E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Ulin Die Frau, die schrie
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910918-15-3
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-910918-15-3
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
David L. Ulin ist ehemaliger Buchredakteur und Kritiker der Los Angeles Times. Seine Arbeiten erschienen in The Atlantic, The New York Times, Harper's, The Paris Review und 'The Best American Essays 2020'. Er erhielt Stipendien der Guggenheim Foundation, der Lannan Foundation und der Ucross Foundation sowie ein COLA Individual Master Artist Grant der Stadt Los Angeles. Er ist Professor für Englisch an der University of Southern California, wo er die Zeitschrift Air/Light herausgibt.
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Question Number One:
Do You Want To Have Fun?
Die Frau auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs schrie. Flatternde Bänder der Tobsucht, wie das Geheul eines Kojoten. Als es begann, saß ich im Wohnzimmer auf dem Sofa, die Füße unter mich gezogen. Einen kurzen Moment klang ihre Stimme wie die eines Beutejägers, und mein Herz machte vor Adrenalin einen Satz, als sei ich selbst die Beute. Dann erkannte ich die Modulationen, den Tonfall und das ausgefeilte Auf und Ab.
Es war ein Samstagabend Ende Juli und das Wetter fühlte sich schon seit Tagen tropisch an. Drückende, schwüle Hitze stieg in schimmernden Wellen vom Asphalt auf. Draußen in den Canyons versengten Flächenbrände das trockene Gestrüpp. Kontrolle war ein Wort aus einem anderen Sprachschatz. Die Leute behaupten, der Herbst sei die Brandsaison Südkaliforniens, doch ich finde den Sommer am fiesesten. Heute Abend war die Luft jedoch klar, und meine Fenster standen offen. Nun stand ich vom Sofa auf, durchquerte das Zimmer und schloss mich ein. Ließ etwas Musik laufen. Das Problem mit der Frau war nicht, dass sie schrie, sondern dass ich das Schreien schon kannte.
Ich wusste, wer sie war. So ungefähr. Zumindest vom Gesicht her. Eckig, aber auch mondförmig – jedes Mal, wenn sie mir auffiel, sah sie anders aus. Gut schulterlanges Haar, braun mit verblichenen blauen Strähnen. Sie lebte allein, in dem Bungalow gegenüber, auf der anderen Seite des Innenhofs. Mitte dreißig, nur ein paar Jahre jünger als ich. Schlank, aber mit vollen Hüften und leichtem Schwung darin, schick gekleidet, in eng anliegenden Jeans und knöchelhohen Stiefeln.
Mir fallen solche Sachen auf, besonders die Stiefel …
Zu behaupten, sie hätte mich bemerkt, wäre übertrieben.
Nein, das stimmt nicht, ich bin sicher, dass sie mich bemerkt hat, so wie man Leute bemerkt, die man entweder nicht kennt oder die einem nicht sonderlich wichtig sind. Ich war nur ein Typ, der in einem der anderen Bungalows wohnte, unauffällig, früh ergraut. Ich war hier eingezogen, nachdem meine Ehe implodiert war, im Windschatten jenes Sturms. Ich war auf der Suche gewesen … nicht nach einem Zuhause oder irgendeinem Gefühl von Zugehörigkeit, sondern nur nach einem Ort, an dem ich landen konnte.
Dieser Bungalow war die erste Behausung, die ich mir angesehen hatte: Schlafzimmer, Wohnzimmer, mit einer Küche auf der anderen Seite einer halbhohen Wand, Küchentresen, ein paar Hocker. Ich habe das gesamte Mobiliar übernommen – Sofa, Bett, Sessel, Couchtisch –, alles an einem einzigen Nachmittag. Ich wollte es einfach nur hinter mir haben und mich nicht damit belasten.
