Vassil | Mein kleines Geheimnis | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 169 Seiten

Vassil Mein kleines Geheimnis


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95865-608-6
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 169 Seiten

ISBN: 978-3-95865-608-6
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Elisabeth, Schauspielerin, hat ein kleines Geheimnis. Sie ist ein Hermaphrodit. Unverblümt erzählt sie von ihrem Leben, dem Sex mit ihren Liebhabern, ihren Partnerschaften. Den hocherotischen Momenten und den peinlichen Situationen. Doch ihr Geheimnis macht ihr auch zu schaffen, in ihren Partnerschaften, aber auch in ihrer Beziehung zu ihrer Umwelt. Könnte sie jemals wirklich glücklich werden?

Nike ist in Pella (GR) geboren und kam im Alter von sechs Jahren nach Köln. Während ihres Londonaufenthaltes studierte sie Schauspiel an der renommierten East 15 Acting School. Nike hat bei verschiedenen Theatern in London, Köln, Nürnberg, Dubai, Thessaloniki und München gearbeitet und wirkte bei internationalen Kinofilmen, TV Spielfilmen und mehreren Fernsehserien mit wie z.Bsp., SOKO Leipzig, Rosenheim Cops, Marienhof, sowie bei zahlreichen Kurzfilmen. Darüber hinaus verzaubert sie seit mehreren Jahren mit ihrer Harfe und einem winterlichen Repertoire und Geschichten von Hermann Hesse bis zu Konstantin Wecker das Weihnachtsprogramm von Waisenhäusern, Banken und Altenheimen. Zwischen 1994-98 leitete sie in Stuttgart ihr eigenes Theater, das 'Elefthero Theater', wo sie zahlreiche Stücke produziert hat.
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Heute Morgen ist Elisabeth wieder früh aufgewacht. Sie ist immer eine gute Einschläferin gewesen und selten von den Monstern der Nacht gejagt worden. Schon beim Berühren des Kopfkissens fielen ihr die bleiernen Augen unbeschwert, fast leichtsinnig, zusammen. Doch in letzter Zeit ist es zur Gewohnheit geworden, dass ihre Lider morgens zwischen vier und fünf Uhr wieder aufklappen und sie hellwach im Bett liegt, ohne offensichtlichen Grund.

Weder der Wecker, noch ein kurz aufschnarchendes, brummendes Geräusch in ihre Ohrmuschel, noch ein ‚Guten Morgen Kuss‘, gegen den sie nichts einzuwenden hätte, sind an diesem Trieb Schuld. Ein unruhiger Strom reißt ihr plötzlich die Augen auf, und sie wird in wenigen Sekunden zu einem wachsamen Adler, der in null Komma nichts hoch konzentiert auf seine Jagdbeute hinunterfliegt, sie greift und zerfleischt. Jeder Versuch in den Schlaf zurückzukehren, ist vergeblich.

Zugegeben, heute ist es ihr Lieblingstraum. Ein Traum, der sogar einen Morgenmuffel schneller in den Tag katapultiert. Ein Todestraum mit glücklicher Wendung, der sie öfters aufsucht, und der ihren Adrenalinspiegel steigen lässt, während sie sich beim Träumen des glücklichen Endes gewiss ist. Es kommt ihr vor, als ob die naive Hälfte des Gehirns den Traum als die einzige Realität akzeptiert, während die nüchterne Hälfte die Täuschung erkennt und belächelt. Es ist immer der gleiche Traum.

Sie sitzt auf dem Beifahrersitz eines roten Opel Kadetts und fährt mit ihren drei besten Freundinnen, Marie, Cristina und Brigitte eine Serpentinstraße entlang, irgendwo im Süden. Es könnte Südfrankreich, Italien oder Griechenland sein. Ganz unerwartet geschieht es. Cristina, die am Steuer sitzt, greift reflexartig nach etwas Belanglosem, das auf den Boden fällt, und während sich ihr Blick darauf fixiert und ihr Fuß noch auf dem Gaspedal klebt, verselbstständigt sich das Steuer für maximal eine oder zwei Sekunden, nicht länger. Auf der nächsten Linkskurve gerät das Auto außer Kontrolle. Es hat dem festen Boden 'Adieu' gesagt und befindet sich nun in freier Atmosphäre. Dabei wird jede Lenkratsdrehung, die sich von den Reifen abgekoppelt hat, beliebig. Paradoxerweise erscheinen nun die Reifen wie vom Abschleppdienst festgeklemmt. Die weiteren Sekunden verlaufen im Zeitlupentempo.

