Uhl Romantische Bibliothek - Folge 36
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-3552-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der gefälschte Trauschein
E-Book, Deutsch, Band 36, 80 Seiten
Reihe: Romantische Bibliothek
ISBN: 978-3-7325-3552-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nicht einen Moment zweifelt die junge Britta an der Aufrichtigkeit der Gefühle des Mannes, an dessen Seite sie vor dem Altar steht. Doch schon in der Hochzeitsnacht weint sie bittere Tränen, und ihr Herz bricht ...
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„Ihr Bruder Bastian bekam nach dem Tod Ihres Vaters die gleiche Summe wie Sie“, sagte der weißhaarige Notar bedächtig. „Es ist jetzt vier Jahre her, Graf Falk. Jetzt kommen Sie zu mir, um sich von mir helfen zu lassen. Wie kann ich das?“
„Sie sind der Vermögensverwalter meines verstorbenen Vaters. Sie verwalten das gesamte Falk-Vermögen!“, brauste Daniel Graf Falk auf.
Sein sonst so markantes frisches Gesicht war blass und schmal. Notar Wilhelm Jentsch kannte ihn schon, als er noch ein Kind gewesen war.
„Das stimmt“, gab der Notar zu. „Aber vergessen Sie bitte nicht, dass das Vermögen damals aufgeteilt wurde und dass ich jetzt nur noch der Vermögensverwalter des Geldes bin, das seinerzeit Ihr Bruder Sebastian Graf Falk geerbt hat.“
„Er ist nur mein Stiefbruder“, fuhr Daniel auf.
„Trotzdem.“ Der greise Notar lächelte. „Er erhielt genau die gleiche Summe wie Sie. Achthunderttausend Mark sind ein stattlicher Betrag.“
Daniel verzog das Gesicht. „Ich hatte Pech an der Börse. Einige Fehlspekulationen – und dann musste ich ja auch vier Jahre lang standesgemäß leben.“
„Ich kann Ihnen nicht helfen“, bedauerte der Notar geduldig. „Sie haben Ihr Erbteil erhalten, Graf.“
„Mein Bruder hat sich seit dem Tod unseres Vaters nicht bei Ihnen blicken lassen. Er ist vielleicht auf das Geld gar nicht angewiesen. Geben Sie mir wenigstens etwas davon. Hunderttausend, Herr Notar, das reicht für den Anfang.“
„Tut mir leid.“ Der Notar schüttelte den Kopf. „Das würde den Bestimmungen des Testaments zuwiderhandeln. Über das Geld, das ich für Ihren Bruder verwalte, kann nur er allein entscheiden.“
„Ich werde das Testament anfechten“, brauste Daniel Graf Falk auf. „Mein Bruder Bastian entstammt der ersten Ehe meines Vaters. Seine Mutter lief meinem Vater davon. Ich bin der Sohn, der alles hätte erben müssen. Ich allein!“
Der Notar unterdrückte einen Seufzer.
„Dieser Meinung war aber Ihr Herr Vater nicht, Graf Falk. Er hat das Testament im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte verfasst. Sie können es anfechten, gewiss. Aber Sie hätten es damals tun müssen, nicht jetzt nach vier Jahren. Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.“
Daniel Graf Falk zerdrückte erregt seine Zigarette im Aschenbecher.
„Ich hatte eine gute Schulbildung, aber die hilft mir nicht weiter. Ich bin ruiniert, Herr Notar. Was soll ich machen? Raten Sie mir!“
„Herr Graf“, sagte der Notar nach einigem Nachdenken, „es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als sich eine Arbeit zu suchen.“
„Ich, der Träger eines alten Namens? Meinen Sie das im Ernst?“
Es klopfte an die Bürotür, und die Sekretärin des Notars trat ein.
