Velikic Jeder muss doch irgendwo sein
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-446-25631-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-446-25631-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dragan Velikic, 1953 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Belgrad. Seine Bücher wurden in sechzehn Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien sein Roman Bonavia (2014). Für Jeder muss doch irgendwo sein erhielt er zum zweiten Mal den NIN Preis, die höchste literarische Auszeichnung Serbiens.
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1
»Du bist immer locker und entspannt auf Kosten anderer. Und andere müssen die Zeche dann zahlen.«
Das sagte meine Mutter gern.
»Wenn ich eine Heilige wäre«, seufzte sie wehmütig, »dann wäre ich die Schutzpatronin der Köchinnen, Zimmermädchen und Dienstmägde. Der heilige Nikolaus ist der Schutzpatron der Seeleute, ich aber würde die Dienstboten beschützen. Nur die Dienstboten wissen, wie jemand wirklich ist, in seinen eigenen vier Wänden.«
Danach folgte eine von Hunderten Geschichten, mit denen ihr Gedächtnis vollgestopft war. Ein gewisser Professor Lolic hatte einen Sohn, einen Medizinstudenten, der gerne im Bett aß. Das Essen verschmutzte die Bettwäsche. An dieser Stelle hielt Mama stets kurz inne, angeekelt allein von der Vorstellung des Anblicks befleckter Bettlaken.
»Sag mal, würde jemand, der halbwegs bei Verstand ist, im Bett essen? Dieser junge Mann ist zwar später in London gelandet und hat Karriere gemacht, aber das nützt alles nichts, er ist und bleibt ein Grobian.«
Oder das Beispiel des berühmten Literaten, in dessen ehemaliger Wohnung sie eine Zeitlang gelebt hatte. »Du hättest diesen Herd sehen müssen, den verwahrlosten Backofen. Verkohlt und stinkend, vor lauter Fett. Ein solcher Schriftsteller hat für mich seine Glaubwürdigkeit verspielt. Schluss aus.«
Alle ihre Geschichten stammten aus dem Boudoir, den Dienstbotenzimmern, den Mädchenkammern. Von dort, wo man mit gedämpfter Stimme sprach. Wo die Schatten niemals stillstanden. Wo sich Lachen, Schluchzen und Seufzen unaufhörlich abwechselten. In diesem natürlichen Standquartier der Sünde fingen die Geschichten niemals an, sie hörten auch niemals auf, sondern es war ein einziges endloses medias in res. Ein Zwischenraum und eine Zwischenzeit. Und die Reste fremder Leben. Ein Blick aus dem Souterrain. Leben, gelebt durch das Schlüsselloch.
Mama führte ihre Unterhaltung mit der Welt von der Küche aus. Von dort sandte sie ihre Botschaften an die Umgebung. In ihrer Küche stand alles an seinem Platz. Die Küche war ihr Altar, ihre Kommandobrücke, der Ort, wo sie nach ihrer Heirat die Rolle der göttlichen Vollstreckerin angenommen hatte. Sie zweifelte nicht daran, dass ihr hingebungsvoller Kampf für Gerechtigkeit und Wahrheit eines Tages belohnt, dass sie nach ihrem Tod heiliggesprochen würde. Sie sprach ihren Namen italienisch aus, als könnte die Erwähnung ihres echten Namens die Illusion zerstören.
»Violetta. Santa Violetta, die Schutzheilige der Dienstboten.«
Da war sie schon im Altersheim. Sie war an dem Ort gelandet, den sie für sich zeitlebens kategorisch abgelehnt hatte.
»Lieber würde ich mich umbringen, als in einem Heim zu leben«, hatte sie unzählige Male gesagt.
