E-Book, Deutsch, 303 Seiten
Urlacher Rückenwind
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-234-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Liebesgeschichte
E-Book, Deutsch, 303 Seiten
ISBN: 978-3-96148-234-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Max Urlacher, Jahrgang 1971, hat Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München und Wirtschaftsphilosophie in London studiert. Er gastierte unter anderem an den Schauspielhäusern in Zürich, Bochum und München und ist immer wieder in deutschen und internationalen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Neben seinen Romanen schreibt Max Urlacher Drehbücher und ist preisgekrönter Hörspielautor. Bei dotbooks veröffentlichte Max Urlacher den Roman 'Rückenwind'.
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Doppeldeckerengel
Das Gebüsch, hinter dem Anton sich versteckte, war dicht, schien ihm undurchdringlich. So konnte er ungestört beobachten, wie Tobias mit den größeren Kindern Himmel und Hölle spielte. Anton hatte gehört, wie seine Eltern von Tobias‘ »Schicksal« sprachen. Tobias‘ Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben. Eine tote Mutter. Das fand Anton toll. Wie Pippi Langstrumpf. Außerdem war Tobias Einzelkind, so wie er, hatte keinen Hund, noch nicht mal einen Hamster, so wie er. In jedem anderen Haus ihrer Spandauer Nachbarschaft zwischen Zitadelle und Eiswerder wohnten Geschwister, gleich nebenan sogar Zwillinge. Mark und Matthias. Die waren echt doof. Entweder hüllten sie Anton in ein weißes Bettlaken und zwangen ihn, mit ihnen obendrauf durch den Garten zu galoppieren, oder sie stülpten ihm beim Indianerspielen die Unterröcke ihrer Mutter über, damit er als Squaw um Gnade flehte. Anton wollte nie Indianer sein und schon gar nicht Squaw.
Es war 1978, ein glühend heißer Sommer lag über der Stadt, und auf dem Kopfsteinpflaster wuschen die Nachbarn ihre Audi 80s, Opel Mantas und Ford Capris. Mit Eimern zogen sie zur gusseisernen Pumpe an der Straßenecke, die aus einem dunkelgrünen Drachenmaul das Wasser spie. Dann shampoonierten sie mit dicken Schwämmen die Kühlerhauben, polierten die Felgen, saugten den Innenraum, fuhren liebevoll über den Lack, begutachteten die technischen Daten, verglichen Hubraum, Motorleistung und Tachostand der eigenen mit denen der anderen Modelle.
Ein typischer Sonntag in Westberlin, als Anton beschloss, Tobias für sich zu gewinnen.
Er überlegte, wie er vorgehen müsste. Aber halt. Erst einmal musste er überlegen, wo er diese Überlegung überhaupt anstellen wollte. Hier, hinter der Hecke? Unter seinem Bett? In der Küche? Die Idee mit der Küche gefiel ihm. Sein Großvater würde ihm eine Schokolade machen. »Ein Trostpflastergetränk, das beste, hilft beim Denken und Vergessen – ganz wie man möchte!« Sanft würde er den Kakao in die Milch rühren und wahlweise etwas Karamell- oder Kirschsirup hinzugießen. »Das Geheimnis ist, die Milch zu streicheln, wie eine Dame, sonst schäumt sie über!« Aber dann würde ihn sein Großvater fragen: »Warum spielst du nicht draußen mit den anderen Kindern?« Und Anton wollte nicht schon wieder erklären müssen, dass die Nachbarskinder gemein zu ihm waren. Sein Großvater würde das nicht verstehen. Das wusste Anton. So wie er wusste, dass Tobias anders war als die anderen. Mit ihm dürfte er Cowboy sein und würde nie an einen Baum gebunden. Mit Tobias an seiner Seite müsste er nicht fürchten, den Schimmel zu machen. Das wusste er einfach. Das war ein ganz und gar sicheres Gefühl. Und auf sein Gefühl konnte er sich verlassen. Immer.
