Tsokos | Der Totenleser | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Tsokos Der Totenleser

Neue unglaubliche Fälle aus der Rechtsmedizin
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-548-92036-8
Verlag: Ullstein-Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Neue unglaubliche Fälle aus der Rechtsmedizin

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-548-92036-8
Verlag: Ullstein-Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner und Bestsellerautor Michael Tsokos hat es täglich mit Toten zu tun, die auf spektakuläre Weise ums Leben gekommen sind. Die hier erzählten Todesfälle dienen als Grundlage einer großen SAT.1-Produktion, die unter dem Titel »Dem Tod auf der Spur - Die Fälle des Prof. Tsokos« ausgestrahlt wird. Darin zeigt uns Michael Tsokos, wie faszinierend die Rechtsmedizin ist und dass die Wirklichkeit spannender sein kann als jeder Krimi.

Prof. Dr. Michael Tsokos, Jahrgang 1967, leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Als Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes war er an zahlreichen gerichtsmedizinischen Projekten im In- und Ausland beteiligt, u.a. 1998 in Bosnien. Für seinen Einsatz zur Identifizierung deutscher Tsunami-Opfer in Thailand erhielt er 2005 den Medienpreis Bambi.
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Lebensgefährliche Trennung


Walter Lohmann erfuhr durch eine SMS auf dem Handy seiner Frau davon, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gab. Zwar hatte er schon länger etwas Derartiges vermutet, aber nie einen handfesten Beweis dafür gehabt. Abgesehen von dem einen oder anderen Abend, an dem er sich ihre Abwesenheit nicht anders erklären konnte, und dem in letzter Zeit deutlich erhöhten Tacho stand ihres gemeinsamen Wagens, hatte er bis dahin keinerlei konkrete Hinweise darauf, dass seine Frau fremdging. Und so hatte seine Frau Bettina entsprechende Vorhaltungen und Fragen von ihm stets mit Leichtigkeit abwehren können.

Deshalb hatte Walter Lohmann es sich seit einigen Wochen zur Angewohnheit gemacht, regelmäßig – und, wie er dachte, von seiner Frau unbemerkt – ihr Handy zu überprüfen und ihre SMS-Korrespondenz zu lesen. Bettina Lohmann hatte dies jedoch mitbekommen und war seitdem auf der Hut gewesen. Ihr Mann war leicht reizbar und neigte zu impulsiven Ausbrüchen, die in der Vergangenheit schon mehrmals zu Gewalttätigkeiten ihr gegenüber eskaliert waren. Deshalb sprach sie ihn auch nicht darauf an und löschte stattdessen mehrmals täglich ihren Rufnummernspeicher und die eingegangenen Kurzmitteilungen. Bis zu jenem Tag, an dem ihr Mann die SMS ihres Liebhabers las und einen teuflischen Plan schmiedete.

Der »Andere« war vor acht Monaten in Bettinas Leben getreten. Von ihm fühlte sie sich verstanden, »wertgeschätzt«, wie sie es einer Freundin gegenüber ausdrückte. Ihre Ehe mit Walter Lohmann war schon lange am Ende, aber der 32-Jährigen fehlte der Mut, ihren fast dreißig Jahre älteren Ehemann zu verlassen, nicht zuletzt wegen der beiden gemeinsamen Kinder im Alter von drei und vier Jahren.

Als Walter Lohmann auf dem Handy seiner Frau die SMS mit dem Text »Es war schön mit Dir, ich vermisse Dich, Claus« las, stellte er sie nicht zur Rede, sondern tat so, als sei nichts geschehen.

Acht Tage später bat er seine Frau abends, ihm am nächsten Tag in seiner Gartenlaube in einer Berliner Laubenkolonie dabei zu helfen, das Haus winterfest zu machen. Was sie nicht wusste: In der Woche nach der besagten SMS hatte er in ebendieser Gartenlaube viel Zeit mit seinen »Vorbereitungen« für ihr bevorstehendes Treffen zugebracht.

Walter Lohmann hatte sämtliche Fenster der Laube mit schwarzer Klebefolie blickdicht gemacht. Er hatte die Wände von innen mit dicken Styroporplatten verkleidet und die Fenster- und den Türrahmen mit Tesa Moll beklebt. Dies alles diente allerdings nicht der Wärmedämmung, sondern zur Schallisolierung – niemand außerhalb der Laube sollte die Schreie seiner Frau hören.