Alle vier Frauen stoßen einen kurzen Todeschrei aus, bevor der Anblick nach unten sie in einen Trancezustand versetzt und ihre Panik erstickt. Vermutlich erkennen sie ihren neuen Gastgeber Hades, wie er ihnen seine Tore öffnet, sie schadenfroh angrinst, aber dem sie keine Genugtuung einräumen möchten. Nur hundert Meter unter ihnen, den steilen Abhang hinunter, nähmen sie von dieser Welt Abschied, um in den Tunnel der unbekannten Reise, ins Universum, geschleudert zu werden.

Dort breitet sich das dunkelblaue tiefe Meer wie ein kobaltblauer Teppich aus.

Sie fallen, und diese Sequenzen einzelner Lebensabschnitte, , von denen viele Überlebenden in todesähnlichen Momenten berichten, wollen einfach nicht erscheinen. Stattdessen beginnt Elisabeth das hintere Fenster herunterzukurbeln. Der Blitz eines klitzekleinen Hoffnungsschimmers?

Oft liegt sie mit ihrer medialen Vorahnung richtig. In diesen Sekunden spürt sie, wie unbeschwert und konzentriert ihre Reaktionen erfolgen. Zum Denken fehlt die Zeit und diese Zeitlosigkeit verwandelt panische Angst in geschmeidige, zielstrebige und fließende Bewegungen.

Das Auto taucht ins Meer ein und Elisabeth kurbelt unbeirrt das Fenster herunter. Nur noch ein paar Zentimeter bis der Spalt breit genug ist, damit sich die Körper hindurch winden können. Der Aufprall ins Wasser hat wie ein Wunder alle unverletzt gelassen. Kaum ist das Innere des Wagens mit Wasser gefüllt, gelingt Elisabeth die Flucht aus dem eisenblechartigen Gefängnis und alle übrigen drei Frauen folgen mit gefasster Disziplin, bis sie gierig nach Luft schnappend an die Wasseroberfläche geschwemmt werden.

Das Tief- und Türkisblaue wechseln sich ab, ein bis zum Grund kristallklares Wasser möchte in sie eindringen, wie die Heilkraft einer Quelle und die Frische des Morgentaus. Nicht mehr weit entfernt strahlt sie eine feinsandige Bucht an, während alle vier heil und erschöpft darauf zuschwimmen.

Elisabeth schaut auf die Uhr. Es ist 4.50 Uhr. Ein unbeschwerter, leichtsinniger Moment im Auto mündet in einen gleitenden Sturz, dessen Wende überraschender nicht hätte sein können. Soll sie es als eine Vorahnung oder nur als Metapher für ihren unstillbaren Durst nach Leben und Improvisationsmut auffassen?

Sie atmet auf. Saubere Gewässer, gutes Omen. Das hat sie von ihrer Mutter und diese wieder von ihrer, deren Mutter es von ihren Ahnen genauso in die Wiege gelegt bekommen hatte. Dafür braucht sie kein Traumlexikon aufzuschlagen, das neben ihrem Bett griffbereit liegt.

Sie hat nur fünf Stunden geschlafen. Erstaunlicherweise fühlt sie sich fit, ausgeruht und ausgeschlafen. Der Regelfall ist es nicht, nur eine phasische Gewohnheit. In anderen, heiteren Zeiten, wenn die Monster ihre Gedanken nicht belangen, sie nicht mit existenziellen Horrorvisionen irritieren, gönnt ihr die Schlaf-Fee auch eine acht- oder zehnstündige Ruhepause. So gesehen verlängern die Frühaufstehmonster ihren Tag, vor dessen Leere es ihr allerdings nicht selten graust.

In Schweiß gebadet und mit einem erleichterten Seufzer steht sie auf, noch bevor die Stimme ihrer Mutter sie, mit Sätzen wie 'Du Unglücksrabin, nichts haftet an dir' oder ähnlichen Schmeicheleien, einholt und fährt mit ihren morgendlichen Jogaübungen fort, die etwa dreißig Minuten dauern. Dann bereitet sie ihren Tee vor.

