Vogel | Eine Wiener Romanze | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 316 Seiten

Vogel Eine Wiener Romanze

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8412-0686-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 316 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0686-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Jahrhundertfund - 'Dieser Roman ist ein Wunder.' Maariv Zu pikant, um gedruckt zu werden - das war 'Eine Wiener Romanze', bis der Roman 100 Jahre nach seiner Niederschrift auf den Rückseiten eines unverfänglichen Manuskripts entdeckt wurde. Er erzählt die Geschichte des Michael Rost, der im Wien vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein Glück sucht. Der junge Müßiggänger verkehrt mit Anarchisten, Aristokraten und leichten Mädchen. Er liebt den Duft der Kastanien und seine Zimmerwirtin. Als er eine Affäre mit ihrer 16-jährigen Tochter beginnt, gerät er an den Rand des Untergangs. Im Wien der Vorkriegszeit will er sein Glück machen: Michael Rost, 18 Jahre jung, mittellos, jüdisch, ein Müßiggänger und Flaneur. Als er sich bei einer wohlhabenden Familie einmietet, wird er von der Dame des Hauses verführt und beginnt eine Affäre mit ihrer 16-jährigen Tochter - eine Dreiecksbeziehung, die die Familie bedroht und Rost an den Rand des Untergangs bringt. Viele Jahre später lebt er in Paris und erinnert sich an seine Jugend. Noch immer ist er heimatlos. 'Eine Wiener Romanze' ist ein erstaunlich junges und modernes Buch, es schildert Jugendwahn, Urbanisierung, Religionslosigkeit, Einsamkeit und freie Liebe und das alles vor dem Hintergrund einer bröckelnden Donaumonarchie. David Vogel ist ein Schriftsteller vom Rang eines Schnitzler, Werfel oder Joseph Roth. Sein Roman erzählt eine aufregende Lolita- und Dreiecksgeschichte von schönster Traurigkeit und Poesie. Zugleich zeichnet er das schillernde Porträt einer untergegangenen Welt. 'Rund hundert Jahre nach seiner Entstehung, vermutlich im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, und nach rund fünfzigjähriger Lagerung im Literaturarchiv, wurde das Buchstabenmeer eines ganzen Jugendromans entdeckt, eine Art Zeitkapsel aus dem Westeuropa des beginnenden 20. Jahrhunderts und eine biografische Fundgrube über das Leben des jungen Vogel in der Stadt Wien.' Aus dem Nachwort von Lilach Netanel 'Ein faszinierender und bedeutender hebräischer Text.' Haaretz

David Vogel, geboren 1891 in Satanow, lebte ab 1912 in Wien. 1929 emigrierte er nach Palästina, kurz darauf erschien 'Eine Ehe in Wien'. 1930 zog er nach Paris. Nach der Besetzung Frankreichs wurde er ins KZ Auschwitz deportiert und 1944 ermordet. Heute gilt er als großer Erneuerer der hebräischen Literatur. 2013 konnte sein verschollener Roman 'Eine Wiener Romanze' erstmals veröffentlicht werden.

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Michael Rost warf einen Blick aus dem Fenster auf das nächtliche Flussufer, das von den feinen Schnüren eines Herbstregens überzogen war. Er machte »hm« und verließ das Zimmer. Es ging auf zehn Uhr zu. Ein rotbrauner Himmel lastete auf den Dächern, das Pflaster schimmerte feucht und modrig. Hochgewachsen, leicht vorgebeugt schlenderte er langsam durch die schon weniger belebten Straßen, vorbei an grell erleuchteten Schaufenstern, vorbei an Prostituierten unter Regenschirmen. Kurze Zeit später betrat er das Café. Er nickte ein paar Bekannten zu und setzte sich an einen gerade frei gewordenen kleinen Tisch im ersten Saal, gegenüber dem Eingang. Emmi Wittler, schlank, schwarz gekleidet, das rote Haar kurz geschnitten, streckte ihm ihre schmale, gepflegte Hand entgegen und lächelte freundlich. Dann setzte sie sich ohne Weiteres zu ihm und zündete sich eine Zigarette an.

»Ich war gerade im Kino. Bin mittendrin gegangen. Ein langweiliger Film.«

»Allein?«

»Kommt auch mal vor. Egon hat es neuerdings übrigens auf die hübsche kleine Polin abgesehen. Die kennen Sie doch. Ein wirklich liebenswürdiges Mädchen.«

Mit spitzem Mund trank sie ihren dampfenden Kaffee in kleinen Schlucken. Danach zog sie ein goldenes Puderdöschen aus ihrer schwarzen Handtasche und puderte sich das Gesicht nach. Von der glimmenden Zigarette auf dem Aschenbecher, die am unteren Ende Spuren ihres roten Lippenstifts aufwies, kräuselte ein feiner, bläulicher Rauchfaden auf, der stark und würzig duftete.

