Viehl Kyndred - Blick ins Dunkel
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9706-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 380 Seiten
Reihe: Kyndred
ISBN: 978-3-8025-9706-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Samuel Taske kann in die Zukunft blicken. Niemals hätte er jedoch vorhergesehen, dass er sich in die hübsche Sanitäterin Charlotte Marena verlieben könnte - die Frau, die er beschützen soll. Denn die kriminelle Biotech-Firma GenHance ist den beiden auf den Fersen, da auch Charlotte eine besondere Gabe besitzt - eine Gabe, die nun ihre einzige Rettung sein könnte.
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1. Juni 2010
»Sie meint, ich versteh die Frauen nicht. Dann steht sie auf und verlässt das Restaurant«, sagte Vincent O’Hara und kippte den Rest Kaffee aus dem Seitenfenster des Wagens. »Einfach so. Und ich muss unsere erste Verabredung allein absitzen und für siebzig Dollar Hummer und Rostbraten essen.«
»Du verstehst die Frauen wirklich nicht.« Charlotte Marena blätterte gähnend die Einsatzberichte an ihrem Klemmbrett durch und zeichnete sie ab. »Warum hast du dir das Essen nicht einpacken lassen und bist ihr nach?«
»Weil ich Hunger hatte.« Sie lachte leise, und Vince warf ihr einen finsteren Blick zu. »Im Ernst, Charlie. Und wäre ich ihr nachgegangen, hätte sie doch alles nur gewaltig aufgebauscht, und ich hätte noch stundenlang Kohldampf schieben müssen.«
»Ich hatte dir davon abgeraten, dich mit einer gebotoxten Bulimikerin zu verabreden«, sagte Charlie.
»So ist sie nicht.« Ihr Kollege klang jetzt nicht mehr so sicher. »Du hast nicht immer recht, was Frauen angeht.«
Sie überlegte kurz. »Na ja – die Letzte war geschieden und nicht Single, die Vorletzte hatte gerade einen Entzug hinter sich, und die Vorvorletzte war schwanger. Also habe ich doch immer recht, was Frauen angeht.«
»Jaja. Und woran hast du es diesmal gemerkt?«
Ihrem Kollegen genau zu erklären, wie sie diesmal hatte wissen können, dass seine neue Flamme abwechselnd von Ess-Brechsucht und ungezügelten Fressanfällen heimgesucht wurde, kam nicht infrage. »Mir ist sofort zweierlei an ihr aufgefallen.« Sie tippte sich an die Stirn. »Nadelstiche.« Sie legte den Zeigefinger an die Lippen. »Und ein etwas strenger, säuerlicher Atem.«
Vince stöhnte. »Das hättest du dir verkneifen können, bis ich mit ihr geschlafen habe, was auch nicht passiert ist.« Er sah auf die Uhr und wechselte auf die Abbiegespur. »Schluss für heute. Übrigens hab ich auf dem Heimweg bei ihr gehalten, um mich zu vergewissern, dass es ihr gut geht. Sie ist weder an die Tür gekommen noch ans Telefon gegangen.«
»Vermutlich war sie gerade damit beschäftigt, alles rauszuwürgen.« Charlotte gähnte erneut, diesmal mit der Hand vor dem Mund. »Du solltest was mit einer Kollegin anfangen. Wir sind zu müde, um neurotisch zu sein.«
Er schnaufte verächtlich. »Du gibst mir doch ständig einen Korb.«
»Ich warte, bis Taylor Lautner volljährig ist.« Sie griff nach dem Funkgerät am Armaturenbrett. »Zentrale, hier Echo Eins-Sieben.« Nachdem die Zentrale die Nummer des Rettungswagens wiederholt hatte, fuhr Charlie fort: »Möchten umkehren zum Allgemeinen Krankenhaus San Francisco.«
Nach einer kurzen Pause kam von der Zentrale: »Echo Eins-Sieben, bitte Position durchgeben.«
Überrascht schaute Charlie auf das GPS. »Zentrale, wir sind mehr als drei Kilometer südlich von Doyle Drive Bayside.«
Die Antwort kam sofort. »Echo Eins-Sieben zur Golden Gate Bridge – Auffahrunfall mit vielen Fahrzeugen und Verletzten. Autobahnpolizei vor Ort.«
Golden Gate Bridge. Charlie gefror das Blut in den Adern.
