Vogel | Im Sanatorium / An der See | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

Vogel Im Sanatorium / An der See

Zwei Novellen
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0704-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zwei Novellen

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0704-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vogels Novellen »Im Sanatorium« und »An der See« sind thematisch seinem Roman »Eine Ehe in Wien« durchaus verwandt, auch wenn die grelleren Töne hier einer verhalteneren Schwermut Platz machen. Beide Novellen spielen Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre. »Im Sanatorium« schildert eine Woche im Leben der lungenkranken Insassen des Sanatoriums für Minderbemittelte, einer Stiftung jüdischer Wohltäter in der Schweiz. Die Kranken suchen in Zerstreuung und Liebschaften ihre Todesfurcht zu bekämpfen, oder sie lassen sich lethargisch auf den Tod zutreiben. In der zweiten Novelle »An der See« erkennt ein junges Paar im Verlauf eines Sommerurlaubs in einer Familienpension an der Riviera, dass man sich auseinandergelebt hat und sich nichts mehr zu sagen hat. Das Ende des Urlaubs ist auch das Ende der Beziehung. Die Grundstimmung beider Erzählungen ist eingefärbt von der Ahnung einer Katastrophe, die schon bald über Europa hereinbrechen sollte.

David Vogel, geboren 1891 in Satanow, lebte ab 1912 in Wien. 1929 emigrierte er nach Palästina, kurz darauf erschien 'Eine Ehe in Wien'. 1930 zog er nach Paris. Nach der Besetzung Frankreichs wurde er ins KZ Auschwitz deportiert und 1944 ermordet. Heute gilt er als großer Erneuerer der hebräischen Literatur. 2013 konnte sein verschollener Roman 'Eine Wiener Romanze' erstmals veröffentlicht werden.

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An der See


Madame Bermon sagte: ‹Fühlen Sie sich hier wie daheim. Es ist den ganzen Tag niemand im Hause.›

Ihr runzliges Gesicht wirkte klein unter dem breitkrempigen Strohhut. Sie hatte das Wäschewaschen am Brunnen im Garten unterbrochen. Das Zimmer, das sie ihnen zeigte, lag wegen der geschlossenen Läden in warmes, stickiges Halbdunkel gehüllt. Adolf Bart wischte sich alle Augenblicke die Stirn.

‹Außerdem haben Sie ja das Meer vor der Tür. Zwanzig Schritte. Geh weg, Bijou!› schnauzte sie den triefäugigen, schwarz und weiß gefleckten kleinen Hund an, der auf sie zugesprungen kam.

‹Ja, das Meer haben wir vor der Tür.›

Adolf Bart wechselte flüsternd ein paar Worte mit seiner Begleiterin.

‹Schön. Wir bleiben hier.›

Als die Hitze gegen Abend nachließ, holten sie das Gepäck vom Bahnhof. Das tiefblaue Meer lag wie eine Tischdecke hingebreitet. Die Fischer legten – ein Boot hier, ein Boot da – vom Strand ab und fuhren dem Horizont entgegen, ihre Netze auszulegen. Im Garten der Nachbarpension wurden die Tische für das Abendessen gedeckt.

Gina räkelte sich in einem hellgrünen Badeanzug, der ihre gute Figur betonte, auf einem bunten Badeumhang. Ein geblümter chinesischer Sonnenschirm beschattete ihren Kopf. Bart, mit Sonnenbrille, spielte neben ihr mit dem glitzernden Kies, warf Steinchen ins Wasser. Hinter ihnen lagen dunkelbraune Netze zum Trocknen ausgebreitet. Sie rochen intensiv nach Fisch und Meer. Die Luft flimmerte in Bodennähe vor Hitze.

Cici kam aus dem Wasser und setzte sich zu ihnen, schlug nach orientalischer Sitte die Beine unter. Auf seiner behaarten Brust standen einzelne Wassertropfen.

‹Das Wasser ist warm›, sagte er mit stark italienisch gefärbtem Akzent.

‹Aber Sie zittern ja.›

‹Ich war über eine Stunde drin.›

Gina drehte sich auf die Seite, das Gesicht den beiden Männern zugewandt. Dicke Fliegen wimmelten um einen kleinen Fisch, der neben dem an Land gezogenen Boot in ihrer Nähe lag.

‹Sie sind in den drei Tagen schon ein bißchen braun geworden, Madame.› Cici ließ die Augen über die Rundungen ihrer blassen Schenkel schweifen, rückte ein wenig näher und verglich seine kupferfarbene Haut mit ihrer elfenbeinernen.

