E-Book, Deutsch, Band 1, 752 Seiten
Reihe: Die Kaffeeblüten-Saga
Veloso Der Duft der Kaffeeblüte
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-400-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Eine mitreißende Familiensaga über eine brasilianische Kaffeeplantage - und eine verbotene Liebe
E-Book, Deutsch, Band 1, 752 Seiten
Reihe: Die Kaffeeblüten-Saga
ISBN: 978-3-98690-400-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ana Veloso wurde 1964 geboren. Nach ihrem Studium der Romanistik arbeitete sie als Journalistin für mehrere namhafte deutsche Magazine. Ihr erster Roman, »Der Duft der Kaffeeblüte«, wurde ein großer Erfolg und in viele Sprachen übersetzt. Ana Veloso lebt als Journalistin und Autorin in Hamburg, verbringt aber jedes Jahr mehrere Monate im Ausland, um dort Eindrücke für ihre Romane zu sammeln. Die Website der Autorin: www.ana-veloso.de/ Bei dotbooks veröffentlichte Ana Veloso ihre exotischen Love-and-Landscape-Romane »Der Duft der Kaffeeblüte«, »Unter den Sternen von Rio«, »Der Himmel über dem Alentejo«, »Das Leuchten der Indigoblüte«, »Die Frau vom Rio Paraíso«, »Das Lied des Kolibris« und »Das Flüstern der goldenen Bucht«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel I
Kaffee, fand Vitória da Silva, war das wunderbarste Gewächs der Welt. Sie stand am geöffneten Fenster ihres Schlafzimmers und blickte über die Felder. Bis zum Horizont erstreckten sich die Hügel der Fazenda, und über alle zogen sich die sanft geschwungenen Reihen des »grünen Goldes«, das über Nacht die Farbe gewechselt hatte: Die Knospen hatten sich, kaum dass die Regenfälle der vergangenen Wochen aufgehört hatten, geöffnet. Die Sträucher waren nun mit weißen, filigranen Blüten durchsetzt, und von Weitem wirkte die Landschaft, als sei sie mit einer feinen Schicht Puderzucker bestäubt worden.
»Ob es wohl so aussieht, wenn es geschneit hat?«, fragte sich Vitória nicht zum ersten Mal. Sie hatte noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen. »Ganz bestimmt aber«, dachte sie, »riecht Schnee nicht so gut.« Tief sog sie die Luft ein, in der, ganz schwach, der zarte Duft der Kaffeeblüten lag, der dem von Jasmin so stark ähnelte. Gleich nach dem Frühstück wollte Vitória hinausgehen und ein paar Zweige abschneiden, eine Gewohnheit, die niemand in ihrer Familie nachvollziehen konnte. »Warum stellst du nicht lieber ein paar hübsche Blumen in die Vase?«, pflegte ihr Vater zu fragen. Kaffee betrachtete er als reine Nutzpflanze, nicht als Zierde.
Aber Vitória blieb dabei. Sie liebte die Zweige, wenn sie wie jetzt, Mitte September, in voller Blüte standen und ihr feines Aroma das Haus durchströmte. Sie liebte sie auch, wenn die ersten Früchte heranreiften und die noch grünen Kirschen unter den weißen Blüten hervorblitzten. Sie liebte sie, wenn die Kaffeekirschen zur vollen Reife gelangt waren, wenn sie prall und rot und schwer inmitten der grünen Blätter hingen. Am liebsten aber waren ihr jene Zweige, an denen sowohl Blüten als auch Früchte unterschiedlichen Reifegrades hingen und an denen sich die Jahreszeiten aufzuheben schienen.
Gab es irgendeine andere Pflanze, die ähnlich vielseitig war? Die kapriziös wie eine Rose und dabei Gewinn bringend wie keine andere war? Deren Innerstes, die Kaffeebohne, von so unscheinbarem Äußeren und zugleich von so erlesenem Geschmack sein konnte?
Bei diesem Gedanken fiel Vitória das Frühstück ein, zu dem ihre Anwesenheit erwartet wurde. Bedauernd schloss sie das Fenster. Zu gerne hätte sie sich noch länger an dem Aroma und dem Anblick der Kaffeefelder berauscht. Doch schon jetzt, am frühen Morgen, lag die Hitze bleiern über der Landschaft. Später würde sie jede Bewegung zur Qual werden lassen. Je länger Vitória Fenster und Vorhänge geöffnet ließ, desto schneller würde die sengende Sonne die sorgsam bewahrte Kühle aus dem Raum vertreiben.
