E-Book, Deutsch, 583 Seiten
Verne Das zweite Vaterland
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1362-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 583 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1362-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Ein Abenteuerroman von Jules Verne, der da anfängt, wo 'Die Schweizer Familie Robinson' aufhört.
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Drittes Capitel. Die britische Corvette »Licorne«. – Die vernommenen Kanonenschüsse. – Ankunft der Pinasse. – Die Familie Zermatt. – Die Familie Wolston. – Trennungspläne. – Verschiedene Tauschgeschäfte. – Der Abschied. – Abfahrt der Corvette.
Die »Licorne«, eine kleine Corvette mit zehn Geschützen, die die britische Flagge führte, befand sich auf einer Art Rundfahrt und war jetzt auf dem Wege von Sydney (Australien) nach dem Cap der Guten Hoffnung. Der Befehlshaber, Lieutenant Littlestone, hatte eine Besatzung von sechzig Mann unter sich. Gewöhnlich nimmt ja ein Kriegsschiff keine Passagiere auf, die »Licorne« hatte aber Erlaubniß erhalten, eine englische Familie an Bord zu nehmen, deren Haupt aus Gesundheitsrücksichten nach Europa zurückkehren mußte. Die Familie bestand aus einem Herrn Wolston, Maschinen-Ingenieur, seiner Gattin, Merry Wolston, und aus seinen zwei Töchtern, Annah und Doll, von denen die eine siebzehn, die andere vierzehn Jahre zählte. Zu ihr gehörte außerdem noch ein Sohn, James Wolfton, der mit seiner Frau und seinem Kinde gegenwärtig in Capstadt wohnte.
Im Juli 1816 hatte die »Licorne« den Hafen von Sydney verlassen und sich, nach einer Fahrt längs der Südküste von Australien, nach den nordöstlichen Theilen des Indischen Oceans gewendet.
Bei dieser Fahrt sollte der Lieutenant Littlestone auf Befehl der Admiralität unter diesen Breiten kreuzen und ebenso an der Westküste Australiens wie auf den benachbarten Inseln nachforschen, ob es noch Ueberlebende von dem »Dorcas« gäbe, der seit dreißig Monaten verschollen war. Wo dieser gescheitert war, wußte niemand, obgleich an dem Unfalle kein Zweifel sein konnte, da der zweite Officier und drei Matrosen des Schiffes – die einzigen von denen, die dessen große Schaluppe besetzt gehabt hatten, aus dem Meere aufgefischt und nach Sydney zurückgebracht worden waren. Was den Kapitän Greenfield, die Matrosen und die Passagiere – darunter die Tochter des Obersten Montrose – betraf, konnte man nach dem Berichte, den der zweite Officier über den Schiffbruch erstattet hatte, kaum noch die Hoffnung hegen, sie wiederzufinden. Die Regierung von Großbritannien hatte aber dennoch weitere Nachforschungen veranlaßt, die sich über den östlichen Theil des Indischen Oceans bis in die Nähe des Meeres von Timor erstrecken sollten. Hier gab es zahlreiche, von Handelsschiffen nur selten angelaufene Inseln, und es empfahl sich, davon alle zu besuchen, die in der Nachbarschaft des Meerestheiles lagen, wo der »Dorcas« jedenfalls gescheitert war.
Infolgedessen hatte die »Licorne« sich nach Umschiffung des Caps Leuwin nach Norden zu gewendet und nach vergeblichem Aufenthalte an einigen Sundainseln den Weg nach dem Cap wieder eingeschlagen. Da wurde sie von heftigen Stürmen überrascht, gegen die sie eine volle Woche, nicht ohne mehrfache Beschädigungen zu erleiden, ankämpfen mußte, und daraufhin war sie genöthigt gewesen, eine geschützte Stelle aufzusuchen, um ihre Havarien auszubessern.
Am 8. October meldeten die Wachen Land im Süden, wahrscheinlich eine Insel, die aber auch auf den neuesten Seekarten noch nicht eingezeichnet war. Der Lieutenant Littlestone ließ auf das unbekannte Land zusteuern und fand auch glücklicherweise eine Zufluchtsstätte in einem Landeinschnitte an dessen östlicher Küste, der nicht nur gegen schlimme Winde Schutz gewährte, sondern auch einen vortrefflichen Ankergrund bot.
Die Mannschaft ging hier sofort ans Werk. Am Strande und am Fuße des felsigen Steinufers wurden einige Zelte aufgeschlagen. Man richtete ein förmliches Lager ein, immer unter Berücksichtigung der Maßnahmen, die die Klugheit erheischte. Dieser Küstenstrich konnte ja von Wilden bewohnt sein oder von solchen heimgesucht werden, und man weiß doch, daß die Eingeborenen im Indischen Ocean sich eines, leider gerechtfertigten, sehr übeln Rufes erfreuen.
Die »Licorne« lag nun hier erst seit zwei Tagen in Sicherheit, als die Aufmerksamkeit des Befehlhabers am Morgen des 10. October durch einen zweimaligen, von Westen herschallenden Kanonendonner erregt wurde.
Diese zweifache Detonation verdiente eine Antwort, und die »Licorne« gab sie durch eine Salve aus drei Geschützen, die in der Batterie an Backbord gelöst wurden.
