Utrio | Die Gefährtin des Sturmfalken | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

Utrio Die Gefährtin des Sturmfalken

Historischer Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-98515-4
Verlag: Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

ISBN: 978-3-492-98515-4
Verlag: Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Die finnische Bestsellerautorin Kaari Utrio entwirft das spannende Bild eines von Kämpfen und Intrigen erschütterten Europa, in dem geistliche Machtansprüche, weltliche Interessen und mittelalterliche Mythen zu prallem Leben erstehen, in der besten Tradition von Noah Gordons »Medicus« Aure die Heilerin: Ihr Gesang kann Schmerzen lindern und Menschen in den Schlaf wiegen - in dem von Kriegen heimgesuchten 11. Jahrhundert eine Gabe von unschätzbarem Wert. Nach dem gewaltsamen Tod ihres Gemahls werden Aure und ihr Kind zum Spielball der Interessen. Aure flieht aus dem Normannenreich bis nach Kleinasien, und auf ihrer abenteuerlichen Reise trotzt sie allen Gefahren. Dann trifft sie den unerschrockenen Wikinger Olaf Sturmfalke wieder, mit dem sie seit ihrer Jugend schicksalhaft verbunden ist. Olafs Frau ist die sagenhaft schöne Adela, dennoch hat auch Olaf Aure nie vergessen können ... 

Kaari Utrio, geboren 1942 in Helsinki, ist Kirchenhistorikerin und Autorin von mehr als 30 erfolgreichen Büchern. Mit ihren historischen Romanen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, führt sie die finnischen Bestsellerlisten an. Kaari Utrio lebt mit ihrer Familie in Somero. Zuletzt erschienen »Bronzevogel«, »Sturmfalke« und »Die Gefährtin des Sturmfalken«.
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1. Kapitel


1075

»Eine griechische Ehefrau?«

Donna Constantia betrachtete verwundert die vor ihr kniende Frau. Sie trug vor dem Gesicht einen Schleier, und ein großes, mit Stickereien verziertes Tuch, das bei den Griechen Palla hieß, bedeckte ihre Haare.

Die Menschen in der Halle des Donjon von Montecaldo verstummten, als Schwiegermutter und Schwiegertochter zusammentrafen. Alle hatten von Ritter Fulberts neuer Frau gehört, von der griechischen Witwe, die steinreich war, aber kein Land besaß.

»Zeig mir dein Gesicht, Schwiegertochter.«

»Renald, Guifred. Alle Männer. Hinaus.«

Die Krieger trappelten widerstrebend durch die Türöffnung des Donjon in die Holzkonstruktion des Ganges hinaus. Sie gingen nicht die Treppen hinunter, sondern warteten beim Eingang.

»Ach du große Güte!« stammelte Donna Constantia halberschrocken.

»Frau Mutter, deine Schwiegertochter ist eine Frau von vornehmer Herkunft. In Byzanz zeigen sich die Aristokratinnen nur ihrem eigenen Mann mit entblößtem Gesicht«, sagte Fulbert di Montecaldo stolz. »Das Gesicht von Donna Aure hat nur ihr Bruder und ihr erster Mann gesehen.«

»Wir sind hier nicht in Byzanz, und die Schwiegertochter kann den Leuten keine Anweisungen erteilen und die Arbeiten überwachen, wenn sie sich hinter einem Lappen versteckt«, zischte Donna Constantia. »Sie wird sich ja wohl nicht einbilden, dass man in Montecaldo neben Springbrunnen wandelt und dem Gesang der Vögel im Käfig lauscht? Wenn sie das glaubt, dann muss sie sich auf eine Überraschung gefasst machen. Spricht sie überhaupt italienisch? Und französisch?«

»Donna Aure spricht etwas italienisch. Ich hab es ihr beigebracht, und sie lernt schnell. Ich hab auch französisch mit ihr gesprochen, das lernt man leicht, wenn man italienisch kann.«

Aure die Schlafbringerin betrachtete hinter ihrem Schleier das vertrocknete, feindselige Gesicht von Donna Constantia. Sie bemerkte, dass ihre Hände verkrümmt und ihre Fingergelenke knotig waren. Dies war ihre Schwiegermutter, und eine Schwiegertochter musste ihre Schwiegermutter begütigen, wenn sie ein halbwegs erträgliches Leben führen wollte.

