E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Vitásek Ich bin der Andere
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7106-0608-3
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Selbstporträt
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0608-3
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Vitásek ist Kabarettist, Schauspieler und Regisseur. Zahlreiche Preise: Salzburger Stier, 'Österreichischer Kabarettpreis', Schweizer Kabarettpreis Cornichon und Ehrenpreis des Deutschen Kleinkunstpreises. Mit Niki Lists Filmen 'Malaria' und dem Kinohit 'Müllers Büro' startete seine Filmkarriere.
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František Vitásek begrüßt seine neue Heimat (links); bei der Ausübung seines Berufs als Zuschneider (rechts unten); sein Personalausweis für Ausländer und Staatenlose
Am ersten Tag meiner Volljährigkeit bin ich aus der Kirche ausgetreten. Also eigentlich am zweiten, weil am 1. Mai hat das Magistrat in Favoriten so was von zu, zuer noch als an anderen Feiertagen. Übrigens jenes Magistrat, in dem … wie sich Lebenslinien immer wieder verknoten und dann wieder auseinanderführen. Das macht es auch so schwierig, linear die Geschichte eines Lebens, meines Lebens zu erzählen. Denn neben der wirklichen Lebenslinie läuft ja noch die mögliche Lebenslinie, all das, was hätte sein können. Oft frage ich mich, was geschehen wäre, wenn ich zu diesem oder jenem Zeitpunkt eine andere Entscheidung getroffen hätte. Würde ich heute an genau demselben Punkt stehen oder wäre alles ganz anders geworden? Wäre ich der gleiche oder wäre ich jemand ganz anderer? Und wie wäre dann dieser andere? Selbst als ich schon als Kabarettist in Österreich einigermaßen erfolgreich war und bereits ganz gut von meinen Auftritten leben konnte, pflegte mich meine Mutter regelmäßig zu fragen: „Andi, glaubst du nicht, wenn du gleich nach der Schule in eine Bank gegangen wärst, dass du heute schon eine schöne Position hättest?“
František Vitásek vor dem Rathaus (man beachte die Werbung für Mietwäsche auf der Tramway); das fesche Paar František und Mathilde, wahrscheinlich bei der Wiener Messe
Und ich antwortete jedes Mal darauf: „Mama, wenn ich ein Kabarettprogramm spiele, das gut läuft, verdiene ich doch mehr als ein Angestellter in einer Bank.“
Und drauf sie: „Ja, aber das wäre halt was Sicheres.“
Nach der Finanzkrise 2008 hat sie nie mehr wieder davon gesprochen. Wahrscheinlich hätte sie in der Coronakrise wieder damit angefangen.
Meine Mutter Mathilde, für die meisten war sie die Hilde und irgendwann einmal die Mati, eine Verknüpfung von Mutti, Mama und Mathilde, die Mati also wurde am 14. Februar 1933 in Kematen an der Ybbs geboren. Am Valentinstag, ein Datum, das man sich sogar als vergesslicher Rabensohn leicht merken kann. Über ihre Kindheit in den Kriegsjahren hat sie mir so gut wie nichts erzählt, ich hab’ aber auch nicht wirklich nachgefragt. Das war ein Fehler. Kinder, löchert eure Eltern mit Fragen, solange sie sich noch halbwegs erinnern können. Sie werden euch vielleicht mehr erzählen, als euch lieb ist.
Ich nehme an, dass meine Mutter die Kriegszeit im Mostviertel verhältnismäßig unbeschadet überstanden hat. Nach dem Kriegsende zog sie nach Wien und schloss sich der Heilsarmee an. Sie lernte meinen um 22 Jahre älteren Vater kennen. Wie und wo, weiß ich leider nicht. Aber ich nehme an, eher in einem Nachtlokal als im Lesesaal der Nationalbibliothek. Mein Vater war ein tschechischer Zuschneider, der vor den Kommunisten nach Österreich geflüchtet war, schon zwei gescheiterte Ehen hinter sich hatte und den man wahrscheinlich zutreffend als Lebemann bezeichnen konnte. Nach den Fotos aus jener Zeit zu schließen, dürften die beiden ein recht flottes Leben miteinander geführt und gemeinsam diverse Wiener Nachtlokale wie den Mondscheinkeller oder die Casanovabar unsicher gemacht haben. Bis ich kam. Wie ich später erfuhr, hat sie meinem Vater verschwiegen, dass sie schwanger war, da sie schon zuvor einen damals noch illegalen Schwangerschaftsabbruch hatte durchführen lassen und mich auf jeden Fall bekommen wollte. Ich bilde mir ein, dass ich deshalb immer eine unerklärbare Sehnsucht nach einer älteren Schwester hatte. Aber das ist natürlich völliger esoterischer Quatsch.
Als meine Mutter einmal meinen Vater erwischte, wie er gerade mit einer anderen Frau aus dem Stundenhotel Orient kam, schnappte sie mich und fuhr zurück nach Kematen zu ihren Eltern, um dort zu bleiben und mich dort auch großzuziehen.
