E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Volk Auf den Hengst gekommen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-17044-3
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Pferdehof-Krimi
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-455-17044-3
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Volk, Jahrgang 1964, lebt in Köln. Sie ist einem großen Publikum als Kabarettistin, Comedienne und Moderatorin bekannt und hat bereits mehrere satirische Bücher veröffentlicht. Auf den Hengst gekommen ist ihr Romandebüt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 13b
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Widmung
Über Andrea Volk
Impressum
Kapitel 3
Hof Weideland im November, ein halbes Jahr zuvor
»Das ist Weizen!«, schrie Bauer Helmut mich an und streckte mir eine kleine getrocknete Garbe Pflanzen entgegen. »Weizen! Von dies’ Jahr Herbst! Nicht Blumen!«, brüllte Bauer Helmut noch, bevor er die Garbe sorgsam in der Ecke der Scheune verstaute, Futtereimer und Schaufel griff, und voller Verachtung über die Blödheit der Städter im Allgemeinen und mir im Besonderen davonmarschierte. Beeindruckt musterte ich seinen wutroten Hinterkopf, der durch das blonde Haar hindurchschimmerte. »Ich hab doch nur einen Witz gemacht«, rief ich ihm lahm hinterher.
Wer konnte denn ahnen, dass man einen Bauern, der stolz seinen Weizen inspiziert, mit der simplen Frage: »Oh Blumen, sind die für mich?« auf die Palme bringen würde. Damals wusste ich noch nicht, dass Bauer Helmut sozusagen auf der Palme wohnte.
Kein Wunder, dass er mich nicht ernst nahm. Ich sah aus wie ein Idiot. In eine alte Regenjacke gehüllt, die Jeans in gelbe Gummistiefel gestopft, ähnelte ich bestenfalls der Persiflage eines Reiters. Oder einer dieser Fünfunddreißigjährigen, die unbedingt wie sechzehn aussehen wollen. Bestenfalls albern.
Ich guckte mich zögernd um. Hof Weideland entsprach nicht wirklich seinem Abbild im Internet, aber im November ist eben alles ein bisschen scheußlicher, meine Depressionen eingeschlossen. Gegenüber der imposanten, baufälligen Scheune, in der Heu- und Strohvorräte lagerten, dampfte ein riesiger Misthaufen, notdürftig von verrottenden Holzplanken gehalten. Die meisten Außenställe, die sich im Halbkreis um Scheune und Misthaufen anordneten, lehnten windschief aneinander. Durch einige notdürftig geflickte Dächer tropfte Regen. Manche Boxen hatten einen Auslauf, genannt ›Paddock‹, in dem Pferde mit hängenden Köpfen dösten oder auf die umgebenden Äcker starrten. Braun und matschig lag die Erde offen da, als würde sie sich nach der Saat im Frühjahr sehnen. Ein Bachlauf durchschnitt die Felder, umsäumt von Bäumen, an deren Ästen sich die letzten Blätter gegen den Wind stemmten.
Hof Weideland schmiegte sich in die Felder Dorndorfs, einem winzigen Dorf im Umland Kölns, mitten im Rheinisch-Bergischen Kreis. In Dorndorf selbst schien die Zeit stehen gruppierten sich geblieben zu sein: Zweifamilienhäuser und alte Katen gruppierten sich im Kreis um eine katholische Kirche, die dörfliche Gemeinschaft war geprägt von tiefer gelegten Golfs, bürgerlichen Schnitzelhäusern, Schützenverein und Feuerwehrfest. Die Kids trugen die Kappen mehrheitlich mit dem Schirm nach hinten gedreht, hießen Dennis, Kevin oder Jacqueline und trafen sich aus Mangel an Alternativen am Hähnchengrill vom REWE-Markt oder an der Bushaltestelle. Die Einwanderer aus Bulgarien, Polen und Rumänien arbeiteten in der umgebenden Landwirtschaft und wurden abends vorschriftsmäßig unsichtbar.
