E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Verne Der Einbruch des Meeres
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1373-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1373-0
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Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Arabische Nomaden und europäische Reisende wollen einen Teil der Sahara urbar machen - bis Unglaubliches geschieht....
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Viertes Kapitel. Das Saharameer.
Nach höflicher Begrüßung der Anwesenden, die seiner Einladung gefolgt waren, und nach Darbringung seines Dankes an die französischen und tunesischen Offiziere und Beamten, die neben hervorragenden Persönlichkeiten von Gabes der Versammlung beiwohnten, richtete Herr von Schaller an diese folgende Worte:
»Jedermann, meine Herren, wird zugeben müssen, daß infolge der Fortschritte der Wissenschaften die Verbindung der Geschichte und der Legende mehr und mehr unhaltbar geworden ist. Die eine muß untergehen, um der andern das Feld zu räumen. Die Legende ist das Gebiet der Dichter, die Geschichte das der Gelehrten, und beide haben ja auch ihre eigene Anhängerschaft. Bei voller Anerkennung des Verdienstes oder Wertes der Legende, muß ich sie heute doch ins Reich der Phantasie verweisen und kann nur Tatsachen in Rechnung ziehen, die durch streng wissenschaftliche Beobachtungen bestätigt sind.«
Der neue Saal des Kasinos in Gabes hätte kaum eine Zuhörerschaft aufnehmen können, die besser geeignet gewesen wäre, den interessanten Darlegungen des Vortragenden zu folgen. Bei den Anwesenden herrschte schon im voraus eine günstige Stimmung bezüglich des Projektes, das eben erörtert werden sollte. Nur einige Eingeborne, die sich Zutritt zu verschaffen gewußt hatten, bewahrten eine überlegene Zurückhaltung. Das geplante Unternehmen, über dessen Geschichte sich von Schaller eben verbreiten wollte, wurde ja von den seßhaften wie von den nomadisierenden Stämmen des Djerib schon seit einem halben Jahrhundert mit scheelen Augen angesehen.
»Wir mögen gern anerkennen, fuhr von Schaller fort, daß die Alten sehr phantasiereiche Leute gewesen sind, und die Geschichtsschreiber früherer Zeiten haben, wenn auch unbewußt, in ihrem Banne gestanden und Geschichte geschrieben, die nur auf Überlieferungen fußte. Es hat den Anschein, als ob sie sich für ihre Berichte hätten von rein mythologischen Eingebungen begeistern lassen.
Ich erinnere Sie, meine Herren, nur an das, was uns Herodot, Pomponius Melas und Ptolemäus hinterlassen haben. Der erste spricht in seiner 'Völkergeschichte' von einem Lande, das bis zu dem in die Bai gleichen Namens mündenden Flusse Triton reichte. Er erzählt, als eine Episode aus der Argonautenfahrt, daß Jasons Schiff, von Stürmen an die lybische Küste verschlagen, nach Westen bis in den sogenannten tritonischen See getrieben wurde, dessen westliches Ufer unsichtbar war. Danach müßte man also schließen, daß der genannte See jener Zeit mit dem Meere in Verbindung gestanden habe. In seiner 'Umschiffung des Mittelländischen Meeres' berichtet übrigens Scylax dasselbe über diesen ausgedehnten, ringsum von lybischen Volksstämmen bewohnten See, der an der Stelle der heutigen Sebkhas und Schotts gelegen haben müßte, mit der Kleinen Syrte aber nur durch einen schmalen Kanal in Verbindung gestanden hätte.
Nach Herodot war es Pomponius Melas, der, fast zu Anfang der christlichen Zeitrechnung, des großen tritonischen Sees – auch See der Pallas genannt – erwähnt, dessen Verbindungsglied mit der Kleinen Syrte, dem heutigen Golfe von Gabes, infolge der Niveausenkung seines Wassers – diese selbst eine Folge starker Verdunstung – allmählich verschwunden wäre.
Da der Wasserstand, nach dem Berichte des Ptolemäus, unausgesetzt niedriger wurde, hätte sich das Wasser schließlich nach einzelnen Senkungsgebieten zurückgezogen, nach dem Triton- oder Pallassee und nach dem lybischen und dem Schildkrötensee. das sind die jetzigen algerischen Schotts Melrir und Rharsa und die tunesischen Sebkhas Djerid und Fejej.
Darunter, meine Herren, mag nun Wahres und Falsches, gewiß mehr vom zweiten sein, denn die Legenden des Altertums sind an Zuverlässigkeit der heutigen Wissenschaft nicht zu vergleichen. Nein, Jasons Schiff hat nicht nach jenem Binnensee verschlagen werden können, der niemals mit der Kleinen Syrte in Verbindung stand, und über deren Uferhöhen wäre es nur hinweggekommen, wenn es die mächtigen Flügel des Ikarus, des abenteuerlustigen Sohnes des Dädalus, gehabt hätte.
