E-Book, Deutsch, Band 1, 353 Seiten
Reihe: Detective Romilia Chacón
Villatoro Dunkle Falle
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-261-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller - Detective Romilia Chacón ermittelt 1 | Eine junge Polizistin, ein Serienmörder, ein perfides Spiel
E-Book, Deutsch, Band 1, 353 Seiten
Reihe: Detective Romilia Chacón
ISBN: 978-3-98952-261-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wem kann sie noch trauen? Ein Einschussloch im Kopf, die Pistole noch in der Hand: Als in Nashville die Leiche eines Reporters gefunden wird, legt die Polizei es schnell als Selbstmord zu den Akten. Doch Romilia Chacón, blutjunge Polizistin bei der Mordkommission, findet bei dem Toten einen rätselhaften jadegrünen Schmuckstein in Form einer Pyramide - das Markenzeichen eines brutalen Serienkillers, der längst hinter Gittern sitzt ... oder etwa nicht? Romilia beginnt, fieberhaft zu ermitteln - aber schon bald erkennt sie, dass Recht und Gesetz sie hier nicht weiterbringen. Um herauszufinden, wer der Killer ist, muss sie tief in die Welt des Organisierten Verbrechens eintauchen und schon bald den härtesten Preis für die Suche nach der Wahrheit zahlen ... »Exzellent geschrieben - ein Volltreffer!« Library Journal Der düster-fesselnde Auftakt der »Detective Romilia Chacón«-Thrillerreihe, in der jeder Band unabhängig gelesen werden kann und die Fans von Karen Rose begeistern wird.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Mein erster Gedanke in jener Nacht: Ich kann Schussverletzungen am Kopf nicht ausstehen.
Ich setzte den rechten Fuß vor den anderen und ging leicht in die Knie, damit ich mich über das Gesicht des toten Mannes beugen konnte. Eine unbequeme Stellung. Trotzdem stützte ich mich mit meinen behandschuhten Händen nicht auf dem roten Honda Civic ab, der nur einen halben Meter von der Leiche entfernt stand. Eine alte Regel aus meiner Zeit auf der Polizeiakademie hallte durch die Tiefen meiner Erinnerung: »Behalte die Hände stets hinter dem Rücken, wenn du dich einem Tatort zum ersten Mal näherst.«
Man musste mir das nicht ins Gedächtnis rufen. Ich wusste es sehr gut. Dennoch ging mir diese Regel weiter durch den Kopf und erinnerte mich daran, dass das hier mein erster Fall in dieser neuen Stadt war, in der ich mich noch kaum zu Hause fühlte. Es war besser, in Gedanken die Vorschriften abzuspielen. Vorschriften halfen mir, mich von dem Mord zu distanzieren, wenn auch nur für kurze Zeit. Die Austrittswunde, geradewegs durch die Schädeldecke, die wie nach außen gekehrter, bröckelig-blutiger und mit zerfetztem Hirngewebe überzogener Milchschorf aussah, verkürzte die Distanz zwischen dem Opfer und mir im Handumdrehen. Doch trotz des scheußlichen Anblicks entging mir die Pistole in der Hand des Mannes nicht, das Erste, was an diesem Bild nicht stimmte.
»Carajo«, raunte ich, »was für eine Sauerei.«
»Was haben Sie gerade gesagt?«, fragte eine Stimme neben mir. Eine Südstaatenstimme, mit diesem weitverbreiteten, näselnden Tonfall, der mir bereits in ganz Nashville aufgefallen war. Ich sah zu einem älteren Mann auf. Er ging neben mir in die Hocke. Der Gerichtsmedizinen Sein Name wollte mir gerade nicht einfallen. Seit ich vor vier Wochen aus Atlanta hierhergekommen war, hatte ich noch an keinem größeren Fall gearbeitet und bisher keine Gelegenheit gehabt, den Gerichtsmediziner kennenzulernen. Der zermatschte Kopf des toten Mannes verhieß, dass dieser alte Herr und ich noch eine ganze Weile miteinander zu tun haben würden.
»Ach, nichts. Nur ein spanisches Wort«, gluckste ich und warf mein Haar über die Schulter, als holte ich es mit einem Haken ein. Ich klang verlegen. Einem Fremden die Bedeutung von carajo zu erklären, wäre sicherlich keine gute Idee. Das gehört sich nicht, würde mich meine Mamá tadeln.
