Vogel / Wolfert | Alf | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 59, 248 Seiten

Reihe: Bibliothek rosa Winkel

Vogel / Wolfert Alf

Eine Skizze
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86300-352-4
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Skizze

E-Book, Deutsch, Band 59, 248 Seiten

Reihe: Bibliothek rosa Winkel

ISBN: 978-3-86300-352-4
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Felix und Alf, Gymnasiasten im Wilhelminischen Deutschland, entdecken ihre Sexualität, erleben die Liebe; doch Felix fügt sich schließlich den Geboten von Kirche, Schule und Staat. Enttäuscht meldet sich Alf als Kriegsfreiwilliger: Heldentod statt Liebe und Glück.

Die Neuausgabe von Alf erscheint zum 25. Todestag des Autors. Sie bietet den Text der Erstausgabe von 1929 in einer vom Autor durchgesehenen Fassung. Beigegeben sind einige Erzählungen, vor allem aus der Sammlung "Ein Gulasch und andere Skizzen" von 1928.

Vogel / Wolfert Alf jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Es
Etwa elf Jahre war Felix alt, da begann allerlei Dunkles, beunruhigend Banges in ihm zu brodeln, neue, rätselwirre Kräfte wirkten. Dumpfe Sehnsüchte, fremd, scheu, und so unsagbar schön und traurig. Seltsame Stimmungen, Träume schwer und schwül . . . Und die ersten, antwortlosen Fragen nach Wesen und Sinn dieses Chaos. Sonderbare Erlebnisse hatte er in jener Zeit: Sonntags nachmittags gingen die Eltern manchmal mit den Kindern zu einem Gartenkonzert. Die Ilse wurde dann gleich auf den Spielplatz des Restaurantgartens gebracht, wo Karussell und Schaukeln den Kindern der Gäste zur Verfügung standen, die Alten suchten sich einen Tisch möglichst in der Nähe der Musik, bestellten zwei Bier und blieben ein paar Stunden sitzen. Schrecklich langweilige Stunden waren das für Felix: Er mußte die ganze Zeit »hübsch brav sitzenbleiben«, durfte nichts fragen und nichts reden – »Deine Eltern wollen auch mal ein bißchen Ruhe haben, wenigstens am lieben Sonntag! Und wenn du nun nicht artig bist, dann gehst du auf den Spielplatz. Höre lieber auf die schöne Musik!« Ach, die blöde Musike, wie er die haßte! Daß sich da große Leute hinsetzen konnten und die Augen verdrehn und den stumpfsinnigen Krach schön finden! Aber auf den Spielplatz gehen wollte er auch nicht, was sollte er dort unter dem kleinen Gemüse. Und außerdem hatte ihn einmal ein Schulfreund, einer von seinen Feinden, da beobachtet, und am nächsten Tag das Gespött in der Klasse! – Wieder einmal so ein schäbiger Sonntag. Sie waren gerade in der großen Pause gekommen, verlassen standen und lagen die Geräuschutensilien auf dem Orchesterpodium. Nach einer Weile fanden die dazugehörigen Musiker sich zusammen und stimmten mürrisch an ihren Instrumenten herum. »Denen ist ihre Musik genau so langweilig wie mir. Und die verstehn sicher mehr davon als ihr,« sagte Felix. »Halt’s Maul, dummer Junge, oder es setzt was!« Die Kapelle fing an zu spielen . . . . . . Krampfendes Erstaunen löste sich bald zu köstlichem, seligem Rausch . . . Das war Musik . . ?! Schließlich kamen Felix die Tränen. Er merkte es erst, als ihn die Mutter angrollte: »Was hast du denn schon wieder?!« – »Ach, nichts weiter, mir war bloß was ins Auge geflogen, eine Mücke wahrscheinlich. Is aber schon wieder raus.