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E-Book

E-Book, Deutsch, 576 Seiten

Vorndran Isarnon

Stadt über dem Fluss
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96041-074-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Stadt über dem Fluss

E-Book, Deutsch, 576 Seiten

ISBN: 978-3-96041-074-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Im Jahre 45 v. Chr., zwei Jahrtausende vorunserer Zeit. Vom Chiemsee bis an die Rhön sind die Völker in Bewegung. Die germanischen Hermunduren sind kurz davor, die keltische Stadt Melkabos einzunehmen. Auch der junge keltische Schmied Mavo will an den Germanen Vergeltung üben. Ihr Fürst Sokulast hat seine Geliebte Noreya geraubt. Wird er sie je wiedersehen? An Samhain, der Nacht der wandelnden Ahnen, lernt Mavo, dass nichts auf der Welt unmöglich ist, denn plötzlich taucht ein seltsamer Fremder auf, der behauptet, aus einer anderen Zeit zu stammen ...Ein Roman über das Leben und den Tod, über die Kultur und den Niedergang der Kelten. Spannend, mystisch, humorvoll.

Helmut Vorndran, geboren 1961 in Bad Neustadt/Saale, lebt mehrere Leben: als Kabarettist, Unternehmer und Buchautor. Als überzeugter Franke hat er seinen Lebensmittelpunkt ins oberfränkische Bamberger Land verlegt und arbeitet als freier Autor unter anderem für Antenne Bayern und das Bayerische Fernsehen.
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Prolog

Mein Name ist Professor Dr.Alexander Konrad. Ich finde mich bestenfalls etwas stur, andere halten mich jedoch für verrückt. Als Leiter der Grabung war ich für alles, aber auch wirklich alles verantwortlich. Konzeption, wissenschaftliche Betreuung und Beschaffung der Gelder. Nun gut, vielleicht muss man ein Stück weit geistesgestört sein, um sich einen solchen Irrsinn aufzuerlegen. Ohne ein Mindestmaß an Beharrlichkeit und Sendungsbewusstsein, ohne ein Quäntchen Wahnsinn im Blut wäre manch historisch bedeutende Stätte, wie etwa die ägyptischen Königsgräber oder Troja, aber niemals entdeckt worden. So etwas vollbringen nur professionelle Irre, die es geschafft haben, für ihre durchgeknallten Thesen einen potenten Geldgeber zu finden. Menschen oder Institutionen mit erklecklichem finanziellen Background, die sich von Personen wie mir, Archäologen mit derlei Visionen, angezogen fühlen. Wahrscheinlich weil sie selbst im Oberstübchen nicht immer ganz rundlaufen und von daher eine gewisse Sympathie für Menschen entwickeln, die ihren schrägen Lebensplan auch noch offen und selbstbewusst zur Schau tragen.

Ich hatte mir genau diesen Ruf hart erarbeitet. Ich hatte so lange gebohrt, gedrängt, gebettelt, gelogen und mit einigen Leuten die Nächte durchgesoffen, bis ich bekam, was ich wollte, nämlich diese eine Ausgrabung. Die Versprechen, die ich deswegen irgendwann einmal wem auch immer gegeben hatte, waren mir schon gar nicht mehr alle im Gedächtnis. Sie waren mir auch fast egal, ich hatte über die Jahre allein mein Ziel vor Augen. Schließlich erreichte ich es. Das Geld war da. Die Grabungsgenehmigung wurde erteilt, nachdem die obere und untere Naturschutzbehörde und vor allem das allmächtige Denkmalamt mir endlich grünes Licht gegeben hatten. So konnten wir ab Anfang August unsere Grabung abstecken, das große Zelt als Wetterschutz darüber aufbauen und wenige Tage später mit dem Abtrag der ersten Bodenschicht beginnen. Neben dem Wetterschutzzelt gab es noch ein zweites, welches wir als provisorisches Auswertungszentrum für eventuelle Funde nutzten. Auf schlichten Bierbänken und -tischen wurde alles untersucht, was von archäologischem Interesse sein konnte, was der durchgesiebte Boden des Hochplateaus hergegeben hatte.

