E-Book, Deutsch, 317 Seiten
Verne Die Jagd nach dem Meteor
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1372-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 317 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1372-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Zwei Hobby-Astronomen in einer kleinen amerikanischen Stadt entdecken zeitgleich einen Meteor und es entbrennt eine erbitterte Rivalität.
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Auf die beiden vorstehenden Briefe, die eingeschrieben und dreimal versiegelt an die Adresse der Direktoren der Sternwarten von Pittsburg und Cincinnati abgesendet worden waren, sollte die Antwort nur in einer Mitteilung über deren Eingang und ihre Eintragung in die betreffenden Akten bestehen. Mehr verlangten ja die Absender nicht. Beide rechneten darauf, das Meteor bald wieder zu finden. Daß dieses Asteroid sich in den Weltraum so weit verirrt haben sollte, daß es der Anziehungskraft der Erde entzogen bliebe und folglich in der sublunarischen Welt niemals wieder gesehen werden könnte, das wehrten sie sich zu glauben. Nein, den bestehenden Naturgesetzen unterworfen, mußte es über dem Horizont von Whaston wieder auftauchen, wo man es nochmals beobachten und anmelden, sowie seine Koordinaten bestimmen könnte, und worauf es dann auf den Namen seines berühmten Entdeckers getauft würde.
Ja, wer war aber dieser Entdecker? Eine sehr heikle Frage, deren Beantwortung auch einen weisen Salomo in Verlegenheit gesetzt hätte. Am Tage der Wiederkehr des Meteors würden ja zwei diese Ehre in Anspruch nehmen. Wenn Francis Gordon und Jenny Hudelson die Gefahr der gegenwärtigen Sachlage gekannt hätten, würden sie sicherlich den Himmel angefleht haben, es so zu gestalten, daß ihre Vereinigung vor dem Wiedererscheinen des unheildrohenden Meteors stattgefunden hätte.
Und ebenso sicher würden sich Mrs. Hudelson, Loo, Mitz und alle Freunde der beiden Familien ihrem Gebete angeschlossen haben.
Doch niemand wußte etwas, und trotz der zunehmenden Zerstreutheit der beiden Rivalen, die man wohl wahrnehmen, aber nicht erklären konnte, beunruhigte sich in dem Hause der Morrißstraße außer dem Doktor Hudelson kein Mensch über das, was in den Tiefen des Firmamentes vorging. Besorgnisse hatte niemand, dringende Beschäftigung jeder. Da waren Besuche zu empfangen und abzustatten, Einladungen auszusenden, Vorbereitungen zur Trauung und Auswahl vieler Geschenke zu treffen, alles Dinge, die nach der Ansicht der kleinen Loo den Arbeiten des Herkules vergleichbar waren und bei denen keine Stunde verloren werden durfte.
»Nun ja, wenn man seine erste Tochter verheiratet, da ist das eine große Aufgabe, sagte sie, da fehlt's noch an der Übung. Bei mir wird sich das später ganz allein machen.
– Oho, erwiderte Francis Gordon, sollte unser Fräulein Loo schon ans Heiraten denken? Wer ist denn der glückliche Sterbliche?
– Bekümmern Sie sich darum, meine Schwester zu freien, gab ihm das Mägdlein zurück, das nimmt schon Ihre ganze Zeit in Anspruch. Mischen Sie sich aber nicht in Dinge, die mich angehen!«
Ihrem Versprechen gemäß begab sich Mrs. Hudelson nach dem Hause in der Lambethstraße. Was den Doktor betraf, wäre es töricht gewesen, auf ihn zu rechnen.
»Was du tust, wird ja gut sein, liebe Flora, ich verlasse mich ganz auf dich, hatte er auf die Aufforderung, die zukünftige Wohnung des jungen Ehepaares zu besichtigen, geantwortet. Übrigens geht das doch vor allem Francis und Jenny an.
– Aber, Papa, sagte Loo, denkst du denn auch nicht am Hochzeitstage von deinem Turme herunterzukommen?
– O doch, Loo; das versteht sich.
– Und dich, deine Tochter am Arm, in der Saint-Andrew-Kirche zu zeigen?
– Natürlich, Loo, ganz gewiß.
– Und zwar in schwarzem Rock und weißer Weste, in schwarzen Beinkleidern und weißer Krawatte?
– Ja ja, Loo.
– Wirst du dich da nicht einmal entschließen können, deine Planeten zu vergessen, um der Traurede des Reverend O'Garth zu lauschen, die der jedenfalls tief erregt halten wird?
