Veh | Im Anfang | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

Veh Im Anfang

Eine (un)wahre Geschichte
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-7224-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine (un)wahre Geschichte

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

ISBN: 978-3-7557-7224-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Ruhestand droht Gerichtspräsident Heinrich Mai Bedeutungslosigkeit und Langeweile. Kann sich Mai auf Neues einstellen oder ist er alltagsuntauglich und in seiner Bürokratensprache verkümmert? Mai beginnt Texte zu schreiben, in denen sich Traum und Wirklichkeit vermengen. Spiegelt das seine Ängste und Hoffnungen oder will da einer mit Geschichten über protestierende Schäferhunde, kindliche Illusionen, Nachbarschaftsstreitigkeiten und wahlkämpfende Giraffen die Leser an der Nase herumführen? Mais Familie versucht Ordnung zu schaffen. Welchen Einfluss hat ein ehemaliger Griechischlehrer? Lässt sich ein veröffentlichungsfähiges Werk basteln? Und wie sehr wird ein Verlag eingreifen, um Genderunverträglichkeiten, Plagiate und Missverständnisse zu vermeiden?

Herbert Michael Veh wurde 1954 in Donauwörth geboren, studierte in Augsburg Rechtswissenschaften, promovierte mit einer Arbeit zum Mordmerkmal Heimtücke, war Ministerialbeamter, Staatsanwalt, Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht, Richter und vor seinem Eintritt in den Ruhestand Präsident eines Landgerichts. Veh lebt mit seiner Frau in Augsburg. Im Anfang ist sein belletristischer Erstling.