Es war der Beginn der Sommerferien in Bayern, was zur Folge hatte, dass sich in schöner Regelmäßigkeit Touristen aus allen Landesteilen um das Absperrband der Grabung scharten und uns neugierige Fragen stellten. Darum ließ ich schleunigst ein Schild anfertigen, auf dem die wichtigsten Daten unseres Unterfangens standen inklusive eines fetten Hinweises »Bitte nicht stören!« und gemeinerweise derartig viel lateinischem Vokabular und Fachbegriffen, dass sich nach dem Lesen des komplizierten Textes und der strengen Ansage nur noch die wenigsten Bergbesucher eine Frage zu stellen trauten. Es war nicht meine erste Ausgrabung, ich wusste, wie man Abstand herstellte.

Natürlich löcherten mich Kollegen, Studenten und Gott und die Welt mit der Frage, warum wir genau hier, an dieser Stelle gruben und nicht irgendwo anders. Es gab haufenweise andere Flecken auf dem Staffelberg, die aus wissenschaftlicher Sicht vielversprechender waren. Also warum zum Teufel wollte ich unbedingt genau an dieser Stelle graben? Als Antwort bekam der verzweifelte Fragesteller immer die gleiche Antwort von mir zu hören: »Weil ich es so will.« Das Basta sprach ich als renommierter Keltologe nie aus, aber es schwang jedes Mal deutlich mit.

Drei Monate waren vergangen, ohne dass wir aus dem kalkigen Boden sonderlich interessante oder gar außergewöhnliche Fundstücke zutage gefördert hätten. Dann, eines Nachmittags, rief mich Tim Behrendt, mein eifrigster Student, zu einem Fund, mit dem er nicht wirklich zurechtkam. Der blonde Hüne aus Erlangen zeigte auf einen flachen Brocken am Boden der Grabung, aus dem an einer Seite etwas herausragte. Ein metallenes Etwas, weniger als einen Zentimeter dick. Als ich in die etwa einen Meter tiefe Grube gestiegen war und den verdreckten Klumpen in die Hand nahm, nein, ihn eigentlich aus dem Erdreich herausriss, bemerkte der verblüffte Student, dass sein Grabungsleiter Mühe hatte, die Fassung zu bewahren. Ich musste mich, nachdem ich wieder aus dem Loch hinausgeklettert war, auf einem der Biertische abstützen. Die Glieder drohten den Dienst zu versagen, und meine Stimme zitterte, als ich zu ihm sagte: »Sehr gut, Tim, ganz ausgezeichnet. Wir machen dann Schluss für heute. Es ist schlechtes Wetter angekündigt, und schließlich haben wir ja schon Ende Oktober. Ihr geht jetzt alle schön nach Hause und macht euch eine warme Stube, ja?« Aufmunternd klopfte ich ihm auf die Schulter.

Tim hätte schon gern gewusst, warum ich so merkwürdig auf den Fund reagierte, das sah ich ihm an. Schließlich hatte er da etwas ganz Besonderes gefunden, das schien offensichtlich. Doch es hatte ein freundliches und gleichzeitig sehr bestimmtes Basta in der Antwort seines Grabungsleiters gelegen.

Es fiel mir nicht leicht, so schroff zu sein, aber alles in mir war in Aufruhr. Ich hatte große Mühe, meine Gefühle nicht laut in die Welt hinauszuschreien, doch ich riss mich zusammen. Und Tim gab sich zufrieden. Na gut, vielleicht gibt es ja morgen eine Auflösung des Rätsels, dachte er wohl und ließ es dabei bewenden. Er warf noch einen letzten neugierigen Blick auf seinen Fund in meiner Hand, dann zog er den Reißverschluss seiner Goretex-Jacke bis unter das Kinn.

Das mit dem Wetter stimmte ja auch, von Osten zogen schon die ersten Regenwolken heran. Bald schon würde es dunkel werden; im Tal war in Richtung Fränkische Schweiz bereits der erste Nebel am Boden auszumachen. Der Winter stand in den Startlöchern. Tim nickte mir noch einmal kurz zu, dann wandte er sich um und gesellte sich zu den anderen beiden Studenten, um ihnen die freudige Nachricht mitzuteilen. Ein Abend in einer warmen fränkischen Wirtschaft mit Bier und diversen deftigen Speisen lockte, da brauchte er das ungewohnt frühe Arbeitsende nicht lange zu begründen.