»Und wer nimmt unterdessen seine Stelle ein?«, fragte Rost lächelnd.

»Unsittlich! Trotzdem werde ich Ihnen verraten, dass ich derzeit eine kurze Pause einlege, um philosophische Betrachtungen über die großen Lebensfragen anzustellen.« Sie ließ ein neckisches, kleines Lachen vernehmen.

»Haben Sie denn schon das passende Alter erreicht? Damit fängt man normalerweise erst mit fünfzig Jahren oder darüber an. Sie haben also, soviel ich weiß, noch an die fünfundzwanzig Jahre Zeit.«

»Frauen, die nicht hübsch sind, fangen in jedem Alter an …«

»Sie möchten mir ein kleines Kompliment abluchsen? Haben Sie das denn nötig?«

»Das hat jede Frau nötig. Selbst die schönste. Ohne das wird sie hässlicher.«

»Und wer die meisten vergibt – der hat gewonnen?«

»Kann sein …«

»Ja dann … dann denken die diversen Krüppel also nur fälschlich, es sei so schwierig.«

Emmi kam gleich ein Armamputierter mit entsetzlich entstellten Zügen in den Sinn, der sich auf ihr wälzte. Vor Abscheu bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. »Hören Sie bitte auf damit. Sie wecken Albträume bei mir.«

Männer und Frauen jeden Alters und aller Nationen und Sprachen drängten sich an den Tischen, die so eng standen, dass kaum noch ein Durchkommen war. Sie tranken, redeten, lachten lauthals, rauchten, verschrieben sich mit Leib und Seele der teils echten, teils künstlichen Vergnügungslust, die diese Stadt beseelte. Rost behielt den Eingang im Blick, musterte die Gesichter der sitzenden oder ein- und ausgehenden Gäste, die den Kellnern den Weg versperrten, so dass diese die Getränketabletts gewandt über ihren Köpfen balancieren mussten. Sein violett angelaufenes Gesicht nahm einen harten, fast brutalen Ausdruck an. Wieder verfiel er in jene bohrende Langeweile, die dem Menschen tief im Herzen sitzt, wie ein Krebsbefall der Seele, vererbt von Generationen, die kein Vergnügen der Welt ausgelassen hatten, wobei Einzelne vor lauter Überdruss aus dem Leben geschieden waren. Er trank einen Schluck von seinem schwarzen Kaffee, der erkaltet war.

»Da kommt Gregor!« Emmi deutete auf einen Mann mit Kippa. Er trug einen verblichenen Sommeranzug, dessen überweite Hose ihm kaum bis an die Knöchel reichte, und steuerte schnurstracks ihren Tisch an.

Emmi stellte ihn vor. Der Mann zog sich einen freien Stuhl von einem dritten Tisch heran und nahm Platz. Sofort wandte er sich an Rost mit der Frage: »Und wo ist Ihr Atelier? Sie sind doch sicher Maler?« Dabei entblößte er ein paar gelbbraune Zahnstummel.

»Ich bin kein Maler.«

»Ach, wie schlau!« Sein Mund verzog sich zu einem lautlosen Lachen.

Während er sich mit der einen Hand die kurze Pfeife in den Mund steckte, nahm er mit der anderen die Kippa vom Kopf und warf sie in seinen Schoß. Unter der glänzenden runden Glatze fielen seine Bartstoppeln noch mehr auf. »Und welchen Philosophen lesen Sie gerade?«

»Auch das trifft es nicht. Sie irren sich gewaltig.«

»Dann sind Sie ja erst recht würdig, mir einen Kaffee auszugeben. Oder richtiger, ein Glas Wein. Sie verstehen was vom Leben, Herr Rost …! Mit Männern Ihres Schlags wechselt Paul Gregor gern ein Wort, hihi. Garçon, Weißwein!«

Emmi lachte.

»Ich bin keineswegs sicher, Ihrer würdig zu sein«, scherzte Rost.

»Aber ja doch, und wie, mein Herr! Seien Sie nur nicht zu bescheiden. Ich habe dadurch meine Haare und meine Zähne verloren und weiß, was ich sage!« Er zog heftig an seiner kalten Pfeife. »Sollten Sie jedoch zufällig Schriftsteller sein, dann dürfen Sie mich durchaus auf Herz und Nieren prüfen und sich meiner nach Herzenslust bedienen. Darin sind Ihnen schon viele gute Leute vorangegangen. Diese bedauernswerten Schriftsteller, Einfallsreichtum ist nur wenigen hervorragenden Geistern gegeben, und interessante Menschen sind ja so selten! Deshalb fallen die Leute wie eine hungrige Meute über mich her. Ich habe viel zu bieten. Genug für alle!«

»Nein, ich bin kein Schriftsteller.«

»Nicht?! Dann sind Sie ja ein ganz exotischer Vogel!«

Er drückte sich das Monokel, das an einem schwarzen Band hing, in die rechte Augenhöhle, um seinen Gesprächspartner näher zu betrachten, wobei seine wässrigen Augen flatterten und sein Mund unablässig grinste. Mit spöttischer Miene hielt Rost seinem prüfenden Blick stand.

