E-Book, Deutsch, Band 6, 100 Seiten
Reihe: Der Henker
Voehl Der Henker 6 - Die Wölfischen
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95572-986-8
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 6, 100 Seiten
Reihe: Der Henker
ISBN: 978-3-95572-986-8
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wer ohne Schuld ist, hat nichts zu fürchten. Alle anderen sollten sich vorsehen! Der Henker, Band 6: Die Wölfischen Uwe Voehls legendäre Miniserie 'Der Henker' ... endlich als E-Book erhältlich!
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2. Kapitel
Natürlich wollte Bernd die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Selbst während des ausgezeichneten Essens blieb er beim Thema. Er konnte sich das Vorgefallene einfach nicht erklären. Wenigstens erweckte er den Eindruck.
»So«, sagte Rita nach dem Essen, »ich werde euch Männer jetzt allein lassen. Ihr habt sicherlich einiges zu bereden.« Sie gähnte demonstrativ.
Es war mittlerweile elf Uhr geworden, aber trotz des ereignisreichen Tages war ich noch nicht müde.
Bernd führte mich in seine geräumige Bibliothek, in der wir es uns auf zwei Ledersesseln bequem machten.
»Nun mal raus mit der Sprache«, sagte ich. »Du weißt sehr wohl, was hier im Hause vorgeht, habe ich Recht?«
Einige Sekunden lang überlegte er, ob er sich mir anvertrauen wollte, dann nickte er schwer.
In dem nicht zu hellen Licht der Bibliothek wirkten seine Gesichtszüge düster und eingefallen, aber dennoch strahlten sie noch immer die harte Entschlossenheit aus, die ich von früher her kannte.
»Ich wohne jetzt fünf Jahre hier in Bensdorf«, sagte er, »und es ist weiß Gott nie etwas Merkwürdiges vorgefallen. Vielleicht war ich aber auch nur zu sehr mit dem Pferdezüchten beschäftigt und habe nichts bemerkt. Seit zwei Wochen jedenfalls sind bestimmte Vorgänge einfach nicht mehr zu übersehen …«
»Zum Beispiel dein unsichtbarer Quälgeist«, sagte ich.
»Es gibt noch andere Dinge, die mich beunruhigen«, fuhr er fort. »Magst du einen Scotch?«
Ich nickte, wusste ich doch, dass es sich dann viel besser plaudern ließ.
»Nun?«, fragte ich, nachdem er uns die Drinks eingegossen und ich einen Schluck genommen hatte. »Was sind das für andere Dinge, die dir noch Sorgen bereiten?«
»Erscheinungen«, sagte er. »Erscheinungen der vielfältigsten Art. Sicherlich hältst du mich jetzt für verrückt, nicht wahr?«
Ich schüttelte den Kopf. »Denk daran, was ich heute Abend bereits erlebt habe. Ich glaube nicht, dass sich das so einfach erklären lässt.«
»Aber es lässt sich erklären«, sagte er zu meiner Überraschung. »Ich meine, sofern man das Übernatürliche nicht als Unsinn abtut, was ich schon lange nicht mehr wage, dann gibt es eine Erklärung für deine Begegnung mit dem Unsichtbaren und all die anderen Dinge, die du noch nicht kennengelernt hast.«
Ich nahm erst mal einen weiteren Schluck. »Also raus mit der Sprache!«, ermunterte ich ihn. Die alte Vertrautheit zwischen uns begann sich allmählich wieder einzustellen.
»Nun«, sagte er zögernd, da er offensichtlich nach den richtigen Worten suchte, »wie ich schon sagte, begann der eigentliche Spuk vor etwa zwei Wochen. Jedenfalls schloss ich sofort auf eine Verbindung der Geschehnisse mit dem Buch …«
»Welchem Buch?«, unterbrach ich ihn.
»Dem …«
In diesem Moment erloschen die Lichter in der Bibliothek, und es wurde schlagartig stockdunkel.
»Gehört das auch zu den Erscheinungen?«, fragte ich in die Dunkelheit hinein.
»Ich fürchte ja«, hörte ich Bernd antworten.
Dann vernahm ich einen seltsamen Laut. Er hörte sich an wie das Hecheln eines Tieres! Das Hecheln ging in ein sich gefährlich anhörendes Knurren über.
Das näherkam.
Ich spürte die Präsenz dieses Wesens fast körperlich, obwohl ich ahnte, dass es nicht mehr als ein Spuk war.
»Was passiert, wenn wir es ignorieren?«, fragte ich Bernd. »Ich meine, kann es irgendwie handgreiflich werden?« Wenn dieses Ding, das da herumschleicht, überhaupt Hände hat, setzte ich in Gedanken hinzu.
»Ich möchte es nicht auf einen Versuch ankommen lassen«, hörte ich Bernd gepresst sagen. Ich spürte, wie er meinen Arm ergriff. »Halt dich fest und folgte mir. Wir sehen zu, dass wir hier rauskommen!«
Ein schriller Schrei unterbrach unsere Fluchtgedanken.
»Das ist Rita!«, stellte Bernd fest.
Ich handelte. Ich schüttelte seine Hand ab und lief in der Finsternis in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. In der Dunkelheit stieß ich gegen alle möglichen Möbelstücke, bis ich endlich die Treppe erreichte.
Ein zweiter Schrei aus gleicher Kehle ließ mich noch schneller laufen. Dann stieß ich mit jemandem zusammen, fasste danach und spürte, dass es Rita war.
Sie schlug nach mir und kreischte, aber einige beruhigende Worte brachten sie zur Besinnung.
»Es, es verfolgt mich!«, brachte sie heraus.
Ich schaute in die Finsternis, konnte aber nicht die geringste Bewegung darin ausmachen. Dann hörte ich das Hecheln wieder. Es kam nun von zwei Seiten. Von der Treppe und aus dem Korridor. Es hörte sich schauerlich an.