»Sinhá Vitória, beeilen Sie sich! Alle warten schon auf Sie.« Das Hausmädchen stand plötzlich im Türrahmen und trug wie immer eine Miene zur Schau, in der sich ihre eingebildete Wichtigkeit spiegelte.
Vitória zuckte zusammen. »Miranda, warum musst du dich immer so anschleichen? Kannst du dich nicht ein Mal wie ein zivilisierter Mensch benehmen? Zuerst musst du anklopfen und auf eine Antwort warten, bevor du die Tür öffnest, das habe ich dir doch schon so oft erklärt.«
Aber was erwartete sie auch? Miranda stand erst seit kurzem in ihren Diensten, ein törichtes Ding ohne Manieren, das ihr Vater dem Fazendeiro Sobral aus reiner Gutmütigkeit abgekauft hatte – natürlich inoffiziell, denn die Einfuhr von Sklaven war schon seit 1850 verboten und der inländische Handel streng reglementiert. Öffentliche Auktionen von frisch eingetroffenen Afrikanern gab es seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr. Wer weitere Hilfskräfte benötigte, musste sich auf die Fruchtbarkeit der bereits vorhandenen Sklaven verlassen oder sich auf dem Schwarzmarkt umsehen. Und je mehr der Nachschub an Sklaven versiegte, desto besser musste man sich um die kümmern, die man hatte. Ein Fazendeiro, ein Gutsherr, überlegte es sich heute genauer als vor dreißig Jahren, ob er einen aufsässigen Sklaven auspeitschen ließ. Kranke oder hungrige Arbeitskräfte konnte sich niemand mehr leisten. Am wenigsten Vitórias Vater, Eduardo da Silva, der eine der größten Fazendas im Paraíba-Tal sowie mehr als dreihundert Sklaven sein Eigen nannte. Er hatte zu viele Neider, als dass er sich Gesetzwidrigkeiten oder auch nur Verstöße gegen die herrschende Moral, und dazu gehörten auch Misshandlungen von Schwarzen, hätte leisten können. Und er hatte eine Frau, die es mit ihrer christlichen Nächstenliebe sehr genau nahm. Nun saßen beide im Speisesaal und warteten auf ihre Tochter, die ausnahmsweise die Letzte war, weil sie sich von der Kaffeeblüte zum Träumen hatte hinreißen lassen.
»Sag meinen Eltern, dass ich schon unterwegs bin.«
»Sehr wohl, Sinhá Vitória.« Miranda knickste ungelenk, drehte sich um und schlug hinter sich die Tür zu.
»Himmel!« Ungehalten zog Vitória die Brokat-Vorhänge zu, warf sich ihren mit echten Brüsseler Spitzen besetzten Morgenmantel über und blickte in den Spiegel auf ihrem Frisiertisch. Mit geübtem Griff flocht sie ihr Haar zu einem Zopf, der ihr fast bis zur Taille reichte, um diesen dann zu einem sittsamen Knoten im Nacken zu drehen. Dann schlüpfte sie in ihre Hausschuhe und machte sich auf den Weg zum Speisezimmer.
Alma und Eduardo da Silva erwarteten sie mit vorwurfsvollen Blicken.
»Vitória, mein Kind.« Mit belegter Stimme begrüßte Dona Alma ihre Tochter. Vitória ging zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Mamãe, wie geht es Ihnen heute Morgen?«
»Unverändert, Liebes. Aber nun lass uns beten, damit dein Vater endlich essen kann. Er hat es eilig, wie du weißt.«
»Papai, es tut mir ...«
»Scht! Später.«
Dona Alma hatte die Hände bereits gefaltet und murmelte ein kurzes Morgengebet. Mit den dunklen Ringen unter den Augen, den knotigen, rheumatischen Fingern und dem streng zurückgebundenen Haar, das bereits von zahlreichen grauen Strähnen durchzogen war, sah sie aus wie eine Greisin. Dabei war Alma da Silva erst 42 Jahre alt, ein Alter, in dem diverse andere Damen der Gesellschaft immerhin noch tanzten und den Ehemännern ihrer Freundinnen schöne Augen machten. Und so peinlich deren Auftritte auch sein mochten – manchmal wünschte sich Vitória, ihre Mutter sei ebenfalls so lebenslustig und ein bisschen weniger märtyrerhaft. »Amen«, beendete Eduardo da Silva ungeduldig das Gebet, kaum dass seine Frau den letzten Vers aufgesagt hatte.
