E-Book, Deutsch, 377 Seiten
Tscharland Die Undankbaren
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-906929-07-1
Verlag: Wolfbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 377 Seiten
ISBN: 978-3-906929-07-1
Verlag: Wolfbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zwei Leben in Paris: Eric, der 22-jährige kreative Schulabbrecher und Ariane, die 19-jährige Neu-zuzügerin aus der Gegend von Grenoble. Beide versuchen auf ihre Weise, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Beide können und wollen sich nicht in standardisierte Arbeitslaufbahnen begeben. Sie kennen sich noch nicht. Erst im Laufe des Buches treffen sie aufeinander.
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Teil I Es war ein schwieriger Sommer. Er zog sich hin und nahm kein Ende. Ariane hatte ständig Bauchweh. Sie wusste nicht, ob es wegen der düsteren Stimmung zuhause oder wegen ihrer Vorfreude auf das Leben in Paris war. Der August verging und es wurde September, bis sich ihr Vater endlich entschließen konnte, ihre Sachen mit dem Auto nach Paris zu bringen. Er hatte den Transport mit fadenscheinigen Gründen so lange wie möglich aufgeschoben. Schließlich fuhren sie los, gegen Mittag, nachdem sie eingepackt hatte, was sie für ihr neues Leben benötigte. Kleider, Bücher, Hefte, Schreibwaren. Sie musste ihrer Mutter versprechen, baldmöglichst wieder zurückzukehren, für ein Wochenende; der Weg sei ja nicht weit, nur drei Stunden mit dem Zug, man könne sie abholen am Bahnhof in Grenoble. Ariane war bereit, alles zu versprechen. Die Fahrt nach Paris begann schweigend. Weder hatte ihr Vater das Bedürfnis zu reden, so wie er ja offensichtlich nie den Drang verspürte, mit ihr zu sprechen, noch hatte sie das Bedürfnis, ihm etwas zu erzählen. Sie schaltete, kurz nachdem sie hinter Grenoble auf die Autobahn eingebogen waren, das Autoradio ein, und unaufdringliche Musik füllte den Renault Laguna. Nachdem sie an Lyon vorbeigefahren waren, musste sie auf die Toilette. Sie bogen in die nächste Raststätte ein und parkten auf einem gerade frei gewordenen Parkplatz unmittelbar vor dem Autogrill. Während sie auf die Toilette ging, bestellte ihr Vater zwei Tassen Kaffee. Sie ließen sich an der Bar am Fenster nieder, vor sich die geparkten Autos und im Hintergrund, hinter den Büschen, immer wieder schemenhaft vorbeirauschende Lastwagen. Plötzlich flogen Möwen auf den Parkplatz, und ihr Vater brummte unverständliche Worte. Die Möwen, es mussten ein gutes Dutzend sein, trippelten über den Asphalt, und einige setzten sich dann, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit, mit einem schnellen Flügelschlagen auf das Dach des Renaults. Zwei der Möwen begannen sich zu zanken und stießen dabei ein wildes Kreischen aus. Sie sah ihrem Vater an, dass ihm die Situation nicht behagte. Er hätte wohl am liebsten mit den Armen gerudert, wild gewunken, um die Vögel zu vertreiben, doch er hielt sich zurück, blieb ruhig. Bis dann zuerst eine Möwe, dann eine zweite vom Dach des Autos auf die Windschutzscheibe schiss, so dass zwei weiße Klümpchen langsam die Frontscheibe hinunterflossen. Er sprang auf, wollte nach draußen stürmen, um die Möwen zu vertreiben. Er wollte verhindern, dass sie sein Auto noch weiter verkackten. Dabei warf er den Barhocker um und schlug mit dem linken Ellbogen einer Kellnerin, die direkt hinter ihn getreten war, um die Nachbarn zu bedienen, das mit Kaffee und Croissants beladene Tablett aus den Händen. Der auf dem Boden aufprallende Hocker, das zerberstende Porzellan und der spitze Schrei der Kellnerin ließen die gesamte Gästeschar den Kopf in Richtung der Geschehnisse wenden. Alle Gespräche verstummten, und erwartungsvoll, ob die den normalen Ablauf unterbrechenden Ereignisse eine Fortsetzung haben würden, ruhten alle Augenpaare auf dem Vater und auf der Kellnerin. Doch alles Wesentliche war schon geschehen. Weder schlug die Kellnerin dem Vater ins Gesicht, was er, zumindest in Arianes Augen, verdient gehabt hätte, noch stürmte der Vater wie geplant weiter auf den Parkplatz. Die Kellnerin bückte sich, die Beine eng beieinander haltend, der eine Fuß flach auf dem Boden, der andere auf den Zehenspitzen, und legte die größeren Porzellanteile der kaputten Tassen auf das Tablett. Ihrem Vater, dem dies, Ariane sah es seinem Gesicht an, äußerst peinlich war, bückte sich ebenfalls, breitbeinig, und half der Kellnerin die Tassenstücke einzusammeln. »Pardon«, murmelte er und traute sich dabei nicht, ihr in die Augen zu sehen. Der Kellnerin schien die Situation weniger auszumachen. Mit rauchiger Stimme rief sie: »Arlette, Lumpen und Besen!