Aber kann das Leben in einer kalabrischen Normannenburg überhaupt erträglich sein? Aure hatte von Montecaldo genug gesehen um zu begreifen, dass die kleine Gebirgsstadt etwas völlig anderes war als das Viertel der Amalfitaner in Konstantinopel. Im vorigen Winter hatte sie sich im illyrischen Avlona vorgestellt, dass Burg und Stadt von Cavaliere Fulbert genau so wären wie Avlona, nur im Binnenland.

Die Wirklichkeit sah wahrlich anders aus.

Montecaldo, der Heiße Berg, ragte inmitten von Eichenwäldern an der Stelle auf, wo die Flüsse Neto und Moroso sich vereinen. Einst war der Berg bis zu seinem flachen Gipfel mit Buchen und Pinien bewachsen gewesen, aber der Wald war schon vor langer Zeit abgeholzt worden. Die kalabrischen Winde und der winterliche Regen hatten den Berg zu einem gelben Steinhaufen abgeschliffen. Die Stadt verbarg sich auf dem ebenen Gipfel hinter einer niedrigen Mauer. Dort wohnten der Bischof, einige Domherren und ein paar Tausend Menschen. Cavaliere Fulbert von Montecaldo war ein Vasall des Grafen Alberic aus dem westlichen Teil der Grafschaft Palospesso.

Am Ostende der Stadt, oberhalb der Flussgabelung, stand die Kathedrale San Paolino, stark wie eine Festung und viele Jahrhunderte alt. Vor der Kirche befand sich ein langer Marktplatz, und an dessen Seite ein eingefriedeter Brunnen, die Fonte Paolina. Hinter dem Brunnen lag ein kleines und niedriges, gelbliches Gebäude: das Benediktinerkloster San Paolino. Am westlichen Ende des Marktplatzes, etwas tiefer gelegen als die Kirche, ragte das Castello de Montecaldo auf. Die Burg war auf Geheiß des griechischen Katepan vor zweihundert Jahren erbaut worden. Die Normannen hatten die alten Gebäude innerhalb der Mauern abgerissen und statt dessen einen großen viereckigen Kernturm, den Donjon, errichtet.

Zu Aures Entsetzen stellte es sich heraus, dass Cavaliere Fulbert im Donjon wohnte, und zwar in der zweiten Etage. Dort wohnten auch Donna Constantia und die Frauen der Burg. In der Halle des mittleren Stockwerks des Turms hausten die unverheirateten Ritter, die gewöhnlichen Krieger und die Knappen. Im Untergeschoß, in das man nur durch eine Öffnung im Fußboden der Halle gelangte, lagen das Verlies und die Vorratsräume.

Dort befand sich auch ein Brunnen. Er gab nur wenig Wasser und konnte den Bedarf der Burg nicht decken. In großen Zisternen, die die Griechen seinerzeit in den Tuffstein gebrochen hatten, wurde Regenwasser gesammelt.

Im Schutz der Burgaußenmauer standen im Hof Gebäude für die Pferde und die Stallleute, alle wegen der Brandgefahr mit Ziegeldach. Außer den Ställen wurden auch eine Küche und eine Schmiede gebraucht. Der Cavaliere von Montecaldo war ein einfacher Ritter. Er konnte es sich nicht leisten, neben seinem Turm einen Palast errichten zu lassen, so wie die reichen Grafen und Herzöge es taten.

Die fahlen Augen der Schwiegermutter verfolgten wachsam, wie Aure den Schleier vom Gesicht hob. Die strenge Miene nahm den Ausdruck der Verblüffung an, als Donna Constantia Aures Sommersprossen erblickte.

»Der Teufel hat wahrhaftig Giftwasser auf deinem Gesicht versprengt!«

»Und alle Schönheitskünste von Byzanz haben die Spuren nicht beseitigen können«, sagte Aure und lächelte strahlend. »Sie sind auch durch die Bleipaste hindurch zu sehen.«

»So teure Mittel werden in Montecaldo nicht verwendet.«

»Und das wäre bei mir auch vergeblich«, grinste Aure. Ohne direkt hinzusehen bemerkte sie, wie die Schwiegermutter sich die Fingerknöchel rieb. Die Greisin hatte Schmerzen in den Gelenken. Ein Schlaflied würde ihr Linderung bringen.

Donna Constantia konnte sich der sorglosen Selbstironie ihrer Schwiegertochter nicht verschließen.

»Immerhin hast du schöne Augen«, beeilte sie sich, Aure zu trösten. Die wirkte mit ihren Sommersprossen nicht sonderlich furchterregend, so vornehm sie auch war.