Während sie sich fürs Joggen anzieht, schlürft sie aus der heißen Tasse, und verbrennt sich die Zunge dabei. Sie muss nicht in Eile sein, aber es passiert einfach. Ungezügelte Gier. Andere schlitzen sich die Haut auf. Auch nicht immer bewusst und gewollt. Es passiert einfach. Die Zunge regeneriert sich dennoch schnell und die Geschmacksnerven geben den Mut nicht auf. Erfreulicherweise bleiben dabei keine augenscheinliche Narben zurück.

Sie weiß, sie braucht einen disziplinierten Tagesablauf, denn sonst würde sie an manch einem Tag nicht wissen, warum sie aufstehen soll. Wie den verflixten Tag in Zeiten absoluter Dürre herumkriegen, wenn sich keiner rührt, weder Regisseure, Tonstudios, Besetzungsbüros noch ihre letzte Hoffnung, ihre Agentin?

Entweder sie melden sich alle auf einmal, oder dieses Telefon schweigt wie verhext in der Ecke. Traut sich ein Dramaturg oder Regisseur ihr ein Projekt anzubieten, folgen wie bei einer Gedankenübertragung auch andere Schäfchen nach. Ob es für dieses Phänomen eine mathematische Formel gibt?

Sie sollte sich nicht beklagen, schließlich hat sie es die ganzen Jahren geschafft, über die Runden zu kommen, zugegebenermaßen mal besser, mal schlechter. Nicht wenige ihrer Kollegen rutschen in Hartz IV, V, VI oder wie sie alle heißen ab, müssen sich als Arbeitssuchende Maßnahmenkorsetts anziehen. Schauspieler sein ist nicht immer geil, denn man kann kaum konstant ein anderer sein, als der man wirklich ist. Die Rolle ist immer begrenzt auf die eine oder zwei Stunden, solange das Stück dauert, solange die kleine Fernsehrolle es erlaubt. Wenn man den Weg zum verzweifelten Ich nicht wiederfindet, kommt das Etikett 'Schauspieler' weg und wird durch das Etikett 'Patient' ersetzt, und in abgesperrten Räumen verlegt. Es bleibt immer ein Restrisiko, dass sie den Weg nicht zurückfinden, aber die Ekstase zahlt sich aus. Jede Rolle gewährt dem Schauspieler auch eine Flucht und Auszeit aus dem eigenen gequälten Ich.

Kommt das Telefon erstmal in Schwung, ist der Spuk für kurz oder lang aufgehoben. Sprachaufnahmen, Lesungen, ein Low-Budget Hochschulfilm (wozu sie sich immer wieder überreden lässt, wenn ein engagierter Filmstudent an ihre künstlerische Solidarität appelliert). Ein, zwei oder drei Drehtage und Castings türmen sich über mehrere Wochen auf. Manchmal lässt sich nicht alles unter einen Hut bringen. Das Leben kennt einfach keinen moderaten Rhythmus. Einen routinierten Tagesablauf, feste Rituale und eine gewisse Beständigkeit braucht jeder Mensch, egal wie größenwahnsinnig, exzentrisch, sensationslustig oder narzisstisch veranlagt.

Herr Köhler, der Nachbar über ihr, lässt auch keinen Tag aus, an dem er morgens um acht seine Brötchen und Zeitung holt, es sei denn, er befindet sich grade in Brasilien, und dort wird er sicher auch nicht auf seine Brötchen verzichten.

Ein netter Frührentner, der letztes Jahr eine Brasilianerin mitgeschleppt hat. An manchen Tagen sind die beiden bei ihrem morgendlichen Liebesspiel unüberhörbar triebhaft. Eines der schönsten morgendlichen Rituale, das Elisabeth in letzter Zeit wieder sehr vermisst.

Diese Brasilianerin besitzt zu Elisabeths Unmut ein übertrieben lautes Organ, das, säße sie einem gegenüber, nur mit Ohropax zu ertragen ist. Manchmal wundert sich Elisabeth, wie Herr Köhler dieses temperamentvolle und kreischende Hysteriebündel so bedingungslos erträgt. In Brasilien ist es wie in den südeuropäischen Ländern: Wer am lautesten schreit, bekommt Recht. Motive und Situation sind da unerheblich. Bei einem romantischen Abendessen mit Kerzenlicht kann ein profaner Heiratsantrag für den Skandinavier am Nebentisch als erhitztes Argument mit tödlichen Konsequenzen gedeutet werden. Elisabeth fragt sich manchmal, warum dieser freundlich lächelnde,...



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