E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Verne Der grüne Strahl
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1338-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1338-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Der grüne Strahl ist ein reiner Liebesroman. Erzählt wird die Geschichte der jungen Helena Campbell, die von ihren beiden Onkeln Sib Melvill und Sab Melvill erzogen wird. Als sie von diesen verheiratet werden soll, erklärt sie, sie werde nicht heiraten, ehe sie den grünen Strahl gesehen habe: der letzte Funken grünen Lichts beim Sonnenuntergang, der nur sehr selten an klaren Tagen am Meer beobachtet werden kann. Einer alten Legende zufolge kann sich derjenige, der das grüne Licht gesehen hat, in Liebesdingen nicht irren. (aus wikipedia.de)
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Es war jetzt sechs Uhr Abends. Die Sonne hatte höchstens vier Fünftel ihrer Bahn durchlaufen, und aller Wahrscheinlichkeit nach mußte der »Glengarry« Oban erreichen, bevor das Tagesgestirn in den Wogen des Atlantischen Oceans zur Ruhe gegangen war. Miß Campbell konnte also glauben, daß ihre Wünsche vielleicht noch diesen Abend in Erfüllung gehen würden. Der wolken- und dunstlose Himmel schien wie geschaffen zur Beobachtung der Erscheinung, und der Meereshorizont mußte zwischen den Inseln Oronsay, Colonsay und Mull während dieses letzten Theiles der Fahrt immer sichtbar bleiben.
Da sollte ein unvorhergesehenes Ereigniß die Fahrt des Dampfers einigermaßen verzögern.
Von ihrer fixen Idee beherrscht und immer auf demselben Platze ausharrend, verlor Miß Campbell niemals die Kreislinie aus den Augen, die sich zwischen den zwei Inseln ausdehnte. An der Berührungsstelle mit dem Himmel bildete der Widerschein ein glänzendes Dreieck, dessen letzte Farbentöne an der Flanke des »Glengarry« erstarben.
Ohne Zweifel war Miß Campbell die Einzige an Bord, deren Blicke an jenem Theile des Horizontes gefesselt blieben; sie war auch die Einzige, welche bemerkte, wie heftig das Meer zwischen der genannten Spitze und der Insel Scarba aufgeregt schien. Gleichzeitig klang ihr von ferne her das Rauschen mächtig durch einander gewühlter Wellen an's Ohr, obwohl der leichte Wind kaum einzelne Streifchen auf dem fast schleimigen Wasser hinterließ, so ruhig war das Meer in nächster Umgebung des Dampfers.
»Wodurch entsteht denn jene Wasserbewegung und dieses Geräusch?« fragte Miß Campbell sich an ihre Onkel wendend.
Die Brüder Melvill wären in die schönste Verlegenheit gekommen, wenn sie ihr hätten Aufklärung geben müssen, denn sie begriffen ebensowenig wie das junge Mädchen, was dort in der Entfernung von etwa drei Meilen in jener engen Wasserstraße vorging.
Miß Campbell wandte sich aber nun an den Capitän des »Glengarry«, der auf der Commandobrücke auf und ab ging, und fragte diesen, was die Ursache dieses Donnerns und Polterns der Wogen sei.
»Eine einfache Erscheinung der steigenden Fluth, antwortete der Capitän. Was Sie hier hören, ist das Geräusch des Strudels von Corryvrekan.
– Aber das Wetter ist ganz prächtig, bemerkte Miß Campbell, und von Wind ist kaum etwas zu spüren.
– Jene Erscheinung hängt auch nicht im mindesten von der Witterung ab, antwortete der Capitän, sie ist die Wirkung der steigenden Meeresfluth, die beim Austreten durch den Jurasund keinen anderen Ausweg findet, als den zwischen den Inseln Jura und Scarba. Daher erklärt es sich, daß die Wogen mit ungewöhnlicher Kraft hereinstürzen, und es dürfte für ein Fahrzeug von geringem Tonnengehalt sehr gefährlich sein, sich da hinein zu wagen.«
Dieser Strudel von Corryvrekan, den man in jenen Gegenden mit Recht fürchtet, wird als eine der merkwürdigsten Stellen im Archipel der Hebriden bezeichnet. Vielleicht ließe er sich vergleichen mit der wilden Strömung von Sein, welche durch Einengung des Meeres zwischen dem Damme gleichen Namens und der Bai der Trépassés, an der Küste der Bretagne, gebildet wird, oder der Fluth von Blanchart, durch welche sich zwischen Aurigny und dem Uferland von Cherbourg die Gewässer des Aermelcanals hindurch zwängen. Nach der Sage verdankt diese Stelle ihren Namen einem skandinavischen Fürsten, dessen Schiff zur Zeit der alten Kelten daselbst zu Grunde ging. In der That befindet sich hier eine höchst gefährliche Passage, in welcher viele Schiffe schon den Untergang fanden und die rücksichtlich des übeln Rufes ihrer Strömungen mit dem düsteren Maëlstrom an der Küste Norwegens wetteifern kann.