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1. Kapitel
Über Festgespräche und Festgedanken Christi Himmelfahrt. Jedes Jahr Pfarrfest. Jedes Jahr die Gelegenheit, zu überprüfen, wer noch da war. Jedes Jahr der Reaktionstest. Wie kommt er noch an in seiner Heimatgemeinde? Gibt es Balsam für die Seele? Etwa: Nach spektakulären Fällen gefragt werden und das Buhlen manches Pfarrfestbesuchers um Hintergrundinformationen genießen. Seine Frau kannte das, hoffte, Freundinnen von früher zu treffen, eigene Gespräche führen zu können anstatt seine Geschichten zu hören. Dutzendmal erzählt. Aus ihrer Sicht allenfalls unter dem Aspekt von Interesse, wie sich die Geschichte je nach Zuhörer veränderte, wie der Erzähler der Erwartung des Hörers zu entsprechen suchte, der Erwartung an die Geschichte und insbesondere an die Rolle, die der Erzähler darin spielte. Die Fahrt in ihrer beider Heimatort war Tradition, inzwischen ohne die Kinder, die aus dem Haus waren. Besuch des Festgottesdienstes, in einer Bankreihe neben Heidruns Mutter, anschließend Festbesuch. Selbstbedienung. Same procedure: Sein ehemaliger Deutschlehrer als ehrenamtlicher Helfer bei den Getränken, ein Stadtratskollege seines verstorbenen Vaters bei der Essensausgabe, der Nachbar, der weiterhin gegenüber seinem Elternhaus wohnte, an der Kasse. Freundlich-freudige Begrüßungen. „Ja Heinrich, auch wieder im Lande? Wie geht’s denn so? Wie lange hast Du eigentlich noch? Schon im Ruhestand?“ „Immer wieder liest man von Dir in der Zeitung. Viel zu tun, was?“ „Für unseren Freund Heinrich ein besonders großes Schnitzel.“ Es tat gut, hier in der Kleinstadt nach wie vor gekannt zu werden und gefragt zu sein. Freilich: Wer von denen mochte und schätzte ihn tatsächlich? Die drei Pfarrfesthelfer? Wohl schon. Aber manch anderer oder andere? Heinrich war sich sicher. In Kenntnis der Gegenwart erschien vielen die Vergangenheit in einem anderen Licht. Heinrich erinnerte sich. War ihm nicht vor etwa fünf Jahren eine Klassenkameradin, die er am örtlichen Baggersee getroffen hatte, geradezu um den Hals gefallen (Küsschen hier, Küsschen da; ja Heini, dass wir uns endlich mal wieder sehen; weißt Du noch, die wilden Partys bis spät nach Mitternacht; schade, dass Biggi nicht dabei ist, die hätte sich gefreut, so dicke wie Ihr zwei wart). „Wer war das denn?“, fragten die beiden Töchter. „Und was hattest Du mit einer Biggi?“ Ja, eine Biggi war mit ihm einst aufs Gymnasium gegangen. Aber „gehabt“ hatte er mit ihr gar nichts. Auch nicht mit irgendeiner anderen aus der Klasse. Keine einzige hatte ihn als mögliches Objekt der Begierde gesehen. Ihn, den kurzsichtigen, schon leicht übergewichtigen Klassenbesten, der nur zum Abschreiben zu gebrauchen war. Freilich hatte ihn wohl in der geheimen Wahl auch die Mehrzahl der Mädchen zum Klassensprecher gewählt, anders war sein grandioses Wahlergebnis gar nicht zu erklären. Reden konnte er, und bei den Lehrern war er wohlgelitten, sodass die Mitschülerinnen und Mitschüler offenbar hofften, es könne sich auf die Durchsetzbarkeit einzelner Wünsche der Klasse auswirken, wenn diese gerade von ihm vorgetragen würden. Jetzt aber ins Festzelt. Die Schwiegermutter war schon vorausgegangen. Galt es doch Platz zu sichern an einem der Bierbänke. Schnitzel in der Rechten, Bierkrug in der Linken. Oder besser umgekehrt? Heidrun ebenso bepackt. Oktoberfestkellner waren sie nicht. Umso besser, dass Heidrun und ihre Mutter sich ein Schnitzel und ein Radler teilten, müsste man sich doch ansonsten ein zweites Mal zur Essens- und Getränkeausgabe begeben. Wo war denn die Schwiegermutter? Gott sei Dank gleich rechts vom Festzelteingang. Gehörig weit weg von der Blasmusik. Man konnte also mit einander reden, ohne sich anbrüllen zu müssen, um die Musik zu übertönen. Ohnehin würde das Gespräch laut werden, saßen doch schon einige Freundinnen seiner Schwiegermutter mit am Biertisch. Erinnerungen an die gemeinsame Zeit im Vorstand des Katholischen Frauenbunds, Reminiszenzen der älteren Damen, das versprach nur bedingt interessante Gespräche. Hatten sie, wie sie meinten, früher den nachmittäglichen Kuchenverkauf nicht ganz anders, besser, organisiert? Kaffee und Kuchen erst ab 15.00 Uhr. Diese Ordnung war verloren. Jetzt ging alles durcheinander, wurde das Kuchenbüffet schon um 13.00 Uhr eröffnet. Mancher, der das Pfarrfest gar nicht frequentierte, geschweige denn im Gottesdienst gewesen war, nahm jetzt günstigen Kuchen mit nach Hause. Und der