»Na bravo.« Stöhnend wendete Vince und hielt auf die gewaltige, orangerote Hängebrücke zu, die praktisch von überall in der Stadt zu sehen war. »Verdammte Pendler. Können die keine Viertelstunde später zur Arbeit fahren?«
»Verstanden, Zentrale.« Charlotte schaltete das Blaulicht an, um nicht auf die Brücke zu schauen. »Echo Eins-Sieben trifft in zwei Minuten ein.« Um ihre Phobie in den Griff zu bekommen, erzählte sie ihrem Kollegen eine selbst erlebte Abenteuergeschichte. »Sei froh. Als Tom und ich neulich einen Notruf bekamen, mussten wir eine Schwangere bergen, die sich das Schienbein bei einem bösen Sturz gebrochen hatte. Ich musste die Bahre mit ihr drauf vom äußersten Ende des Anlegers bis zum Rettungswagen schieben.«
»Toll«, meinte Vince. »Das würde ich im Schlaf mit zwei Liegen schaffen.«
»Sie wog dreieinhalb Zentner, schrie ständig nach ihrer Mutter und hätte sich fast die Fixierungen abgerissen«, erwiderte Charlie. »Außerdem lag sie in den Wehen, und als ich sie endlich an der Bordsteinkante hatte und der Hubschrauber sie aufnehmen konnte, war die Geburt in vollem Gange.«
»Du bekommst immer die besten Einsätze, Marena.« Vince schrie auf, als sie ihn gegen die Schulter boxte. »Wirklich!«
Während er mit hohem Tempo Richtung Golden Gate Bridge fuhr, nahm Charlie ihr Handfunkgerät und das von Vince vom Ladegerät am Armaturenbrett und hängte sie an ihre Gürtel. Nach dem letzten Einsatz hatte sie die Sanitätstaschen hinten verstaut, um sie bei Schichtwechsel auszutauschen, und sie hatten kaum noch Verbände. Zum Glück nahmen sie und Vince es sehr genau damit, ihre Reserven bei Schichtbeginn zu überprüfen und aufzufüllen. »Ich packe noch Verbände ein – brauchst du sonst noch was für deine Tasche?«
»Ich hab meine letzte Halsmanschette vorhin verbraucht.« Ihr Kollege überholte einen langsamen Sattelschlepper und überfuhr eine rote Ampel. »Hoffentlich passen alle Fahrer hier auf. Ich bin nicht scharf darauf, Gaffern oder Spurwechslern auszuweichen.«
Den Bürgern einer geschäftigen, dicht bevölkerten Metropole eine qualitativ hochwertige Notfallmedizin zu bieten hatte stets eine große Herausforderung dargestellt, doch seit Gouverneur Schwarzenegger das Gesetz 2917 unterzeichnet hatte, waren die zuständigen Bezirksbehörden verpflichtet, den Großteil der bestehenden Verträge zu überarbeiten. Das Gesetz sollte sicherstellen, dass alle Sanitäter und Notfallmediziner zertifiziert und zugelassen waren und ein polizeiliches Führungszeugnis beibrachten, hatte jedoch dazu geführt, dass fast die Hälfte der privaten Rettungsdienste in der Stadt wegen Verstößen gegen diese Auflagen nur mehr auf Probe zugelassen waren. Viele Notfallmediziner, die eine wenig schmeichelhafte Vergangenheit verschwiegen hatten, waren gefeuert worden, und andere, die sich darüber empört hatten, Fingerabdrücke abgenommen zu bekommen und auch sonst wie Kriminelle behandelt zu werden, hatten gekündigt, was zu einem dramatischen Mangel an qualifizierten Sanitätern geführt hatte.