Er erwiderte nichts. Im Augenblick war er offenbar zu beschäftigt, um sich vorzustellen. Er hatte einen kleinen Schnitt in den Bauch des Opfers vorgenommen und steckte nun ein Digitalthermometer hinein. Daraufhin verharrte er in der Hocke und hielt das Thermometer still. »Wird schwer werden, eine genaue Anzeige zu bekommen«, brummte er. »Er hat durch die Kopfwunde zu viel Blut verloren. Die Kugel muss den Rand der Halsschlagader durchschlagen haben. Mit dem Blut entweicht die Hitze noch schneller.« Er schrieb etwas den Einschnitt betreffend auf seinen Notizblock.
Blitzlichter explodierten um uns herum, da zwei Streifenpolizisten Fotos von der Umgebung machten. Sie erleuchteten die Dunkelheit des frühen Morgens mit ihren lautlosen Lichtblitzen. Während der Doktor das Thermometer tiefer in die Eingeweide des Mannes schob, entfernte ich mich, um mir das Auto anzusehen. Es war ein kleiner, sportlich roter Honda. Die Fahrertür stand offen. Die Leiche lag rechts vor dem Wagen. Das Auto besetzte zwei Parkplätze, wobei sich die Wagenmitte über einer der Abgrenzungslinien befand. Es hatte den Anschein, als hätte das Opfer – falls es mit dem Fahrer identisch war -, den Wagen in aller Eile abgestellt, ohne groß auf die Platzmarkierungen zu achten.
Die kurzen, summenden Töne eines Telefons, das man nicht wieder aufgelegt hatte, zirpten im Gras. Ich war überrascht, dass es niemandem aufgefallen war. Vielleicht hatte die Spurensicherung beschlossen, das Handy dort liegen zu lassen und auf die Fingerabdruck-Experten zu warten, damit sie erst einmal etwaige Fingerabdrücke sichern konnten. Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe ins Gras. Es war eines dieser neuen, flachen Handys, die problemlos in eine Brusttasche passen.
Hinter mir zog der Gerichtsmediziner das kleine, schmale Stäbchen aus dem Bauch des Mannes. Um das Thermometer ins Licht einer Straßenlaterne halten und die Temperatur ablesen zu können, musste er aufstehen. Er wandte sich kurz von mir ab. Der Mann war viel größer als ich und von hagerer Gestalt.
Ich war mir nicht sicher, ob er mich kennen wollte oder nicht. Er wirkte beschäftigt, zu beschäftigt, um sich für mich Zeit zu nehmen. Und doch lief ich herum, als gehörte ich nicht hierhin. Ich war eine von zwei oder drei Frauen vor Ort. Vielleicht war das der Grund, warum ich zögerte, meinen rechtmäßigen Platz – welcher der der leitenden Ermittlerin war – am Tatort einzunehmen.
Dann war da noch der Mord an sich. Ich konnte den Anblick der Schusswunde nicht lange ertragen. Ich musste mich wieder aufrichten und ein paar Schritte auf Abstand gehen. Auf der anderen Seite des Hondas, im Hintergrund meines Sichtfelds, trieb ein großes Flussschiff im Cumberland River, dessen prunkvolle Brücke über die Hochwassermauer hinausragte. Jenseits des Stromes konnte man die schwarzen Umrisse alter Gebäude ausmachen, eine kleine, antike Skyline, die von den neuen, diesseits des Wassers gelegenen Wolkenkratzern überschattet wurde.