Miß Campbell verfehlte keinen Augenblick, die enormen Wasserberge jenes Strudels zu betrachten, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf einen bestimmten Punkt der Meerenge hingelenkt wurde. Es hatte den Anschein, als ob da ein Fels mitten aus dem tobenden Wasser aufragte, wenn seine Masse sich nicht mit den Bewegungen der hohlen See gehoben und gesenkt hätte.
»Sehen Sie, sehen Sie da, Capitän, rief Miß Campbell, wenn das kein Felsen ist, was ist es sonst?
– Ja, wirklich, antwortete der Capitän, das kann nur eine Seetrifft sein, die von der Strömung dahin geführt worden ist, oder gar....«
Er setzte das Fernrohr vor die Augen:
»Ein Boot! rief er laut.
– Ein Boot! wiederholte Miß Campbell.
– Ja, ich täusche mich nicht... es ist ein Boot, das sich auf den Strudel von Corryvrekan verirrt hat!«
Bei diesen Worten des Capitäns waren noch mehrere Personen auf die Commandobrücke geeilt. Alle starrten in der Richtung nach dem Strudel hinaus. Daß ein kleines Fahrzeug auf diese Höllenwirbel verschlagen worden sei, unterlag keinem Zweifel mehr. Gepackt von der Strömung der steigenden Fluth, von der Kraft jenes todbringenden Wirbels angezogen, ging es offenbar seinem Untergange entgegen.
Alle Blicke waren nach jenem Punkte des Strudels gerichtet, der etwa vier bis fünf Meilen vom »Glengarry« lag.
»Das ist wahrscheinlich nur eine losgerissene und fortgetriebene Schaluppe, meinte einer der Passagiere.
– O nein, ich erkenne darin einen Menschen, antwortete ein Anderer.
– Einen Mann... zwei Männer!«rief Patridge, der jetzt neben Miß Campbell Platz genommen hatte.
In der That, es befanden sich zwei Männer darin, welche offenbar nicht mehr Herren ihres Bootes waren. Die schwache, vom Lande herwehende Brise hätte ihre Segel nicht genug spannen können, um es aus dem Wogenschwall zu treiben, und die Ruder konnten sie unmöglich von dem Anziehungscentrum des Corryvrekan fernhalten.
»Capitän, rief Miß Campbell, wir können die beiden Unglücklichen nicht untergehen lassen!... Sie sind verloren, wenn man sie sich selber überläßt!... Sie müssen Hilfe haben!... Sie müssen!...«
Alle an Bord hatten den nämlichen Gedanken, und erwarteten ängstlich die Entscheidung des Capitäns.
»Der »Glengarry«, erklärte dieser, kann sich nicht bis in die Mitte des Corryvrekan wagen, doch wenn wir uns diesem Punkte nur nähern, gelingt es vielleicht, der Schaluppe nahe genug zu kommen, um ihr Rettung zu bringen.«
Er wandte sich dabei an die übrigen Passagiere, wie um von diesen ein Zeichen der Billigung zu erhalten.
Miß Campbell trat noch einmal auf ihn zu.
»Es muß sein, Capitän, es muß sein! rief sie mit zitternder Stimme. Meine Reisegenossen verlangen dasselbe wie ich! Es steht das Leben von zwei Menschen auf dem Spiele, welches Sie vielleicht retten können... o, Capitän, ich bitte Sie inständigst!...
– Ja, ja!« stimmten einige der Passagiere zu, erregt durch die warmherzige Intervention des jungen Mädchens.
Der Capitän ergriff sein Fernglas, beobachtete mit Aufmerksamkeit den Verlauf der Strömung in der Enge und wandte sich dann an den neben ihm auf der Brücke stehenden Steuermann.
»Achtung! rief er, das Ruder nach Steuerbord!«
Unter der Wirkung des Steuers drehte der Dampfer nach Westen bei. Der Maschinist erhielt Befehl, vollen Dampf zu geben, und der »Glengarry« ließ bald die Spitze der Insel Jura zur Linken liegen.
An Bord sprach kein Mensch ein Wort. Aller Augen hingen mit ängstlicher Spannung an der mehr und mehr sichtbar werdenden Schaluppe.
Es war nur ein kleines Fischerboot, dessen Mast die Insassen niedergelegt hatten, wahrscheinlich um den Gegenstoß zu vermeiden, den der heftige Anprall der Wellen hätte erzeugen müssen.
Von den beiden Männern, welche sich in dem Fahrzeuge befanden, lag der Eine nahe dem hinteren Ende desselben ausgestreckt; der Andere bemühte sich mit aller Anstrengung seiner Kräfte, dem Mittelpunkt der Anziehungskraft des Wassers fern zu bleiben. Gelang ihm das nicht, so waren Beide unrettbar verloren.
...



