E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Unger Die folgsame Tochter
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1020-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-7517-1020-6
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Selena im Zug einer jungen Frau begegnet, ist sie sogleich fasziniert von Marthas Offenheit und vertraut ihr ein Geheimnis an: Selena fürchtet, dass ihr Ehemann sie mit der Babysitterin betrügt. Nur wenige Tage später ist die Babysitterin spurlos verschwunden und Selena die Letzte, die sie sah. Während die Polizei beginnt, in Selenas Umfeld zu ermitteln, erinnert diese sich plötzlich an Marthas Frage: 'Was wäre, wenn dein Problem einfach so verschwinden würde?' Selena ist zutiefst beunruhigt ...
Lisa Unger ist eine amerikanische Bestsellerautorin, deren Romane in ihrem Heimatland vielfach begeistert besprochen wurden. Auch international kann die Autorin mit ihren Thrillern große Erfolge verzeichnen, ihre Bücher erscheinen in 26 Sprachen, werden millionenfach gelesen und wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Lisa Unger lebt mit ihrer Familie an der Westküste Floridas.
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1
Selena
Selena liebte die Zwischenzeiten. Die kostbaren Augenblicke zwischen den verschiedenen Rollen, die sie im Leben spielte.
Sie verpasste den Zug um siebzehn Uhr vierzig, weil das Meeting bei dem Klienten länger dauerte, und schon bevor sie vom Konferenztisch aufstand, war klar, dass sie auf keinen Fall rechtzeitig zum Abendessen mit ihrem Mann Graham und den kleinen Rabauken Stephen und Oliver zu Hause sein würde. Die wilden Stunden danach würden ohne sie ablaufen müssen – duschen, Schlafanzug anziehen, Raufereien – kurze, aber heftige Scharmützel zwischen den Brüdern –, vielleicht fernsehen, wenn die beiden es schafften, ein paar Minuten still zu sitzen, dann ins Bett und vorlesen. Es kam nicht häufig vor, dass Selena länger arbeitete; sie legte Wert darauf, immer pünktlich zu Hause zu sein. So chaotisch die Abende mit der Familie auch oft sein mochten, sie waren der beste Teil ihres Tages.
Doch als sie an jenem Tag den Zug nicht mehr erwischte – es war schon so spät, dass sie nicht mal versuchte, noch zum Bahnhof zu hetzen –, öffnete sich ein Zeitfenster, das vorher nicht da gewesen war. Etwas mehr als zwei Stunden zwischen dem Zug um siebzehn Uhr vierzig, den sie normalerweise nahm, und dem um neunzehn Uhr fünfundvierzig, den sie nun zu nehmen beabsichtigte, nachdem sie im Büro noch ein paar Sachen erledigt hätte.
Selena spürte, wie sie sich in dieser Lücke ausdehnte, in dieser Zwischenzeit, die weder zu ihrem Berufsleben noch zu ihrem Mutterleben gehörte. Sie war einfach. Sie konnte nachdenken. Und um die Wahrheit zu sagen, gab es so einiges, worüber sie nachdenken musste. Diese Dinge waren wie ein weißes Rauschen in ihrem Hinterkopf.
Sie stieg aus dem Taxi, das sie vor ihrem Bürogebäude absetzte, und trat in die winterliche Kälte hinaus. Der Großstadtlärm überflutete sie, und sie wurde von dem Strom hektischer Menschen erfasst, die nach einem langen Tag nach Hause eilten. Dann trat sie in die stille Eingangshalle mit dem Marmorboden und den glänzenden Wänden. Sie nickte dem Pförtner zu, der sie kannte, zog ihre Zugangskarte durch und trat durch das Drehkreuz. Im Fahrstuhl nach oben war sie allein.
Ihr Herz begann zu hämmern, ihr Mund wurde trocken. Die Tasche war zu schwer, zerrte an ihren angespannten Schultermuskeln. Sie hatte den Zug nicht absichtlich verpasst. Sie hatte wirklich den Klienten nicht abwürgen wollen, als der kein Ende fand.
Aber.