Zwei Officers sperrten die Umgebung mit gelbem Band ab. Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken und schlenderte auf sie zu. Sie unterhielten sich gerade leise darüber, wie seltsam ein Selbstmord in diesem Teil der Stadt sei. »Gleich hier in der Innenstadt, am River Park, mitten in der Nacht. Das glaub ich einfach nicht.«
Ich stellte mich als der leitende Detective vor. Eigentlich war ich der einzige Detective vor Ort, was ich den Uniformierten aber nicht auf die Nasen binden würde. Einer der beiden drehte sich um und sah auf mich herab. Ich spürte, wie er den Blick schnell über meinen Körper schweifen ließ, was völlig sinnlos war, da ich einen langen schwarzen Trenchcoat trug, der mich vom Hals bis zu den Knöcheln einhüllte. Diese kalten Novembertage erforderten so viel Schutz. Der Polizist kam mir bekannt vor. Dann wurde mir klar, dass es seine Augen waren. Sie hatten mich schon einmal gemustert, in den Korridoren des Polizeipräsidiums in der Innenstadt. Ich hatte irgendwann letzte Woche dort vorbeigeschaut. Nachdem er mich von oben bis unten betrachtet hatte, hatte er seinem Partner zugeflüstert: »Schau dir mal die Lady in Rot an.« Meiner Mutter hätte diese Bemerkung überhaupt nicht gefallen. Allerdings hätte sie nicht den Officer für seinen leisen, anzüglichen Kommentar gerügt, sondern hätte stattdessen mich dafür getadelt, dass ich meine Lieblingsfarbe trug. »Demasiado sexy, hija«, hätte sie gesagt. »Du sendest Botschaften aus, die sich für eine Dame nicht schicken.«
Wie immer hatte sie natürlich recht. Ich hatte jedoch noch nie den Wunsch verspürt, damenhafte Botschaften auszusenden. Ich war Detective bei der Mordkommission und keine alberne Debütantin, die an ihrem fünfzehnten Geburtstag am Kirchenportal darauf wartet, dass der perfekte Mann vorbeikommt und sie mitnimmt. Auch wenn ich Latina bin, will ich verdammt sein, wenn ich diese Art von Latina bin.
»Ich bin Detective Romilia Chacón, Officer. Und Sie sind ...« Als ich auf sein Namensschild blickte, das ihn als Biber auswies, musste ich fast loskichern. »Officer Beaver. Vorname?«
»Henry.«
»Was dagegen, wenn ich Sie so nenne?« Er antwortete nicht.
»Einer Ihrer Kollegen hat mir gesagt, Sie hätten die Einzelheiten zu diesem Fall notiert. Was haben Sie für mich?«
Der Biber entfernte sich von mir und dem Ast, an dem er gerade das gelbe Band befestigt hatte. Er ging auf den Wagen zu. »Ziemlich eindeutiger Fall. Selbstmord.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Weil der Mann ‘ne Waffe in der Hand hält, Detective.« Beaver sah mich an, als wollte er sagen: Offensichtlicher geht’s doch gar nicht. Ich wollte ihm am liebsten meinen Steck-dir-doch-deinen-Gummiknüppel-in-den-Arsch-Blick zuwerfen, beschloss jedoch, stattdessen meine Aufmerksamkeit wieder auf die Leiche zu richten. Er fuhr fort: »Es ist eine Fünfundvierziger. Sobald wir sie gesichert haben, überprüfen wir die Seriennummer, um festzustellen, ob sie ihm gehört hat. Ich hab seine Brieftasche mit seinem Namen und seiner Adresse. Deshalb hat man Sie gerufen, Detective.« Sein Ton war ausdruckslos.
»Wie heißt er?«, fragte ich, in dem Wissen, dass es ein spanischer Name sein musste, und wartete gespannt darauf, wie dieser Gringo-Cop die Aussprache massakrieren würde.
Er musste sein Notizbuch durchblättern, um den Namen phonetisch abzulesen: »Diego ... äh ... Diego Sinus, oder so.«
»Sáenz«, verbesserte ich, während ich ihm über die Schulter blickte und die Schreibweise überprüfte. »Diego Sáenz.« Mein abgehackter salvadorianischer Akzent ließ sogar seine Stimme dümmlich klingen.
»Ja. Meinetwegen. Hier in Nashville haben wir’s nicht gerade nötig, unser Spanisch aufzupolieren.« Er klappte sein Notizbuch zu. »Die Fingerabdruckleute werden die Waffe gleich einstäuben und sichern.«
»Sein Name kommt mir bekannt vor. Wie sieht’s mit dem offiziellen Todeszeitpunkt aus?«
»3.11 Uhr morgens. Um die Uhrzeit hab ich ihn entdeckt und es gemeldet. Als ich eine Stunde früher das erste Mal hier durchgefahren bin, hab ich das Auto da noch nicht bemerkt. Er muss sich also kurz nachdem ich weg war umgebracht haben. Als ich wieder hier vorbeigekommen bin, lag er da.« »Haben Sie einen ungefähren Todeszeitpunkt?« »Da müssen Sie den Doc fragen.«
»Alles klar. Wie heißt der Doc...