‹Nein, noch nicht wie Sie.› Und zu Bart gewandt: ‹Setz den Hut auf. Oder leg dich zu mir unter den Sonnenschirm.›

‹Und was ist Ihr richtiger Name?› fragte Bart.

‹Francesco Adasso. Aber alle hier nennen mich Cici.› Und einen Augenblick später: ‹Mein Freund aus Rom ist heute morgen eingetroffen. Der Dolmetscher von Cook, wissen Sie, Madame. Müßte jeden Moment hier auftauchen.›

‹Freut mich sehr!› scherzte Gina.

Er bot ihr eine gelbe Zigarettenschachtel an. Gina lehnte ab. So rauchten nur er und Bart, auf den Bäuchen liegend, die Sonne auf den Rücken. Zu ihren Füßen lag reglos das Meer. Nur am Horizont zog wie im Traum ein Schiff vorbei. Doch in ihrer Nähe tollten Stefanos Gören herum – ein halbes Dutzend schmutzige Kinder von zwei Jahren aufwärts, johlend, schreiend und Wasser spritzend. Und neben ihnen spielten Laci und Susi Ball mit Marcelle, der dunklen, vor jugendlichem Charme sprühenden Lyonerin, alle drei wie aus Bronze gegossen.

‹Die Lyonerin ist sehr schön›, sagte Gina vor sich hin.

‹Schön ist sie›, pflichtete Cici bei, ‹aber Sie, Madame, sind noch schöner.›

‹Danke!›

Bart grinste aus einem Mundwinkel und warf den Zigarettenstummel in hohem Bogen weg.

‹Susis Lippenstift ist zu hell. Paßt nicht zu ihrem gebräunten Teint.›

‹Schicksengeschmack.›

‹Außerdem hat sie einen Bauch.›

‹Laci ist ebenfalls aus Wien›, warf Cici ein.

‹Soll wohl heißen – aus Budapest …›

Aus einem der Häuser gegenüber trat der Japaner in Badehose, überquerte die am Strand entlanglaufende Straße und kam heran. Er war größer als die meisten seiner Landsleute und hatte ebenmäßige Gesichtszüge. Ihm folgte seine Freundin, eine Europäerin, in einem Morgenmantel mit großen maisgelben Blumen, im Haar eine blaue Schleife. Sie war klein und etwa zehn Jahre älter als er. Gina zufolge schien sie feste Absichten zu haben. Der Japaner ging schwimmen, seine Partnerin blieb bei Laci und Susi, die ihr Spiel beendet hatten.

‹Gestern haben sie wieder bis vier Uhr früh gezecht.› Cici kannte sämtliche Einwohner und wußte alles, was im Ort vor sich ging.

‹Bei Stefano?›

‹Nein, bei dem Japaner zu Hause, ein wahres Bacchanal.›

‹Und Sie?›

‹Hatte keine Lust.›

Bart setzte sich auf und rieb sich mit dem Handtuch den Schweiß von Brust und Schenkeln, auf denen der Kies Muster hinterlassen hatte. Sein Gesicht war gerötet, blonde Strähnen klebten ihm auf der Stirn.

‹Nicht kalt, was, Gin?›

Der Dolmetscher von Cook war geckenhaft nach der neuesten Mode gekleidet. Das ölig glänzende schwarze Haar klebte ihm wie ein Verband am Schädel, das Gesicht war glatt und aufgedunsen. Er streckte die Linke aus, als Cici ihn vorstellte. Die Rechte war eine schwarz behandschuhte Prothese.

‹Ah, Sie wohnen in Paris! Kenne ich wie meine Westentasche.›

Der Dolmetscher kannte alles ‹wie seine Westentasche›, wie sich sofort herausstellen sollte. Vor allem konnte er Fremdsprachen (die Kunst, ich bitte Sie!). In Rom hatte er eine Freundin – eine japanische Dichterin. Den Beweis dafür hatte er gleich parat: einen japanischen Gedichtband in senkrechten Reihen – ‹ein Geschenk von ihr›. Lesen könne er ihn noch nicht, aber er werde es bei diesem Japaner lernen. Er habe schon mit ihm gesprochen. Und Madame, wolle sie ihm im Austausch gegen Italienisch-Lektionen Deutsch beibringen?

Der ‹Araber› – so benannt, weil er den arabischen Tonfall nachahmen konnte –, Cicis Wohngenosse und Arbeitskollege, lief dem Dolmetscher nach wie ein Lakai und folgte kopfnickend seinen Worten, bereit, jeden, der sie anzuzweifeln wagte, wie einen Fisch zu zerreißen.