»So, liebe Vita, jetzt darfst du dich entschuldigen, wenn es das ist, was du vorhin sagen wolltest.« Ihr Vater biss herzhaft in seine torrada, auf die er einen ungehörigen Berg von Frischkäse und Guavengelee getürmt hatte. Aber sowohl seine Frau als auch seine Tochter sahen es ihm nach. Eduardo da Silva stand jeden Tag um vier Uhr in der Früh auf, arbeitete zwei Stunden an seinem Schreibtisch, um sich schließlich bei Sonnenaufgang seinen anderen Pflichten als Fazendeiro zu widmen. Er inspizierte die Ställe und die senzalas, die Sklavenunterkünfte, ritt über die Felder und begutachtete die Kaffeesträucher, gab dem Vorarbeiter Anweisungen für den Tag und hatte immer noch ein freundliches Wort für den Schmied oder die Melkerin übrig. Gegen acht Uhr kam er zurück zum Herrenhaus, um gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter zu frühstücken – ein Ritual, das ihm heilig war. Kein Wunder, dass er dann ausgehungert war und zuweilen gegen die Tischsitten verstieß.
Jetzt wischte er sich die Krümel aus seinem Vollbart, der ähnlich eindrucksvoll war wie der des Kaisers.
»Papai, entschuldigen Sie. Ich hatte tatsächlich ganz vergessen, dass Sie heute nach Vassouras müssen. Aber haben Sie nicht gesehen: Der Kaffee blüht. Ist es nicht herrlich?«
»Ja, ja, die Ernte verspricht wirklich gut zu werden. Ich hoffe nur, dass Senhor Afonso heute Morgen nicht dasselbe gedacht hat und wieder einen Rückzieher macht.«
»Das wird er nicht, Papai. Keine noch so reiche Ernte kann ihn mehr retten. Diesmal wird er verkaufen.«
»Dein Wort in Gottes Ohr, Vita. Aber bei Afonso weiß man nie. Der Mann ist verrückt und unberechenbar. Würdest du mir bitte die Brioches reichen?«
Der Korb mit dem Gebäck stand direkt vor Dona Alma, die ihrer Tochter zuvorkommen wollte. Doch als sie danach griff, hielt sie mitten in der Bewegung inne und verzog das Gesicht vor Schmerz. »Mamãe? Ist es wieder schlimmer geworden?«
»Die Schmerzen sind einfach grauenhaft. Aber macht euch um mich keine Gedanken, ich werde nach Doutor Vieira schicken. Sein Schmerzmittel hat beim letzten Anfall Wunder gewirkt. Wirst du Félix heute entbehren können?«, fragte sie ihren Mann. Félix war auf Boavista der Junge für alles. Er war vierzehn Jahre alt, hoch gewachsen und von kräftiger Statur. Doch bei der Ernte konnte er nicht eingesetzt werden: Er war stumm, und den Hänseleien der Feldsklaven konnte er nur mit seinen Fäusten begegnen. Nach ein paar Wochen auf den Feldern, von denen Félix allabendlich mit schlimmen Blessuren zurückgekehrt war, hatte Vitórias Vater beschlossen, den Jungen ins Haus zu holen. Es wurde immer jemand gebraucht, der Botengänge erledigen oder mit anpacken konnte. Reissäcke, Schweinehälften, Weinfässer – irgendetwas war immer zu schleppen. Inzwischen hatte der Junge gelernt, die Sitten seiner Herrschaft zu imitieren, und man konnte ihn sogar mit weniger groben Aufgaben betrauen.
»Und das heute!«, lamentierte Dona Alma. »Wo ihr euch doch um so viele andere Dinge kümmern müsst.«
Vitória blickte ihre Mutter fragend an. Viele andere Dinge? Natürlich, sie hatte immer viel zu tun. Seit ihre Mutter durch die Krankheit so geschwächt war, hatte Vitória die Führung des Haushaltes übernommen. Aber was lag heute an, was über ihre normalen Pflichten...