»Gefühle sind wie Träume«, sagte seine Großmutter zwar, »irgendwann wacht man auf und ist heilfroh.« Aber für Anton waren seine Träume echt. Wäre ja total blöd, wenn es all die wunderbaren Geschichten und Märchen nicht irgendwo tatsächlich gäbe oder zumindest irgendwann einmal geben würde, die Abenteuerorte und verwunschenen Länder, das wuselige Wikingerdorf Flake zum Beispiel, die bunte Sparkasseninsel Knax, die unheimlichen Wälder, in denen er mit den wilden Kerlen mächtig Krach machen und im Kreis seiner um ihn versammelten Schlümpfe Kämpfe gegen Gargamel bestehen wollte. Waren die Erwachsenen auch anderer Meinung, er war sich seiner gewiss, so gewiss wie der Tatsache, dass man einen Haufen Kirschkerne schlucken konnte und aus dem Bauch heraus würde trotzdem kein Kirschbaum wachsen, mochten die Großen erzählen, was sie wollten. Er hatte es probiert, und es hatte nicht funktioniert.
Wie dumm. Jetzt hatte er sich mit seinen Überlegungen selbst abgelenkt. Bei Himmel und Hölle war Tobias gerade an der Reihe gewesen, und Anton hatte es überhaupt nicht mitgekriegt. Mist. Dieses Mal sogar mit verbundenen Augen. Offenbar fehlerfrei. Die anderen Kinder klatschten und halfen Tobias, das Tuch von den Augen zu nehmen. Und da, plötzlich, als ob dieser gespürt hätte, dass er beobachtet wurde, hob er seinen Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Antons erster Impuls war, hinter der Hecke abzutauchen, sich zu verstecken. Stattdessen winkte er sogar und erschrak prompt über sich selbst. Er hatte die Folgen seiner Handlung nicht bedacht. Dass eine Aktion eine andere nach sich zog. Und tatsächlich. Tobias winkte zurück. Antons Herz tat einen Sprung. Aber nun war es wieder an ihm zu handeln. Das überforderte ihn. Er rannte ins Haus. In die Küche. Sein Großvater war nicht da. An den Herd durfte er nicht. Er blickte sich hilfesuchend um. Die Rettung: Nutellaschrippen!
Er stürmte auf die Straße. Anton hatte nicht gewusst, ob er die Brötchenhälften buttern sollte oder nicht. Er bevorzugte sie ohne, sein Großvater mit Butter. Also hatte er sie nur bis zur Mitte bestrichen und obendrauf ganz dick Nutella. Schwierig war das gewesen, denn die Butter und das Nutella waren ganz hart. Außerdem hatte er vergessen, beides wieder in den Kühlschrank zu stellen. Auch die Küchentür hatte er offen gelassen, fiel ihm gerade ein. Egal. Weiter. In jeder Hand hielt er eine Brötchenhälfte und näherte sich damit der Gruppe, steuerte geradewegs auf Tobias zu, vermied es, irgendjemanden sonst anzuschauen.
»Was will denn der Arsch!«, rief einer der Nachbarszwillinge. Anton tat so, als hörte er nicht. Die Kinder beobachteten, wie sich Anton direkt vor Tobias stellte und ihm die Nutellahälften hinhielt. Wortlos griff sich Tobias eine. Hier endete Antons Plan. Was nun? Wohin mit dem zweiten Brötchen? Wohin mit sich? Nichts wie weg! Anton drehte sich um und lief zurück. Hätte er stehenbleiben sollen? Noch ein Weilchen warten? Nein. Doof. Oder? Und plötzlich spürte er ihn neben sich. Ein Ruck ging durch Antons Körper, als ob Leute in seinem Bauch tanzten, ihn großtanzten, ihn mit jedem Schritt, den Tobias neben ihm ging, größer und größer tanzten.