»Nein!«, entschied Gregor. »Von Ihrer Sorte findet man hier kein halbes Dutzend, das garantiere ich Ihnen. In diesem Viertel – nein!«

»Und Sie selbst?«

»Ich? Bin Schriftsteller, selbstverständlich! Das sei vorausgestellt! Ich verfasse Bittschriften an die großen Spender! Was wollen Sie – die Deutschen sind Barbaren, unkultiviert! Von Malerei verstehen sie so viel wie ein Affe, mehr nicht! Sie sind derb, unhöflich, töricht, dumm wie Rindviecher! Und wenn Sie das Pech hatten, als deutscher Maler auf die Welt gekommen zu sein – dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als ›Schriftsteller‹ zu werden …« Zornig nahm er einen ordentlichen Schluck Wein.

Emmi sagte: »Herr Gregor ist gewiss wieder schlecht aufgelegt, dann lässt er seinen ganzen Zorn auf die armen Deutschen los.«

»Sehr richtig! Und mir ist auch ein großes Unglück passiert!«, fuhr er fort. »Mein Kater, wissen Sie, hat gestern Selbstmord begangen.«

»Selbstmord?«

»Er hat sich aus der dritten Etage gestürzt. War auf der Stelle tot. In der letzten Zeit litt er bereits unter starken Depressionen. Das war augenfällig. Er wollte auch nichts fressen. Vielleicht war er krank.« Er zwinkerte mit seinen kleinen Augen und drückte das Monokel fest. »Zum Mittagessen habe ich immer zweimal Braten bestellt, eine Portion für mich, eine für ihn. Heute habe ich wieder nur eine genommen.«

»Wahrscheinlich ist er versehentlich aus dem Fenster gefallen«, bemerkte Rost.

»Meinen Sie?!«, brauste Gregor auf und fuchtelte mit der Pfeife. »Dann verstehen Sie rein gar nichts, netter Herr! Eine Katze, müssen Sie wissen, kommt nie durch Fall zu Schaden! Sie fällt immer auf die Füße und spaziert davon. Lassen Sie sich das gesagt sein: Mein Kater hat sich umgebracht! Jawohl! Vor lauter Schwermut! Er konnte sich ja nicht erschießen, bloß damit Sie ihm glauben!«

Rost ließ kurz seine dunkelgrünen Augen auf ihm ruhen.

»Und was tun Sie sonst so, Herr Gregor?«, fiel Emmi ein.

»Ich male Bilder, wie immer. Alle auf ein und dieselbe Leinwand. Ein ganzes Jahr auf dieselbe Leinwand, hihi. Hab schon hundert so gemalt.«

»Hundert auf ein und dieselbe Leinwand?«

»Warum denn nicht! Ich übermale eines mit dem anderen. Im letzten Bild sind dann alle enthalten. Wer es kauft, muss für alle hundert bezahlen. Außerdem … schreibe ich ja an einer neuen Philosophie. Text und Illustrationen aus eigener Hand. Das wird das tiefschürfendste und originellste Werk seiner Zeit, das garantiere ich Ihnen.« Er trank seinen Wein aus und bestellte ein zweites Glas. »Dem haben Sie doch nichts entgegenzusetzen, Herr Rost!«, sagte er zum Abschluss. »Und womit beschäftigen Sie sich dann in dieser Metropole?«

»Das ist ein Geheimnis.«

»Soso! Und die Finanzmittel? Die Geheimnispflege will bekanntlich finanziert sein.«

»Sind ausreichend vorhanden.«

»Und wie wäre es da mit einer Anleihe?«

»Wer bei wem?«

»Na, ich bei Ihnen natürlich.«

»Möglich. Wie hoch?«

»Von zwanzig aufwärts. Unbegrenzt.«

»Wir stehen also bei zwanzig«, lachte Rost und reichte ihm zwei gefaltete Geldscheine.

Gregor fasste sie mit Daumen und Zeigefinger und schob sie in die Jackentasche. »Was möchten Sie dann trinken, Herr Rost? Jetzt bin ich ja wieder reich, kann einen ausgeben. Und Sie, Madame? Vielleicht einen Bénédictine?«

Er drängte so sehr, dass sie nachbestellten. »Besuchen Sie mich einmal«, sagte Gregor, während er sich die Pfeife neu stopfte.

»Vielleicht bei Gelegenheit.«

»Aber ich sitze nicht immer zu Hause.«

»Und Sie möchten, dass ich Sie besuche?«

»Eigentlich nicht nötig. Habe es nur aus Höflichkeit gesagt. Manchmal bin ich sogar etwas höflich, wie Sie sehen,...



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