Veit Bergers Mord
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-939483-27-4
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine historische Criminalerzählung
E-Book, Deutsch, 139 Seiten
ISBN: 978-3-939483-27-4
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Veit, geb. 1956 in Velen. Autor mehrerer im Münsterland angesiedelter Kriminalromane. Weitere Veröffentlichungen: historische Romane, Satiren, Kurzgeschichten und Lyrik. Georg Veit arbeitet außerdem als Gymnasiallehrer in Coesfeld.
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ERSTES KAPITEL
Höchstpünktlich um kurz vor zehn Uhr am Morgen erreichte Berger, auf dem Äußeren Damm in Richtung Cäcilienbrücke eilend, den Vorplatz der oldenburgischen Bibliothek, der mit einer unansehnlichen Umzäunung eingefriedet war. Der Zustand der siebenunddreißig drahtdurchzogenen, schief im Boden steckenden Holzpfähle, die vor Zertrampelung von Rasen und Blumenbeeten schützen sollten, bereitete ihm ausgesprochenen Verdruss und wir, die wir ihm auf dem Fuße folgten, sahen keine Möglichkeit, ihn von diesen Gefühlen zu befreien. Denn als Hilfsschreiber der Bibliothek war ihm die geregelte Verantwortlichkeit in dieser Sache durchaus bekannt. Auch bestand wenig Aussicht, dass bei Heranbrechen des Frühjahrs doch wenigstens die früher einmal kultivierten Anlagen ein hübsches Bild machten . Immerhin wurden dafür jährlich aus der Landeskasse auf vorherige Anweisung des Großherzoglichen Amtes sechsundzwanzig Reichsmark gezahlt!
Es ging ein langweiliger Wind. Einige Atemzüge hielt Berger inne, fasste seine Unterlippe mit den Zähnen und zog fröstelnd seine schmalen Schultern zusammen. Alle Tage schleppte er seine eigene niedrige Temperatur mit sich herum und so kam’s auf das Wetter eigentlich kaum noch an. Er wandte sich, die Augen vom aufgeweichten Schmutz des Rasenbodens lösend, ganz der Bibliothek zu, deren stattlicher zweistöckiger Galeriebau weit erfreulicher ausfiel als der Vorplatz. Bergers Gesicht hellte sich für Augenblicke auf, schien doch dieses Asyl der Wissenschaft der besagten Unansehnlichkeit und dem Geräusch der Straße, die als Zufahrt zur Residenz lebhaften Verkehr verzeichnete, gleichsam entrückt!
In diesen Tempel der Wissenschaften also hatte er, der Hilfsschreiber Johann Oscar Georg Berger, täglichen Zugang. Er streckte unter der Winterkleidung seine zart-dickliche Gestalt und straffte noch einmal die hängenden Schultern, bevor er zum Beginn dieser Arbeitswoche die sockelflankierten Stufen des Eingangs hinaufstieg. Die Vestibültür war vom Hausknecht Kreyenbrock bereits aufgeschlossen, so dass Berger, nachdem er sie bei quietschenden Angeln geöffnet hatte, den harten Schlüssel in die linke Manteltasche zurückfallen ließ und durch das Treppenhaus, das in seinem Sandsteinton mit den gelben Fugen durchaus hell und licht erschien, zur ersten Etage emporschritt. Wohin ebenfalls wir ihm folgten.
Am Treppenabsatz befand sich zur Linken das Kabinett und jeden Morgen warf Berger, da er an einer sprunghaften und fast krampfartigen Verdauung litt, einen ängstlichen Blick auf die Tür: Hing der notwendige Schlüssel auch am Platze?
Mit der Treppenwendung nahm er gern die aufwändige Dekoration in den Blick, deren Malerei den Herrn Oberbibliothekar Dr. Merzdorf allerdings zu höchst verächtlichen – und auch uns verständlichen – Kommentaren verleitete, indem er nämlich immer neu anmerkte, alles das hätte man weglassen, schon gar nicht von einem so simplen Maler ausführen lassen sollen. Das sei «Gischenbombejonig», was Berger nie recht verstand, da Herr Dr. Johann Friedrich Ludwig Theodor Merzdorf bei Aufregung in seinen schwer verstehbaren sächsischen Akzent verfiel.
Allmorgendlich also sog Berger diese erbaulichen Details ein, bevor er das eigentliche Asyl der Gelehrsamkeit betrat. Nie achtete er beim Eintreten auf den Garderoben- und Regenschirmhalter oder das Tischchen, das als stummer Diener müßig und unbeansprucht dastand. So legten denn wenigstens wir – den Lesern zum Beweis von Tüchtigkeit – unsere Visitenkarte darauf.
Durch die zweiflügelige Glastür kam dem Hilfsschreiber, ihm fast die Türe ins Gesicht schiebend, die lange, knochige Gestalt des Hausknechts Kreyenbrock entgegen, zeigte sich mit einem langsamen «Oooch» nur mäßig erschrocken und meldete:
«Heer Berger, de Oefken ziehn wedder nich. – Moin.»
