E-Book, Deutsch, 476 Seiten
Verne Reisestipendien
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1368-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 476 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1368-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Eine ganze Gruppe englischer Studenten gerät auf ihrer Fahrt nach Barbados in die Hände von Banditen.
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Der Streich war gelungen. Der erste Teil des Dramas hatte sich mit all seinem entsetzlichen Schrecken und infolge tollkühnster Waghalsigkeit schnell abgespielt.
Früher der der »Halifax«, war Harry Markel jetzt der Herr des »Alert«.
Niemand hätte eine Ahnung von dem hier Vorgefallenen haben, niemand ein Verbrechen zur Anzeige bringen können, das in einem der verkehrsreichsten Häfen Großbritanniens, am Eingange zur Bai von Cork begangen worden war, wo so viele Fahrzeuge vor Anker gehen, die die Verbindung Europas mit Amerika unterhalten.
Jetzt hatten die Mordgesellen die englische Polizei nicht mehr zu fürchten, an Bord des »Alert« suchte diese sie gewiß nicht. Jetzt hinderte sie nichts mehr, ihre Seeräubereien auf den entfernten Gewässern des Großen Ozeans wieder aufzunehmen. Sie brauchten nur die Anker aufzuwinden, nach dem offenen Meer zuzusteuern und in wenigen Stunden hatten sie dann den Sankt-Georgskanal hinter sich liegen.
Kamen freilich die Pensionäre der Antilian School an, um sich am Morgen des nächsten Tages einzuschiffen, so lag der »Alert« nicht mehr an seinem Ankerplatz und man würde vergeblich in der Bai von Cork und im Hafen von Queenstown nach ihm sachen.
Wie hätte man sich sein Verschwinden wohl erklären sollen?... Welche Mutmaßungen wären da gehegt und erwogen worden? Wären der Kapitän Paxton und seine Mannschaft vielleicht gezwungen gewesen, unter Segel zu gehen, selbst ohne die angemeldeten Passagiere abzuwarten? Doch aus welchem Grunde? Schlechtes Wetter konnte es nicht gewesen sein, das den »Alert« genötigt hätte, die Farmarbucht zu verlassen. Der Seewind machte sich kaum in der Einfahrt zur Bai bemerkbar... Die Segelschiffe lagen auch alle regungslos still. Nur einige Dampfer waren seit achtundvierzig Stunden ein- oder ausgelaufen. Noch am vorigen Abend hatte man den »Alert« an seiner Stelle liegen sehen, und anzunehmen, daß er in der Nacht angesegelt worden und infolge eines solchen Zusammenstoßes untergegangen sei, ohne daß auch nur ein Trümmerstück von ihm zu entdecken wäre, das war doch gar zu unwahrscheinlich.
Es lag also die Annahme nahe, daß die Wahrheit nicht so schnell und vielleicht überhaupt niemals an den Tag kommen werde, wenn nicht eine von den Leichen an den Strand getrieben wurde und das Geheimnis des furchtbaren Blutbades entschleierte.
Für Harry Markel blieb es immerhin wichtig, den Ankerplatz in der Farmarbucht baldigst zu verlassen, den »Alert« also bei Tagesanbruch von seiner früheren Stelle weggeführt zu haben. Begünstigten ihn dann die Verhältnisse beim Austritte aus dem Sankt-Georgskanal, so würde er, statt nach Südwesten in der Richtung nach den Antillen, einen Kurs nach Süden einschlagen, und Harry Markel gedachte in diesem Falle darauf zu achten, daß der »Alert« niemals in Sicht eines Landes käme und sich so weit wie möglich von dem gewöhnlichen Wege entfernte, den die nach dem Äquator segelnden Schiffe fast alle einhalten. Dann mußte der Vorsprung, den er hatte, ihn dagegen sichern, wieder aufgebracht zu werden, wenn man etwa einen Aviso zu seiner Aufsuchung absendete. Übrigens konnte vorläufig kein Mensch auf den Gedanken kommen, daß der Kapitän Paxton mit seinen Leuten nicht an Bord des von Mrs. Kathlen Seymour gemieteten Schiffes wäre. Warum er ausgelaufen sei, das würde sich ja später zeigen, und zunächst erschien es gewiß angezeigt, wenigstens einige Zeit auf die Aufklärung des seltsamen Vorfalls zu warten.
Harry Markel hatte ohne Zweifel also die günstigsten Aussichten. Seine neun Mann mußten vollkommen für die vorkommenden Arbeiten auf dem »Alert« ausreichen. Alle waren ja, wie erwähnt, tüchtige Seeleute, die ihrem Kapitän ein unbegrenztes und auch verdientes Vertrauen entgegenbrachten.
Alles stimmte also überein, den Erfolg des verbrecherischen Unternehmens zu sichern. War das Schiff nach einigen Tagen in der Bai von Cork nicht wieder erschienen, so mußte das Seeamt glauben, daß es nach der aus unbekannten Gründen erfolgten Abfahrt im Atlantischen Meere mit Mann und Maus untergegangen sei. Jedenfalls konnte niemand der Gedanke kommen, daß sich die aus dem Gefängnisse von Queenstown entwichenen Häftlinge seiner bemächtigt haben könnten. Die Polizei setzte gewiß ihre Nachforschungen fort und dehnte diese auch auf die Umgebung der Stadt aus. Die ganze Grafschaft wurde voraussichtlich strengstens überwacht und das Land weithin mit Steckbriefen überschwemmt. Kurz, niemand würde daran zweifeln, daß die Verbrecherbande bald wieder hinter Schloß und Riegel käme.
