E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Urbanski Störtebekers Henker
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-751-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-86358-751-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Silke Urbanski, geboren 1964 in Hamburg, ist promovierte Mittelalterhistorikerin mit den Schwerpunkten Kloster-, Hanse- und Wirtschaftsgeschichte. Sie wohnt und lehrt in Hamburg.
Autoren/Hrsg.
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FEST DES HEILIGEN ANSGAR
Donnerstag, 9.September im Jahr des Herrn 1400
Welch Staunen erregender Irrtum also, ihr Ritter, welch unerträgliche Raserei, Kriegsdienst zu leisten unter so vielen Auslagen und Mühen!
Bernhard von Clairvaux, Das Lob der neuen Ritterschaft
Draußen auf dem Strom im Sonnenlicht erfüllte sich die Hoffnung aller Englandfahrer. Die Vitalienbrüder waren gefangen und wurden von Fredeschiffen nach Hamburg gebracht, ihrem gerechten Schicksal zu.
Tausendmal lieber wäre Geseke Clingspor mit den Schniggen hinausgerudert, die Mannschaft und Gefangene in den Hafen holen sollten, als vor dem Rathaus am Markt zu warten. Auch wenn es eine Ehre war, in der ersten Reihe zu stehen, missfielen ihr die neidischen Blicke der Gattinnen der alten Ratsfamilien aus der Reichenstraße. Nervös spielte sie mit den Korallenschnüren am Mieder ihrer Robe. Auf keinen Fall durfte sie sich anmerken lassen, dass sie sich unwohl fühlte. Denn sie, mehr als jede andere, mehr als die Frau des Flottenführers, Alleke Schoke, repräsentierte die Englandfahrer. Sie war Albert Schreyes Tochter, und Albert Schreye war der Wortführer der Vitalierfeinde.
Sie wusste, es würde nicht lange dauern, bis die Lästerei begann, denn neben ihr stand leicht schwankend ihr Stiefsohn, Sigvrid der Jüngere, der schon früh am Morgen angetrunken war. Der Junge sollte nicht hier sein, sondern bei den anderen Männern draußen auf den Schiffen, unter den Seehelden, deren glorreiche Heimkehr sie gleich feiern würden. Dann würde er nicht saufen müssen.
Geseke warf einen schnellen Blick zu ihrem Gatten hinüber, dem Ratsherrn Clingspor. Wie der Sohn, so der Vater. Mit stolzgeblähter Brust stand der alte Sigvrid neben den anderen Englandfahrern aus dem Stadtrat. Zu dem heutigen Triumph hatte er allerdings nicht mehr beigetragen, als die Anweisungen ihres Vaters zu befolgen: für den Pfundzoll stimmen, Schiffsausrüstung für die Kriegsfahrt bezahlen, Schiffskinderlohn vorstrecken. Sigvrid war mitgelaufen, weil er ihr Ehemann war. Jetzt sonnte er sich in dem Erfolg, den andere errungen hatten, jene, zu deren Anhängern er sich zählte. So war der Lauf der Welt. Gemeinsame Interessen schufen Bruderschaften, Parteiungen, Gesellschaften. Bünde wurden mit Handelsverträgen besiegelt und mit Ehen wie ihrer.
An der Alsterschleife kam die prächtige Ratsschnigge in Sicht. Geseke stockte der Atem. Auf dem schlanken Schiff lagen Fässer, aus denen Köpfe ragten: Die Flottenherren hatten die Seeräuber in Fässer gesperrt. Sie hatten Gleiches mit Gleichem vergolten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Genauso hatten die Seeräuber ihre Geiseln in Fässer gezwängt und unter Deck vor sich hin schimmeln lassen. Dabei konnte man Gott danken, wenn ein Mann überhaupt zur Geisel gemacht wurde und die Likedeeler der Familie anboten, ihn auszulösen. Das war besser, als über die Planke geschickt zu werden. Wie viele Hamburger Seeleute waren von den Piraten ermordet worden? Nur recht, dass sie jetzt selbst in Fässern steckten.
