Veloso | Das Lied des Kolibris | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 520 Seiten

Veloso Das Lied des Kolibris

Roman | Sinnlich, abenteuerlich, geheimnisvoll - Love and Landscape in Brasilien
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-654-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman | Sinnlich, abenteuerlich, geheimnisvoll - Love and Landscape in Brasilien

E-Book, Deutsch, 520 Seiten

ISBN: 978-3-98952-654-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine geflüsterte Hoffnung nach Freiheit ... Bahia in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Seit sie denken kann, arbeitet die junge Sklavin Lua auf der Zuckerrohrplantage von São Fidélio - doch sie hat ein Geheimnis: Sie kann lesen und schreiben, was Sklaven unter Strafe verboten ist. Als die alte Imaculada sie mit ihren verbotenen Kenntnissen konfrontiert, befürchtet sie das Schlimmste. Umso erstaunter ist sie, als die ergraute Sklavin sie bittet, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Zunächst widerstrebend, aber dann zunehmend fasziniert, lauscht Lua Imaculadas Geschichte und gerät in ihren Bann - und in den Bann des attraktiven Sklaven Zé, der von einem Leben in Freiheit träumt ... »Manche Geschichten lassen uns Zeit und Raum vergessen - dieses ist so eine Geschichte.« Freizeit Exklusiv • Mitreißender Historienroman über das bewegte Leben zweier Frauen im Kampf um ihr Glück und ihre Freiheit • Love and Landscape vor der prachtvollen Kulisse des brasilianischen Regenwalds im 18. Jahrhundert • Für die Fans von Nicole C. Vosseler und Catherine Tarleys »Die Plantage«-Reihe

Ana Veloso wurde 1964 geboren. Nach ihrem Studium der Romanistik arbeitete sie als Journalistin für mehrere namhafte deutsche Magazine. Ihr erster Roman, »Der Duft der Kaffeeblüte«, wurde ein großer Erfolg und in viele Sprachen übersetzt. Ana Veloso lebt als Journalistin und Autorin in Hamburg, verbringt aber jedes Jahr mehrere Monate im Ausland, um dort Eindrücke für ihre Romane zu sammeln. Die Website der Autorin: www.ana-veloso.de/ Bei dotbooks veröffentlichte Ana Veloso ihre exotischen Love-and-Landscape-Romane »Der Duft der Kaffeeblüte«, »Unter den Sternen von Rio«, »Der Himmel über dem Alentejo«, »Das Leuchten der Indigoblüte«, »Die Frau vom Rio Paraíso«, »Das Lied des Kolibris« und »Das Flüstern der goldenen Bucht«.
Veloso Das Lied des Kolibris jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1


Von drei Seiten drohte Ungemach.

Von rechts sah Lua die verrückte Imaculada kommen, die ihren Blick starr auf sie richtete und genau auf sie zu humpelte, weiß der Himmel, warum. Lua hatte mit der Alten nie ein Wort gewechselt und sah auch keinen Grund, daran etwas zu ändern. Imaculada gehörte seit Urzeiten zu São Fidélio, so ähnlich wie die knarrenden Stufen zum Dachgeschoss des Herrenhauses, und genau wie bei der Treppe konnte sich niemand daran erinnern, sie jemals anders als verwittert und ächzend erlebt zu haben. Sie war Lua unheimlich, und die junge Sklavin wollte nichts mit der Alten zu schaffen haben.

Von links näherte sich der Senhor. Er sah aus, als wolle er Lua eine weitere unsinnige Aufgabe erteilen, eine von der Art, die ihm ein wenig Zweisamkeit mit ihr erlaubt hätte. Allmählich drängte sich ihr der Verdacht auf, dass er sich seine Hemdknöpfe absichtlich abriss, nur damit er sie bitten konnte, ihm in sein Studierzimmer zu folgen und sie ihm schnell wieder anzunähen. Nicht dass es andere Sklavinnen gegeben hätte, die in dieser Arbeit viel geübter waren als sie. Auf eine Begegnung mit ihm war sie ebenso wenig erpicht wie auf die mit der alten Sklavin.

Sie hätte nach vorn oder nach hinten zum Schuppen ausweichen können, um beiden aus dem Weg zu gehen. Doch dann sah sie plötzlich, dass Gefahr aus einer Richtung drohte, aus der sie sie nicht vermutet hatte: von oben. Ein Drachen schoss im Sturzflug auf sie zu. Die Hühner stoben wild gackernd auseinander, als Lua sich vor dem Ungetüm in Sicherheit bringen wollte und dabei fluchend durch ihre Mitte rannte. Sie hatte geahnt, dass der kleine Sohn der Wäscherin nicht in der Lage sein würde, den selbstgebauten Drachen bei dem starken Ostwind zu bändigen. Dennoch hatte sie dem Kind zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, hatte sich darauf verlassen, dass seine Mutter rechtzeitig eingreifen würde.