Als sie ins Heim kam, hinterließ sie in ihren Schränken zahlreiche Geschenke, bestimmt für künftige Hochzeiten, Einweihungsfeste und Geburtstage. Denn Geschenke kaufte man immer dann, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot. Mama würde etwa vor einem Schaufenster stehen bleiben, wo ein Geschirrset zum halben Preis angepriesen wurde. Eine Zeitlang würde sie überlegen und dann etwa eine Verwandte nennen, die bald eingeschult wurde. Für diese wäre das Geschirrset also bestimmt. Das kleine Mädchen würde nicht einmal ahnen, dass sie die Besitzerin des Porzellanservice in unserem Schrank war.
Ein kleines Vermögen steckte in diesen im Voraus gekauften Geschenken. Akkurat beschriebene Zettel mit den Namen der zukünftigen Besitzer, von denen einige schon längst tot waren.
Man kaufte im Voraus. Man lebte im Voraus. Man konnte alles erreichen, weil nichts dem Zufall überlassen war. Der fürsorgliche Blick meiner Mutter schwebte über dem gesamten Territorium des Alltags. Nichts entging ihrer Kontrolle. Nichts geschah von selbst. Selbst die Spinne oben in der Ecke im Bad hatte ihr Leben dem Aberglauben meiner Mutter zu verdanken. Das gesamte Universum unserer Wohnung bebte im Rhythmus ihres Atems.
»Die Küchengeräte lieben mich, weil ich mich um sie kümmere.«
Die Dinge und Gegenstände hatten, so glaubte sie, ihr geheimes Leben, und nur empfindsame und verantwortungsbewusste Menschen waren in der Lage, es zu spüren.
Mama verachtete Verschwendungssucht. Sie war eine globale Ökonomin.
In den letzten Jahren im Altersheim las sie den ganzen Tag Zeitungen und Frauenzeitschriften. Sie war süchtig nach Texten, die Vulgarität und Geschmacklosigkeit verbreiteten. Mindestens zwei Stunden, in denen ihr alles auf die Nerven ging, das war ihre tägliche Dosis. Sie geriet außer sich, wenn sie las, dass irgendjemand eine Villa als Hochzeitsgeschenk erhalten hatte. Luxus und Verschwendungssucht widerten sie an. In ihren Augen war es eine unverzeihliche Sünde, ein Vermögen für Vorhänge und Lüster auszugeben. Ganz zu schweigen von Yachten. Wie viel Geld ging das ganze Jahr über für die Erhaltung einer Yacht drauf, nur damit man einige wenige Wochen eine Kreuzfahrt in südlichen Gewässern unternehmen konnte? Vor lauter Vulgarität wird die ganze Welt noch explodieren, wiederholte sie unermüdlich.
Besonders irritiert war sie, wenn sich jemand den Annehmlichkeiten des Lebens hingab. Sie war der Meinung, wenn der Genuss zum wichtigsten Sinn der menschlichen Existenz erhoben würde, komme es unweigerlich zur Verblödung. Die Tendenz, alles zu vereinfachen, führe zu einer Degeneration der Menschheit und schließlich zum Verschwinden der menschlichen Rasse. Die Welt war schließlich nicht zu unserem Vergnügen erschaffen worden.
Im Kino verlieh sie ihrem Unmut über das Rascheln, Knabbern und Schmatzen der anderen Kinobesucher lautstark Ausdruck. Ich erinnere mich an Aufsichtspersonen, die im Kinosaal aus der Dunkelheit auf uns zukamen und meiner Mutter mit dem Rauswurf drohten. Immer wieder schickte sie Briefe an die Leitung des Kinos, in dem wir uns samstags die Premieren anschauten. Darin schlug sie vor, das Mitnehmen von Essen und Getränken in den Kinosaal zu verbieten.
Entspanntheit versetzte meine Mutter in Unruhe. Vor Ameisen hatte sie großen Respekt.
