E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Türkische Bibliothek
Turan Von Istanbul nach Hakkari
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-293-30148-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Rundreise in Geschichten. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Türkische Bibliothek
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Türkische Bibliothek
ISBN: 978-3-293-30148-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein alter Mann kehrt in seine Heimat zurück, weil er das Leben der Nomaden wieder spüren möchte. Eine Frau verdammt ihren Mann, als der mit ihren Ersparnissen durchbrennt. Ein Dichter betritt das Fotostudio, Müllkippen geben ihre Geheimnisse preis. Auf Küsten mit mediterranem Zauber, wo aberwitzige Wellen aus Flaschen ausbrechen und eine Stadt überfluten, folgen raue Landstriche im Osten des Landes, wo Schneemassen einen Träger und einen Tierarzt unter sich begraben. Menschen erzählen von der Liebe und ihrer Sehnsucht nach der Familie, nach einem besseren Leben.
Die Geschichten sind so gegensätzlich und vielfältig wie dieses Land selbst. In einer literarischen Rundreise führen uns Autoren von der schillernden Metropole Istanbul in die Welt der ägäischen Mittelmeerwinde, in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes.
Autoren/Hrsg.
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Fotostudio Glück
Ziya Osman Saba
An jenem Abend konnte ich früh von der Arbeit weg. Warum nicht einfach mal bis Beyoglu spazieren, sagte ich mir. Das Goldene Horn und den Bosporus grüßend, schlenderte ich über die Brücke und gewährte meinen Lungen, die seit Stunden nur schlechte Luft geatmet hatten, das Recht auf Erholung.
Die Dampfer zu den Stadtteilen, in denen ich früher einmal gewohnt hatte, waren noch immer in der gleichen Abfahrtshektik. Da, die Klingel für den 6-Uhr-Dampfer nach Kadiköy. Dort schon der 6-Uhr-05er, der die asiatische Seite des Bosporus abfährt … Bei diesen mal runden, mal krummen Zahlen waren früher sogar die Sekunden kostbar gewesen – und jetzt hatten sie jede Bedeutung für mich verloren! Mag die Klingel noch so schrillen, mag der Beamte das Eisentor ruhig drohend zuschieben, ich bin kein Passagier dieser Dampfer mehr, dort drüben wartet niemand mehr auf mich. Ich kann die Yüksekkaldirim-Straße so langsam hinaufsteigen, wie ich möchte, und vor den Schaufenstern der Antiquariate kann ich nach Lust und Laune die Zeit vertrödeln. Am Tünel angekommen so tun, als würde ich auf die Straßenbahn warten, dann traurig die Einsteigenden beobachten, und zuletzt mit einer Geste, als hätte ich mich nun doch anders entschieden, bis zum Galatasaray und dann weiter bis zum Taksim-Platz spazieren.
Menschen kommen mir entgegen, Menschen gehen hinter mir her. Die in meinem Rücken überholen mich schließlich, mit manchen der mir Entgegenkommenden wechsle ich flüchtig einen Blick; andere schauen an mir vorbei, auch ich übersehe einige, gelegentlich werde ich gestreift, angerempelt. Männer, Frauen, Große, Kleine, Alte, Junge, Schöne, Hässliche, Reiche, Arme … Verheiratete Frauen, frisch Verlobte, Einsame, manche mit dem Geliebten am Arm, kleine Kinder, die neben ihren Müttern herlaufen. Da sind junge Mädchen, jedes einzelne ein Schatz fürs ganze Leben, deren Beine, von Cahit Sitki in einem Gedicht als »Schatz des Tages« besungen, leider in hässliche, hohe Gamaschen eingesperrt sind. Und barfüßige Kinder. Sie flitzen zwischen denen hindurch, deren Füße gut aufgehoben sind, und versuchen Zeitungen zu verkaufen. Aber sie scheinen nicht an den Füßen zu frieren, sie sind es offenbar gewohnt, sage ich mir. Zudem wirken sie nicht weniger glücklich als die Beschuhten. Die Reichen kaufen die Zeitungen und lassen ihnen das Wechselgeld. Da freuen sich die Kinder noch mehr.