„Herr Notar, soeben ruft die Detektei Schmidt an. Man hat Fräulein Britta Jobst gefunden.“
„Ach!“ In den Augen des Notars blitzte es erfreut auf. „Legen Sie mir das Gespräch hierher.“ Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, besann er sich anders. „Nein, ich komme hinaus in Ihr Büro, Fräulein Pahl.“ Er erhob sich, murmelte in Richtung des Grafen eine Entschuldigung und ging hinaus, die Tür hinter sich zuziehend.
Warum spricht er nicht von seinem Büro aus?, überlegte Daniel ärgerlich. Unwillkürlich erhob er sich. In diesem Augenblick sprang die Tür um einen Spalt auf.
Leise schlich Daniel näher auf die Tür zu. Und er hörte den Notar ins Telefon sprechen: „Sie haben also Fräulein Jobst gefunden? Meinen Glückwunsch, Herr Schmidt. Sie haben ihr doch hoffentlich nicht gesagt, dass sie zwei Millionen erben wird?“
Daniel Graf Falk lauschte atemlos.
Er hörte den Notar lachen. „Das will ich ihr auch allein sagen, Herr Schmidt. Wo wohnt sie? Gartenstraße 12? Haben Sie auch herausbekommen, wo sie arbeitet?“
Daniel spitzte die Ohren. Gartenstraße 12, wiederholte er in Gedanken.
„Ah, ich verstehe“, fuhr der Notar fort. „Sie ist Geschäftsführerin der Modeboutique in der Seilerstraße? Ja, ich habe es mir notiert. Schicken Sie uns Ihre Honorarrechnung, Herr Schmidt. Ihr Auftrag wäre damit erledigt. Vielen Dank für die geleistete Arbeit.“
Schnell eilte Daniel Graf Falk wieder auf seinen Sessel zu und ließ sich darin nieder. Er zog eine Zigarettenpackung aus der Jackentasche.
Schon kehrte der Notar wieder zurück. Er machte einen zufriedenen Eindruck.
„Verzeihung, Graf Falk, ein dringendes Telefonat“, entschuldigte er sich.
Daniel machte einen stocksteifen Rücken.
„Ich habe ja auch schon alles mit Ihnen besprochen. Sie bleiben also bei Ihrer unnachgiebigen Haltung, Herr Notar?“
Fast väterlich blickte der Notar ihn an.
„Was kann ich tun, lieber Graf? Ich kenne Sie schon so lange, und ich bedaure das Pech, das Sie hatten. Aber ich kann Ihnen nichts von dem Geld geben, das Ihrem Bruder gehört. Ich würde mich strafbar machen.“
„Wer weiß, ob er überhaupt noch lebt!“, knurrte Daniel zornig.
„Wenn er tot ist und keine Familie hat, dann erben Sie die Summe, die ich verwalte“, erklärte der Notar überzeugt. „Ich habe zwei Privatdetekteien beauftragt, nach Ihrem Bruder zu forschen. Ich bin sicher, wenn er wüsste, dass hier so viel Geld auf ihn wartet, käme er sofort.“
„Und wenn wir es nie erfahren?“, fuhr Daniel auf.
„Ich brauche Gewissheit. Falls er gestorben sein sollte, brauche ich einen rechtsgültigen Totenschein. So verstehen Sie mich doch, Graf Falk. Ich kann mich doch nicht gegen das Gesetz vergehen.“
Daniel erhob sich. „Ich verstehe Sie ja, Herr Notar. Aber das Gefühl, dass hier eine so große Summe Geld ungenutzt herumliegt, macht mich rasend.“
„Nun“, der Notar lächelte, „das Geld liegt sicher auf der Bank und bringt gute Zinsen. In diesen vier Jahren hat sich die Summe erheblich vermehrt, wie Sie sich denken können.“
„Natürlich kann ich mir das vorstellen!“ Daniel reichte dem alten Herrn die Hand.
„Sobald ich etwas von Ihrem Bruder erfahre, bekommen Sie sofort Nachricht“, versprach der Notar.
Daniel nahm Hut und Mantel und ging nach kurzer Verbeugung hinaus.