Nur eines machte deren Lage doch etwas bedenklicher: die Unmöglichkeit, sofort abfahren zu können.
Das Wetter hatte sich nicht geändert und schien auch keine Neigung zu haben, bald umzuschlagen. Noch immer der feuchte Nebel, der aus niedrigen Luftschichten herabrieselte. Die unbeweglichen Wolken schienen sich zur Meeresfläche herabsenken zu wollen. Zuweilen konnte man nicht einmal den doch so hellen Lichtschein des Leuchtturmes am Eingange der Bai wahrnehmen. Bei der tiefen Finsternis versuchte es gewiß kein Dampfer, hinaus oder herein zu kommen. Jeder hätte sich damit großen Gefahren ausgesetzt, da nicht einmal die Leuchtfeuer der Küste und des Sankt-Georgskanals zu erkennen waren. Segelschiffe aber mußten draußen einige Seemeilen von der Küste schon wegen der Windstille liegen bleiben. Das Meer »fühlte nichts«, wie die Seeleute sagen. Kaum bewegte sich die Oberfläche der Bai von der langsam eindringenden Flutwelle, kaum plätscherte das Wasser hörbar am Vordersteven des »Alert«, und das am Hinterteile angeseilte Boot rührte sich nicht von der Stelle.
»Nicht einmal Wind genug, meine Mütze zu füllen!« rief John Carpenter und begleitete seine Worte mit einem gemeinen Fluche.
An ein Abfahren war also nicht zu denken. Träge hingen die Segel an den Masten herunter und das Schiff wäre mit dem Flutstrome höchstens nach dem Hafen von Queenstown getragen worden.
Beim Wechsel der Gezeiten führt das vom hohen Meere eindringende Wasser gewöhnlich etwas Wind herbei, und obgleich ein solcher jetzt eine widrige Richtung gehabt hätte, würde ihn Harry Markel doch benutzt haben, lavierend aus der Bai hinaus zu kommen. Der Obersteuermann kannte die Wasserverhältnisse hier so genau, daß die Fahrt des Schiffes unbehindert geblieben wäre, und einmal draußen, mußte es dem »Alert« schon möglich werden, jeden schwachen Windhauch auszunutzen. Wiederholt stieg John Carpenter nach einer der Marsen (Mastkörbe) hinauf, vielleicht hielt nur die von einem steilen, hohen Ufer eingeschlossene Bucht den Wind noch zurück. Nein... vergeblich; der Wimpel am Großmast blieb so schlaff hängen wie bisher.
Alle Hoffnung war jedoch noch nicht verloren, selbst wenn sich vor Tagesanbruch kein Wind erhob. Nach Mitternacht trat wieder der Gezeitenwechsel ein. Mit dem dann einsetzenden Ebbestrome konnte Harry Markel ja versuchen, nach dem offenen Meere zu gelangen. Mit Hilfe der Boote, worin die gesamte Mannschaft Platz nehmen und rudern mußte, konnte der »Alert« ja fortgeschleppt und bis zur Bai hinaus gebracht werden. Harry Markel und John Carpenter hatten an diese Aushilfe gewiß auch schon gedacht. Was geschah aber, wenn das Fahrzeug draußen noch immer in eine Windstille geriet? Fanden die Passagiere das Schiff nicht mehr an seinem Platze, so kehrten sie natürlich zum Hafen zurück, und dort erfuhr man von ihnen, daß der »Alert« abgefahren sei. Dann suchte man ihn jedenfalls in der Bai. Und wenn nun das Hafenamt eine Dampfschaluppe hinausschickte, die es etwa jenseits der Rochespitze einholte? Da wären Harry Markel und seine Leute ja der schlimmsten Gefahr ausgesetzt. Das still liegende Fahrzeug wäre erkannt, bestiegen und durchsucht worden. Dann wurden alle verhaftet und die Polizei erfuhr von dem blutigen Auftritte, der dem Kapitän Paxton und seiner Mannschaft das Leben gekostet hatte.
Es war also augenscheinlich mit einer wirklichen Gefahr verbunden, jetzt abzufahren, da der »Alert« nicht sicher war, draußen auch weiter fortzukommen; freilich lag kaum eine kleinere Gefahr darin, in der Farmarbucht noch länger zu verweilen. Zu dieser Jahreszeit hielten Windstillen nicht selten gleich mehrere Tage hintereinander an.
Jedenfalls mußte ein Entschluß gefaßt werden.
Erhob sich im Laufe der Nacht gar kein Wind und war es also ganz unmöglich, abzusegeln, so blieb Harry Markel und seinen Genossen nichts anderes übrig, als das Schiff wieder zu verlassen, sich im Boote nach dem Hintergrunde der Bucht zu flüchten und sich auf dem Lande in der Hoffnung zu zerstreuen, daß die Bemühungen der Polizei erfolglos sein würden. Später einmal konnte dann vielleicht ein ähnlicher Handstreich unternommen werden. Vielleicht konnten sie auch, in einem Einschnitt des hohen Ufers versteckt, das Wiederaufleben des Windes abwarten und mit Anbruch der Nacht doch noch...