«Auch nicht der im Archiv? – Moin.»
«Nä, in Archiv unnen ook nich.»
Man hatte sich im gesamten Gebäude an derartige Ausfälle gewöhnt und saß nach alter Bibliothekarsart in Mantel und Mütze und mit klammen Fingern vor der Arbeit, weil der Kamin, von dessen ordnungsgemäßer Wirkung man sich allerdings nicht zu wohlige Vorstellungen machen sollte, schlecht zog. Berger selbst, den es schon von klein auf – aus dem Inneren heraus – fröstelte, versuchte sich gegen die im Allgemeinen zu kühle Luft auf dem Lokale durch eine Hasenpelzkappe mit Ohrenklappen und wollene Fingerlinge zu schützen. Dennoch fror ihn oft den ganzen Tag, und auch im eigenen Heim herrschte bei dem Mangel an Brennholz nur zu den Mahlzeiten und in seinem Bett – seine Frau hatte übrigens nach dem neunten Kind die Betten auseinandergestellt – eine ausreichende Wärme. Schon in jüngeren Jahren, als er noch liebte, hätte er die Frage nicht beantworten können, ob er bei seiner jungen Frau Clara mehr die Liebe suche oder die Wärme. Die Nase Bergers tendierte bis ins Frühjahr hinein ins Rötliche und wirkte, einem Schneemann ähnlich, wie ins Gesicht hineingesteckt.
Unangenehm kam im Bibliotheksgebäude hinzu, dass man, wenn der Ausfall der Öfen nicht nur die Bibliothek selbst, sondern auch das Haus- und Zentralarchiv im Erdgeschoss betraf, den aufdringlichen Besuch des Archivregistrators Bamberger zu gewärtigen hatte. Mit dieser sich aufspielenden Person kam selbst Herr Dr. Merzdorf, ansonsten ein Mann von geduldigem Wesen, nicht zurecht und deren Anwesenheit auf der Bibliothek kühlte die Atmosphäre des vormittäglichen Geschäftsganges weiter ab.
Bergers Verhältnis zur Kälte war eine ähnliche wie zur Dunkelheit. Er suchte die Öfen, Herde und Kamine auf – nicht anders als Katzen – und litt unter der Kälte, indem sie seinen Unterleib zusammenzog, ihm hinter die Augen kam und seine Lebensgeister verspannte. Spürte er keine Wärme irgendwo im Raume, so glich sein ganzer Körper einem harten Klotz und bis hinauf in seinen Kiefer setzte sich die Verspannung fort. Oftmals fuhren seine Finger nur deshalb in die steifen Manteltaschen, um sich in Stellvertretung des ganzen Körpers ein wenig Wärme zu besorgen – als glitten sie ins Federbett oder unter die wollene Decke. Und seine regelmäßige Angst war, dass die Kälte auch in seine Manteltaschen kroch.
Ganz ähnlich ging es ihm mit der Dunkelheit. Sie ängstigte ihn jetzt nicht mehr so wie als Kind, als er seine Eltern mit seinem Weinen, Schreien und Niederfallen auf der Stelle beunruhigte, wenn er zum Beispiel eine dunkle Treppe zu ersteigen hatte, an deren Ende erst eine Tür und Licht waren. Aber noch immer schlug die Dunkelheit sich wie eine Lähmung auf ihn nieder, so dass er sich schon bei Dunkelwerden – die Dämmerung erschien ihm nur wie eine sichtbare Nacht – am liebsten ins Bett warf und es auch tat, sooft es möglich war. War es aber nicht möglich, so schloss er lieber die Augen, statt Licht anzuzünden, da ihm diese kleine Helligkeit die allgewaltige Dunkelheit noch mehr vor Augen treten ließ. Morgens wartete er gerne im Bett ab, bis es heller war und vom Rand her die Geräusche einsickerten. Seine Frau hatte sich an solche kindischen Eigenarten ihres Gatten gewöhnt, doch hielt sie diese für einen vorgeschobenen Tick, um der Arbeit in Haus und Heim auszuweichen, drang aber irgendwann nicht mehr in ihn.
Berger betrat den Vorsaal, wo sein Arbeitstisch stand, eilte rechter Hand ins Geschäftszimmer und öffnete dort das zweite der beiden gusseisernen Fenster, um die Reste des Qualms abziehen zu lassen, der durch die Heizversuche des alten Kreyenbrock im Raume stand und uns selbst beinahe zu einem verräterischen Husten verleitet hätte. Berger wandte sich zurück in den Vorsaal und ließ die Tür geöffnet stehen. Was sie übrigens gern auch von selbst tat, indem sie sich schwer einklinkte und leicht zurückschwang. Dies Offenstehen der Tür war eine zu liebe Gewohnheit auf dem Lokal geworden, indem Herr Dr. Merzdorf Wert darauf legte, die Vorgänge in seinem Institut im Auge zu haben. Im Vorsaal schloss Berger ebenfalls die Fenster auf und sah auf die Straße und über die Stadt hinweg – nicht zu ausgedehnt, damit niemand, der da unten in...