Die Büroräume waren leer. Die Literaturagentur hatte nur wenige Angestellte, und die meisten hatten Familie. Viele der Eltern gingen frühzeitig, um die Kinder von der Schule abzuholen, und arbeiteten am Nachmittag im Homeoffice. Beth, Selenas Chefin und zugleich ihre langjährige beste Freundin, hatte alles so eingerichtet, dass ihre Angestellten gute Arbeit leisten und sich zugleich um die Familie kümmern konnten – man stelle sich nur vor. Der humane Arbeitsplatz, eine Seltenheit.
Sie machte kein Licht in ihrem Büro, sondern genoss den Blick durch die Fensterfront auf die funkelnden Lichter von Downtown. Als sie ihre Tasche fallen ließ, spürte sie, wie ihr warm wurde. Sie schlüpfte aus der Jacke, setzte sich vor den Laptop und holte tief Luft, bevor sie den Deckel aufklappte.
Mittlerweile war es Viertel nach sechs. Die Jungs würden schon gegessen haben. Wie sie ihr Kindermädchen Geneva kannte und die Tüchtigkeit, mit der sie alles managte, hatten Oliver und Stephen auch bereits geduscht und waren im Schlafanzug. Wahrscheinlich saßen sie schon vor dem Fernseher.
Selena lehnte sich in ihrem ergonomischen Bürostuhl zurück und genoss die angenehme Position.
Sie hatte die Kamera nicht direkt versteckt. Geneva wusste, wo im Haus sich Kameras befanden – eine oben, eine unten. Selena hatte einfach die Kamera aus dem Kinderzimmer umgestellt, ohne Graham oder Geneva darüber zu informieren.
Sie zögerte kurz. Ihr Schreibtisch war voll mit gerahmten Fotos von den Jungs und Graham, Kinderzeichnungen und einer Keramikeule, die Oliver im Kunstunterricht gemacht hatte. Sie griff nach dem glasierten, unförmigen Ding. Unten hatte er seinen Namen eingeritzt, und sie fuhr mit dem Finger das wacklige O und das rückwärts geneigte e nach. Irgendwo brummte ein Staubsauger.
Ihr Hochzeitsfoto. Sie mit strahlendem Lächeln und Graham umwerfend elegant in seinem klassischen Smoking. Er hatte ihr ins Ohr geflüstert, während der Fotograf drauflosknipste – kleine Anzüglichkeiten, witzige Bemerkungen. Und dann hatte er gesagt: Das ist der schönste Tag meines Lebens. Sein Atem kitzelte in ihrem Ohr, er hatte die Arme um sie gelegt. Ihr ganzer Körper prickelte vor Freude, vor Begehren. Das war jetzt fast zehn Jahre her. Gott, ein flüchtiger Augenblick, ein Wimpernschlag, ein einziger Atemzug.
Sie stellte das Foto wieder hin. Dann klickte sie die App an, die es ihr ermöglichte, auf ihrem Laptop die Aufnahmen der Kamera zu sehen, die sie im Spielzimmer der Jungs installiert hatte.
Es dauerte einen Moment, bis das Bild lud.
Als es so weit war, war sie nicht überrascht.
Graham, ihr Mann, trieb es mit Geneva, ihrem Kindermädchen. Auf dem Spielteppich, den sie so liebevoll zusammen bei IKEA ausgesucht hatten.
Der Ton war abgestellt, also blieb ihr das Grunzen und Stöhnen erspart.
Wann hatte sie Verdacht geschöpft? Ungefähr vor zwei Wochen. Sie hatte zufällig einen Blick zwischen Graham und Geneva aufgefangen. Eine Kleinigkeit, eine Millisekunde lang, ein Mikroausdruck in ihren Gesichtern.
Nein, hatte sie gedacht. Das kann nicht sein.
Aber sie hatte die Kamera aus dem Kinderzimmer im Spielzimmer installiert.
Es war jetzt das zweite Mal, dass sie die beiden beobachtete. Eine sonderbare Ruhe überkam sie, eine Art distanzierter Teilnahmslosigkeit.
So sexy ist sie nun auch wieder nicht, dachte sie und musterte die junge Frau mit den schimmernden weizenblonden Haaren und den geröteten Wangen. Selena beugte sich vor, um besser sehen zu können. Attraktiv war Geneva zweifellos. Aber nicht so viel mehr als sie selbst.
