E-Book, Deutsch, Band 40, 176 Seiten
Reihe: edition pace
Vercammen / Segbers An den Frieden glauben
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-0503-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Überlegungen zu Glaube, Gewalt und Frieden
E-Book, Deutsch, Band 40, 176 Seiten
Reihe: edition pace
ISBN: 978-3-6957-0503-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Joris Vercammen (geb. 1952) studierte Erziehungswissenschaften an der Katholischen Universität Löwen und Theologie am Theologischen und Pastoralen Zentrum in Antwerpen sowie an der Katholischen Universität Löwen, Institut Lumen Vitae, in Brüssel. 1997 promovierte er in Praktischer Theologie an der Katholisch-Theologischen Universität in Utrecht. 1979 wurde er zum Priester geweiht und arbeitete zunächst in der Jugendseelsorge der römisch-katholischen Diözese Antwerpen. Im Jahr 1988 wechselte er in die altkatholische Erzdiözese Utrecht, wo er sowohl in der Grundseelsorge, in der Begleitung von Gemeinden als auch in der theologischen Ausbildung (Praktische Theologie und Ekklesiologie) tätig war. Im Jahr 2000 wurde er zum 83. Erzbischof von Utrecht gewählt, ein Amt, das er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2020 innehatte. Von 2006 bis 2022 war er Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen. Zu seinen früheren Veröffentlichungen gehören u.a.: "Oud- en Nieuw-Katholiek. De spirituele zoektocht van die andere katholieken" (2012) und "Om de Menswording. Praktische-theologische bijdragen aan het oud-katholieke denken over de kerk" (2022).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Waffenklirren
Der Krieg in der Ukraine dauerte erst einige Monate an. Hunderte von russischen Soldaten waren jedoch bereits bei der „militärischen Sonderoperation“ ums Leben gekommen. Für sie, so Putin, sei Heldenstatus angesagt. Die „militärische Sonderoperation“ hatte bis dahin nicht den erhofften Erfolg gebracht. Um den sinnlosen Tod der Soldaten zu verschleiern, wurde in einem großen Moskauer Stadion eine Gedenkfeier veranstaltet. Putin hielt dort eine Rede. Er zitierte die Worte Jesu aus der Abschiedspredigt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh15,13). Ich saß vor dem Fernseher und es hat mich mitten ins Herz getroffen. Nicht, weil ich damit einverstanden war, im Gegenteil. Es war die Manipulation eines Wortes aus dem Evangelium, die mich getroffen und angewidert hat. Die Arroganz, mit der ein Herrscher heilige Worte in Besitz nimmt, als wären sie sein Eigentum. Natürlich geht es in diesem Vers des Evangeliums um Jesus und sein tragisches Lebensschicksal. Dieses Schicksal war bestimmt von Machtansprüchen mit passender religiöser Ideologie, wie sie in diktatorischen Systemen einfach an der Tagesordnung sind. Die gefallenen russischen jungen Männer fielen dem zum Opfer. Wie Jesus.
Ich weiß nicht mehr, ob Patriarch Kyrill von der Russisch-Orthodoxen Kirche bei dieser Massenveranstaltung anwesend war. Seine Unterstützung für Putins Krieg gegen die Ukraine ist jedoch allgemein bekannt. Das zugrundeliegende Argument findet sich in einem wichtigen Dokument über die Soziallehre der russisch-orthodoxen Kirche, das von einer historischen Bischofssynode im Jahr 2000 verkündet wurde. Darin heißt es unter anderem, dass die Kirche und die Armee im Dienste des Vaterlandes zusammenarbeiten sollten. Der Krieg kann in diesem Zusammenhang ein notwendiges Übel sein. Gewaltlosen Widerstand hält die Kirche nur im Rahmen von Konflikten zwischen Einzelpersonen für realistisch. Der Krieg in der Ukraine wird daher routinemäßig als Verteidigungskrieg gegen den dekadenten Westen dargestellt. Die traditionelle Heimat ist in Gefahr, wobei „Tradition“ für die Sicherung der Machtpositionen derjenigen steht, die vom gegenwärtigen politischen System in jeder Hinsicht profitieren, auch von der Kirche.
Die gleiche Abscheu überkam mich, als ich sah und hörte, wie der inzwischen ermordete Militärführer der Hamas, Yahya Sinwar, Allah für den „Erfolg“ des Pogroms dankte, das am 7. Oktober 2023 mehr als 1.200 Israelis das Leben kostete. Und als Sinwar dann von den Israelis getötet wurde, zitierte Israels Verteidigungsminister Yoav Gallant dabei auch das biblische Buch Levitikus: „Verfolgt ihr eure Feinde, so werden sie vor euren Augen dem Schwert verfallen“ (Lev 26, 7). Und er fügte hinzu: „Wir werden jeden Terroristen erreichen und eliminieren.“ Miriam, eine Muslimin, die ich ein wenig besser kenne, erschrickt bei dem Gedanken, dass Allah als Legitimation für einen Mord benutzt wird. Im Islam gibt es zwar das Recht, sich mit Gewalt zu verteidigen, wenn man angegriffen wird, sagt sie mir. Aber Vergebung bleibt immer besser als Vergeltung. Außerdem, so sagt der Koran, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass jeder Versuch, Vergeltung für das Böse zu üben, immer auch zum Bösen werden kann; deshalb ist es besser, zu vergeben und Frieden zu schließen. Allah mag die Übeltäter nicht! (Koran 42, 40) Das Buch Levitikus als Aufforderung zur Gewalt zu verwenden, stellt die Sache ebenfalls auf den Kopf. Das Buch ist gerade als Aufforderung gedacht, eine humane Gesellschaft aufzubauen, in der Sicherheit und Frieden herrschen. Die Hamas beschimpft die Israelis als „Un-gläubige“. In ihrer Welt gibt es kein schlimmeres Schimpfwort. Der israelische Minister Gallant macht sich über Hamas-Mitglieder als „menschliche Tiere“ lustig. Dehumanisierung durch religiösen Diskurs.