Wenn Geseke an die Gräueltaten der Seeräuber unter Godeke Michels dachte, dann griff der kalte Hass nach ihrem Herzen.
Ihr Blick wanderte hinüber zu den Beginen, die mit einem Fass Bier am Hafenrand standen, um den Gefangenen eine barmherzige Labung zu geben. Unter den grau gekleideten Frauen mit den blauen Kopftüchern erblickte sie ihre Kindheitsfreundin Elisabeth Simonsen. Kaum hatte Geseke an sie gedacht, schaute die Begine zu ihr herüber. »Fässer!«, formte Geseke mit den Lippen und deutete mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung ihrer Hand auf die Schnigge.
Elisabeth verstand und blickte zu dem schlanken Schiff hinüber, dann bekreuzigte sie sich entsetzt.
Schwungvoll legte die Ratsschnigge an. Niclas Schoke, der Flottenkapitän, sprang an Land. Jubelgeschrei begrüßte ihn, und die Ratsmusiker ließen einen Fanfarenstoß hören. Nach Schoke kletterte dessen Gefährte Hermann Lange auf den Anleger. Bevor die beiden Ratsleute die Glückwünsche der Bürgermeister entgegennahmen, reichten sie einem weiteren Seekrieger die Hand: Simon von Utrecht, hühnenhaft und jung, schwang sich mit einem großen Schritt an Land und wurde von den Flottenführern umarmt.
»Unser mutigster Krieger! Er hat den Störtebeker im Zweikampf besiegt. Danach verließ die Bösewichter der Mut. Ihm haben wir zu verdanken, dass die Schlacht so schnell vorüber war«, rief Schoke und wies auf den Flamen. Zu dritt nahmen die Männer Umarmungen entgegen, dann kamen ihre Gefolgsleute an Land: Stadtwächter und bewaffnete Bürger, die sich an der Seeräuberjagd beteiligt hatten. Die Ratstrompeter wetteiferten mit dem Freudengeschrei der Bürger. Als Schiffsknechte die Fässer mit den Seeräubern an Land hievten, trat Schweigen ein. Zehn, zwanzig, dreißig Tonnen. Ein Lastkahn brachte weitere Gefangene in Holzbottichen. Die Gesichter der Vitalier ragten schmutzig und schmerzverzerrt aus den Gefäßen.
Geseke suchte ihn ihrem Herzen nach Mitleid, doch sie empfand nur Abscheu.
»Gepökelte Seeräuber!«, rief ein Scherzbold. Die ersten Lacher durchbrachen das gierige Schweigen, einige Straßenjungen pfiffen und warfen mit Unrat nach den Seeräubern. Elisabeth machte einen Schritt auf die gequälten Gefangenen zu, aber die Beginenmeisterin packte sie am Arm.
»Helfen, aber nicht auffallen«, zischte sie. Elisabeth schluckte. Die armen Menschenkinder in den Fässern stöhnten, wenn sie hin und her geschoben wurden. Zum Schreien oder Fluchen schien ihnen die Kraft zu fehlen. Wie lange hatten sie nichts getrunken?
Siebzig Fässer mit Seeräubern wurden an Land gerollt. Als Allerletztes kam ein Fass, welches mit Teufelsfratzen bemalt worden war. Das Lachen und Johlen erhob sich zu dröhnendem Gebrüll. Aus dem Fass ragte ein Kopf mit einem blonden Haarschopf. Die Augen des Piraten waren zugepresst, als er in die Mitte des Marktplatzes gerollt wurde. Mit zwei gezielten Axthieben zerhackte Niclas Schoke die Fassbänder.
»Ich bringe euch Claus Störtebeker!«, rief der Flottenkapitän.
Die Latten des Fasses fielen auseinander, und ein Mann rollte auf den Boden. Einige Augenblicke blieb er reglos liegen, dann erhob er sich langsam und richtete sich zu hünenhafter Größe auf. Er ließ den Blick über die Menge schweifen, dann wandte er sich den Armen unter den Schaulustigen zu.