Gina stand auf, um schwimmen zu gehen.

‹Dann wartet bitte einen Moment, bis ich mich ausgezogen habe.› Der Dolmetscher schlüpfte hinter das Boot, der ‹Araber› folgte ihm. Wenige Minuten später erschien er entkleidet. Das schimmernde Weiß seines Körpers wirkte unter den Sonnengebräunten ringsum unzüchtig nackt. Die Handprothese hatte er bei der Kleidung gelassen, der Armstumpf war mit einem Handtuch umwickelt. Dann ließ er das Handtuch zu Boden fallen, sprang mit einem Satz ins Wasser und schwamm sofort los. Der ‹Araber› wich nicht von seiner Seite.

‹Bring mir Rückenschwimmen bei›, sagte Gina zu Bart.

Später erklärte sie: ‹Ich bin hinter dir hergeschwommen, hatte aber nicht die Kraft und bin umgekehrt. Du schwimmst weit hinaus. Daß nur kein Unglück passiert!›

Cici schwamm im Kreis um Gina herum. Schwerfällig prustend und Wellen schlagend ruderte er mit Armen und Beinen.

‹Da, schau her! Beweg die Arme und Beine so. Eins-zwei! Eins-zwei! Eins-jetzt versuch mal.› Bart breitete unter der Wasseroberfläche die Arme aus, sie legte sich rücklings darauf.

Marcelle stand in der Nähe und sah zu. ‹Können Sie nicht rückenschwimmen, Madame? Das ist doch ganz einfach. Sehen Sie!› Und sofort zeigte sie ihr Können, wobei sie mit ihren blanken Mäusezähnen lachte.

‹Und wann veranstalten wir beide ein Wettschwimmen, Mademoiselle Marcelle?› fragte Bart.

‹Wann immer Sie möchten.›

‹Heute nachmittag – ginge das?›

‹Wenn ich nicht nach Nizza fahre.›

‹Gefällt dir wohl, die Kleine!› bemerkte Gina, als Marcelle sich von ihnen abgewandt hatte. Und zu Cici: ‹Monsieur Cici, bis morgen müssen Sie rückenschwimmen lernen, verstehen Sie?›

Der Dolmetscher und der ‹Araber› kamen dazu. Der Dolmetscher beugte sich vor, tauchte bis zum Kinn in das hier nur brusthohe Wasser und verharrte in dieser Stellung, solange er in ihrer Nähe blieb. Trotzdem schimmerte sein verstümmelter Arm im klaren Wasser. Gina lieferte Cici eine Wasserschlacht, während Bart sich mächtig ins Zeug legte und in dem kühlen Blau davonschwamm. Als er zurückkam, meinte er zu Gina, es sei schon spät, Zeit zum Mittagessen. Die Sonne stand jetzt genau über ihren Köpfen. Auf der Hauptstraße, die aus einer einzigen Häuserreihe mit Blick aufs Meer bestand, als sei sie der Länge nach durchgebrochen, flirrten Sonnenstrahlen wie ein orange glühender Strom. Die wenigen Passanten trampelten ihren Schatten mit Füßen.

Stefanos Lebensmittelladen, drei Häuser von Madame Bermons Pension entfernt, wurde von seiner Frau geführt, einer mageren Neapolitanerin um die Vierzig, deren Körper durch zahlreiche Geburten und viel Arbeit ausgelaugt war. Madame Stefano ließ sich nie außerhalb ihres häuslichen Bereichs blicken. Sie trug stets ein und dasselbe Kleid, dessen vormals weiße Farbe längst in ein schmutziges Grau übergegangen war. Das ewig ungekämmte Haar hing ihr in schuppenübersäten blauschwarzen Strähnen in das faltige Gesicht. Die bloßen Füße steckten in ausgetretenen Stoffschuhen, die weiß schimmernden Beine waren von einem Netz blauer Adern überzogen. Offensichtlich besaß die südliche Sonne keinerlei Einfluß auf Madame Stefanos Haut.

Den Wein- und Getränkeverkauf betrieb Stefano selbst. Er war ein despotischer Muskelprotz, der im Gegensatz zu seiner Frau den Vergnügungen dieser Welt nicht entsagte. Er aß gern gut, trank viel und liebte die Frauen. Wegen seiner brutalen, streitsüchtigen Art wurde er weitgehend gemieden. Mit seinen neapolitanischen Landsleuten (die meisten Ortsansässigen waren Neapolitaner, nur eine Minderheit Franzosen), fast alles Verwandte, die ebenfalls Stefano hießen, lebte er in...



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