Der Lieutenant Littlestone hatte nun alles weitere einfach abzuwarten. Sein in Reparatur befindliches Schiff hätte nicht die Anker lichten können, um aus der engen Bucht zu steuern und das im Nordosten sichtbare Cap zu umschiffen. Mindestens bedurfte es noch einiger Tage, ehe es wieder in See stechen konnte. Jedenfalls zweifelte der Befehlshaber indeß nicht daran, daß auch die Schüsse der Corvette vernommen worden wären, da gerade Seewind wehte, und er hielt das demnächstige Erscheinen eines Schiffes in Sicht der Bai für mehr als wahrscheinlich.
Es wurden deshalb mehrere Leute in die Takelage zum Ausguck befohlen. Am Abend hatte sich noch kein Schiff gezeigt. Das Meer blieb im Norden verlassen, ebenso verlassen der Theil des Ufers, der an die Bogenlinie der Bai grenzte. Von der Landung einer Abtheilung seiner Mannschaft und der Aussendung auf Kundschaft hatte der Lieutenant Littlestone abgesehen, da er seine Leute keinem gefährlichen Zusammentreffen aussetzen wollte. Die Umstände verlangten das ja auch so gebieterisch nicht. Sobald die »Licorne« in der Lage wäre, ihren Ankerplatz zu verlassen, sollte sie der Linie des Landes folgen, dessen Lage – 19 Grad 30 Minuten südlicher Breite und 114 Grad 5 Minuten östlicher Länge von Ferro, jener im Atlantischen Ocean zur Gruppe der Canarien gehörigen Insel – mit größter Sorgfalt ermittelt worden war. Es unterlag keinem Zweifel, daß das Land eine Insel sei, denn in diesem Theile des Indischen Oceans giebt es kein Festland.
Drei Tage verstrichen ohne Aenderung der Sachlage. Freilich war ein heftiger Sturm losgebrochen, der Meer und Luft furchtbar aufwühlte, während die »Licorne« in Sicherheit unter dem Schutze der Uferwand lag.
Da ertönten am 13. October mehrere Kanonenschüsse, und zwar von derselben Richtung her wie die früheren.
Auf diese Salve, deren Schüsse durch einen Zeitraum von je zwei Minuten getrennt waren, antwortete die »Licorne« durch sieben Schüsse mit denselben Zwischenräumen. Daraus, daß die neuen Detonationen offenbar nicht aus geringerer Entfernung wie die ersten herkamen, schloß der Commandant, daß das Fahrzeug, von dem sie herrührten, seine Lage nicht verändert haben werde.
An diesem Tage gegen vier Uhr Nachmittags beobachtete der Lieutenant Littlestone, als er sich auf dem Verdeck erging, durch das Fernrohr ein leichtes Boot, das, mit zwei Männern darin, vom Vorgebirge aus zwischen den Klippen hinfuhr. Die Männer, die eine tiefdunkle Hautfarbe hatten, kannten nur Eingeborene von malaiischer oder australischer Rasse sein. Ihr Erscheinen bewies also, daß dieser Theil der Küste bewohnt war. Daraufhin wurden die nöthigen Maßregeln zur Abwehr eines etwaigen Ueberfalles getroffen, der in diesen Gebieten des Indischen Oceans immer zu befürchten war. Inzwischen näherte sich das Canot, eine Art Kajak. Man ließ es herankommen. Als es dann aber nur noch sechs Kabellängen von der Corvette entfernt war, hörte man ziemlich deutlich, daß sich die Männer einer völlig unverständlichen Sprache bedienten.
Der Lieutenant Littlestone und seine Officiere schwenkten ihre Taschentücher und streckten die Arme empor, zum Zeichen, daß sie keine Waffen führten. Der Kajak schien aber nicht geneigt, noch weiter heranzukommen. Schon im nächsten Augenblicke flog er, von den Pagaien kräftig angetrieben, davon und verschwand bald hinter dem Vorgebirge.
Die Nacht war schon angebrochen, als Lieutenant Littlestone sich mit seinen Officieren noch berieth, ob es rathsam sei, die große Schaluppe zur Besichtigung der östlichen Küste auszusenden. Die Sachlage verlangte doch Aufklärung. Die Leute, die heute Morgen die Kanonenschüsse abgegeben hatten, waren doch sicherlich keine Wilden. Dagegen konnte man wohl annehmen, daß ein im Westen der Insel in Seenoth befindliches Schiff Hilfe verlange.
Daraufhin wurde denn beschlossen, am nächsten Tag eine Auskundschaftung in jener Richtung vorzunehmen, und die Schaluppe sollte um neun Uhr Morgens eben niedergelassen werden, als Lieutenant Littlestone dieses Manöver unterbrach.
Dicht vor dem Cap erschien jetzt – nicht ein Kajak oder eine Pirogue, wie sie die Eingeborenen benutzen, sondern – ein leichtes Fahrzeug von neuerer Bauart, eine Pinasse von etwa fünfzehn Tonnen. Sobald sie in die Nähe der »Licorne« gekommen war, hißte sie eine roth und weiße Flagge.
Wie erstaunten da der Lieutenant, seine Officiere und die Mannschaft der Corvette, als sie von der Pinasse...