Santa Violetta. Wie sehr hatte sie sich vor dem Wasser gefürchtet! Immer auf das Schlimmste gefasst sein, das war ihre Devise. Sie glaubte, Gefahren könnte man ausweichen, indem man sie ständig herbeirief. Mit großem Vergnügen erzählte sie immer wieder, wie sie als Kind mehrmals fast ertrunken wäre. Diese Angst übertrug sich auf meine Schwester und mich. Aus uns wurden niemals gute Schwimmer. Dabei gingen wir regelmäßig mit Mama zum Strand: Valkane, die Bucht von Gortan, die Fischerhütte, die Goldenen Felsen … Mama mochte am liebsten Stoja. Das war ein richtiger städtischer Badestrand: betonierte Meereszugänge, Rutschen, Kabinen, Duschen, ein Restaurant. Voller Neid beobachtete ich die Badenden. Ungehemmte Körper auf den Sprungbrettern. Luftpirouetten. Die Schwimmer verschwanden in den Wellen, um wenige Sekunden später wieder aufzutauchen. Überall Geschrei und Gelächter.
Vergeblich fuchtelte ich mit den Armen und versuchte, meinen Körper länger als zwei Minuten an der Oberfläche zu halten. Ich übte in einer menschenleeren Bucht, neben dem Zaun des Campingplatzes, wo es nicht allzu viele Augenzeugen gab. Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt würde mir dabei zuschauen. Auch mir war Stoja der liebste Strand. Meine Schulfreunde kamen selten dort vorbei. Sie bevorzugten die offenen Strände, wo man keinen Eintritt bezahlen musste. Sie verabredeten sich dort, ohne Eltern. Wenn dann doch jemand zufällig bei Stoja vorbeikam, versteckte ich mich geschickt in der Menge, zwischen den entblößten Körpern, oder ich verzog mich in den kleinen Wald und wartete so lange, bis die Gefahr vorüber war.
Mama verachtete alles Provisorische, ganz gleich, ob es sich um einen Badestrand handelte oder um eine Fernsehantenne. Sie ertrug keine Reparaturen oder Umbauten. In unserer Wohnung hatte nichts Platz, das beschädigt oder zerkratzt war. Teller, Gläser und Tassen warf sie sofort weg, sobald sie einen Riss darin entdeckte.
Am Strand bedachte sie alle Kinder, die schrien, umherliefen oder mit Obstresten um sich warfen, mit drohenden Blicken. Wer über unsere Handtücher lief, wurde laut zurechtgewiesen. Die Eltern der gescholtenen Kinder lächelten milde. Meine Schwester und ich wären am liebsten im Erdboden versunken, wenn unsere Mutter ihnen die Leviten las. Es ärgerte sie, wenn die Eltern Zigarettenstummel in die Wandritzen schoben. Sie spielte sich als Bademeisterin auf. Einmal hörte ich auf der Straße, wie eine Frau zu ihrem Mann sagte: »Schau mal, ist das nicht der Sohn dieser Verrückten vom Strand?«
Sie haben gewonnen, Mama. Die Leute vom Strand haben die Weltherrschaft erlangt. Gleichgültig und abgestumpft, tingeln sie von einem exotischen Urlaubsort zum nächsten. Der Wert der Dinge ist ihnen fremd. Unter dem Deckmantel der Freiheit verstecken sie ihre jämmerlichen Seelen. Horden von Tölpeln in Markenkleidung und Markenschuhen ziehen Markenkoffer und Taschen in Hotellobbys hinter sich her. Sie überfluten Flughäfen und Bahnhöfe. Sie unternehmen Kreuzfahrten. Touristen schwärmen in alle Richtungen aus und verdrecken den gesamten Planeten.
Es ist unmoralisch, auf den griechischen Inseln Urlaub zu machen, ohne auch nur ein einziges antikes Drama zu kennen. Wie kann man in Spanien unterwegs sein, ohne das Wissen darum, dass einst der Ritter von der traurigen Gestalt und sein Diener Sancho Pansa Andalusien bereist hatten? Du willst nach London? Dann sag erst einen Vers von Shakespeare auf. Oder meinetwegen von John Donne.
Mama mochte reine Wahrheiten. Die Dinge genau so wiedergeben, wie sie sich zugetragen hatten. Sie erzählte jedes Gespräch genau...