Sie lief geradewegs in die Arme Imaculadas. Hinter ihr hörte sie eine Vielzahl an Geräuschen, aus denen sie schließen konnte, was geschehen war: das Gezeter des Senhors, der offenbar beinahe von dem Drachen getroffen worden wäre, das Geflatter der ebenfalls erschrockenen Hühner sowie das Geschrei der Wäscherin, die ihren allzu lebhaften Sohn maßregelte. Dann folgte das Geheul des Jungen, dessen Drachen anscheinend zerfetzt in den Ästen des Cajú-Baumes hing.

Sehen konnte sie von alldem nichts. Imaculadas Blick hielt den ihren unerbittlich gefangen.

»Ich wissen, dass du Richtige«, sagte sie. »Wind auch wissen.« Lua hatte von den anderen Sklaven auf Sâo Fidélio erfahren, dass Imaculada noch zu jenen gehörte, die direkt aus Afrika nach Brasilien gebracht worden waren. Die anderen waren alle hier geboren. Daher hätte sie das schlechte Portugiesisch der Alten nicht wundern dürfen, was es aber trotzdem tat. Es verstärkte den Eindruck von Andersartigkeit, den all ihre Gesten und Blicke ausstrahlten. Und was sollte das überhaupt heißen, sie sei die Richtige? Wofür? Glaubte die Alte tatsächlich, dass nicht ein dummer Zufall sie in ihre Nähe geführt hatte, sondern der heiße Ostwind, von dem es hieß, er komme geradewegs aus Afrika?

Imaculadas Stimme war so ausdruckslos wie ihre Miene. Lua wagte trotzdem nicht, ihr zu widersprechen. Vielleicht veranlasste die Autorität des Alters sie dazu, Imaculada, die ihren Arm umklammert hielt, zu folgen. Vielleicht war es aber auch ihre Furcht davor, dass an den Gerüchten etwas dran war, hieß es doch von der betagten Sklavin, sie verfüge über magische Kräfte. Lua bekreuzigte sich im Geiste.

Imaculada führte die Jüngere um das Herrenhaus herum zu einer steinernen Bank, die nun, am Nachmittag, im Schatten des Gebäudes stand. Es war die dem Wind zugewandte Seite. Eine kräftige Bö fuhr unter Imaculadas Rock und entblößte ihre dürren, ledrigen Waden, ein Anblick, der Lua sonderbar anrührte. Die Alte bedeutete ihr, Platz zu nehmen, aber angesichts der ihr drohenden Strafe wagte sie nun endlich Widerworte.

»Jesus und Maria! Was, wenn die Senhora uns hier erwischt? Du weißt, dass sie uns auspeitschen lassen kann, wenn es ihr gefällt. Sie hasst Müßiggang bei den Sklaven, und noch viel mehr verabscheut sie die Vorstellung, mit ihrem kostbaren Hinterteil dieselbe Stelle zu berühren, auf der schon einmal ein schwarzer Hintern gesessen haben könnte.«

Die Alte nickte bedächtig. »Du viel lernen. Viel, viel.«

Lua war verunsichert. Hieß das, sie hatte viel gelernt? Viele portugiesische Wörter, die Imaculada möglicherweise nicht verstand? Oder wollte sie Lua vielmehr zu verstehen geben, sie habe noch viel zu lernen?

Imaculada setzte sich auf die Bank und hielt dabei weiter Luas Arm fest, so dass diese gezwungen war, es ihr gleichzutun. Lua schaute sich ängstlich nach allen Seiten um. Wenn sie nun jemand sah und bei den Herrschaften anschwärzte? Die dicke Maria zum Beispiel, die allen Mädchen, die hübscher waren als sie, das Leben zur Hölle machte? Oder der liebedienerische João, der sich vom Verpetzen gewisse Vorteile in der Casa Grande versprach?

Es war weit und breit niemand zu sehen, doch das mochte nicht viel heißen. Auf São Fidélio ist man nie allein, so viel hatte Lua in ihren 18 Lebensjahren, die sie alle auf dieser Fazenda verbracht hatte, gelernt. Die Zuckerrohrplantage erstreckte sich weit über den Horizont hinaus, und auf den Feldern sowie im Urwald konnte man sich sehr einsam fühlen. Doch das Anwesen selbst, bestehend aus Herrenhaus, casa grande, sowie den Nutzgebäuden und dem Sklaventrakt, senzala, beherbergte an die 200 Personen, von denen nur fünf von weißer Hautfarbe waren. Von den Sklaven wiederum befand sich immer mindestens ein Viertel im oder am Haus – jede Menge Leute also, die im Herrenhaus, in der Küche, der Wäscherei, den Ställen, der Schmiede, im Obstgarten, in der Maniokmühle oder an der Zuckerrohrpresse arbeiteten, ganz zu schweigen von Müttern im Kindbett, Rekonvaleszenten, kleinen Kindern, Greisen oder anderen Personen, die aus diesen oder jenen Gründen nicht einsatzfähig waren.