Alle Beobachtungen ausgangs des neunzehnten Jahrhunderts haben unwiderleglich ergeben, daß ein, das ganze Gebiet der Sebkhas und Schotts bedeckendes Meer niemals existiert haben kann, denn die Hälfte dieser Depressionen erhebt sich um fünfzehn bis zwanzig Meter über das Niveau des Golfes von Gabes, und vorzüglich über die Gebietsteile, die der Küste näher liegen, und niemals könnte dieses Meer eine Länge von hundert Lieues (fast 400 km) gehabt haben, die ihm allzu phantastische Geister zugewiesen hatten.
Immerhin, meine Herren, erschien es, bei weiser Beschränkung auf die Größenverhältnisse, die sich aus der Natur der Gebiete der Schotts und Sebkhas ergeben, keineswegs unmöglich, den Plan eines vom Golfe von Gabes aus gespeisten. Saharameeres zur Ausführung zu bringen.
Darauf kam auch das Projekt hinaus, das mehrere unternehmende, doch nicht genug praktische Gelehrte entworfen hatten und das, nachdem es wiederholt Abänderungen erfahren hatte, doch nicht zum guten Ende geführt werden konnte. Seine Geschichte ist es, die ich Ihnen ebenso ins Gedächtnis zurückzurufen wünschte, wie die vergeblichen Versuche und die bittern Enttäuschungen, die ihm jahrelang vorbehalten waren.«
Im Auditorium machte sich eine beifällige Bewegung bemerkbar, und als der Vortragende nach einer in großem Maßstabe ausgeführten Karte wies, die neben ihm an der Wand hing, da wandten sich dieser alle Blicke zu. Die Karte zeigte die südlichen Teile von Tunis und Algerien, etwa in der Höhe des 43. Breitengrades, während sie vom 3. bis zum 8. Längengrade (von Paris) reichte.
Darauf sah man die großen Senkungsgebiete im Südosten von Biskra, eine Gesamtdarstellung der algerischen, tiefer als das Niveau des Mittelländischen Meeres gelegenen Schotts, die unter dem Namen derer von Melrir und von Rharsa zusammengefaßt werden. Am Ende des zweitgenannten Schotts war beim 7. Meridian der unvollendete Kanal angedeutet, der es mit der Kleinen Syrte verbinden sollte.
Nördlich davon, im tunesischen Teile, lagen die Ebenen, wo die Stämme der Hammemas hausten, südlich aber, im algerischen Teile, das ausgedehnte Gebiet der Dünen. Genau ihrer Lage entsprechend waren die wichtigsten Städte und Ortschaften der Gegend angezeichnet: Gabes am Ufer seines Golfes, La Hamma auf der rechten Seite am neuen Kanal und fast am Ende des Schotts Fejej, ferner Limagnes, Softim, Bou Abdallah und Bechia auf der Landzunge, die sich zwischen dem Fejej und dem Djerid hinstreckt, weiter Sedada, Kri, Hamma, Tozeur und Nefta, zwischen dem Djerid und dem Rharsa sah man Chebeka im Norden und Bir Klebia im Westen von diesem, endlich Zeribet, Aïn Naga, Tahir Rassu, Mraie und Fagussa in der Nachbarschaft der im Westen der Schotts geplanten transsaharischen Bahnlinie.
Die Anwesenden konnten auf der Karte also das ganze Gebiet der Depressionen übersehen, von denen Rharsa und Melrir vollständig überflutet werden konnten und das neue afrikanische Binnenmeer bilden sollten.
»Daß die Natur aber, fuhr Schaller fort, die Senkungsgebiete gerade da batte entstehen lassen, wo sie die Gewässer der Kleinen Syrte leicht erreichen konnten, das ließ sich erst durch eine mühsame und sorgfältige Nivellierung der betreffenden Landesteile nachweisen. Bei einer Expedition durch die Wüste Sahara, im Jahre 1872, behaupteten übrigens der Senator von Oran, Pomel, und der Grubeningenieur Rocard, daß diese Arbeit wegen der eignen Natur der Schotts gar nicht ausführbar wäre. Der Stabskapitän Roudaire, von dem überhaupt die erste Anregung zu dem außerordentlichen Unternehmen ausgegangen war, leitete 1874 dessen Wiederaufnahme dann unter aussichtsvolleren Bedingungen aufs neue ein.«
Allseitiger Beifall begrüßte den Namen dieses französischen Offiziers, wie das schon früher der Fall gewesen war und wohl für immer sein wird. Neben seinem Namen müssen aber auch die des damaligen Vorsitzenden des Ministerrates, de Freycinets, und des Kanalbauers Ferdinand Lesseps genannt werden, die den riesigen Plan später durch ihre Empfehlung unterstützten.
»Auf diesen weit zurückliegenden Zeitpunkt, meine Herren, nahm der Vortragende wieder das Wort, ist die erste wissenschaftliche Durchforschung des Gebietes zurückzuführen, das im Norden, und dreißig Kilometer südlich von Biskra, durch die Berge von Aures begrenzt wird. Im Jahre 1874 war es, wo der kühne Offizier den Plan eines Binnenmeeres studierte, dem er nachher alle seine Kräfte widmen sollte. Konnte aber irgend jemand voraussehen, daß sich ihm so zahllose Hindernisse entgegenstellen würden, daß es seiner Tatkraft...