Sie aßen die Nutellaschrippen inmitten der hochgewachsenen Rhododendronbüsche hinterm Haus. Antons Versteck. Noch nie hatte Anton jemanden dorthin mitgenommen, noch nicht einmal seinen Großvater. Sie waren allein. Tobias trug das blaue Krümelmonster auf seinem T-Shirt. Eigentlich gruselte sich Anton vor dem Krümelmonster, wenn es so grob aus dem Fernseher spuckte, aber bei Tobias sah es ganz zahm aus. Alles an Tobias nahm er mit unverhülltem Staunen in sich auf. Seine großen Augen, grüngesprenkelt wie Antons Lieblingsmurmeln. Seine lässige Gegenwart, so stattlich wie ein echter. Ritter oder ein Pirat oder Ritter und Pirat zusammen. Nach dem letzten Bissen leckte sich Tobias die Nutellareste aus den Mundwinkeln, dann wischte er sich mit dem Handrücken die Spucke ab und rubbelte die Hand nicht etwa an, sondern in seiner Hosentasche trocken. Anton war beeindruckt – wie ein feiner Herr! – und machte es ihm nach. Jetzt war es an ihm zu imponieren. »Ich hab ein Monchichi.«
Keine Reaktion.
»Ich kann Kaugummiblasen machen, richtig dicke!«
Auch das beeindruckte Tobias nicht.
»Ich kann ohne Stützräder!«
Tobias zuckte die Schultern, schaute nach oben, sog die Luft tief durch die Nase ein. »Ich rieche Regen!«
Und tatsächlich begannen in diesem Augenblick, dicke Tropfen auf das Blätterdach zu klopfen. Anton war wie gelähmt von Tobias‘ übersinnlichen Fähigkeiten.
»Komm, lass uns Regendavonlaufen spielen«, schlug Tobias vor. »Unterstellen unter was, das am Boden befestigt ist wie Haus, Baum, Brücke, Bushaltestelle, ist verboten, gildet nicht!« Damit krabbelte er aus der grünen Höhle und Anton hinter ihm her. »Renn! Wer als Erster dem Regen entkommt, hat gewonnen!« Rennen war bei Anton schon damals sinnlos. Tobias war sowieso schneller. Also blieb Anton stehen und hoffte einfach ganz doll, dass ihn der Regen übersehen oder sich etwas zwischen ihn und den Regen schieben würde, ein Flugzeug vielleicht, ein Zeppelin, ein Ufo oder wenigstens ein großer Vogel. Anton hatte damals noch nicht kapiert, dass der Regen direkt aus den Wolken kommt. Er dachte vielmehr, der Regenmann sitze ähnlich wie Frau Holle auf einer Wolke und strullere über den Rand, wie das Männeken Piss im Stadtpark. Also schrie er: »Da lang, da ist eine Wolke, da können wir uns unterstellen.«
Tobias drehte sich um. Er verstand nicht. Was redete der da? War der bescheuert? Machte der sich lustig über ihn? Tobias war nahe dran, Anton eine Kopfnuss zu geben. »Unter der Wolke wirst du doch am nassesten!«
»Nein, da sind wir sicher vor dem Regenmann!«
Als Tobias Antons Irrglauben erkannte, hörte er gar nicht mehr auf zu lachen, und Anton fing an zu heulen, weil er offensichtlich etwas Dummes gesagt hatte und nicht einmal wusste, was.
Tobias machte einen Vorschlag zur Güte. Das war schon damals seine Spezialität. Er blieb neben Anton stehen und erklärte: »Es gibt freundliche Wolken, und es gibt Regenwolken. Und die kann nur die Sonne besiegen.« Und wie aufs Stichwort brachen erste Strahlen durch die graue Wolke über ihnen. Galilei und Kopernikus hätten nicht stolzer sein können ob ihrer Entdeckungen als Anton über dieses neugewonnene Wissen.
Der Regen hatte aufgehört. Nur sein Dunst lag noch in der Luft. Der Rasen dampfte. Ihre Turnschuhe waren aufgeweicht, die T-Shirts klebten nass an ihren Rücken, aber sie fröstelten nicht, so aufgekratzt, wie sie waren. Und plötzlich begann Anton zu tanzen und zu singen:
»Ätschi Ätschi Ätschi
Wir haben den Regenmann verjagt
Bätschi Bätschi Bätschi
Verjagt Verjagt Verjagt
Ha Ha Ha
Wir sind die Regenritter
Ho Ho Ho
Wir haben keine Angst
Piff Paff Puff
Wir sind die Wolkenmonster
Gri Gra Grau
Weg Weg Weg
Hulli Bulli Wulli.«
Dabei schmiss er die...