In den letzten Wochen oder Monaten meiner Ehe hatte ich mich genauso gefühlt; ich wollte sie einfach nur hinter mir lassen, was immer sie war. Should I Stay Or Should I Go, wie in diesem alten Clash-Song, den ich, weiß ich noch, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, in dem Jahr, in dem ich zwanzig wurde, viel gehört habe. Ich war frisch mit der Frau zusammen, die ich später geheiratet habe. Dieser Teil meines Lebens war nun vorüber. In diesem Bungalow wartete ich nun, wartete auf eine Zukunft, die nie kommen würde.
Die Musik, die über meine Lautsprecher knurrte, waren frühe Klassiker: Little Walter, Memphis Minnie, Bessie Smith. Meine Frau hatte mich ständig gerügt, ich würde in der Vergangenheit leben. Warum hörst du keine Musik aus diesem Jahrhundert?, fragte sie, nicht immer freundlich, doch die Wahrheit war, dass ich mich nach Beruhigung sehnte. Alte Musik hielt keine Überraschungen bereit; ich kannte jeden Riff, jede Note, jede Schwankung in den Tonhöhen. Alte Musik brachte ihre eigenen, vertrauten Bilder mit, ebenso ausgeformt wie Erinnerungen.
Doch wenn, so wie jetzt, eine Aufnahme wie How Many More Years von Howlin’ Wolf aus meinem Mix lief, konnte das auch ein zweifelhafter Segen sein. Das war das Lied, das ich immer, mit wütenden Tränen, im Auto geschmettert hatte, wenn ich an meine Frau dachte, während sich vor meinem inneren Auge ein Bild aufbaute. Das ist die andere Sache mit alter Musik, in ihr liegen unsere Erinnerungen verschlüsselt, unsere Waswärewenns, was man getan haben könnte oder wollte, die Zeilen, von denen wir einst geglaubt hatten, sie sprächen uns aus der Seele. How many more years, wie viele Jahre noch … was für ein Scheißwitz. Wir konnten noch nicht mal unser Eheversprechen halten.
Aber, was hatte ich denn erwartet? Es war ja nicht nur sie, es war ja auch ich, und in dem Song ging es ja sowieso nicht darum, jemanden zu lieben, sondern darum, wie es sich anfühlt, nicht geliebt zu werden. Vielleicht hat er mich deswegen angesprochen, weil es mir beim Mitsingen erlaubte, mir vorzustellen, dass ich mich in diesem Kreislauf von Bedauern und Schuldzuweisung befände, so wie es der Sänger immer vor sich hin singt. Und was meine Ex-Frau angeht, na ja … sie passt nicht so recht in die Gleichung. Mit ihr hätte es kein Bedauern, keine Schuldzuweisung und kein Warten gegeben.
Eines Tages war es vorbei, und wir waren fertig miteinander.
Was auch immer, das sind alte Kamellen, Schnee von gestern. Ein weiterer Aspekt meines Lebens, den ich nicht kontrollieren konnte. Das Lied endete, wie das eben immer so ist, und in der plötzlichen Stille wurde ich mir einer tieferen Stille bewusst: Die Frau gegenüber im Hof hatte aufgehört zu schreien, gab überhaupt keinen Laut mehr von sich. Die Luft in meinem Wohnzimmer war still und dick, als hätte man eine Decke über die Nacht gelegt. Ich spürte Schweißperlen unter meinen Achseln und hinten im Nacken. Als ich zum Fenster ging, fühlte ich mich ein wenig benommen, und mir kam in den Sinn, es wieder zu öffnen. Bevor ich ein Fenster hochschieben konnte, bemerkte ich ein schlurfendes Geräusch, als würde ein kleines Tier irgendwo wühlen oder sich verstecken; und während ich noch da stand, klopfte es leise an meiner Tür.