»Frau Mutter, meine Frau ist schwanger.«

»Hast du schon Kinder, Schwiegertochter?«

»Nein, Herrin.«

»Ihr erster Mann konnte sie nicht schwängern. Mein Samen ist stärker als der griechische«, brüstete sich Fulbert.

»Normannensamen ist der beste der Welt«, stellte Donna Constantia fest. »Bring deine Frau fort, damit sie sich hinlegen kann. Ich möchte mit dir über den Erben sprechen. Hast du es deinen Brüdern schon erzählt?«

In die oberste Etage des Donjon kletterte man über eine an der Wand gelegene Steintreppe empor. Cavaliere Fulbert stieg die Stufen langsam hinauf. Er hielt sich mit einer Hand das Kreuz, um den schmerzenden Rücken zu stützen.

Die oberste Etage war durch Wollvorhänge in Räume unterteilt. In den Räumen der Wohnetage herrschte unaufhörliches Stimmengewirr und ewiges Halbdunkel. Das einzige Licht fiel durch die Fenster in den Wänden des Donjon, die hatten Mannesstärke. Die Fenster waren hoch und so schmal, dass ein Bogenschütze gerade eben hindurchschießen konnte. Durch die Vorhänge konnte das Licht nicht bis in die mittleren Zimmer der großen, viereckigen Halle dringen. Die Luft stand, und schwer hingen darin die Gerüche der Menschen.

Die Frauenkammer lag an der Rückwand, am weitesten von der Treppe entfernt. Dort wohnten die unverheirateten Frauen und die Witwen. Nur zwei Betten waren vorhanden. Darin schliefen Donna Constantia und die würdigsten Frauen sowie die Kranken und Wöchnerinnen, jeweils drei, vier in einem Bett. Die Mägde, Sklavinnen und die sich überall versteckenden kleinen Kinder ruhten auf Schlafmatten, die zur Nacht auf dem Fußboden ausgebreitet wurden. Tagsüber machten die Frauen hier Handarbeiten und betreuten die Kinder. Viele Frauen, zumal die älteren, kamen wochenlang nicht hinaus.

Von der Treppe aus links befanden sich hinter Vorhängen die Wohnräume der Soldritter, eine kleine Vorhangkammer für jede Familie. Darin fanden ein Bett und eine Kleidertruhe Platz. Rechts von der Treppe lag die Wohnung des Burgherren, der größte Raum.

Aures Bündel und Truhen waren in den Raum des Burgherrn gebracht worden. Den beherrschte ein gewaltiges Schrankbett, ein eichengeschnitztes, innen mit Stoff aus Amalfi verkleidetes Möbelstück. So etwas erwartete man nicht im Castello Montecaldo zu finden.

Ebenso wenig hatte die neue Burgherrin erwartet, in dem Bett eine dicke, hellhäutige Frau vorzufinden.

Die griechische Sklavin Euphrosyne saß auf Arete Dukainas Zedernholztruhe, die die Aussteuer enthielt, und blickte nervös auf ihre Herrin. Zwei andere Dienerinnen und einige in der Ecke hockende kleine Mädchen mit zotteligem Haar starrten die neue Burgherrin an, ohne sich zu rühren.

»Ich hab versucht, die Frau zu verjagen, Kyria, aber sie sagt, sie gehorche niemandem als Cavaliere Fulbert.«

»Fenicia«, keuchte Fulbert di Montecaldo. »Dein Platz ist nicht hier. Geh in die Frauenkammer.«

Die Frau wälzte sich mühsam herum und stand auf. Sie war von überquellender Üppigkeit und vollkommen nackt. Ihr weißes Fleisch zerfloss um sie herum wie Ringe im Wasser. Um den Hals hing ihr ein schwerer Turmalinschmuck, in den Ohren klirrten silberne Gehänge. Ihr Gesicht war schön, mit Mehl geweißt, die Augen groß und dunkel und die Wangen mit Erdpuder leuchtendrot geschminkt. In das schwarze Haar waren Goldbänder geflochten.

Die Konkubine, erkannte Aure die Schlafbringerin: die Kebsfrau, die in der Wirtschaft und der inneren Ordnung der Burg ihren eigenen Platz hatte.

»Herr, du wirst dich gewiss nicht mit den Streitereien der Frauenkammer belasten wollen«, sagte Aure sanft.

»Alle werden deine Weisheit und...



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