Die Gartenlaube verfügte neben einem normal großen Zimmer mit Kochnische über eine geräumige Kammer, in der ein schlichtes Holzbett stand. Oberhalb des Kopfendes hatte Lohmann eine drei Zentimeter dicke und ein Meter zwanzig lange Eisenstange mit Hilfe von Metallwinkeln fest in der Wand verankert. An der Eisenstange hatte er mit schweren Eisenketten Handschellen befestigt.

Als Bettina Lohmann am nächsten Morgen die gemeinsamen Kinder kurz vor neun in der Kindertagesstätte abgegeben hatte, fuhr sie wie verabredet in die Laubenkolonie.

Der erste Faustschlag traf sie völlig unvermittelt in die Mitte der Stirn, als sie ohne Argwohn die Laube betrat. Ihre Knie gaben nach, und sie stolperte rückwärts. Während sie noch taumelte, traf sie ein zweiter Schlag so heftig in den Bauch, dass sie vermutlich nicht einmal mehr schreien konnte und ohnmächtig zu Boden ging.

Als Bettina Lohmann zu sich kam, lag sie rücklings auf dem Bett der Laube. Ihre Handgelenke waren oberhalb ihres Kopfes mit Handschellen gefesselt. Ihre Fußgelenke waren mit derbem Packband zusammengeschnürt, dessen Enden wiederum mehrfach um das Fußende des Bettes geschlungen waren. Schreien konnte sie nicht, denn ihre untere Gesichtspartie war mit breitem Gewebeband umwickelt. Alles, was sie tun konnte, war, vor Angst die Augen weit aufzureißen und in das von Hass verzerrte Gesicht ihres Mannes über sich zu blicken …

Gut sieben Stunden später raste ein Pritschenwagen ungebremst in einen knapp zwei Kilometer von der Laubenkolonie entfernten Blumenverkaufsstand. Am Steuer saß Walter Lohmann. Als der Pritschenwagen mit einem berstenden Krachen in den Verkaufsstand regelrecht einschlug, befand sich in dem kleinen Geschäft nur Edda Winter, die geschiedene Exfrau von Walter Lohmann. Edda Winter hatte sich zehn Jahre zuvor von Walter Lohmann getrennt. Fast zwölf Jahre waren sie liiert gewesen, davon neun Jahre verheiratet. Nach der Scheidung nahm die 43-Jährige ihren Mädchennamen an, wie sie auch alles andere aus ihrem Leben zu verbannen versuchte, was sie zuvor mit Lohmann verbunden hatte. Genauso lange, wie sie verheiratet waren, hatte sie auch seine Gewaltexzesse ihr gegenüber ertragen müssen. Die hatten sie mehrfach fast das Leben gekostet, ehe sie schließlich den Mut und die Kraft fand, sich von ihm zu trennen.

Zum Zeitpunkt der Kollision mit dem Blumenverkaufsstand hatte Walter Lohmann bereits über eine Stunde auf den geeigneten Moment gewartet. Er saß am Steuer des Pritschenwagens, den er am Nachmittag zuvor bei einem Autoverleiher angemietet hatte. Dann war er zu einem Baumarkt gefahren, hatte 150 Kilogramm Kies gekauft, die er auf insgesamt fünf Säcke verteilte und auf die Ladefläche des Kleinlasters lud. »Um dem Wagen mehr an Gewicht zu geben«, wie er später bei der Vernehmung gegenüber den Mordermittlern sagte.

Immer wieder fuhr er von der knapp einhundert Meter entfernten Straßenecke, von wo aus er seine Exfrau in ihrem Blumenverkaufsstand beobachtete, auf das an visierte Ziel zu, bremste aber jedes Mal nach wenigen Metern wieder ab, da Fußgänger oder Radfahrer seinen Weg zu kreuzen drohten. Walter Lohmann hatte nicht vor, »Unschuldige« in seine »Angelegenheiten« hineinzuziehen, wie er später bei der Polizei zu Protokoll gab.

Der Verkaufsstand war ein hölzerner Anbau an der Seitenwand eines Mehrfamilienhauses. Durch die Kollision wurde die gesamte Holzkonstruktion an die Hauswand gedrückt, ehe der Pritschenwagen mit Walter Lohmann am Steuer zum Stehen kam. Edda Winter wurde zwischen dem Kleinlaster, den Trümmern des Verkaufsstandes und der Hauswand eingeklemmt. Ihre beiden Beine waren mehrfach gebrochen, sie erlitt innere Blutungen, aber sie überlebte, wenn auch schwerverletzt. Walter Lohmann trug im Gegensatz zu seiner Exfrau keinerlei Verletzungen davon. Der beim Zusammenstoß ausgelöste Airbag des Fahrzeugs hatte ihn davor bewahrt.