Ich kann mich nur sehr dunkel an meine Großeltern erinnern, an die Oma Leopoldine eigentlich nur über den Geruchssinn. Majoran, sie hat alles mit einer Überdosis Majoran gewürzt. Den Opa Franz Xaver hab’ ich hauptsächlich mit Inhalationsapparat in Erinnerung. Er war Arbeiter in der Papierfabrik in Kematen und litt wegen der Feinstaubbelastung bei der Zellstofferzeugung an schwerem Asthma. Wenn er sein Inhalationsgerät abgesetzt hat, kam ein Hitlerbärtchen zum Vorschein. Aber damals haben alle Männer seiner Generation in der Gegend ein Hitlerbärtchen getragen bzw. hat der Hitler eine Rotzbremse wie alle Männer seiner Generation gehabt. Hitler war ja zumindest bartmäßig kein verhaltensauffälliger Exzentriker.
Mein Opa hat mir einmal eine fünfbändige Brockhaus-Ausgabe geschenkt, auch die kleine Schwester des Brockhaus genannt, warum Schwester, weiß ich nicht, steht so in Wikipedia. Wikipedia ist übrigens laut Wikipedia „ein Projekt zur Erstellung eines freien Onlinelexikons in zahlreichen Sprachen“. Quasi der Killer des Brockhaus.
Diese Brockhaus-Ausgabe wurde meinem Großvater von einem Keiler an der Tür aufgeschwatzt. Der Brockhaus wurde ja hauptsächlich an der Tür verkauft, so wie der von den Zeugen Jehovas.
Der Vertreter hat aus meinem Opa irgendwie rausgequetscht, dass er ein Enkerl hat, das gerade in die Volksschule gekommen ist, und so meinen Opa an seiner schwachen Stelle erwischt.
„Ihr Enkerl soll es doch einmal besser haben als Sie“, und schon hat Franz Xaver unterschrieben und sich so zu überteuerten Ratenzahlungen bis an sein Lebensende verpflichtet.
Ferner kann ich mich noch an die Hasenställe bei der Ybbsbrücke erinnern, unter der das Wasser damals so schön gelb geschäumt hat, wie in einem Schaumbad in der Badewanne. Der Schaum kam natürlich von den Schadstoffen, die bei der Papiererzeugung entstehen.
Hätte sich damals meine Mutter nicht doch noch von meinem Vater zur Rückkehr nach Wien und zur anschließenden Heirat überreden lassen, wäre ich wohl in Kematen an der Ybbs aufgewachsen und würde heute Andreas Bierbaumer heißen. Kein schlechter Name für einen Kabarettisten.
Einmal bin ich im Zuge einer Tournee – ich hatte einen Auftritt in Waidhofen an der Ybbs – durch Kematen gefahren.
Das Geburtshaus meiner Mutter wurde abgerissen, das Wasser unter der Ybbsbrücke ist sauber und klar und die Hasenställe sind Laufhäusern gewichen. So gut ist der Name Bierbaumer auch wieder nicht fürs Kabarett.
Die Brockhaus-Ausgabe aus dem Jahre 1961 habe ich noch immer, und ich hab’ sie als Kind intensiv genutzt. Oft hab’ ich vor dem Einschlafen darin gesurft, ohne etwas Bestimmtes zu suchen.
Eines Abends, ich war schon im Bett, hörte ich, wie meine Eltern laut lachten, sie sahen sich irgendetwas im Fernsehen an. Ich stand auf, schlich zur Tür und sah im Fernseher, mit dem Piratenschiff und der Libelle oben drauf, schwarz-weiß, unscharf, zwei Männer als Frauen verkleidet. Sie scherzten miteinander, und meine Eltern schmissen sich weg vor Lachen. Das war die Bilanz der Saison mit Farkas und Waldbrunn. Ich verstand nicht viel, nur dass der Dicke immer den Kopf auf die Schulter des kleinen Hageren gelegt und wiederholt „gelungen“ gesagt hat. Dann hab’ ich wieder zurück ins Bett müssen. Ich hab’ den Brockhaus genommen, zufällig bei USA aufgeschlagen und hab’ alle 50 Bundesstaaten auswendig gelernt. Dann bin ich aufgestanden, bin ins Wohnzimmer, Fernseher war schon aus, es war nach der Bundeshymne und der Fahne, meine Eltern haben mich fragend angesehen und ich hab’ alle Bundesstaaten von Amerika alphabetisch aufgesagt, hab’ mich umgedreht und bin schlafen gegangen.
Am nächsten Tag hatte ich alle Namen wieder vergessen.
Für meine Mutter war es immer wichtig, berufstätig zu sein, auf eigenen Füßen zu stehen, und das hat sie auch vehement durchgesetzt. Gar nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass Frauen in Österreich bis 1975 nur mit Zustimmung des Mannes arbeiten gehen durften.
Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich im Magazin eines Lebensmittelladens in der Laxenburgerstraße mit meiner Mutter gestanden bin, Kaffee gemahlen und Kristallzucker in Papiertüten gefüllt habe.
Davor war sie Putzfrau bei der Familie des bekannten Bauunternehmers Maculan. Eine Erinnerung blitzt auf. Ich spiele im Jugendzimmer des ungefähr 15 Jahre älteren Alexander Maculan mit seinen Modellautos.
Meine Mutter hatte bedingt durch die Kriegszeit nur eine sehr einfache Schulbildung erhalten, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb war sie stets bemüht, mich so gut es ging zu fördern. So hat sie mich in einer privaten Musikschule in Favoriten angemeldet, wo ich Geige lernen sollte. Und ich lernte sehr schnell, nämlich dieses Instrument abgrundtief zu hassen. Es tat weh, die Geige drückte...




