Viganò | Agnese geht in den Tod | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 23, 312 Seiten

Reihe: edition fünf

Viganò Agnese geht in den Tod


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942374-66-8
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 23, 312 Seiten

Reihe: edition fünf

ISBN: 978-3-942374-66-8
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ihre Tarnung ist ihre stärkste Waffe: Eine einfache Frau wird zur Partisanin. September 1943: Italien atmet auf. Mussolini ist abgesetzt, das Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten unterzeichnet. Doch dann erklärt Italien Deutschland den Krieg und wird von den Nationalsozialisten besetzt. Als die alternde Wäscherin Agnese einen einheimischen Soldaten bei sich aufnimmt, verpfeifen die Nachbarn sie an die Besatzer. Ihr Mann wird abgeholt und stirbt noch auf dem Weg ins KZ. In einem Racheakt erschlägt Agnese einen Deutschen. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf: Agnese muss fliehen und schließt sich den Partisanen an. Als Botin auf dem Fahrrad übermittelt sie Nachrichten, transportiert Sprengstoff und Lebensmittel. 'La Responsabile' heißt die fürsorgliche Agnese bei ihnen. Der Winter 1945 bringt schließlich die Katastrophe: Die Partisanen sind vom Eis eingeschlossen, und Agnese gerät in eine deutsche Kontrolle ... Renata Viganò zeichnet in ihrem hierzulande lange vergessenen Roman von 1949 einen Lebensweg nach, der den Leser mit seiner Geradlinigkeit und Kompromisslosigkeit zutiefst ergreift.

Die Italienerin Renata Viganò (1900-1976) veröffentlichte schon als junges Mädchen hochgelobte Gedichte, 1933 einen romantischen Roman. Dann wurde die ausgebildete Krankenschwester im Widerstand gegen die Faschisten und Nationalsozialisten aktiv und schrieb von 1945 an Erzählungen und Romane über den politischen Kampf. 'Agnese geht in den Tod' ist ihr berühmtestes Werk. Ihr Haus in Bologna war ein bekannter Treffpunkt für Schriftsteller, Philosophen, ehemalige Partisanen.
Viganò Agnese geht in den Tod jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Als Agnese an einem Septemberabend einen Berg nasser Wäsche auf der Schubkarre vom Waschplatz im Dorf nach Hause schob, begegnete ihr auf dem schmalen Feldweg ein Soldat. Er war jung, klein und zerlumpt. Seine Schuhe waren zerschlissen, vorne schauten die schlammverschmierten Zehen heraus. Während Agnese ihn ansah, merkte sie, wie müde sie war. Sie blieb stehen und ließ die Holme los. Die Karre war sehr schwer.

Die Augen des Soldaten aber waren hell und fröhlich. Er salutierte und sagte zu Agnese: »Der Krieg ist aus. Ich gehe nach Hause. Ich bin schon viele Tage zu Fuß unterwegs.«

Agnese knotete ihr Tuch unter dem Kinn auf, schlug die Enden über den Kopf und fächelte sich mit der Hand Luft zu. »Es ist noch sehr heiß.« Und als fiele es ihr jetzt erst wieder ein, fügte sie hinzu: »Der Krieg ist aus. Ich weiß. Neulich Abend haben sich alle betrunken, als das Radio die Nachricht brachte.«

Sie musterte das Gesicht des Soldaten, und plötzlich huschte ein unbeholfenes Lächeln über ihr wettergegerbtes Gesicht. »Ich glaube, das Schlimmste kommt erst noch«, sagte sie mit der gefassten Ungläubigkeit der Armen.

Aber der Soldat rieb sich die Hände – er war ein sehr fröhlicher Mann. Agnese beugte ihren steifen, dicken Rücken und nahm die Schubkarre wieder auf.

»Bitte …«, sagte da der Soldat und stellte sich selbst zwischen die Holme. Er riss die Karre hoch, der Wäscheberg schwankte, aber der Soldat rief: »Hopp!«, und brachte alles wieder ins Gleichgewicht. Schnell und mühelos marschierte er los und schob das Rad in der tiefen Spurrille vorwärts.