Lua hatte schon in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass sie sich, wenn sie Ruhe suchte, möglichst weit vom Haus entfernen musste. Einmal hatte sie der Sinhazinha Eulália ein Buch stibitzt, um es heimlich zu lesen, doch sie kam kaum drei Seiten weit, da sauste die Gerte auf sie nieder. Die Gouvernante hatte sie bei ihrem mittäglichen »Verdauungsspaziergang«, wie sie es nannte, erwischt. Kein normaler Mensch ging freiwillig mittags aus dem Haus, nur Lua und diese schreckliche Frau, und prompt trafen sie aufeinander. Ein anderes Mal wollte sie, gerade 13-jährig, mit einem schmucken Burschen turteln – der, Gott hab ihn selig, im vergangenen Jahr bei einem Fluchtversuch getötet wurde –, da wurden sie von einem Hund sowie drei kleinen Jungen gestört, die eben diesen Hund fangen wollten.

Es war also nicht ratsam, in der Nähe des Hauses irgendwelchen Beschäftigungen nachzugehen, bei denen man ungestört bleiben wollte. Und das verschwörerische Getue von Imaculada verhieß nichts Gutes. Allerdings war Luas Neugier schon immer größer als ihre Angst vor Bestrafung gewesen, so dass sie sich also hinsetzte und Imaculada fragend ansah.

»Ich sterben«, sagte die Alte in einem Ton, in dem sie auch hätte mitteilen können, dass an diesem wie an jedem anderen Tag in den letzten drei Monaten die Sonne schien.

»Oh«, brachte Lua hervor.

»Nicht schlimm. Ich zurück zu mein Ahnen und mein Kinder nach Cubango-Fluss, nach Ndongo.«

»Oh«, sagte Lua ein weiteres Mal. Was sonst hätte sie auf eine solche Aussage erwidern sollen? Ihr graute vor den sentimentalen Erinnerungen der Alten. Sie wollte nichts über sie, ihre Familie oder ihre heidnische Herkunft wissen. Die Afrikaner waren Wilde, das wusste doch jedes Kind. Sie waren Hottentotten und Menschenfresser, oder etwa nicht? Die Sklaven konnten sich glücklich schätzen, dem schwarzen Kontinent und seinen bestialischen Bräuchen entkommen zu sein. Die Liebe von Jesus Christus sowie die Fürsorge ihrer Senhores wogen doch hundertmal die Tatsache auf, dass sie nicht »frei« waren. Lua schloss sich ganz der Meinung des Padres an, der jeden Sonntag predigte, die Freiheit sei ein Gut, das den Negern überhaupt nicht bekäme. Im Übrigen fühlte sie sich durchaus nicht als jemandes Eigentum, auch wenn es auf dem Papier wohl so war.

»Du tun dumm, aber du sein klug. Du schreiben.«

»Nein, das stimmt nicht«, antwortete Lua. Endlich sprach Imaculada ein Thema an, zu dem sie sich hätte äußern können, aber sie hatte nicht vor, ihr dieses Geheimnis anzuvertrauen, ein Geheimnis, das anscheinend bei weitem nicht so wohlgehütet war, wie sie es sich erhofft hätte. Sie konnte nämlich lesen und schreiben, beides, wie sie ganz unbescheiden fand, sehr gut. Die Eitelkeit war eine Todsünde, hatte der Padre sie gelehrt, doch eine noch viel größere Sünde war es, wenn Sklaven lesen und schreiben konnten. Aus diesem Grund würde sie vor einer ihr fremden und noch dazu so furchteinflößenden Person wie Imaculada nie zugeben, dass es sich wirklich so verhielt. Der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der um ihre verbotenen Kenntnisse wusste, war ihre Freundin Fernanda, und die scherte sich herzlich wenig darum. Wofür das Lesen gut sei, wenn man keine Bücher habe? Da hatte sie nicht ganz unrecht. Allerdings verschaffte Lua sich gelegentlich Zugang zu Büchern, was selbst Fernanda nicht wusste.

»Du tun dumm, das klug. Aber Kasinda wissen. Du schreiben Geschichte von Kasinda.«

»Wer ist Kasinda?«, fragte Lua, obwohl ihr bereits schwante, dass die Alte selbst damit gemeint war.

»Kasinda mein afrikanisch Name. Imaculada gibt nicht.« Daraufhin spuckte sie mit hassverzerrtem Gesicht vor Lua...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.