»Kommt herunter!«, hörte ich Bernd weit entfernt rufen, aber das hatte ich sowieso vorgehabt.
Ich zog Rita hinter mir her, erreichte die Treppe. Das Hecheln erklang nun von ganz nah. Unten auf den Stufen stand Bernd, ein brennendes Holzscheit in der Hand, das die Umgebung geisterhaft ausleuchtete.
Von einem hechelnden Wesen war weit und breit keine Spur zu sehen. Dennoch erklangen die Laute in unveränderter Lautstärke. Es schien auf den Treppenstufen zu verharren.
»Kommt schon!«, rief Bernd ungeduldig. »Lange brennt das Scheit nicht mehr!«
Ich zögerte. Wer sagte mir, dass sich das Wesen auf der Treppe nicht plötzlich manifestierte? Im Geiste sah ich riesige Fangzähne aus dem Dunkel sich in meinen Nacken schlagen.
»Also gut, fang!«, rief Bernd und warf mir das brennende Scheit zu. Ich bückte mich danach, als sich die Geräusche mir blitzartig näherten.
Obwohl ich nach wie vor niemanden sah, warf ich mich automatisch zur Seite und zog Rita ebenfalls zu Boden. Ich hörte sie aufschreien, als die Geräusche über uns hinwegpfiffen.
Dann war es vorüber. Schlagartig gingen die Lichter wieder an, nichts war mehr zu hören.
Ich erhob mich. Rita richtete sich ebenfalls wieder auf. Oberhalb trug sie nur noch ein winziges Dessous.
»Ich war gerade dabei, mich auszuziehen«, erklärte sie, »als diese furchtbaren Geräusche einsetzten.«
»Zum Glück ist ja nichts passiert«, sagte Bernd.
»Jedenfalls sollten wir uns nun alle reinen Wein einschenken«, schlug ich vor. »Unser begonnenes Gespräch unter Männern schien zwar recht nett zu werden, aber ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass Sie, Rita, mir auch einiges zu erklären haben.« Ich spielte auf den Blutfleck an. »Was haben Sie heute Abend weitab von Bensdorf dort draußen zu suchen gehabt?«
»Das frage ich mich auch«, sagte Bernd überrascht.
Rita funkelte ihn wütend an. »Glaubst du eigentlich, ich bin blind?«, rief sie hinunter. »Jedenfalls habe ich heute einen von ihnen gesehen und verfolgt …«
»Du hast…?«, begann Bernd, aber ich unterbrach ihn.
»Können wir diese Sache nicht wirklich so bereden, dass ich sie auch verstehe? Schlafen kann ich jetzt sowieso nicht. Wie wäre es, wenn wir in den Gasthof hinübergehen und ein Glas Bier trinken?«
»Einverstanden«, sagte Bernd.
Auch Rita nickte. »Ich muss mir nur noch eben was überziehen.«
Was wir ihr natürlich gewährten.
Trotz der späten Stunde ging es im Schwarzen Schaf nach wie vor hoch her. Wir konnten jedoch noch einen freien Tisch ergattern.
»Die meisten Gäste sind aus dem Dorf«, erklärte mir Bernd, nachdem wir Platz genommen und bestellt hatten. »Aber siehst du die beiden Typen dort hinten in der Ecke?«
Ich schaute unauffällig hinüber und sah zwei ältere Herren tuschelnd im Gespräch vertieft. Sie machten auf mich nicht gerade einen vertrauenswürdigen Eindruck.
»Meinst du die zwei Burschen, die wie Totengräber aussehen?«, fragte ich.
Bernd nickte. »Die kamen vor drei Tagen und haben sich hier im Gasthof einquartiert. Angeblich kommen sie aus den Vereinigten Staaten. Wie mir der Wirt erzählte, gehören sie dort irgendeiner merkwürdigen Sekte an. Jedenfalls haben sie so etwas angedeutet. Außerdem hat die Frau des Wirtes seltsame Geräusche aus dem Zimmer der beiden Amerikaner vernommen.«
»Willst du damit andeuten«, fragte ich, »dass sie für die Geräusche und Vorgänge in deinem Haus verantwortlich sind?«
»Das würde ich denken, wenn ich es nicht besser wüsste.« Bernd schwieg einen Moment, als der Wirt die Getränke brachte.
»Na, Kurt?«, fragte er dann den Kneipier, »sind wieder neue Gäste eingetroffen?«
Der Wirt lugte über die Schulter, so als befürchte er, beobachtet zu werden. Dann setzte er sich zu uns. Mir war er nicht sehr sympathisch, dazu war er mir zu finster und schmierig, aber als einziger Wirt des Ortes konnte er sich ein solches Aussehen offenbar erlauben.
»Und ob«, begann er, »und ob! Heute habe ich das letzte freie Zimmer vermietet. An einen Chinesen! Na ja, wir müssen abwarten, was kommt. Und wer sind Sie?«, fragte er mich unvermittelt.
»Ein Schulfreund von mir«, antwortete Bernd an meiner Stelle.
»Dann nichts für ungut«, sagte er und erhob sich. Als er sich entfernt hatte, sagte Bernd: »In den letzten Tagen sind die merkwürdigsten Leute in Bensdorf eingetroffen. Aus aller Herren Länder. Dabei steht unser Bensdorf noch nicht einmal auf jeder Landkarte.«
»Was sind das für Leute?«, fragte ich.
»Nun«, fuhr Bernd fort, »die Amerikaner habe ich dir bereits gezeigt, und den Chinesen kenne ich selbst noch nicht. Weiterhin sind drei Russen eingetroffen, von denen der Wirt nichts weiter weiß, da sich die Burschen in...