treue Pfarrfestbesucher, der zunächst, wie es sich gehörte, sein Mittagessen vertilgt hatte, lief Gefahr, um 15.00 Uhr zur Kaffeezeit die attraktivsten Kuchenstücke gar nicht mehr zu bekommen. So uninteressant wie gedacht war diese Unterhaltung gar nicht. Gut, dass sie für drei Personen nur zwei Portionen geholt hatten. Heinrich verzichtete darauf, sein Schnitzel allein zu verzehren und, wie vorgesehen, lediglich die zweite Portion seinen Frauen zur gemeinsamen Konsumation zu überlassen. Großzügig schob er ein Drittel auf den zweiten Teller („wir müssen schon gerecht sein“) und gab sogleich auch noch von seinem Kartoffelsalat reichlich ab, bevor dagegen protestiert („das wird uns doch zu viel“) werden konnte. Mit reduziertem Mittagsmahl würde er als Dessert ein Stück der angebotenen Schwarzwälder Kirschtorte problemlos bewältigen und deren Ausverkauf an die „Zum Mitnehmen“- Kunden rechtzeitig zuvorkommen. § 2Babys Glück beginnt im Bauch In meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch saß ich, blickte aus dem Fenster auf die schmale, durch parkende Autos zusätzlich verschmälerte Zufahrtsstraße und die grauen Einfamilienhäuser gegenüber. Der Apfelbaum, der bis unmittelbar vor das Fenster im ersten Stock unseres Reihenhauses heraufragte, zeigte erste Knospen, die auf eine spätere volle Blüte schließen ließen. Die Bienen würden reichlich zu tun bekommen. Ein jüngerer Kollege trat vor mein Auge. Finden Sie die Examensarbeiten auch so misslungen, wollte ich ihn fragen, er aber flüsterte nur „Rettet die Bienen“. Schon war er wieder verschwunden. Wir sind nicht eingeladen, rief Heidrun. War sie in der Küche? Nein, denn flugs stand sie auch schon in der Tür. Wie konnten sie uns das antun? Wir haben doch sämtliche in Betracht kommenden Termine freigehalten. Keine Urlaubsreise im September wie gewohnt, hast Du noch gesagt. Damit wir auf jeden Fall dabei sein können, hast Du gesagt. Vorsichtshalber fassen wir den Kreis potentieller Termine weiter als angegeben, hast Du gesagt. Das Gespräch schien unangenehm zu werden. Ich begann, Schweiß auf der Stirn zu verspüren. Nichts wie weg! Der Hörsaal, der größte, Fassungsvermögen 1000, war gut gefüllt. Professor Birke stand neben mir. Endlich ein wirklich interessanter Vortrag, sagte er. Wenn wir volkswirtschaftlich vorne bleiben wollen, müssen wir mit der frühkindlichen Erziehung schon ganz zeitig beginnen. Jeder Monat zählt. Heidrun war wieder da. Erneut stand sie vor mir, in meinem Arbeitszimmer war sie vor meinen Schreibtisch getreten. Die sonst so sanfte Heidrun war aufgewühlt. Sie haben Dich nie gemocht, sagte sie. Sie haben manipuliert. Anders ist es nicht zu erklären. Zu einer Erklärung konnte ich nichts beitragen. Die gesamte Szene war mir schleierhaft. Wozu waren wir von wem nicht eingeladen? Der Hörsaal gab weniger Rätsel auf. Der Referent beschwor das deutsche Strukturproblem („keine materiellen Rohstoffe“; „unser Rohstoff ist allein unser Geist“). Frühkindliche Bildung, etwa die Spracherziehung beginne im Mutterleib. Wir wissen, dass der Fötus, sei er männlich, weiblich oder divers, bereits Stimmen unterscheidet und auf Musik reagiert. Warum lassen wir ihn nur mithören? Lassen wir ihn sehen, noch bevor er im althergebrachten Sinn das Licht der Welt erblickt. Erleuchten wir schon den Uterus! Eine Tauffeier lehnen Carola und ihr Mann ja ab, hörte ich mitten in den Hörsaal hinein die Stimme Heidruns. Und schon saß ich wieder in meinem Arbeitszimmer und blickte Heidrun in die Augen. Referent und Hörsaal hatten sich in Nichts aufgelöst. Wir feiern stattdessen den nullten Geburtstag, klang mir Nichte Carola im Ohr. Danke, danke lieber Onkel, für Deine wertvollen Tipps, säuselte sie und kicherte. Eigentlich klang sie doch ganz nett, die Nichte. Was also war schiefgelaufen, dachte ich und versuchte der nach wie vor aufgewühlt dreinblickenden Heidrun wieder zu entfliehen. Ich fand zurück in den Hörsaal. Wieder sah ich den Referenten, einen etwa dreißigjährigen Schlaks, schlammfarbene Lederjacke, weißes Hemd, türkisene Krawatte, schwarze Jeans, edelbelöchert. Unsere Universität zieht ein Exzellenzprogramm an Land. Warum bereiten wir alle auf die Geburt vor, nur den männlich/weiblich/diversen Fötus nicht? Der Referent entwickelte Leidenschaft und hob seine Stimme. Längst wissen wir, ja, geschätztes Auditorium, längst wissen wir, dass das Trauma der Geburt den/die/das Fötus (der...



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