Vasseur | Kriminelle Bande | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Vasseur Kriminelle Bande


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942989-80-0
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-942989-80-0
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In diesem brandaktuellen Wirtschaftskrimi ist die Realität erschreckend nah. Clara, Jérémie, Bertrand, Vanessa, Alison, Antoine und Sébastien kennen sich seit ihrem Studium an der Pariser Eliteuni HEC. Damals waren sie eine unbeschwerte Gruppe, jetzt sind sie ganz oben auf der Karriereleiter angekommen. Sie sind Politiker, Journalisten, Investmentbanker oder PR-Strategen, fliegen für Geschäftstermine um die ganze Welt und beschäftigen Haus- und Kindermädchen, deren Namen sie nicht kennen. Als ein streng geheimes Dossier auftaucht, das beweist, wie eine New Yorker Investmentbank Staatshaushalte manipuliert und somit massiv in die Europäische Finanzkrise involviert ist, beginnt das perfekte Leben der Freunde außer Kontrolle zu geraten. Spätestens Sébastiens rätselhafter Tod macht ihnen deutlich: Hier geht es nicht nur um Geld, Macht und Politik, sondern auch um ihr eigenes Leben... Mittels Links im Text erhält der Leser Zugriff auf Quellen im Internet, die klar machen, dass dieser Roman keine einfache Fiktion ist - sondern erschreckend real.

Flore Vasseur (*1973 in Annecy, Frankreich) ist selbst Absolventin der Eliteuni HEC und lebte viele Jahre in New York. Dort hat sie die Dotcom-Blase und auch die Finanzkrise am eigenen Leib miterlebt, dann der Finanzwelt den Rücken gekehrt und sich schliesslich ganz dem Schreiben zugewandt. In ihren Romanen und Reportagen enthüllt sie die Machtstrukturen von Politik und Finanzwesen. 'Kriminelle Bande' ist ihr dritter Roman und die erste Übersetzung in deutscher Sprache.
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1

Sébastien bestimmt. Er sagt Abende reihenweise ab, verschiebt einen Urlaub nach dem anderen. Seit dem Zusammenbruch der Schrottkredite verwaltet er nur noch Skandale. Eines Nachts im September 2011 erreicht ihn ein Anruf der Firma. Zu der Zeit hat Céline, seine Frau, ihn noch nicht verlassen. Sie erträgt seine schlechte Laune, seine knappen Antworten, begnügt sich damit, nichts von seiner Arbeit zu verstehen. Der CEO World beordert ihn wegen einer dringenden Angelegenheit nach New York.

Er nimmt den Frühflug, keinerlei Gepäck. Die Firma stellt ihm Anzug und Waschzeug zur Verfügung. Sein Gewicht, seine Zahnpastamarke, seine Cholesterinwerte sind dort bekannt.

Wegen der Zeitverschiebung landet er am späten Vormittag. Am Flughafen JFK erwartet ihn ein Wagen der Bank, ein schwarzer Mercedes S 550 mit getönten Scheiben. Er versucht, über die Brooklyn Bridge nach Manhattan zu gelangen. Die Autos stehen wie angenagelt auf der Fahrbahn, Sébastiens steckt mitten auf der Brücke fest. Die Klimaanlage spuckt nach Kaugummi riechende, kalte Luft aus. Auf seinem anthrazitfarbenen Ledersitz erstarrt Sébastien so langsam zum Eisklumpen.

»UN-Week, Sir«, erklärt der puertoricanische Fahrer.

Es ist die Woche der UN-Vollversammlung, Pech für ihn. Mit hundertdreiundneunzig Staatschefs in der Stadt befindet sich Manhattan im Ausnahmezustand. Sébastiens Zimmer im Waldorf Astoria konnte nicht reserviert werden – falls er wegen der Besprechung über Nacht bleiben müsste. Mahmud Ahmadinedschad hat eine ganze Etage in Beschlag genommen. Die Sixth Avenue ist für den Verkehr gesperrt, damit sein Hummer mit den abgedunkelten Scheiben und seine Leibgarde ungehindert passieren können. Für ein paar Tage sorgen das FBI und die New Yorker Polizei für die Sicherheit des Mannes, der Obama nachts nicht schlafen lässt.

