E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Verne Clovis Dardentor
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1359-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1359-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Der Roman berichtet von den Abenteuern zweier Cousins, die sich von Frankreich nach Algerien aufmachen um dort in die französische Kavallerie einzutreten.
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Viertes Capitel. Worin Clovis Dardentor Dinge ausspricht, die sich Jean Taconnat zunutze zu machen gedenkt.
»Welche Lücken an unserm Tische, lieber Kapitän, rief Clovis Dardentor, während der Restaurateur das Herumgehen der Schüsseln überwachte, ohne dabei seine gewohnte Würde abzulegen.
– Vielleicht ist zu erwarten, daß die Lücken sich noch vermehren, wenn wir noch gröbere See bekommen, bemerkte Marcel Lornans.
– Gröbere?... Ein Meer aus Oel! entgegnete der Kapitän Bugarach. Der »Argeles« war nur in eine Gegenströmung gerathen, wo etwas stärkere Wellen standen. Das kommt zuweilen vor. –
– Meist zur Zeit des Frühstücks und des Mittagessens, bemerkte Jean Taconnat mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt.
– In der That, setzte Clovis Dardentor so hingeworfen hinzu, das hab' ich auch schon bemerkt. und wenn die verteufelten Seefahrtsgesellschaften dabei ihr Pfeifchen schneiden...
– Könnten Sie so etwas glauben? rief der Doctor Bruno.
– Ich glaube nur Eines, erwiderte ihm Clovis Dardentor, daß ich mir deshalb noch keinen Bissen habe entgehen lassen, und wenn auch kein Mensch mehr an der Tafel bleibt...
– Sie halten daran aus! vervollständigte Jean Taconnat seine Worte.
– Wie Sie sagen, Herr Taconnat.«
Unser Perpignaneser nannte ihn schon beim Namen, als wären sie bereits seit achtundvierzig Stunden mit einander bekannt.
»Es wäre indeß möglich, nahm jetzt Marcel Lornans das Wort, daß sich einzelne unsrer Tischgenossen wieder hier einfänden.... Das Schiff rollt jetzt bedeutend weniger...
– Das sagte ich ja vorher, bestätigte der Kapitän Bugarach, es war nur vorübergehend... wohl nur die Folge einer Nachlässigkeit des Steuermanns... Herr Restaurateur, sehen Sie doch nach, ob unter den andern Herrschaften..
– Unter andern Dein armes Väterchen, Agathokles!« bemerkte Clovis Dardentor.
Der jüngere Désirandelle schüttelte jedoch den Kopf; er wußte recht wohl, daß der Urheber seiner Tage in den Speisesalon nicht zurückzurufen sein werde, und so verlor er darüber keine Worte.
Der Restaurateur wendete sich, von der Nutzlosigkeit des Versuchs im voraus überzeugt, der Thür zu. Hat ein Passagier die Tafel erst einmal verlassen, so ist es, selbst wenn die Ursache davon weggefallen war, sehr selten, daß er sich entschließt, wieder daran zu erscheinen. Auch hier füllten sich die Lücken am Tische nicht wieder, worüber sich der würdige Kapitän und der vortreffliche Doctor sehr betrübt zu erscheinen bemühten.
Eine leichte Ruderwendung hatte den Dampfer wieder in den richtigen Curs gebracht; der Seegang traf ihn nicht mehr von vorn und das schwache Dutzend von Tischgästen, die nicht davon gelaufen waren, hatte nun Ruhe.
Es ist übrigens besser, wenn nicht zu viele bei Tische sitzen, wie Clovis Dardentor behauptete. Die Bedienung gewinnt dadurch ebenso, wie die Vertraulichkeit und die Unterhaltung wird mehr allgemein.
Das traf denn auch hier ein. Der Held unsrer Geschichte führte dabei natürlich das große Wort.
Der Doctor Bruno fand, so flüssig es ihm sonst vom Munde ging, nur mit Mühe Gelegenheit, eine Bemerkung einzuflechten, Jean Taconnat ging es nicht besser, doch letztrer amüsierte sich weidlich, dem Redeschwalle zu lauschen. Marcel Lornans begnügte sich zu lächeln, und Agathokles damit, daß er immer aß, ohne auf etwas zu hören. Herr Eustache Oriental schnalzte vergnüglich bei den besten Stücken, die er mit einer Flasche Pommard begoß, welche ihm der Restaurateur in einem breiten und sicher stehenden Weinkübel vorgesetzt hatte. Die noch übrigen Tischgäste können wir hier außer Betracht lassen.