Die Feuerwehr – seit vierzehn Jahren größter städtischer Dienstleister im Rettungswesen – hatte ohnehin überall Schwierigkeiten, die eingehenden Anrufe innerhalb der eng bemessenen Reaktionszeit zu beantworten. Leider hatte Kalifornien aufgrund seiner wirtschaftlichen Probleme einen Einstellungsstopp verhängt, sodass Charlie und ihre Kollegen praktisch jede Woche Doppelschichten ableisten mussten. Auch kämpften sie mit der neuen Politik des »flexiblen Einsatzes«, nach der Rettungswagen an diversen Verkehrsknotenpunkten der Stadt postiert waren, anstatt am Heimatstandort auf Anrufe zu warten. Das hatte die Anfahrtszeiten verkürzt, doch wenn aus der gleichen Gegend ein zweiter Anruf kam, während die Sanitäter noch beim ersten Einsatz waren, mussten andere Rettungswagen von ihren Posten abgezogen werden, was sofort zu Löchern im Netz führte.
Da half es auch nicht, dass ein Drittel der Anrufe, die die Abteilung jedes Jahr erhielt, keine Notfälle waren. Die meisten dieser Anrufer erwiesen sich als Leute, die nur eine Transportmöglichkeit zum Krankenhaus brauchten und meinten, die Feuerwehr sollte ihnen ein kostenloses Taxi stellen. An manchen Tagen fühlte Charlie sich eher als Busfahrerin und weniger als Sanitäterin.
Die Frontscheibe wurde weiß, als der dichte Nebel der San Francisco Bay sie umfing, die Zufahrt zur Brücke praktisch unsichtbar machte und die beiden Brückentürme wie grellrote Haarklammern erscheinen ließ, die aus dem weißen Schopf einer alten Dame hervorsahen.
Vince schaltete die Nebelscheinwerfer ein und blinzelte durch die Windschutzscheibe. »Siehst du die Autobahnpolizei?«
Charlie sah die roten und blauen Lichter gedämpft durch den Nebel blitzen. »Anscheinend ist der Streifenwagen beim Brückenpfeiler.« Sie ignorierte die zunehmende Beklemmung in ihrer Brust und nahm das Mikrofon. »Echo Eins-Sieben für Zentrale. Bitte geben Sie der Autobahnpolizei Bescheid, dass wir wegen eines Unfalls mit Personenschaden am Südende der Golden Gate Bridge sind.«
»Echo Eins-Sieben, der Sheriff von Marin County leitet den Verkehr Richtung Süden an der Mautstelle auf der anderen Seite der Brücke um«, erwiderte die Zentrale. »Verstärkung seitens der Autobahnpolizei trifft in vier Minuten ein.«
Marin County hatte die Mautstellen geschlossen, sodass keine Pendler mehr Richtung San Francisco auf die Brücke fuhren, doch der Unfall war am Südende der Brücke passiert, wo es keine Mautstellen gab, und die Autobahnpolizei war zwei Minuten hinter ihnen. War der nach Norden strömende Verkehr vormittags noch recht überschaubar, so waren doch in der Hauptverkehrszeit Tausende Autos unterwegs. Die schlechte Sicht aufgrund des Nebels bedeutete eine weitere Gefahr, da sie einen simplen Blechschaden in eine Massenkarambolage verwandeln konnte.
»Was treibt der Polizist da? Steht der bloß rum, statt die Straße zu sperren?«, murmelte Vince. »Bestimmt ein Anfänger, der Kaffee samt Donut übers Geländer kotzt.«
Charlie biss sich auf die Unterlippe und sprach dann erneut ins Mikrofon: »Zentrale, hier Echo Eins-Sieben, kann ich den Polizisten am Unfallort anfunken?« Normalerweise wandten sie sich nicht direkt an die Autobahnpolizei, doch die nach Norden führenden Fahrspuren mussten dringend gesperrt werden.
»Echo Eins-Sieben, der Polizist vor Ort antwortet nicht.«
»Hab ich dir doch gesagt«, so Vince. »Der kotzt sich die Seele aus dem...