Als sie durch die Lücke in der Hecke traten, sah Agnese auf dem Hof die zwei Töchter von Minghina. Sie fütterten die Hühner, aber sobald sie den Soldaten erblickten, hielten sie inne und tuschelten miteinander.

Das Haus war alt und hätte längst repariert werden müssen, aber keiner tat etwas, weil die beiden Familien, die darin wohnten, sich nicht einigen konnten. »Weibergeschwätz«, sagte Palita, Agneses Mann, dann und rauchte einträchtig mit Augusto, Minghinas Mann, eine Pfeife. Doch wenn die Frauen stritten und sich mit schrillen Stimmen anschrien, sahen sich auch Augusto und Palita böse an und beschimpften einander.

Agnese führte den Soldaten in die Küche. Palita saß am Fenster, die schwarze Katze hockte wie gewöhnlich auf der Anrichte und schnurrte. Beide schauten zu den Eintretenden, dann schloss die Katze die grünen Schlitze im glänzenden Fell und verharrte stumm und unbeweglich wie ein Stein.

»Schwarze Katzen bringen Glück«, sagte der Soldat.

Sie setzten sich zum Abendessen, als es noch hell war. »Iss, Soldat, greif zu«, sagte Palita. Er freute sich, einen von außerhalb zu sehen, der ihm Neuigkeiten berichten konnte. Tatsächlich aber ließ er sich gar nichts berichten, denn er redete die ganze Zeit selbst, so wie es Menschen tun, die viel allein sind. Palita verbrachte seine Tage damit, dass er im Torbogen oder im Haus am Fenster saß, Besen band, Körbe flocht und Weinflaschen mit Stroh umwickelte. Das waren die einzigen Arbeiten, die er tun konnte, denn als Junge war er schwer krank gewesen. In seiner Jugend war er jeden Tag mit dem Rad dreißig Kilometer in die Stadt zur Schule gefahren, damals hätte er sich ein solches Leben bestimmt nicht erträumt. Die Krankheit hatte ihn gezwungen, die Schule aufzugeben. Später hatte er in ein Sanatorium gemusst.

»Dort bin ich gesund geworden, behaupteten die Ärzte. Soweit man eben gesund werden kann, wenn man diese Krankheit hat. Mein Vater war Bauer, dieses Haus gehörte ihm und auch das Land. Aber wir mussten das Land verkaufen und das halbe Haus, weil ich das Feld nicht bestellen konnte. Trotzdem bin ich viele Kilometer mit dem Rad gefahren, um mich mit Agnese zu treffen.«

Er lachte. Er hatte einen großen, freundlichen Mund und gutmütige Augen und sah viel jünger aus als seine Frau.

»Sie hat mich genommen, weil ich gebildeter war als die andern«, sagte er. »Hübsch war sie, groß, weißt du, Soldat, nicht so dick wie jetzt.«

Agnese warf ihm einen strengen Blick zu, aber ihre Augen lachten. »Das kümmert ihn doch gar nicht«, sagte sie, wobei sie auf den Soldaten zeigte. »Hör auf mit diesen alten Geschichten.«

Der Soldat kaute und sprach kein Wort. Ihm war anzusehen, dass er lange gehungert hatte. Mit leerem Magen hatte er in Gräben und unter Bäumen gerastet, trockenes Brot war in diesen Tagen seine einzige Verpflegung gewesen. Er schien etwas müde, aber guter Dinge zu sein: Er fühlte sich wohl und war satt, diesen Menschen konnte er vertrauen und endlich die Füße unter dem Tisch ausruhen. Bald werde ich schlafen gehen, dachte er.

Agnese ging mit dem Eimer zum Brunnen und holte Wasser. Es war dunkel geworden, ein nachtschwarzer Sommerabend, an dem man den Krieg schon nicht mehr spürte, an dem man sich sicher fühlte.

»Sie ist immer tüchtig gewesen, die Agnese«, sagte Palita mit zärtlicher Stimme. »Sie arbeitet an meiner Stelle und wäscht für das Dorf. Sie umsorgt mich wie ein kleines Kind. Ohne Agnese wäre ich nicht mehr am Leben.«

Die Brunnenwinde quietschte, dann waren Agneses Schritte zu hören und das Plätschern des Wassers, das über den Rand des vollen Eimers schwappte.