Da schwirrte es nun durcheinander, von den Vorzügen des Südens gegenüber dem Norden, den unbestreitbaren Verdiensten der Stadt Perpignan, von der Stellung, die eines seiner – hier handgreiflichen – Kinder einnehme, von Clovis Dardentor in höchsteigner Person, von der Beachtung, die ihm sein ehrlich erworbnes Vermögen zulenkte, den Reisen, die er schon gemacht oder noch geplant hatte, von seiner Absicht, Oran zu besuchen, das die Désirandelle's vor ihm stets im Munde führten, von seiner Absicht, die schöne algerische Provinz zu bereisen... kurz, er war nun abgefahren und kümmerte sich gar nicht darum, wann er heimkehren würde.
Man würde stark irren in dem Glauben, daß dieses Gedräng von Sätzen, das von den Lippen Clovis Dardentor's floß, es verhindert hätte, daß der Inhalt seines Tellers nach seinem Munde gelangte. Nein, das ging alles gleichmäßig bequem hinein und heraus. Der merkwürdige Mann sprach und aß zu derselben Zeit und vergaß auch nicht, sein Glas zu leeren, um diese doppelte Operation zu erleichtern.
»Das ist aber eine menschliche Maschine, sagte sich Jean Taconnat, die fungiert ausgezeichnet! Dieser Dardentor ist eins der vollendetsten Muster von Südländern, dem ich je begegnet bin!«
Der Doctor Bruno bewunderte ihn nicht minder. Genanntes Muster hätte gewiß ein herrliches Sectionsobject abgegeben, und wie würde die Physiologie sich durch Ergründung der Geheimnisse eines solchen Organismus bereichert haben! Da jener es sich jetzt aber doch verbeten haben würde, ihm den Leib aufzuschlitzen, begnügte sich der Doctor Herrn Dardentor zu fragen, ob er denn mit seiner Gesundheit stets gut hausgehalten habe.
»Mit der Gesundheit, lieber Doctor?... Ja, was verstehen Sie denn unter diesem Worte?
– Nun, dasselbe, was die ganze Welt darunter versteht, erwiderte der Doctor, nach der allgemein angenommenen Definition, den dauernden und leichten Verlauf aller Functionen der Körperökonomie...
– Und indem wir uns dieser Definition anschließen, ließ Jean Taconnat sich vernehmen, möchten wir wissen, ob bei Ihnen, Herr Dardentor, diese Functionen so leicht...
– Und so ungestört verlaufen, setzte Marcel Lornans hinzu.
– Ganz ungestört, denn ich bin niemals krank gewesen, erklärte unser Perpignaneser, indem er kräftig auf seinen Brustkasten loshämmerte, und leicht, weil sie von statten gehen, ohne daß ich etwas davon bemerke.
– Nun, mein lieber Herr, fragte der Kapitän Bugarach, sind Sie jetzt darüber, was man unter dem Worte Gesundheit versteht, soweit aufgeklärt, daß es uns gestattet ist, auf die Ihrige zu trinken?
– Wenn das dazu nöthig ist, so gesteh' ich ein, darüber völlig aufgeklärt zu sein, und wirklich scheint es mir nun an der Zeit, in Erwartung des Desserts eingen »Weißköpfen den Hals zu brechen«!«
Im Süden ist dieser Ausdruck für »Champagnertrinken« allgemein gebräuchlich, und von Clovis Dardentor ausgesprochen, erhielt er gewiß die richtige südländische Klangfarbe.
Der Röderer wurde also aufgetischt, die Kelchgläser füllten sich, mit weißer Schaumkrone bedeckt, und die Unterhaltung ertrank darin keineswegs... im Gegentheil!
Der Doctor Bruno war es, der das Feuer mit folgenden Worten wieder eröffnete:
»Nun, Herr Dardentor, möchte ich Sie um Beantwortung einer zweiten Frage bitten: Haben Sie sich zur Bewahrung dieses ungetrübten Gesundheitszustandes von jedem Exceß ferngehalten?
– Was verstehen Sie unter dem Worte Exceß?
– Alle Kuckuck! fiel Marcel Lornans lachend ein, das Wort Exceß ist in den Ostpyrenäen also ebenso unbekannt, wie das Wort Gesundheit?
– Unbekannt... nein, Herr Lornans, doch offen gestanden, weiß ich nicht recht, was es bedeuten soll.
– Herr Dardentor, nahm Doctor Bruno wieder das Wort, einen Exceß begehen, das bedeutet, seinen Leib wie seinen Geist unbedacht mißbrauchen, indem man unmäßig, ungestüm, achtlos dahinlebt und sich vorzüglich den Tafelfreuden zu viel hingiebt... einer bedauerlichen Leidenschaft, die den Magen über kurz...