Was ist mit der religiösen Symbolik, die der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth in der Trump-Administration in Form von Tätowierungen „auf seinen Körper geschrieben“ hat? Auf seinem Arm steht „Gott will es“. An anderer Stelle hat er sich mit dem Jesus-Wort „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34) schmücken lassen. Das Kreuz der Kreuzritter verrät Hegseths Absicht, den Islam zu bekämpfen. Nach Ansicht des Ministers besteht kein Zweifel daran, dass Gott das „weiße Amerika wieder groß machen“ will und dass Gott auch der dafür notwendigen Gewalt nicht abgeneigt ist. Dies ist eine widerliche Aneignung und Manipulation christlicher Symbole und Texte, die das Christentum zu einem ideologischen Substrat degradieren, das nichts mehr mit einem echten Christsein zu tun hat.
Stimmen dagegen
Ich war beeindruckt von dem Essay Brief in der Nacht (dt. Gedanken über Israel und Gaza, München). Der bewegende Essay stammt von der HolocaustÜberlebenden Chaja Polak.2 Da sie aus einer Familie stammt, die schwer unter dem Holocaust gelitten hat, schreibt sie über den gegenwärtigen Krieg auf sehr nuancierte Weise. Dabei zitiert sie u. a. Rafael Baroch, der in Anlehnung an den Philosophen Levinas argumentiert, dass neben der unermesslichen Trauer über den Verlust so vieler Menschenleben auch der Verlust ethischer Werte nicht vergessen werden darf. In dem Kampf zwischen Israel und der Hamas verliert Israel einen Teil seiner eigenen Identität. Gerade jener zentrale Aspekt im jüdischen Denken, der sich mit der ethischen Verantwortung für den Anderen beschäftigt (Polak schreibt ihn groß!), geht verloren. Sie zitiert auch den Schriftsteller Benjamin Moser, der sogar noch einen Schritt weiter geht. „Juden, ja Juden, sollten Empa-thie mit dem palästinensischen Volk empfinden.“3
Die Geste von Rabbi Awraham Soetendorp und Imam Shamier Madhar in der Sendung vom 23. Oktober 2023 hat mich sehr berührt. Trotz ihrer ständigen Bemühungen um einen Dialog zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinschaft in den Niederlanden ist das Verhältnis zwischen beiden sehr angespannt. Doch Soetendorp und Madhar gehen vor der Kamera aufeinander zu. Rabbiner Soetendorp erzählt von dem einsichtigen muslimischen Jungen, der bemerkte, dass der Vorname des Rabbiners Awra-ham ist und dass Isaak und Ismael seine Söhne sind … und der Junge schlussfolgerte dann: „Wir sind also verwandt!“ Madhar und Soetendorp sind sich bewusst, dass das Klima für den Dialog nur noch unsicherer und saurer geworden ist, und dennoch sind sie überzeugt, dass sie weiterhin Initiativen ergreifen müssen. Imam Madhar ruft dazu auf, den Dialog nicht bei den beiden Gemeinschaften zu belassen, sondern ihn auf alle Glaubensgemeinschaften auszuweiten. Dabei hofft er auf die Zusammenarbeit mit den Kirchen. Religion kann verbinden. Es geht nur schief, wenn Religion in die Hände von narzisstischen Machthabern gerät.
Ein anderer Rabbiner, Lody van der Kamp, zieht seit 2010 unter anderem mit dem Muslim Said Bensellam an einem Strang. Als Duo Said Lody wollen sie Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zusammenbringen: Juden und Muslime, Einheimische und Einwanderer, Männer und Frauen, Junge und Alte usw. So gehen sie in Schulen und organisieren Gespräche mit dem Ziel, dass sich die Menschen gegenseitig in die Augen schauen und die Geschichten der anderen hören. Sie glauben an den Mehrwert der Vielfalt und an die Versöhnung, die zum Frieden führt, nach dem wir uns alle sehnen.
Auch die Amsterdamer Stadträte Itay Garmy, Jude, und Sheher Khan, Muslim, diskutieren gemeinsam über den Krieg in Gaza, gegenseitige Vorurteile und gemeinsame Erfahrungen. Sie gehören jeweils einer anderen politischen Partei an, gehen aber gemeinsam durch Schulen, Gotteshäuser, Bibliotheken und Universitäten. In vielerlei Hinsicht scheinen sie Gegensätze zu sein. Auch teilen sie nicht immer die gleichen Ansichten, aber sie sind überzeugt, dass Gewalt niemals Frieden bringt.4
Glaube und Frieden
Der Glaube kann verbinden, auch über Religionsgrenzen hinweg. Die Bekehrung der Religionen zum Frieden ist jedoch ein neues Phä-nomen. Das internationale Netzwerk Religionen für den Frieden gibt es erst seit 1970. Innerhalb des Christentums gibt es zahlreiche Initiativen, die älter sind: Die niederländische Organisation „Kerk en Vrede“ ist einhundert Jahre alt und Pax Christi International wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 gegründet. Außerdem sind die Quäker und Baptisten seit Jahrhunderten christliche Konfessionen mit einer großen Friedenstradition. Und das zu Recht.
Das Evangelium führt die Christen in den Frieden ein. „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht“, sagt Jesus seinen Jüngern in der Abschiedsrede (Joh 14,27).
Die Befreiung, die das Evangelium Jesu bringen will, liegt nicht in der weltlichen „Logik“ der Kriegsgewalt,...