Innerhalb einer halben Stunde war sämtliches Instrumentarium sicher verstaut und die Studentenschaft auf dem Weg nach unten. Fast zeitgleich schloss der Wirt drüben in der Staffelbergklause nach seinem vorerst letzten Arbeitstag für einen Monat seine Tür zu, denn er würde nun wie jedes Jahr einige Wochen Urlaub machen. Wer im November unbedingt hier hinaufwollte, musste seine Kulinarien selbst mitbringen, was aber nur die wenigsten taten. Heute, bei dem angekündigten Sauwetter, sowieso nicht.

Es dauerte gar nicht lange, dann war niemand mehr da, und es wurde sehr still auf dem Hochplateau des Staffelberges, zweihundertneunzig Meter über dem Maintal.

Ich stand reglos am Rande der tiefen Grube, die meine jungen Archäologen gegraben hatten. Äußerlich wirkte ich sicher völlig ruhig, doch in meinem Inneren brodelte seit wenigen Minuten ein Vulkan. Entgegen allen Einwänden, entgegen all den spöttischen Blicken und abfälligen Bemerkungen hatte ich als Grabungsort für meine Studenten genau die richtige Stelle festgelegt. Keiner von ihnen hatte wirklich daran geglaubt, tiefer als zehn bis zwanzig Zentimeter graben zu können. Spätestens dann würde man am Fels des Plateaus kratzen. Aber in den letzten zwölf Wochen waren sie voller Verwunderung statt nach wenigen Zentimetern auf den erwarteten harten Werkkalk des Staffelberges auf weichen, durchmischten Boden gestoßen. Allerlei kleinere Gerätschaften aus Eisen und gebranntem Ton hatten sie zutage gefördert. Nichts, was unerwartet gewesen wäre, nichts, was man nicht schon von anderen Oppida her gekannt hätte. Trotzdem waren sie voller Bewunderung für ihren Professor. Woher hatte er gewusst, dass sich genau hier ein solches Loch im Boden befand?

Inzwischen waren sie in fast einem Meter Tiefe angelangt. Trotzdem war ich immer ungeduldiger, immer unzufriedener geworden. Ich hatte auf etwas gewartet, was meine Studenten aber nicht fanden, mein persönliches Troja, mein Königsgrab, meine Pyramide. Oft war ich nach Grabungsende selbst in die Grube gestiegen und hatte im Boden gekratzt, leider ebenso vergeblich. Doch nun, nach fast genau drei Monaten, hielt ich jetzt endlich jenes Artefakt in meinen Händen, das zu finden ich mehr gehofft als geglaubt hatte.

Die letzten Sonnenstrahlen krochen rot über die Kalkklippen des Staffelberges, und ich hob den lehmigen Brocken nach oben in das Abendlicht, um mit zitternden Fingern den Kern des Objektes weiter freizulegen. Mit dem Daumen schob ich vorsichtig etwas Schmutz beiseite. Es ging leicht, so leicht, als wäre der Fund nicht 44 vor Christus, sondern erst vor wenigen Tagen hier vergraben worden. Die abgerundete metallische Kante unter meinen Fingern war zwar schon etwas angegriffen, aber der Edelstahl schimmerte mit etwas Putzen leicht durch. Die dunkle Glasschicht, die ihn oben und unten passgenau bedeckte, hatte noch weniger Korrosion erfahren, sie glänzte dunkel und schwarz. Nur in der Mitte der Eckbiegung war etwas davon leicht abgeplatzt, und ein Sprung im dunklen Glas war zu erkennen.

Da war es, es gab keinen Zweifel, ich erkannte es genau.

Ganz plötzlich liefen mir Tränen über das Gesicht. Ich hatte es tatsächlich gefunden. Ein gewaltiger Knoten löste sich in meiner Brust, und vorbei war es mit meiner Standfestigkeit, ich musste mich auf den Boden setzen. Meine Beine hingen zitternd, willenlos, über den Rand in die Grube hinein. Das trotz Zeltbedachung nebelfeuchte Gras, auf dem ich saß, begann meine Hose zu durchnässen. Aber das war mir egal. Mir war jetzt alles egal. Ich presste das seltsame, mir wohlbekannte Stück aus Metall und Glas fest an meine Brust und heulte, wie ich es seit sehr langer Zeit nicht mehr getan hatte. Danach saß ich nur noch da, ohne mich zu rühren....


Helmut Vorndran, geboren 1961 in Bad Neustadt/Saale, lebt mehrere Leben: als Kabarettist, Unternehmer und Buchautor. Als überzeugter Franke hat er seinen Lebensmittelpunkt ins oberfränkische Bamberger Land verlegt und arbeitet als freier
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