Auf beiden Seiten Läden, Geschäfte, elegante Cafés, die nur eines wollen: all diese Menschen einkleiden, sättigen, amüsieren, sie noch glücklicher machen. Ich kann nicht anders, ich bleibe vor den Schaufenstern stehen und gebe mich meinen Träumen hin. Wie schön diese Wohnzimmereinrichtung ist! Wie bequem man in diesem breiten Sessel nach dem Essen versinken kann! Welch liebliches Rosé dieser Lampenschirm in das Gesicht der Ehefrau zaubert, die vollkommen in ihr Strickzeug vertieft ist. Der Ehemann legt dann seine Zeitung beiseite, ganz in den Anblick seiner Frau versunken. Der Tisch dort ist wie gemacht für eines der Radios, die im Laden gegenüber verkauft werden, er würde genau passen. Auf das Radio dann ein Figürchen von dem Antiquitätenhändler dort vorne …
Der größte Möbelhändler der Stadt stellt ein komplettes Schlafzimmer aus. Ein Doppelbett, die seidene Steppdecke ausgebreitet, samt Nachtschränkchen am Kopfende, darauf die Nachttischlampe, der kleine Teppich und sogar die Tüllvorhänge an den Fenstern – an alles ist gedacht, ein perfektes Schlafzimmer. Zwischen den Vorhängen lugt noch eine Winteransicht hervor. Das ganze Zimmer in seinem rötlichen Licht scheint schon ungeduldig auf seine Besitzer zu warten.
Doch wohin all diese schönen Sachen tragen? Welche Wohnung in diesem mehrstöckigen Wohnhaus könnte mir gehören? Ich gehe weiter …
Und erst das blaue Kollier in diesem Geschäft da. Von den Mädchen, die ich kenne – wie gut würde es dem mit den blauesten Augen stehen! Schade, dass sie nicht meine Freundin ist!
In der Auslage des Schuhmachers, als hätten sie sich schamhaft an den Rand geflüchtet, Damenpantöffelchen, einige hochgeschlossen, andere recht weit ausgeschnitten, Pantöffelchen, die Träume von der Intimität häuslichen Lebens wecken.
Ach, und die Geschäfte, die Damenartikel, Wäsche und Kleider verkaufen … Selbst wenn ich ganz viel Geld hätte und von all dieser Wäsche, den Kleidern, Kostümen, Mänteln nach Herzenslust einkaufen könnte, dann hätte ich doch keine, die ich glücklich machen, die all das tragen, der ich sagen könnte: »All das ist für dich.«
Es ist, als würden all diese Geschäfte an all diese Menschen Glück verkaufen. Da, unter den tausend Farben und Sorten bei diesem Obsthändler, diese großen Früchte mit der gelben Schale zum Beispiel – das sind nicht etwa Orangen, das ist eine Seligkeit aus Genuss, Geschmack, Duft und Frische, um die Tafelfreuden abzurunden. Die Verkäufer schreien aus vollem Halse: »Kauft von unseren Waren!«, aber eigentlich meinen sie: »Werdet noch glücklicher.« Und erst recht die Boza-Flaschen aus Vefa in der Ecke dort. Wenn der Vater ein paar Stunden nach dem Essen jeden Einzelnen in der Familie davon, mit etwas Zimt bestäubt und gerösteten Kichererbsen belegt, schlückchenweise kosten lässt, ist das nicht ein ganz besonderes Glück?