Sébastien spürt, wie sich sein Magen zusammenkrampft. UN-Week hin oder her, der Boss von Folman Pachs wartet nicht. Er schiebt sich aus der Limousine, die auf der Brooklyn Bridge eingezwängt ist. Herbstliche Farben, eine unerbittliche Sonne, es ist Indian Summer. Sébastien atmet tief ein. Die metallisch schmeckende Luft von New York brennt sich in seine Lunge. Der Big Apple stinkt nach fauligem Fisch und Schwefel. Ohne ein Wort an den Fahrer zu richten, geht Sébastien los in Richtung Manhattan. Mitten in der Blechlawine und wütendes Hupen in den Ohren, überlegt er einen Moment, alles hinzuschmeißen und in der Menge, die er hinter der Brücke wahrnimmt, unterzutauchen.

Auf der Insel angelangt, braucht er die Wall Street nur von Ost nach West zu überqueren, um zum Weltsitz der Firma zu gelangen. Es ist gerade Mittagszeit. Arbeiter von der Baustelle des World Trade Centers essen an der Straßenecke Chips. Mädchen in Schuluniform und Turnschuhen laufen zum Unterricht in ihre Sporthalle. Lieferburschen wirbeln mit ihren Menüplatten unterm Arm umher, um die Armee von Angestellten zu versorgen, die an ihren Schreibtisch gefesselt sind. Straßenhändler setzen Hotdogs und Kebabs ab wie am Fließband. Einer hält es für hilfreich, an seiner Bude einen Hinweis anzubringen:

»Hier gibt es echte Hähnchen.«

Im Viertel wimmelt es von Menschen. Aus dem Century 21 – dem Schnäppchen-Markt der Stadt – kommen zufriedene Touristen, in jeder Hand volle Taschen mit dem Logo der Kette: Fashion Worth Fighting For.

Sébastien wendet sich nach Süden, von natürlichen, ungeschliffenen Klängen angezogen, die weder von einem Verstärker, einem Computer noch von einem Megafon entstellt werden. Sie stammen von Schlaginstrumenten und Liedern, von echten Menschen. Neugierig geworden, überquert er im Laufschritt die Barclays Street an der Nummer 101. Der Wagen der Heilsarmee ist umlagert. Es wird kostenloses Essen verteilt. Überall quellen die Bürgersteige von Fußgängern, Mülltonnen, illegalen Ständen mit unechten Gucci-Taschen über. Vor dem Geldautomaten der Natwest Bank kampiert ein Obdachloser. Um ihre Scheine zu entnehmen, steigen die Leute über ihn hinweg. Auf den Werbetafeln an den Straßenlaternen taucht immer wieder dasselbe Bild auf. Benjamin Millepied, Startänzer vom New York City Ballet am Himmel von Manhattan. Sein Engelsgesicht mit den Teufelsaugen wird zum Botschafter des neuen Parfums von Saint Laurent, L’Homme libre – Der freie Mann.

Bewacht von mächtigen Hunden der New Yorker Polizei blockieren Absperrgitter den Zugang zur Börse. In den vier Straßen, die zu dem Gebäude führen, wird der Durchgangsverkehr durch Barrieren, bewaffnete Männer und Checkpoints streng kontrolliert. Angesichts dieser gewaltigen Betonblöcke auf der Fahrbahn fragt sich Sébastien, was echte Freiheit bedeutet.

»Das ist absurd«, murmelt er vor sich hin, als er vor dem Checkpoint zum Broadway steht.

»Es soll verhindern, dass ein Selbstmordattentäter hier mit einem Auto reinjagt«, ertönt eine jugendliche Stimme hinter ihm.

Ein junges Mädchen im langen weißen Gewand einer Kommunikantin und mit kastanienbraunen, lockigen Haaren mustert ihn.

»Die Wall Street ist nicht Gaza«, bemerkt Sébastien mit einem Räuspern.

Sie hat das Gesicht eines dieser Modelle des Fotografen David Hamilton, Mädchen an der Schwelle zur Frau, in ungekünstelter Haltung und hinterleuchtet, was ihre Jungfräulichkeit andeuten soll.

»Who knows …«, antwortet sie etwas rätselhaft.

Als würde sie schweben, kehrt sie zu einem Grüppchen friedlich aussehender junger Leute zurück, die wie sie in lange weiße Gewänder gekleidet sind. Direkt vor der Nase der Polizisten stimmen sie mit Antikapitalismus-Sprüchen vermengte Psalmen an. Inmitten des Dschungels verkündet eine Schar Engel mit hellen Stimmen den Tod des Liberalismus.

