihm hörte ich, dass die Sportredaktion jemanden fürs Abtippen von Ergebnissen an den Sonntagabenden suchte. Bei knapper Besetzung durfte ich sogar manchmal über ein unbedeutendes Fußballspiel berichten. Das Schreiben fiel mir leicht. Als die Stelle eines Sportreporters frei wurde, bewarb ich mich und wurde eingestellt.

Mein Studium brach ich ohne Bedauern ab. Die Leute dort lagen mir nicht. Das Gelaber über die Werke von Reve und Lucebert ging mir auf die Nerven, auch Chomskys generativer Transformationsgrammatik konnte ich nichts abgewinnen. Ich war der Einzige meines Studienjahrgangs, der Voetbal International las. Dass ich mühelos die ersten fünf Minuten von Herman Kuiphofs Livebericht vom WM-Finale 1974 vortragen konnte, ein fantastisches Stück Zufallspoesie, machte auf meine Mitstudenten keinen Eindruck. Ich hatte schon lange, bevor das in Mode kam, eine sehr gute Cruijff-Imitation auf Lager, aber die erkannten sie nicht einmal.

Als nach zwei Jahren der Radsportjournalist der Zeitung in Ruhestand ging, konnte ich seine Sparte mit übernehmen. Im Frühling reiste ich dem Radzirkus nach und berichtete zuerst über Paris–Nizza oder Tirreno–Adriatico, anschließend über die Frühjahrsklassiker. Und im Sommer über die Tour de France.

Tagsüber ein bisschen dem Peloton hinterherfahren, dann ein paar Teilnehmer interviewen, einen Bericht tippen und abends mit Kollegen in einem guten Restaurant über das Rennen und das Leben philosophieren – ich konnte mir nichts Besseres vorstellen, und es tat mir immer leid, wenn im Herbst nach der Straßenweltmeisterschaft, nach Paris–Tours und der Lombardei-Rundfahrt, wieder für fünf Monate Schluss war.

Ich war vierundzwanzig, als ich mit einer Frau zusammenzog, in der Woche, nachdem die Niederlande die Fußballeuropameisterschaft gewonnen hatten. Hinke war hübsch, sie hatte die helle Haut und die graublauen, herausfordernd blickenden Augen des Nordens. Mühelos konnte sie ihre langen Beine in den Nacken legen, da sie von klein auf Gymnastik gemacht hatte. Ich war verliebt und fand sie liebenswert. Das war, bevor ich das Unliebenswerte in ihr geweckt hatte.

Am vierten Geburtstag unserer Tochter Anna, im Jahr 1995, stellte sie mich vor die Wahl. Ich konnte mich zwischen dem Vatersein und der Nomadenexistenz des Radsportjournalisten entscheiden. In dem einen Fall wollte sie Teil meines Lebens bleiben, im anderen daraus verschwinden und unsere Tochter mitnehmen. Ich entschied mich dafür, ein richtiger Vater zu werden.

Ich ging zu unserem Chefredakteur und erklärte ihm die Situation. Einen Monat vorher war der Gerichtsreporter an einem Herzinfarkt gestorben. Der Chefredakteur fragte, ob ich etwas von Kriminalität und Justiz verstünde.

»Ich bin Radsportjournalist, und ich habe Schuld und Sühne gelesen«, antwortete ich eher zum Scherz.

»Okay, dann bist du der, den wir brauchen. Meinen Glückwunsch.«

Als ich vierzig wurde, gab ich das Rauchen auf, holte mein altes Batavus-Rennrad aus dem Schuppen und brachte es wieder in Schuss. Eine meiner besseren Entscheidungen, wage ich zu behaupten. Beim Radfahren kam mir allmählich die Erkenntnis, dass man jederzeit die Wahl zwischen rechts und links hat. Dass man immer dieselbe Strecke fahren, aber auch eine andere ausprobieren kann. Dass sich zwar manches einfach so ergibt, vieles aber von einem selbst abhängt. Es vergingen übrigens noch fünf Jahre, bevor wir uns scheiden ließen. Anna war dann achtzehn, und es gab keinen Grund mehr, noch länger zusammenzubleiben.

Seit ich wieder allein bin, habe ich eine großzügige Wohnung im Zentrum von Alkmaar. Ich bin in diese Stadt gezogen, weil ich Amsterdam zu groß und die Amsterdamer zu laut und viel zu selbstgefällig fand, und jetzt fühle ich mich sehr wohl hier. Die Zimmer sind ziemlich leer, aber das stört mich nicht. Alles, was ich brauche, ist da, und ich habe gern viel Platz.

Ich kenne jeden fahrradtauglichen Meter Straße und Weg zwischen Den Helder und Purmerend. Auf dem Fahrrad hat man das Gefühl, dass die Zeit stillsteht, oder dass sie zumindest keine Bedrohung ist. Das Fahrrad ist ein Wundermittel gegen Verzweiflung.

Anna hat sich ein Bianchi gekauft, sie ist gut erzogen. Kein deutsches Rennrad aus dem Internet, keins von den neuen amerikanischen, die jetzt in Mode kommen, sondern ein klassisches italienisches. Sie weiß, wer Coppi und Bartali waren, und der Giro ist ihr lieber als die Tour.

»Tolle Farbe«, sagte ich, als sie vorbeikam, um mir das Rad zu zeigen. »Ein schönes Meergrün.«

»Celeste heißt das.«

Ich hatte gar nicht gewusst, dass es das gibt. Dafür muss man eine Radsportlerin sein.

»La Dama Bianca«, sagte ich.