Er vermied es, seine schier ohnmächtige Wut zu zeigen. Er durchquerte das Vorzimmer des Notars und den Kanzleiraum, dann stand er aufatmend im Treppenhaus.
Sofort verfinsterte sich sein Gesicht. Immer hatte er Bastian, seinen Stiefbruder, gehasst. Und jetzt war es so, als ob Bastian ihm ein Schnippchen schlagen wollte. Seit Jahren war er wie vom Erdboden verschwunden. Es war zum Auswachsen!
Ich muss eine reiche Heirat schließen, überlegte Daniel. Es ist mein einziger Ausweg.
Mit langen Schritten eilte er auf seinen vor dem Haus parkenden Sportwagen zu.
Autos waren seine große Leidenschaft, und es mussten immer die teuersten, elegantesten sein, die er sich anschaffte. Daniel Graf Falk lebte auf großem Fuße, und er hatte sich im Lauf der Jahre so an den Luxus gewöhnt, dass er glaubte, ihn nie mehr entbehren zu können.
Als er an einer Straßenkreuzung bei Rot warten musste, fiel ihm der Name wieder ein: Jobst. Fräulein Britta Jobst. Und sie hatte noch keine Ahnung, dass sie zwei Millionen erben würde.
Zwei Millionen! Das war genau die Summe, die ihm fehlte.
Und er hatte auch schon einen Plan, wie er sie bekommen würde. Und noch achthunderttausend Mark dazu. Er würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
***
Britta Jobst war ein schlankes dunkelblondes Mädchen mit fast bis auf die Schultern reichendem Haar.
Sie stand mit Evchen, ihrer Verkäuferin, am Ladentisch der Boutique und blätterte in einem Katalog.
Jetzt, um zwei Uhr nachmittags, war nicht viel los. Gerade hatte eine mollige Siebzehnjährige einen Gürtel erworben. Neue Kundschaft war noch nicht in Sicht.
„Eine lange Perücke“, piepste Evchen und verdrehte die Augen, „die wünsche ich mir schon eine Ewigkeit.“
Britta wiegte skeptisch den Kopf. „Aber die sind im Katalog nur so billig, weil sie nicht aus Echthaar sind. Das ist synthetisches Haar, Evchen.“
„Sieht man doch nicht, wenn’s hübsch frisiert ist“, meinte Evchen.
Evchen Kroll war blond, klein, zierlich und noch sehr jung, erst knapp achtzehn Jahre alt. Sie schwärmte für Britta Jobst, ihre Chefin, die erst vierundzwanzig Jahre alt war. Nach Evchens Ansicht war Britta hübscher als alle weiblichen Filmstars. Ihre Figur war reif für eine Misswahl, und ihre Augen, der Mund, die Nase machten sie – nach Evchens Meinung – zu einer perfekten Schönheit.
Und was Evchen überhaupt nicht begriff: Britta Jobst war überhaupt nicht eingebildet und besaß eine große Portion Humor in allen Lebenslagen.
Als sich der hochgewachsene Mann der Ladentür näherte, sahen Britta und Evchen auf.
„Da kommt jemand“, entfuhr es Evchen. Sie machte kugelrunde Augen. „Was der wohl hier will?“, fragte sie. „Der sieht aus wie ein Diplomat oder so was.“
Britta verbiss sich ein Lächeln. Evchen hatte immer so seltsame Vergleiche. Der Mann, der jetzt die Ladentür aufstieß, sah ohne Zweifel fantastisch aus, aber nicht gerade wie ein Diplomat. Auf jeden Fall aber wirkte er wie ein Herr der großen, eleganten Welt.
Zielbewusst kam er näher. Er ließ seinen Blick von Evchen zu Britta wandern, überlegte offenbar angestrengt und machte dann eine knappe Verbeugung.
„Guten Tag“, sprach er lächelnd.
„Guten Tag“, grüßte Britta.
Ist eine von beiden Britta Jobst?, durchfuhr es...