Ein paar Blocks weiter unten werden die Percussions und Rufe lauter. Sébastien läuft an der Fed, der US-Zentralbank, vorbei, eine echte Macht. Sie flutet den Planeten mit Dollars, die an nichts gekoppelt sind, fünfundachtzig Milliarden pro Monat: eine echte Bombe. Er kommt bei Haus Nummer 1 auf dem Liberty Plaza heraus, einem mit Granitplatten ausgelegten Platz, der von ein paar Oasen blassgelber Chrysanthemen belebt wird. Ein schmieriger Teppich aus Kartons, Zeltplanen, Erdnussbuttergläsern bedeckt den Boden. Dies ist der Sitz von Occupy Wall Street. Sébastien entdeckt den Namen des Besitzers dieses »Freiheitsplatzes« auf einem Kupferschild: Frookbield Properties. Folman Pachs hat den Börsengang dieser Büroimmobilien-Gruppe gemanagt. Sie hat nicht ansatzweise etwas Anarchistisches an sich. Trotzdem hat Frookbield nichts dagegen, dass die Empörten sich hier niederlassen, solange die Kameras aus der ganzen Welt da sind und filmen. Für die Immobiliengruppe ist es die Gelegenheit des Jahrhunderts, sich als Menschenfreund aufzuführen. Eine echte Vereinnahmung.

Die an der Westseite des Platzes heranströmenden Demonstranten schwenken ihre Transparente:

Mittelklasse: Wake up!

Ägypten, Wisconsin, Spanien, Griechenland und NYC: globalisierte Würde.

Wir sind die 99%.

Es ist der sechste Tag der »Okkupation«. Die Empörten haben auf dem Asphalt geschlafen, dem Regen widerstanden, sind knapp der Unterkühlung entgangen. Die Gestalten sind abgemagert, ihre Haare verdreckt, ihre Gesichter ausgemergelt. Frauen mit nackten Brüsten, manche im Slip, tanzen zum Klang von afrikanischen Trommeln. Sébastien beobachtet sie wie hypnotisiert. Diese echten Körper erinnern ihn an die Ferien mit seinen Eltern am FKK-Strand von Montalivet. Als kleiner Junge fand er es wunderbar, mitten unter den »Nackten« zu leben. Gesten und Gedanken schienen gelöster. Als Jugendlicher wurde es für ihn zur Qual. Da er sich nur mit Mühe unter Kontrolle hatte, verkroch er sich in die Familienhütte, unter dem Vorwand, etwas für die Schule zu tun. Ohne diese Sommer unter den »Nackten« hätte er sein Abitur niemals mit sechzehn Jahren gemacht. Und auch nicht seine Karriere.

In der Menge fällt Sébastien ein Hippiemädchen in einem türkisfarbenen Baumwollhöschen auf. Die langen blonden Haare wehen um ihre spitzen Knochen. Die Schminke rinnt ihr übers Gesicht. Auf ihren braun gebrannten flachen Bauch hat jemand geschrieben: »Ich mache das nicht aus Vergnügen, das ist meine politische Haltung.« Junge Männer mit nacktem Oberkörper trommeln auf blecherne Mülltonnendeckel. Schaulustige, wie Sébastien von dem eingängigen Rhythmus angelockt, drängen sich um sie, beäugen sie neugierig und fotografieren sie mit ihren Handys. Etwas naiv besprechen Arbeiter die systemkritischen Losungen auf den behelfsmäßigen Spruchbändern. Obwohl äußerst angespannt, schreiten die Polizisten nicht ein, da sie Unruhe in der Menge befürchten. Bürgermeister Michael Bloomberg warnt: »Rührt die...


Flore Vasseur (*1973 in Annecy, Frankreich) ist selbst Absolventin der Eliteuni HEC und lebte viele Jahre in New York. Dort hat sie die Dotcom-Blase und auch die Finanzkrise am eigenen Leib miterlebt, dann der Finanzwelt den Rücken gekehrt und sich schliesslich ganz dem Schreiben zugewandt. In ihren Romanen und Reportagen enthüllt sie die Machtstrukturen von Politik und Finanzwesen. "Kriminelle Bande" ist ihr dritter Roman und die erste Übersetzung in deutscher Sprache.



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