Dort, mitten in Dorndorf, wohnte auch Bauer Helmut mit seiner Familie, in einem angepasst schmucken Haus. Ein holpriger, nur teilweise geteerter Weg führte aus Dorndorf hinaus auf die Äcker und Felder. Und dort, mitten im Grünen, etwa einen Kilometer entfernt von Bauer Helmuts Haus, lag Hof Weideland.
Nur mittels Durchfragen hatte ich den Hof überhaupt gefunden.
Ich blickte mich weiter um. Ein großer Außenreitplatz mit sandigem Boden, durch Holzpfosten abgetrennt. Der Eingang aktuell durch eine Strippe gesperrt, vermutlich wegen der großen Pfützen, die den Reitplatz in ein sandiges Schwimmbad verwandelt hatten. Am anderen Ende des Hofs zwei Longierplätze und eine kreisrunde Anlage von etwa dreißig Meter Durchmesser. Ich lief zögernd an der Scheune entlang und begutachtete die Führmaschine, in der Pferde durch Gitter voneinander getrennt im Schritttempo liefen. Ein großes Problem bei der Boxenhaltung von Pferden ist der Bewegungsmangel; die Führanlage ermöglichte es, zehn Pferde gleichzeitig laufen zu lassen – wenn auch nur im Kreis. Eins der Tiere berührte ein Gitter, es knallte, und das Pferd sprang erschrocken vorwärts, bevor es zurück in einen gemächlichen Schritt fiel. Auf den Gittern war Strom.
Ich bog um die Ecke. Noch mehr Boxen, in vier davon riesige schwarze Kolosse. Die Boxen waren gerade mal längs und breit so groß wie die Tiere selbst. Trotzdem wirkten sie entspannt und knabberten Heu. Große Augen mit dichten langen Wimpern, die mich genauso neugierig musterten wie ich sie. Leises Schnauben. Über allem der vertraute, warme erdige Pferdegeruch.
Eine kleine Reithalle. Ich spähte vorsichtig über die Bande. Eine Reiterin, Mitte zwanzig schätzte ich, auf einem braunen Pferd und ein großer schlaksiger Kerl um die vierzig, dunkelbraune Haare, auf einem großen Schimmel. Die beiden schauten kaum auf, nickten nur freundlich zu mir herüber. Die Szene hatte etwas Friedliches. Das Schnauben, der gedämpfte Klang der Hufe auf dem dicken Sandboden. Die Konzentration der Reiter auf ihre Tiere. Ich spürte, wie ich mich entspannte, vielleicht das erste Mal seit Wochen. Oder sogar Monaten, wenn man die Zeit mit Max mitrechnete.
Hier in der Halle konnte man also reiten, wenn Regen und Winter den Außenplatz unbrauchbar machten. Als er auf meiner Höhe war, hielt der braunhaarige Mann mit den dünnen Beinen den Schimmel an. Ich war froh, dass die hohe Bande mein Outfit inklusive Gummistiefeln versteckte.
»Hallöchen«, sagte er mit sonorer freundlicher Stimme, einer Stimme, die ein wenig zu sonor war, um nicht aufgesetzt zu wirken.
»Alles Klärchen?«, fragte der Mann. »Ich bin Thomas Kobnisch, bist du neu hier?« »Äh, ja, vielleicht«, sagte ich. »Ich hab früher mal geritten und na, hab eine Annonce vom, wie heißt das hier, Hof Weideland, gesehen. Und da stand, dass jemand eine Reitbeteiligung für sein Pferd sucht und da …«, schloss ich lahm. Ganz offensichtlich hatte ich beim Umzug aus Frankfurt vergessen, meine Rhetorik einzupacken. Thomas lachte, herzlich und sonor, und tätschelte seinem Schimmel den Hals.