– Gewiß, Loo. So weit sind wir aber noch nicht. Und da der Himmel klar ist, was ja jetzt so selten vorkommt, so geht nur ohne mich.«
Mrs. Hudelson, Jenny, Loo und Francis Gordon ließen also den Doktor sich mit seinem Fernrohre und seinem Teleskop beschäftigen, während Mr. Dean Forsyth – das unterlag keinem Zweifel – in dem Turme der Elisabethstraße mit seinen Instrumenten dasselbe vornahm. Würde diese zweifache Hartnäckigkeit vielleicht ihren Lohn finden und das schon einmal gesehene Meteor, wär's auch nur eine Sekunde, vor dem Objektive der Apparate vorüberziehen?
Um zu dem Hause in der Lambethstraße zu gelangen, wendeten sich die vier »Inspizienten« die Morrißstraße hinunter und gingen über den Konstitutionsplatz, wo der liebenswürdige Richter John Proth die Gesellschaft begrüßte. Dann gingen sie – ganz wie es vor einigen Tagen Seth Stanfort getan hatte, als er Arcadia Walker erwartete – die Exeterstraße hinauf und kamen nun nach der Lambethstraße.
Darin war das gesuchte Haus eins der hübschesten und allen modernen Anforderungen entsprechend eingerichtet. An seiner Rückseite lagen ein Arbeitskabinett und ein Speisezimmer nach dem Garten zu, der zwar nicht groß, aber von laubreichen Buchen beschattet und mit herrlichen Blumenbeeten geschmückt war, worauf sich eben die ersten Frühlingsblumen entfalteten. Wirtschaftsräume und Küche waren nach angelsächsischer Mode im lustigen hohen Keller untergebracht.
Das Erdgeschoß bildete mehr eine erste Etage, und Jenny konnte ihren Verlobten nur beglückwünschen, eine so anheimelnde Wohnstätte gefunden zu haben. Mrs. Hudelson teilte völlig die Ansicht ihrer Tochter und erklärte, etwas Besseres würde auch in keinem andern Teile von Whaston zu finden sein.
Dieses schmeichelhafte Urteil erschien noch mehr gerechtfertigt, als man nach dem obersten Stockwerk des Hauses gekommen war. Hier befand sich eine mit Geländer umgebene große Terrasse, von der aus sich dem Auge ein herrliches Panorama bot. Man konnte von da aus den Potomac stromauf- und stromabwärts übersehen und über diesen hinaus auch noch den Flecken Steel erkennen, aus dem Miß Arcadia Walker gekommen war, als sie mit Seth Stanfort in Whaston zusammentraf.
Hier lag die ganze Stadt vor dem Blicke ausgebreitet mit den Glockentürmen ihrer Kirchen, den hohen Dächern der öffentlichen Gebäude und mit den grünenden Wipfeln fast zahlloser Bäume.
»Da ist der Konstitutionsplatz, rief Jenny, die sich eines Opernguckers bediente, der auf Anraten Gordons mitgenommen worden war, und dort die Morrißstraße... ich sehe auch unser Haus mit dem Turme und der darüber im Winde flatternden Fahne. Sieh – sieh, da ist jemand oben auf dem Turme.
– Natürlich der Papa! erklärte Loo ohne Zögern.
– Es kann ja kaum jemand anders als er sein, sagte Mrs. Hudelson.
– Er ist es bestimmt, versicherte das junge Mädchen, die sich ohne weiters des Opernguckers bemächtigt hatte. Ich erkenne ihn deutlich. Er sitzt vor seinem Fernrohre. Ihr könnt euch aber leicht überzeugen, daß ihm gar nicht der Gedanke kommt, es auf uns zu richten. Ja, wenn wir auf dein Monde wären!
– Da Sie Ihr Haus sehen können, Fräulein Loo, unterbrach sie Francis, so können Sie wahrscheinlich auch das meines Onkels sehen, nicht wahr?
– Jedenfalls, antwortete die Kleine, warten Sie, ich werde danach suchen, ich werde es ja leicht an seinem Turme erkennen. Es muß doch nach dieser Seite zu liegen. Halt! Richtig, da hab' ich es schon!«
Loo täuschte sich nicht... sie sah richtig das Haus Mr. Dean Forsyths.
»Auch da ist jemand auf dem Turme, fuhr sie nach kurzem Hinsehen fort.
– Sicherlich mein Onkel, meinte Francis.
– Er ist aber nicht allein.
– Ja ja, Omikron wird bei ihm sein.
– Was die beiden machen, danach braucht man nicht erst zu fragen, sagte Mrs. Hudelson.
– Doch dasselbe wie mein Vater«, setzte Jenny mit einem Anflug von Traurigkeit hinzu, denn die heimliche Rivalität zwischen Mr. Dean Forsyth und Mr. Hudelson erfüllte sie schon längst mit einer gewissen Unruhe.
Nach beendigter Umschau im Hause und nachdem Loo noch einmal ihre vollste Befriedigung darüber...