»Giulia Occhini.«

»Der Arzt?«

»Locatelli. Enrico.«

»In?«

»Varano Borghi.«

»Am …«

»Lago di Comabbio.«

»Nie gehört.«

»Gab’s vorher auch nicht, es sind die Tränen von Dottore Locatelli, vermischt mit dem Schweiß von Fausto Coppi.«

»Und dem Pflaumensaft von Giulia Occhini.«

Sie prustete los. »Bart! Doch nicht vor dem Kind!«

Ein Zitat ihrer Mutter. Sofort hatte ich unser Zelt auf dem italienischen Campingplatz vor Augen, das schäbige Frühstückstischchen, Annas verschwörerisches Lächeln.

»Leidenschaft oder Verrat?«

»Leidenschaft. Wenn sie nicht mit Fausto weggegangen wäre, das wäre Verrat gewesen.«

»Sehr gut.«

»Bart! Du setzt dem Kind unmoralische Ansichten in den Kopf! Natürlich war es Verrat.«

Das war einer unserer Standarddialoge geworden. Anna und ich hatten ein knappes Dutzend davon und kannten beide unseren Text genau. Dieser war etwas ganz Spezielles. Als Anna zehn war, sind wir während unseres Italienurlaubs einmal nach Varano Borghi nicht weit vom Lago Maggiore gefahren, in das Dorf, aus dem Giulia stammte. Ich hatte kurz vorher ein Theaterstück mit dem Titel Fausto und Giulia gesehen und wollte wissen, ob in Varano Borghi irgendetwas zu finden wäre, das an die berühmteste Liebesgeschichte des Radsports erinnerte.

Es gab nichts. Als ich einen Passanten nach dem Haus von Dottore Locatelli fragte, zuckte er nur mit den Schultern.

Es war Ende Februar, man sprach noch von der Elfstedentocht, aber Anna war schon ein paar Touren gefahren. Sie zeigte auf ihren Fahrradcomputer: 195 Kilometer. »An vier Tagen. Nicht schlecht, oder? Und allein, das muss man auch berücksichtigen. Im Schnitt 26,1.« Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag. Ich freute mich. Gemeinsam Rad fahren, das ist Freundschaft, Liebe, Verbundenheit.

Wir fuhren nach Westen. Bei Egmond ging es in die Dünen. Sonnenstrahlen sogen die Kälte aus dem Boden. »Ein bisschen langsamer, Papa«, rief Anna. »Ich kann noch nicht die volle Leistung abrufen.«

Sie sprach wie ein Radprofi am Ende des Winters. Ich ließ mich neben sie zurückfallen und schob sie an. »Du trittst zu große Übersetzungen! Alle Frauen treten zu große Übersetzungen. Das liegt daran, dass sie sich meistens auf diesen blöden Omarädern abquälen. Locker treten, runterschalten.« Sie tat, was ich sagte. Ich legte beide Hände auf den Lenker und für einen Augenblick auf das Glück.

In einem Ausflugslokal in Bakkum brachte ein hübscher junger Mann unseren Kaffee. Anna hatte die Jacke ausgezogen, er betrachtete ihr Trikot.

»Steht dir gut«, sagte er.

»Danke«, erwiderte sie und schenkte ihm ein himmlisches Lächeln.

»Die Radhose übrigens auch.« Mit einer achtlosen Handbewegung schickte sie ihn weg.

Ich trank einen Schluck Kaffee und schaute sie an. »Es passieren seltsame Dinge, Anna«, sagte ich.

»Sehr seltsame«, antwortete sie. »In Amerika hat sich ein Panther in einem Vorort in ein Haus geschlichen und ist auf dem Sofa eingeschlafen. Hab ich heute Morgen gelesen, im …«

»Mit mir. In meinem Leben.«

»Ach so. Was denn?«

»Tja, zuerst sehe ich meinen alten Freund André im Gerichtssaal wieder.«

»Ist er Richter?«

»Nein.«

»Anwalt?«

»Nein, er ist ein Krimineller.«

»Meine Güte. Und er ist dein Freund? Ist er verurteilt worden?«

»Nein, freigesprochen, aus Mangel an Beweisen.«

»Na, ein Glück. Für ihn, meine ich. Und was für seltsame Dinge noch?«

»Kurz danach lese ich, dass mein Freund Joost für den Spinoza-Preis nominiert worden ist.«

»Was macht er?«

»Er ist ein genialer Physiker. Schreibt jedenfalls die Zeitung.«

»Aha. Den Preis kannte ich nicht.«

»So was wie ein niederländischer Nobelpreis, könnte man sagen.«

»Lustig, was du für Freunde hast. Und dieser andere, wie heißt der noch …«

»David. Mit dem Reisebüro. Der zählt nicht mit in diesem Zusammenhang, weil ich ihn regelmäßig sehe und er mich jede Woche zweimal anruft.«

»Und was ist jetzt so seltsam?«

»Dass alles wiederkommt.«

Sie blickte...


Wagendorp, Bert
Bert Wagendorp, Jahrgang 1956, ist als Kolumnist für die niederländische Zeitung De Volkskrant und eine flämische Tageszeitung tätig. Zwischen 1989 und 1994 berichtete er unter anderem von der Tour de France. Zudem hat er das literarische Radrennmagazin De Muur mitbegründet. Sein Roman »Ventoux« war der große Überraschungsbestseller der letzten Jahre in den Niederlanden und wurde dort erfolgreich verfilmt. Die Arbeiten an der Verfilmung von »Ferrara« haben bereits begonnen.

Ecke, Andreas
Andreas Ecke studierte Germanistik, Niederlandistik und Musikwissenschaft. Er übersetzt Literatur aus dem Niederländischen u.a. von Gerbrand Bakker, Ernest van der Kwast, Anne-Gine Goemans und Cees Nooteboom. 2016 erhielt er den Europäischen Übersetzerpreis.



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