Gut, sie war ein bisschen jünger, aber nur ein paar Jahre. Vielleicht hatte sie eine Weichheit, die Selena fehlte, eine gewisse Frische. Aber sie war nichts Besonderes, vom Äußeren her nur leicht überdurchschnittlich. Das war durchaus ein Kriterium, das Selena berücksichtigt hatte, als sie Geneva einstellte. Geneva war eine attraktive, kluge, sympathische Kinderbetreuungs-Fachkraft mit einer langen Liste begeisterter Referenzen. Kein heißer Feger. Keine errötende Mittzwanzigerin mit glänzenden Lippen und Tattoos an unpassenden Stellen, die sie später bereuen würde. Die meisten Frauen, Selena eingeschlossen, würden sich davor hüten, sich einen knackigen Vamp ins Haus zu holen. Das war einfach nicht ratsam.
Außerdem kannte Selena sie. Hatte sie unbedingt als Nanny haben wollen. Sie hatten sich auf dem Spielplatz kennengelernt, während des ersten Jahrs, in dem Selena bei den Jungs zu Hause geblieben war. Das Leben als berufstätige Mutter, das Jonglieren zwischen Kindern und Büro, war so anstrengend gewesen. Das Pendeln, immer die Hetze, um die Kinder rechtzeitig vom Kindergarten abzuholen. Also waren sie und Graham übereingekommen, dass sie eine Weile zu Hause bleiben würde – auf unbestimmte Zeit. Sie konnten es sich leisten, Graham verdiente gut. Es würde keinen Range Rover und keine Reisen nach Tahoe während der Frühjahrsferien mehr geben. Aber sie würden gut zurechtkommen.
Selena fand es wunderbar, wie Geneva mit den Tucker-Jungs, Ryan und Chad, umging. Sie war liebevoll, aber bestimmt, verantwortungsvoll, aber nicht übertrieben streng. Die Kinder hörten auf sie. Aufgepasst, pflegte sie munter zu sagen, und alle Augen richteten sich auf sie. Sie war nicht wie die anderen Kindermädchen, die Selena im Park beobachtete – Angehörige der Generation Y, die auf ihre Smartphones starrten, während ihre Schützlinge Amok liefen oder sich ebenfalls mit ihren digitalen Endgeräten beschäftigten. Geneva spielte Fangen mit den Jungs, schubste sie auf der Schaukel an, spielte Verstecken.
Und so furchtbar sexy war sie nun wirklich nicht.
Sie hatte ein reizendes Gesicht, eine Stupsnase und volle Lippen, dunkle Rehaugen, dichte Wimpern. Angenehm üppige Rundungen, vielleicht ein klein wenig zu üppig. Breites Becken, eine Rubens-Figur, wie ihr Vater zu sagen pflegte. Der Typ, der für körperliche Arbeit gebaut ist, auf positive Weise. Selena selbst war groß und schlank, ein genetischer Segen, für den sie dankbar war, weil sie weiß Gott keine Zeit hatte, an ihrer Figur zu arbeiten.
Jetzt stellte sie den Ton an und hörte dem Stöhnen zu. Klang es nicht ein wenig … künstlich?
Selena hatte sich damals fast jeden Tag mit Geneva unterhalten. Ihre Kinder, Oliver und Stephen, liebten sie. Ist Geneva auch da?, hatte Oliver, der Ältere, häufig gefragt, wenn sie in den Park gingen. Wahrscheinlich, hatte Selena dann immer geantwortet und sich gewünscht, dass sie jemanden wie Geneva hätte, und sei es nur in Teilzeit. Eine Nanny, in deren Obhut sie die Kinder guten Gewissens lassen konnte. Doch sie war gern zu Hause. Ihr Job in der Öffentlichkeitsarbeit fehlte ihr nicht. Sie hatte nie den Drang verspürt, etwas zu erreichen, den so viele ihrer Freundinnen zu haben schienen. So war sie einfach nicht gestrickt. Sie war gern berufstätig, das schon – sie mochte die Unabhängigkeit, den Umgang mit den Kollegen, die Befriedigung, ihre Sache gut zu machen. Das...