« Zu schade, daß sie schon nach Hause gingen, als es finster wurde. Stundenlang hätte er noch zuhören können. Wie war das bloß möglich, daß er das früher nicht gehört hatte! . . . Von da an gierte Felix nach Musik. Spielte ein Leierkasten auf dem Hof, lief er hinunter und ging noch mit auf den nächsten, den übernächsten Hof. Vor Cafés, aus denen Melodienfetzen klangen, blieb er stehen, und war seine Mutter mit ihm, gab es Ärger, weil er nicht fortzukriegen war. Wenn aber in der Dämmerung junge Burschen irgendwo Mundharmonika spielten oder Mandoline, und andere sangen dazu – schwermütig und sehnsuchtsbang sind oft die Lieder junger Burschen in der Dämmerung der Sommernächte –, dann schlich sich Felix hin und blieb bis zum letzten Lied. Er wußte, daß er zuhause Schläge bekam, aber er blieb. – Die Haustüren, die im Dunkel noch offenstanden, das waren nicht mehr nur Haustüren, die jemand zuzuschließen vergessen hatte – es waren Türen, hinter denen das Geheimnis . . . Und es ahnte ihm, daß später einmal auch er . . . Die Blumen rochen nicht bloß schön, wie früher, nein, da war noch etwas ganz anderes dabei. Überhaupt: Bei allem war noch irgend etwas anderes dabei . . . Vorm Einschlafen lag jetzt Felix immer lange wach im Bett, und dachte sich allerlei aus: Einer von den Schulkameraden, die er gut leiden konnte, oder ein Junge von der Straße, manchmal auch der Kurt, der ihm in der Niederwaldstraße immer aufgelauert hatte. Mit einem von diesen unternimmt er weite Reisen, ungeheuerliche Gefahren müssen sie beide überstehen, aber schließlich sitzen sie doch irgendwo geborgen beieinander, eng beieinander . . . Oder: Der andere hat ihn gemein, ungerecht, schuftig behandelt, und nun gerät der andere in eine schwere Gefahr, Felix befreit ihn daraus. Dann sitzen sie beide eng beieinander, und alles ist gut . . . Eine Weile saßen sie beide zusammen, streichelten einander und erzählten . . . dabei schlief Felix meistens ein. Aber auch wenn er dann noch nicht einschlafen konnte – immer riß an dieser Stelle der Film ab. Er versuchte oft, sich etwas auszudenken, was weiter noch kommen könnte – es ging nicht. Er mußte von neuem anfangen. Am Tage war es ihm manchmal ärgerlich, daß er so törichte Dinge dachte, er schämte sich irgendwie darüber. In der Schule begann er, sich an Heilemann heranzumachen. Der war von einem Dorfe, ein paar Bahnstationen von Dresden, und stand in dem Rufe, ›alles‹ zu wissen. Felix konnte ihn nicht besonders leiden. Mit einem Bleistiftspitzer, einem grünen Radiergummi, etlichen Schreibfedern und einer riesigen Zahl Kullern, darunter eine wunderschöne gläserne, in der ein kleiner silberner Fisch war, hatte er sich endlich Heilemanns Freundschaft so weit erkauft, daß der versprach, ihm alles zu sagen. »Aber du darfst ooch nischt weglassen!?« »Nee, du brauchst bloß zu fragen, was de wissen willst, ich erkläre dir alles. Und prima!« Nach der Schule gingen sie im Rieseln eines müden Herbstregens nach dem Großen Garten, setzten sich auf eine Bank und Heilemann begann: »Also, da suchst de dir e Mädel aus, eene, von der de denkst, daß se mitmacht. Das merkst de schon.« »Wie denn?« »Nu Mensch, frage doch nicht so dämlich! Also, dann geht ihr eben beede off en Heuboden –« »Mir hamm doch keen Heuboden in der Stadt!« »Braun! Bist du dußlig! Dann macht ihr’s meinetwegen in enner Lehmgrube, oder sonst wo niemand hinkommt. Zuerst . . .« Heilemann erzählte, sehr lange, sehr reichhaltig, sehr detailliert. Es tat ihm wohl, jemanden darüber belehren zu können, überlegen zu sein. Und gerade dem ekelhaften Braun, den er nicht riechen konnte. Es war eine ziemlich trübe Quelle, aus der da Felix das erste zusammenhängendere Wissen um sexuelle Dinge floß. Als Heilemann nichts mehr wußte, fragte Felix: »Hast du es schon mal gemacht?