E-Book, Deutsch, 564 Seiten
Volmer Das Dunkle im Innern
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3839-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irrlichter
E-Book, Deutsch, 564 Seiten
ISBN: 978-3-7534-3839-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist still in der Gruppe. Das Einzige, das sich bewegt, sind die Flammen der Wachfeuer und neben ihnen, schwarze Schatten, stehen fünf reglose Männer und starren in die Dunkelheit. Etwas bewegt sich dort draußen, es lauert und scheint das Lager zu umkreisen. Bastian fühlt Schweiß auf dem Griff seiner Machete. Dann, plötzlich, teilen und potenzieren sich das Knacken und das Rascheln. Mehrere Geräuschquellen. Von allen Seiten. Und sie werden immer lauter. Bastian fühlt sein Herz schlagen. Sie kommen... In Michael Volmers zweitem Teil seiner Trilogie müssen Bastian, Ayten und der Bibliothekar erkennen, dass die Ordnung und das Wissen, die vor dem globalen Ereignis galten, nicht mehr existieren. Alles, was man für unumstößlich gehalten hat, scheint sich zu verändern. Und dieser Wandel zieht die drei in einen Sog aus Konflikten, Angst und Verunsicherung, bis sie sich fragen müssen, ob ihr Wille ausreicht, wer sie sein wollen und was sie zu tun bereit sind, um in dieser neuen Welt zu bestehen.
Michael Volmer lebt und arbeitet in Dortmund Mehr Informationen unter: michael-volmer-autor.com
Autoren/Hrsg.
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Bastian
Bastian hat dieses Spiel, das die Angst und die Verunsicherung mit einem spielen können, durchschaut. Der Wald in seinem Zwielicht war für ihn noch nie etwas Bedrohliches, der ihn, wie jetzt, durch einen Ast auf seiner Schulter zu erschrecken in der Lage ist. Bastian ist der Beobachter, dessen Mauer aus Erfahrung und Willen durch ein paar Schatten und das Berühren von Pflanzen hier und da nicht erschüttert werden kann. Doch anhand der sich ruckartig bewegenden Köpfe seiner Vorderleute, der verbissen wippenden Rucksäcke und des übertriebenen Schlagens nach Ästen, vor für ihn unsichtbaren Gesichtern, sieht er, dass er mit seiner Ruhe in der Minderheit ist. Diese Leute sind einfach ungeeignet für diesen ganzen Scheiß hier. Die haben keine Ahnung von Wäldern, sie verlieren viel zu schnell ihre Objektivität, sie sind eine Gefahr für sich und andere und sie verlieren den Blick für das Offensichtliche. Ich weiß nicht, weiß echt nicht, was irgendjemand sich dabei gedacht hat, uns in dieser Zusammenstellung auf die Reise zu schicken. Vielleicht wussten die, die das entschieden haben, ja auch nicht, was auf uns zukam und noch kommt. Vielleicht hatten die wirklich kein anderes Personal und geglaubt, dass es tatsächlich nur ein entspanntes Wandern unter Bäumen ist. Vielleicht war es ja auch nur Verzweiflung und Not, um schnellstmöglich alle verfügbaren Kräfte zu den eingeschlossenen Ortschaften zu bringen. Hoffentlich, denn wenn es anders sein sollte, wenn es doch mehr Informationen über diesen Weg gibt, sind wir nichts weiter als Versuchskaninchen. Und ersetzbar. Wir sind die Mannschaft der Nostromo. Du meine Güte! Warum er gerade jetzt an die Dienstwaffen denkt, weiß er nicht. Es ist wohl die Assoziation mit der Gruppe, ihrer Uneignung und seiner Angst vor dem Kontrollverlust der Polizisten, die Dienstwaffen führen, denn genau in diesem Moment beobachtet er Justin. Der junge Mann war in den letzten Minuten, in denen sie einen zunehmenden