So viele Fotoläden haben sich in dieser Straße versammelt, ich versinke in all diesen Bildern! Diese glücklichen Menschen sind wohl herbeigeeilt, um ihr Glück zu verewigen. Über ihren Tod hinaus wird ihr Lächeln auf diesen Bildern weiterleben. Ist die Braut da nicht die verheiratete Frau, die ich soeben gesehen habe? Ist das kleine Kind mit dem rosigen Gesicht und den zu zwei Zöpfen geflochtenen Haaren nicht das kleine Mädchen, das gerade an mir vorbeigehüpft ist? Natürlich! In diesen Fotostudios gibt es kein einziges Bild von einem Toten. Der nächste Friedhof ist sowieso kilometerweit von hier entfernt. In dieser Straße flanieren nur die Glücklichen. Nur schon in dieser Straße zu sein, kann einen glücklich machen. Auch ich sollte an mein Glück denken, daran, dass ich lebe. Unter all diesen Läden gibt es sicher den einen oder anderen, der Dinge verkauft, die auch mich glücklich oder zumindest zufrieden machen könnten! Gleich dort kann ich mir meine Schuhe putzen lassen. Warum sollte ich mir nicht diese Krawatte kaufen? Dieser neu eingetroffene Gedichtband würde mir gewiss vergnügliche Stunden bereiten. Ich könnte ja auch in eines dieser Fotostudios gehen, in denen diese glücklichen Menschen sich fotografieren lassen, auch ich bin glücklich, könnte ich sagen, machen Sie auch von mir ein Bild! Der Fotograf kann mir nicht widersprechen, er kann ja nicht einfach sagen: Sie haben ja gar niemanden, was wollen Sie mit dem Foto anfangen! Sollte er danach fragen, würde ich antworten: Auch ich könnte doch eines Tages eine Freundin haben. Die schönste Aufnahme, die Sie machen, wird dann umgeben von wundervollen Düften in einer geheimen Ecke ihres Täschchens stecken.
Und sollte wirklich keine auftauchen, die mich liebt, so haben Sie vielleicht noch nicht gehört, dass ein neuer Gedichtband von mir veröffentlicht wurde. Wegen dieses Buchs kann man mich mit Fug und Recht einen Dichter nennen, und wer weiß, es kommt vielleicht der Tag, an dem ein Literaturhistoriker ein Foto von mir aus den Jahren sucht, in denen eben dieses Buch veröffentlicht wurde. Vielleicht werde ich zwischen den Seiten einer zukünftigen, auf edlem Papier gedruckten Literaturgeschichte jugendlich hervorlächeln. Oh ja, ich bin ja noch recht jung, vergessen Sie meine grauen Strähnen und dass ich leicht verdrießlich dreinschaue, hier ist mein Personalausweis, bitte sehr, man kann mich durchaus noch als jung bezeichnen. Schon allein meine Jugend wird mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern, ganz so, wie Sie es wünschen.
Vor einem Fotostudio hatte ein Wagen angehalten, und um ihn hatte sich eine neugierige Menschenmenge geschart. Ich trete näher, das Innere des Wagens und die Fensterrahmen sind über und über mit Blumen geschmückt. Braut und Bräutigam sind also im Fotostudio. Nichts wie hinein, so kann ich mich fotografieren lassen und gleichzeitig das Paar, das gerade einen der glücklichsten Momente seines Lebens erlebt, grüßen, auch wenn wir uns nur kurz an der Tür begegnen.
Ich warte im Vorraum, dessen Wände über und über mit Fotografien behängt sind. Alle lächeln. Hier der soeben beförderte junge Offizier, der sich stolz und selbstsicher auf seine Zukunft freut. Hier der Wonneproppen, der vor Gesundheit nur so strotzt und einen großen Plastikball umklammert, als sei er der größte Schatz der Welt. Ein Gruppenbild von Universitätsabsolventen: Die Professoren zufrieden und erhaben, um sie herum die frisch gebackenen Absolventen, sie lächeln, sie lachen vor Glück wie Menschen, die unter einem Baum rasten, nachdem sie einen langen Weg hinter sich gebracht, eine Last von ihren Schultern abgeworfen haben.
Und all diese frisch Vermählten, wie sie inmitten von Blumen nebeneinander stehen, ihr freudiges, erregtes Zittern spürt man förmlich. Immer schon haben diese jungen Männer dann irgendwann geheiratet, sind selig zu dem Fotografen gerannt, der schon die Fotos von ihrem Schulabschluss gemacht hatte, und haben gesagt: So, wir haben geheiratet, machen Sie ein Bild von uns, diesmal als glückliches Paar.
Dann die gestandenen Paare, die sich auf dem Höhepunkt eines langen tadellosen...