« »Das werde ich dir auf die Nase binden! Und sage bloß niemandem, daß ich dir’s erzählt habe, dämlich genug bist du dazu. Da is nämlich schon mancher von der Schule geflogen deshalb. Du könntest mir eegentlich noch deinen Schnippsgummi mitbringen morgen, aber vergiß es nich!« Felix sagte zu. »Adjüs!« – »Adjüs! Und vergiß den Schnippsgummi nich!« Felix war enttäuscht. Das sollte es sein?! Mit einem Mädchen in die Lehmgrube gehen und – nee! Er hatte sich etwas ganz anderes erhofft, etwas viel Schöneres . . . Direkt albern war das! Aber vielleicht hatte ihm Heilemann bloß nicht alles gesagt. Er wollte doch noch weiter herumhorchen. Er horchte weiter herum: Aber Heilemann hatte schon recht. Das war es. Felix war enttäuscht. – Im März, an einem Abend im März erlebte Felix, daß ungeheure Lust in seinem Leib verborgen war. Etwa ein Jahr später. Die Quarta döste durch eine Religionsstunde. Der neue Religionslehrer, ein junges, bejammernswert nervöses Menschlein, das man erst vor einigen Wochen, zu Beginn des neuen Schuljahrs, dem Gymnasium zur Ableistung seines Probejahrs überwiesen hatte, war schauderhaft langweilig. Das sechste Gebot wurde behandelt. Felix konnte sich unter Ehebrechen, Unkeuschheit, Hurenlohn, Lasterknechten nichts, aber auch nicht das mindeste vorstellen. Aber das ging ihm mit Worten von Religionslehrern oft so, sehr oft. Allmählich wurde die Stimme des Theologiekandidaten eindringlicher, gespannter: von der Frühlingszeit im Menschenleben redete er, von der Sünde gegen den eigenen Körper – Felix begann aufzupassen – und dem Giftwurm der heimlichen Wollust. Dabei rutschte er so komisch aufgeregt auf seinem Stuhle hin und her, daß einige zu feixen anfingen. »Noch lacht ihr, aber wie bald wird euch das Lachen vergangen sein!« triumphierte drohend der Lehrer über die kichernden Knaben und erhob sich hinter dem Katheder. Fiebrig funkelten seine Augen durch die Brillengläser, ein greuliches Symbol des Geschlechtshasses stand er da, getrieben von derselben Sucht, die bösartige Syphilitiker zwingt, bewußt Mitmenschen anzustecken: der Freude, andere auch leiden zu sehen an der gleichen Qual. Krampfartig krallten sich seine Finger um die Pultkanten, heiser klang seine Stimme, als er in die Klasse schrie: »Hütet euch! Ihr seid gewarnt! Und wenn euch sonst niemand siehet, einer sieht euch gewiß, und das ist der heilige Gott. Hütet euch! Die Unkeuschheit zehrt am Marke eures Lebens, sie zerrüttet euren Körper, sie verwüstet eure Seele, sie raubt euch eure Ehre, sie raubt euch euren Frieden, euren Glauben, euer Glück, sie raubt euch alles. Alles! Was hat diese Sünde aus manchem gemacht, der vordem so frisch und froh aus den Augen blickte? Daß Gott erbarme! Mit blassem Gesicht, mit unruhigen, friedelosen, unstäten Augen, unter die das Laster dunkle Schatten gezeichnet hat, mit müder Haltung, keinen Mut mehr, keine Entschlußkraft und Freudigkeit mehr, marklos, ja stumpfsinnig und fast idiotisch, so kommen sie daher, die energielosen, willenlosen Sklaven ihres Lasterlebens. Irret euch nicht, Gott läßt seiner mitnichten spotten! Ganz unmerklich und leise fängt es zuerst an, die furchtbaren Folgen der einsamen Sünde: Müdigkeit früh beim...


Bruno Vogel wurde 1898 in Leipzig geboren. Gleich sein erstes Buch, Es lebe der Krieg! (1924), brachte ihn wegen 'Verbreitung unzüchtiger Schriften' bis vors Reichsgericht. Als Homosexueller engagierte er sich an der Seite von Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller. Schon früh emigriert, lebte er nach Stationen in Norwegen und Südafrika ab 1953 in London, wo er 1987 starb.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.