Zickzackkurs eingeschlagen haben – um sich besser im Gelände zu orientieren, wie ihn die Stimme von Andreas hinter ihm verrät – scheinbar immer nervöser geworden. Mehr als bei anderen ging Justins Kopf hierhin und dorthin, er ging geduckter und reagierte zunehmend verärgerter auf Geräusche seiner Mitwanderer, die er mit hektischem Gefuchtel kommentierte. Doch jetzt bekommt seine Anspannung eine andere Dimension, denn mit einem Mal verirrt sich seine Hand tastend nach etwas unter seinem Hemd auf der Höhe seiner rechten Hüfte. Bastian schaut angespannt hin und spürt, wie eine Welle aus Adrenalin durch seinen Körper flutet. Justin tastet nach seiner Dienstwaffe und schaut angespannt nach links. Doch noch ehe irgendjemand etwas sagen oder tun kann, ist Mehmet hinter ihm und legt seine Hand auf Justins rechten Unterarm. Dieser reißt sich los und fährt herum. Mehmet hebt beschwichtigend die Hände. Die Gruppe hält an, alle Augen richten sich auf sie, Markus und Thomas kommen sofort dazu und reden leise auf ihren Kollegen ein. Der versucht, so leise, wie möglich zu antworten, doch ist er viel zu aufgeregt dafür. Justin: Da ist was zwischen den Bäumen. Ich weiß es. (Markus flüstert etwas) Justin: Doch. Doch. Ich weiß es. Ich habe doch Ohren. Ich höre es die ganze Zeit. (Markus) Justin: Nein. Ich möchte mir gerne etwas einbilden, aber das tue ich nicht. Jemand schleicht neben uns her. Hör doch selber. (Es wird still, alle hören hin. Nach einer kurzen Weile kann man, ganz kurz nur, vielleicht eine Bewegung von einem Blatt auf dem Waldboden wahrnehmen) Justin: Seht Ihr? Seht Ihr? (Markus) Justin: Nein. Das ist kein Tier. Und schon gar kein Insekt. Warum sollte uns denn ein einzelnes Tier nachschleichen? (Markus spricht lange und flüsternd. Justin schüttelt immer wieder heftig den Kopf und schaut nach links) Justin: Nein. Nein. Unter normalen Umständen würde ich Dir sofort Recht geben, aber das sind doch keine normalen Umstände hier. Schau Dich doch um. Hast Du keine Augen im Kopf? (Markus fragt etwas) Justin: Wir stehen hier und streiten, während er uns dabei zusieht. Wir sollten nicht warten, bis wir da sind, wo er uns haben will. (Markus wird ungeduldig) Markus (laut): Was genau siehst Du denn da, verdammt nochmal? Justin: Wie soll ich denn hier etwas sehen? Da ist etwas, das uns hinterherschleicht. Aber es versteckt sich. Irgendwo da. Du hast es doch eben gehört. Markus: Ich habe eben die Bewegung von einem einzigen verschissenen Blatt gehört. So etwas hören wir doch pausenlos. Das hier ist ein Wald! Justin: Wer immer es ist, er ist schlau. Er bewegt sich nur dann, wenn wir uns auch bewegen. Aber da ist jemand, warum glaubst Du mir nicht? Markus: So etwas haben wir schon oft gehört. Auf Streife, erinnerst Du Dich? Diese verrückte Irre, die ihr Mobiliar mitten in der Nacht aus dem Fenster geschmissen hat, um die Dämonen zu töten, die unter ihrem Fenster lauern. Du hörst Dich genauso an. Was ist los mit Dir. Drehst Du durch? Justin: Ey, Alter. Wie lange kennst Du mich? Du hast mich ausgebildet. Sehe ich wie ein Psycho aus? War ich jemals einer? Alles, was ich sage, ist: wir sind nicht alleine hier. Markus (Pause, in der er Justin ansieht): Ok, und spätestens jetzt weiß unser Verfolger, wenn es denn kein Tier ist, dass wir von ihm wissen. Das macht unsere Aufgabe nicht leichter? Justin: Wieso? Was meinst Du? Markus: Nimm Deinen Rucksack ab. Wir gehen ihn jetzt suchen. Justin: Was? Markus: Das war ein Befehl. Wenn unsere Gruppe von jemand bedroht wird, dann liegt es an uns, sie zu beschützen und ihn dingfest zu machen. Und wenn Du Dir so sicher bist, frage ich mich, warum Du Dich vorher nicht gemeldet hast. Justin: Ich … ich. Markus: Spar Dir das. Mehmet und Thomas, Ihr bleibt hier. Alle anderen warten bei ihnen. Wir zwei gehen jetzt. (Justin bleibt stehen und rührt sich nicht) Markus: Was ist los? Schiss? Justin: Ich weiß nicht, ob das Sinn macht. So laut, wie wir uns unterhalten, ist er schon längst weg. Markus: Hast Du ihn weggehen hören? Justin: Was? Nein, aber ... Markus: Ich auch nicht. Also entweder kommt er über die Bäume, wie dieser Schwachsinn mit Arnold Schwarzenegger. Mehmet, wie hieß der angebliche Kultfilm? Mehmet: ‚Predator‘. Und das ist kein ... Markus: Also entweder das ist ein Predator, oder er ist noch da. Oder hat ihn jemand weggehen hören? (vollkommene Regungslosigkeit einer peinlich berührten Gruppe) Markus: Dann los, und halte Dich bereit. Denn wer uns hier nachschleicht, kann kaum etwas Gutes wollen. (Justin zögert noch immer. Markus, der schon losgegangen ist, dreht sich noch einmal um) Du hast diesen Scheiß angefangen, und Du wirst jetzt auch mitmachen. Wenn Du Dich meinem Befehl widersetzt, nehme ich Dir die Dienstwaffe ab. Verdammt nochmal, wir sind im Dienst, nicht in den Ferien! Gestern waren sie also betrunken im Dienst? Bastian schaut ihnen nach. Markus geht voran und Justin langsam hinterher. Die Übrigen warten. Nicht einmal zwei Meter entfernt tauchen sie ins dichte Unterholz ein und von ihnen ist bis auf die tanzenden Lichtkegel ihrer Taschenlampen nichts mehr zu sehen. Nach einer kurzen Weile verschwinden auch diese. Sie sind nur noch zu hören, wie sie durch das unwegsame Gelände stapfen. Eins steht schon mal fest: wenn da wirklich jemand wäre, hätte jeder in der Gruppe das gleiche gehört, wie der bemitleidenswerte Justin, doch wer könnte in diesem dichten Wald uns schon lautlos verfolgen? Tatsächlich nur der, der sich exakt nur dann zu bewegen vermag, wenn sich die Gruppe bewegt. Allein der Verdacht, dass jemand der Gruppe folgt, lässt alle mit Spannung warten. Bastian erkennt angespannte Gesichter. Worauf warten sie? Geschrei? Schüsse? Doch nichts dergleichen geschieht, bis die Lichtkegel wieder erscheinen und das Geräusch der Schritte näherkommt. Wie lange war das wohl? Bastian hat kein Zeitgefühl. Vielleicht fünf Minuten? Eine halbe Stunde? Schließlich sind Markus und Justin wieder da. Markus: Da sind wir wieder und die wichtigste Nachricht zuerst: es gibt keinen Anhaltspunkt für einen möglichen Verfolger. Justin: Ich war mir aber sicher. Markus: Ich weiß. Und es ist gut, dass wir diese Gedanken widerlegen konnten. Ich hoffe, wir können jetzt einfach weitergehen. (Pause, in der er die Wanderer ansieht) Und kommt bloß nicht auf die Idee, auch nur zu denken, dass wir ihn übersehen hätten! Andreas : Leute! Sich in einem Wald zu befinden, wenn es Nacht ist oder so dunkel wie jetzt, kann immer beängstigend sein. Hier gibt es dauernd Geräusche und man kann sich schnell etwas einbilden. Viele Menschen haben Angst in dunklen Wäldern. So ist das nun mal. Aber ich bitte Euch: entspannt Euch etwas. Dieser Wald sieht aus, wie jeder andere natürlich gewachsene Wald auch. Dimitrios: Mit Ausnahme der schwarzen Bäume und des Speers oder Pfeils im Baum. Miriam: Genau. Martin: Lasst uns diese Debatte jetzt...