»Ihr ehrbaren Leute von Hamburg!«, rief er. »Ich bin ein einfacher Seefahrer aus Friesland. Zu Unrecht gefangen und gequält.« Stolz warf er den Kopf in den Nacken.
Es wurde still. Die Leute wollten ihn hören.
»Seht, ihr guten Hamburger, welche Gottlosigkeit in eurer Stadt geschieht. Wir sind brave Männer, die ihre Familien versorgen, so wie ihr es tut. Aber man zwängt uns in Fässer, schmiedet uns in Eisen und schleppt uns hierher. Warum? Weil wir unseren Gewinn gerecht teilen, deshalb! Wir freien Männer leiden, weil die Handelsherren der Hanse euch auspressen!«
»Gerechtigkeit!« und »Likedeeler hoch!«, brüllte jemand weit hinten unter den Zuschauern. Andere Stimmen fielen ein. Zwei Stadtwächter ergriffen Störtebeker und wollten ihn in die Knie zwingen, aber sie waren zu schwach. Höhnendes Gelächter erscholl unter den Armen und Hafenarbeitern am Marktrand. Elisabeth befürchtete, die Siegesfeier könne aus dem Ruder laufen, doch Albert Schreye, Gesekes Vater, trat aus den Reihen des Rates hervor. Mit einer knappen Geste winkte er die Stadtwächter fort und trat dem Seeräuber ruhig entgegen. Störtebeker verschränkte die Arme und neigte den Kopf. Doch der Ratsherr wandte sich von ihm fort. Mit einer lockeren Handbewegung wies er auf das Halbrund seiner Bürger.
»Bürger, Schiffsknechte und Hafenleute! Gerechtigkeit soll geschehen, in der Tat«, rief er. »Wir werden mit Fug und Recht beweisen, dass dieser Störtebeker hier ein Seeräuber ist, ein Mörder vieler Hamburger Schiffskinder, darauf gebe ich euch mein Ehrenwort. Wer hat nicht die befreiten Geiseln gesehen, gebrochene Leute durch die schändliche Haft in Friesland oder auf den Raubschiffen?«
Elisabeth bemerkte seine sparsamen Gesten. Der Kopf der Englandfahrer war kein Volkstribun, aber ein geschickter Redner. »Wer hat keinen Bruder, Vetter, Freund, der nicht den Piraten zum Opfer fiel?«
»Sie haben meinen lieben Mann gemeuchelt!«, schrie eine Frau mit schmuddeliger Haube.
»Und meinen Vater!«, rief ein Mann. »Nieder mit den Piraten!«
»Unser Sohn wurde ermordet, weil er kein Lösegeld zahlen konnte!«
»Mein Peer war erst zwölf!«
Schreye gebot Ruhe. »Die Ermordeten sollen gerächt werden. Doch ich frage euch: Wer hat nicht unter der Störung des Handels gelitten? Wer von euch hat noch genauso viel im Beutel wie vor der Zeit der Seeräuberuntaten in der Westsee? Ab heute wird das anders. Unser Bier wird ungestört nach Brügge und London reisen. Mächtig und reich wird der Strom der Güter fließen. Denn die Pest der See ist ausgelöscht, die Vitalienbrüder sind gefangen. Dank sei dem Herrn, der Muttergottes und allen Heiligen!«
Jubel brandete auf, und die Ratsmusiker spielten einige Fanfaren.
Elisabeth warf einen Blick zu Geseke hinüber. Ihre Freundin lächelte, sie genoss den Triumph ihres Vaters. Jetzt hob der junge von Utrecht die Hand, weil er etwas sagen wollte. Kersten Miles, der älteste Bürgermeister, erteilte ihm mit einem Nicken das Wort.
»Bürger und Leute, der Störtebeker hat vom gerechten Teilen geredet. Auch wir Seeräuberjäger sind gerecht, beim heiligen Petrus. Wir werden alle teilhaben lassen. Das Gold der Piraten soll Schatz der Bürger sein!« Von...