»Alles coolywooly«, sagte er, »da kommst du genau richtig – guck mal, die Biggy, dahinten, die trabt mit dem D’Artagnan, die sucht jemanden, der … ach du je, Vorsicht Biggy!«
Das Pferd hatte offenbar etwas ganz Furchtbares in der Ecke gesehen, etwas, das menschlichen Augen allerdings verborgen blieb, jedenfalls machte es mitten im Trab eine Vollbremsung, brach dann in einer sauberen Neunzig-Grad-Wendung in hektischem Galopp unter der Reiterin weg und verwandelte sich binnen Sekunden von einem friedlich dahin trottenden Braunen in eine haarige Furie, die wild buckelnd quer durch die Halle schoss. Biggy kämpfte zwei, drei Bocksprünge lang um ihr Gleichgewicht, bevor sie seitlich vom Pferd rutschte, mit einem vernehmlichen Plumps auf dem Boden aufprallte und auf dem weichen Hallenboden ausrollte.
»Biggy! Alles Klärchen?«, rief Thomas, den ich in dem Moment heimlich ›Achtzigerjahre-Thomas‹ taufte. »Diese Scheißkrücke!«, brüllte die mädchenhaft wirkende Biggy, stand auf und rieb sich Beine und Po. Das Pferd war stehen geblieben und musterte sie aus sicherer Entfernung mit hängendem Zügel und entspanntem Gesicht. Ein hübscher Brauner mit schmalem Kopf, der auf Vollblutanteile schließen ließ, klugen dunklen Augen, schwarzer Mähne und schwarzem Schweif.
»Guck mal«, sagte Achtzigerjahre-Thomas, strich sich über das braune Haar und deutete auf das Pferd, »das ist dein neues Pflegepferd.«
»Oh«, sagte ich und musterte misstrauisch das hübsche Tier, »der ist aber süß. Wie heißt der – ›Jekyll und Hyde‹?«
Achtzigerjahre-Thomas lachte sein volles, sonores Lachen. »Nein, D’Artagnan, und er ist normal ganz lieb.«
Diese Sorte Sprüche kannte ich von der Hundewiese. Noch wenn sich der Rottweiler in dein Bein verbissen hat, behaupten die Besitzer, »der will ja nur spielen!«.
»Der will ja nur spielen«, rief Biggy in dem Moment und humpelte zu ihrem Pferd, an dessen Zügel sie dann aber doch heftig riss und ihm mit der Gerte eins überzog, sodass D’Artagnan den Kopf hochriss und erschrocken nach hinten ruckte.
»Mistgaul, verdammter!«, rief sie. »Bestrafen muss man ihn dann schon, er muss ja wissen, dass er was falsch gemacht hat.«
Ja, dachte ich, aber nicht erst zehn Minuten später. Da weiß er nämlich nicht mehr warum.
Biggy musterte mich beziehungsweise das bisschen, was von mir zu sehen war, also ein halsloser Kopf über dem Hallentor.
»Bist du die Sandra? Wegen der Annonce im Internet? Suche Reitbeteiligung? Cool.« Ich nickte heftig. Da nur mein Kopf zu sehen war, blieb mir ja jeder andere körpersprachliche Ausdruck verwehrt. »Ja, hi, ich heiße Sandra Grünert und bin neu in Köln. Und ich hab mal geritten, früher«, setzte ich hinzu und nickte noch mehr. Aus Biggys Warte sah ich vermutlich aus wie ein Luftballon mit aufgemaltem Gesicht im Wind.
Biggy grinste freundlich zurück. »Willste dich mal draufsetzen? Das ist er nämlich«, sie ruckte noch mal am Zügel, »der Darti. Normal ist der ganz lieb.«
Ein Sammelsurium unsortierter Ausflüchte, die mein erschrockenes Gehirn völlig unaufgefordert produzierte, lag mir auf der Zunge. Von »Nein, ich bin doch nicht Sandra Grünert, mein Name ist Samantha Fox und ich habe eine Persönlichkeitsspaltung«, über »Entschuldigung, kennen Sie den kürzesten Weg nach Köln, da hab ich mich doch glatt verfahren«, zu »Oh, meine Pferdeallergie meldet sich, auf Wiedersehen!«.
Meinem Hirn zum Trotz schob ich vorsichtig das Hallentor auf und präsentierte mich in meiner ganzen gelben Gummistiefelpracht. Das Pferd guckte mindestens genauso misstrauisch wie ich, oder vielleicht hatte es...