Die Einsatzkräfte der Feuerwehr und der Notarzt fanden bei ihrem Eintreffen ein einziges Trümmerfeld vor. Über all lagen Holzsplitter, zerborstene Blumentöpfe, Blumenerde und Hunderte von Blumen. Vor dem Hintergrund dessen, was sich hier abgespielt hatte, lag ein grausamer Spott darin, dass der Pritschenwagen bei seinem Aufprall regelrecht mit Blumen dekoriert worden war – sie steckten hinter der Stoßstange, hinter den Scheibenwischern und im Kühlergrill.

Was für die Helfer zunächst nach einem Unfall aussah, war nichts anderes als der Schauplatz eines kaltblütigen Mordversuchs. Bereitwillig berichtete Walter Lohmann noch vor Ort, was er beabsichtigt hatte – nämlich seine Exfrau zu töten, um sie »büßen« zu lassen. Und er erzählte den Rettungskräften auch, dass er seine Ehefrau umgebracht habe und wo ihre Leiche in der nur wenige Autominuten entfernten Laubenkolonie zu finden sei.

Sofort fuhren ein Streifenwagen und ein Notarztwagen zu der Gartenlaube, doch fanden die Beamten dort keine Tote. Bettina Lohmann hatte das mehrstündige Martyrium überlebt. Trotzdem ließ das Bild, das sich ihnen in der Laube bot, auch den routinierten Einsatzkräften das Blut in den Adern gefrieren:

Bettina Lohmann lag regungslos auf dem Holzbett, ihr Körper hing schlaff an den über ihrem Kopf mit den Handschellen fixierten Armen. Ihre Arme waren unnatürlich verdreht, Gesicht und Oberkörper blutüberströmt. Unter der hochgerutschten Bluse zeigte sich die Bauchhaut von fliederfarbenen, fast schwarzen Hämatomen übersät. Das Entsetzlichste aber war der ganz und gar leere Blick, mit dem die reglose Frau an die Decke der Laube zu starren schien. Dort, wo sich einmal ihre Augen befunden hatten, waren nur noch zwei dunkle Höhlen – Walter Lohmann hatte ihr die Augen mit einem Küchenmesser herausgeschnitten. Als die Ersthelfer das Klebeband vor ihrem Mund entfernt hatten und sie behutsam ansprachen, entfuhr Bettina Lohmann ein langgezogener, schriller Schrei, der noch aus einigen Hundert Metern Entfernung zu hören war. Und Bettina Lohmann hörte nicht auf zu schreien. Sie schrie unentwegt, während sie von ihren Handfesseln befreit wurde. Sie schrie immer noch, als sie im Krankenwagen abtransportiert wurde, und sie schrie auch noch weiter, als sie bereits im Krankenhaus war. Die aufs Schwerste traumatisierte, blinde Frau wähnte sich offenbar immer noch in der Gartenlaube und in der Gewalt ihres Peinigers – von dem sie dachte, er sei zu ihr zurückgekehrt, um seine Misshandlungen an ihr fortzusetzen.

Walter Lohmann wurde noch am Ort der absichtlichen Kollision wegen zweifach versuchten Mordes in Untersuchungshaft genommen.

Vier Tage nach seiner Festnahme entdeckte ihn ein Vollzugsbeamter neben der Zellenpritsche in einer Blutlache liegend. Er hatte sich die Kehle...


Tsokos, Michael
Prof. Dr. Michael Tsokos, Jahrgang 1967, leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Als Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes war er an zahlreichen gerichtsmedizinischen Projekten im In- und Ausland beteiligt, u.a. 1998 in Bosnien. Für seinen Einsatz zur Identifizierung deutscher Tsunami-Opfer in Thailand erhielt er 2005 den Medienpreis Bambi.

Prof. Dr. Michael Tsokos, 42, leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Als Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes war er an zahlreichen gerichtsmedizinischen Projekten im In- und Ausland beteiligt, u.a. 1998 in Bosnien. Für seinen Einsatz zur Identifizierung deutscher Tsunami-Opfer in Thailand erhielt er 2005 den Medienpreis Bambi.



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