Ich sah auf die Uhr – halb zehn abends. Ich durchquerte das Zimmer, als watete ich durch einen Sumpf. Plötzlich wurde ich mir einer so tiefen Erschöpfung bewusst, dass ich kaum noch aufrecht stehen konnte. Ich machte einen Schritt, dann noch einen, das Klopfen im Hintergrund wie ein pulsierendes Blinklicht. An der Tür atmete ich tief durch und fuhr mir mit den Fingern durchs Haar. Ohne zu fragen oder durch den Türspion zu schauen, wusste ich, wer es war, und tatsächlich, als ich den Riegel zurückgeschoben hatte, stand sie dort. Die Frau von gegenüber. Ihr zweifarbiges Haar hing wie eine Kapuze über die Augen, eine Maske, eine Art Schutz, als wolle sie sich verstecken.
Zunächst mal war sie hübsch. Ich hatte sie nie aus der Nähe gesehen, oder zumindest nie nah genug, hatte nie die Flecken Lavendel in ihren haselnussbraunen Augen gesehen, deren Lider mit Kajal geschminkt waren. Ihre Hand war erhoben, die Finger zu einer losen Faust geballt, als hätte ich sie mitten in einem Klopfen erwischt. Sie trug schwarzen Nagellack, gesplittert und zerfranst.
»Hallo«, sagte ich. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich …«, antwortete sie, und ihre Stimme verstummte, als hätte sie kein Wort gesagt.
In der Ferne hörte man eine Sirene, Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr, die ihr Heulen mit Doppler-Effekt gegen die Berge warfen. Das Gebäude lag in Hollywood, auf der Südseite Franklins, kurz unter dem Magic Castle. Nicht lange nachdem ich eingezogen war, hatte es eine Pandemie von Autobränden gegeben. In einer Nacht brannten einundzwanzig Wagen, in der nächsten achtzehn, und jedes Mal, wenn ich jetzt eine Sirene hörte, dachte ich wieder zurück an jene verzweifelten Stunden, in denen die Streifenwagen kreuz und quer durch die Nachbarschaft fuhren und der Himmel nach Kerosin stank oder Zigarettenbenzin. Der Typ, den die Cops verhaftet hatten, sagte, er hätte es nicht getan, doch er hatte eine Menge Scheiß durchgemacht, eine Trennung, den Verlust eines Angehörigen, ich weiß nicht mehr genau. Irgendwann konnte er gehen und verschwand wieder in der Stadt, als wäre er nie daraus hervorgekommen.
Die Frau von gegenüber sah mir nicht in die Augen.
»Sie wohnen auf der anderen Seite des Hofes, nicht wahr?«, fragte ich und deutete in Richtung ihres Bungalows. Sie nickte, sah mich aber immer noch nicht an. »Gibt es etwas …«, fuhr ich fort, und jetzt schaute sie auf und schüttelte kurz und heftig den Kopf, wobei ihre Augen im Licht des Wohnzimmers funkelten. »Wollen Sie reinkommen?«, fragte ich.
In der Wohnung sah sie sich vorsichtig um, wie ein wachsames Tier, bevor sie sich wieder mir zuwandte. »Ich möchte mich entschuldigen«, begann sie, ihre Stimme tonlos und fließend, mit einem kehligen Raspeln. Ich sah sie an, als wüsste ich nicht, was sie meinte; sie hob die Augenbrauen und schenkte mir denselben Blick wie ich ihr. »Ich weiß, dass Sie mich gehört haben«, fuhr sie fort. »Ich habe gesehen, wie Ihre Fenster hinuntergeschoben wurden. Ich konnte nicht anders. Haben Sie nie das Bedürfnis zu schreien?«
Nie das Bedürfnis zu schreien? Mein ganzes Leben fühlte sich so an. Aber wie konnte ich das jemandem erklären, den ich gerade erst kennengelernt hatte? Egal. Aber was war mit letzter Woche oder der Woche davor? Das hier war ja schließlich keine einmalige Angelegenheit.
Ich fühlte mich wie gelähmt, als könnte ich für immer in diesem Zimmer in dieser Position verharren. Wenn es zu brennen begänne, oder die Berge bei einem Erdbeben oder in einer Schlammlawine herunterfließen würden, fände man uns hier, immer noch an der Tür stehend. Es würde aussehen,...