In der Küche war es bereits stockdunkel. Palita beugte sich zu dem Soldaten hinüber. Er schämte sich plötzlich, dass er immer nur von sich gesprochen hatte. »Freu dich, Soldat«, sagte er, »der Krieg ist aus.« Er wollte ihn fragen, ob er noch eine Mutter habe und ob er froh sei, nun bald nach Hause zu kommen. Aber der Soldat schlief.

Jemand klopfte an die Küchentür. Agnese löschte das Licht und öffnete. Es war Minghina, keuchend und aufgeregt.

»Ihr müsst den Soldaten sofort wegschicken. Meine Töchter haben gesagt, dass viele Deutsche im Dorf angekommen sind. Wenn sie Deserteure finden, dann nehmen sie auch die mit, die sie versteckt haben.«

»Ach, Unsinn«, unterbrach Agnese sie. »In meinem Haus beherberge ich, wen ich will. Das geht die Deutschen nichts an.«

Von der Straße drangen das dumpfe Brummen von Fahrzeugen und das Dröhnen von Lastwagen herüber, die mit laufendem Motor anhielten. Laute Stimmen ertönten, scharf wie Peitschenhiebe.

»Hört Ihr?«, flüsterte Minghina. »Meine Töchter haben gesagt, dass der Faschismus wiederkommt, und alle, die am 25. Juli gejubelt haben, werden nach Deutschland gebracht. Schickt den Soldaten weg.«

Agnese wollte die Tür schließen, aber Minghina hinderte sie daran. »Sie gehen auch in die Häuser, die abseits liegen. Das ganze Land werden sie durchkämmen. Meine Töchter haben im Haus der Faschisten geholfen und die Deutschen mit Wein bewirtet. Sie sind hergelaufen, um mich zu warnen. Wir sind in großer Gefahr.«

Agnese zuckte mit den Schultern. »Eure Töchter wissen immer alles. Sie möchten gern bei andern Leuten kommandieren. Geht lieber schlafen.«

Sie lehnte ihren dicken Körper gegen die Tür und schob Minghina mit einem Ruck nach draußen. Dann machte sie wieder Licht und schaute eine Weile nachdenklich den Soldaten an, der auf einer Matratze schlief. Er hatte nur die Jacke und die Schuhe ausgezogen und lag auf dem Bauch, starr und steif wie ein Toter. Die schwarze Katze strich behutsamen um ihn herum und leckte eine Wunde an seinem Fuß. Agnese hörte Minghina von draußen leise rufen.

»Verschwinde«, rief Agnese, und die Katze flüchtete in das Schlafzimmer, wo Palita laut schnaufte.

Als es dämmerte, kleidete Agnese sich an, stellte das Frühstück auf den Tisch, weckte den Soldaten und sagte ihm, er müsse sofort weg, weil die Deutschen im Dorf seien. Er lief an den Brunnen, um sich zu waschen, unterdessen brachte Agnese Palita seine Tasse warme Milch. Die Tür zum Hof stand offen. Tiefe Stille lag über der Landschaft, ein bleiches Septemberlicht ohne Sonne. Jemand kam barfuß angerannt. Es war ein Junge, der weiter entfernt in der Nähe der Lagune wohnte. Ohne haltzumachen rief er: »Die Deutschen. Sie kommen her.«

Der Soldat wurde blass und schlüpfte rasch in Jacke und Schuhe.

Agnese gab ihm Brot. »Du gehst diesen Pfad entlang. Weiter vorn führt ein breiter Graben unter dem Deich hindurch. Dort versteckst du dich. Heute Abend kommst du wieder. Ich werde dir Zivilkleider besorgen.«

Während er wegrannte, kam das Brummen eines Motors immer näher. Ein kleiner Lastwagen tauchte auf dem Feldweg auf, bremste auf dem Hof, und die Deutschen sprangen herunter. Ihre mechanischen Bewegungen und ihr unmenschliches Aussehen verunstalteten den Hof, die Landschaft, die ganze Welt. Haut, Brauen,...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.