«, stand dabei auf und klopfte mit einer Souveränität, die Ariane erstaunte, ihrem Vater auf die Schulter: »Halb so schlimm, ist ja schnell geputzt.« Als sich Ariane wieder nach draußen umdrehte, waren die Möwen verschwunden, so schnell sie gekommen waren, so schnell waren sie weg. Allein die beiden weißen, langgezogenen Tropfen auf der Windschutzscheibe erinnerten an sie. Ihr Vater zahlte und gab ein großzügiges Trinkgeld. Dann ging er mit schnellen Schritten zum Auto, entnahm einer auf der Ablage hinter den Rücksitzen stets bereitgehaltenen Box mit Kleenex-Taschentüchern einige Blätter, wischte die Möwenscheiße von der Scheibe und entsorgte die Tücher mit spitzen Fingern im Abfalleimer bei der Drehtür. Als sie wieder losgefahren waren, der Vater den Tempomat eingestellt hatte und sie im spärlichen Verkehr mit konstanter Geschwindigkeit Richtung Paris rollten, begann ihr Vater plötzlich und für sie unerwartet zu erzählen. »Etwas ganz Ähnliches«, sagte er, »ist mir vor Jahren schon einmal passiert. Du warst noch klein, ich glaube es war, als wir wegen des Hauses erstmals in Seyssins waren, ich hatte vor kurzem die Stelle in Grenoble angetreten und wir waren auf dem Rückweg nach Lyon, wo wir damals noch wohnten. Du hast geschrien wie am Spieß, und so sind wir bei einem Parkplatz rausgefahren, deine Mutter wollte dich wohl einen Moment stillen oder mit dir einige Schritte gehen. Ich konnte bei diesem Geschrei kaum mehr klar denken. Nachdem wir gehalten hatten und ich den Stopp genutzt hatte, um kurz auf die Toilette zu gehen, saßen, als ich zurückkam, auf dem Auto nicht nur einige, sondern sicher mehr als zehn Möwen und verschissen es. Angelehnt an eines der benachbarten Autos stand ein Mann, rauchte eine Zigarette und verfolgte das Treiben der Möwen auf unserem Auto, ohne einzugreifen. Er hätte ja vermutlich nur ein, zwei Mal in die Hände zu klatschen brauchen, und die Möwen hätten sich verzogen. Aber er stand da, die Beine überkreuzt, rauchte und machte keinerlei Anstalten, sich einzumischen. Ich bin dann wütend geworden und habe ihm, nachdem ich die Möwen vertrieben hatte, eine Standpauke gehalten, habe ihm vorgeworfen, dass er nicht interveniert hatte, und wäre beinahe auf ihn losgegangen, wenn nicht deine Mutter in diesem Moment wieder aufgetaucht wäre und mich, ziemlich bestimmt, in Richtung unseres Autos abgedrängt hätte. Als ich mich nochmals umdrehte, war der Mann schon in sein Auto gestiegen. Kurz danach fuhr er weg, aber ich war noch lange aufgewühlt. Ich fand es so lausig und unverantwortlich, dass er sich keinen Finger krumm gemacht hatte. Deine Mutter, übrigens, hat mir diese Szene noch Jahre später vorgeworfen. Immer wenn ich mich aufregte oder wütend wurde, hat sie ah, die Möwen gesagt. Die Möwen waren für sie zum Zeichen für mein Verhalten geworden. Sie wusste, dass es mich noch wütender machte und mich anstachelte, wenn sie das sagte. Trotzdem tat sie es.« Er schüttelte einige Male den Kopf und schwieg dann. Ariane sah kurz in seine Richtung. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater schon jemals eine so persönliche Sache vor ihr ausgebreitet hatte. »Und das ist dir jetzt in den Sinn gekommen, als du die Möwen auf dem Autodach gesehen hast?« »Ja, eigentlich erst, als ich den Barhocker umgeworfen hatte und der Kellnerin das Tablett aus den Händen fiel. Ich glaube, ich hatte die Geschichte in den letzten Jahren verdrängt. Irgendwie bringen mir diese Möwen kein Glück, irgendwie haben sie es auf mich abgesehen.« »Sie tun es ja nicht absichtlich«, versuchte Ariane ihn zu trösten. »Und die beiden Ereignisse liegen ja so weit auseinander, sie haben doch gar nichts miteinander zu tun.« »Vielleicht nicht offensichtlich, aber im Moment kommt es mir vor, als ob die beiden Möwenattacken ganz nahe beieinander lägen, als würden sie zusammengehören.« Ariane antwortete ihm nicht mehr. Ihr kamen viele Erlebnisse in den Sinn, bei denen ihrem Vater die Sicherungen durchgebrannt waren. Ihr schien, er schwanke stets zwischen einem aufbrausenden, dominanten Naturell und einer in sich gekehrten, abweisenden Art. Entweder polterte er, oder er schwieg. Beides fand sie anstrengend. Von beidem hatte sie genug. Sie fuhren schweigend weiter. Das Autoradio plärrte leise, goldgelbe Felder zogen vorbei. Noch immer waren sehr wenige Autos auf der Straße. Kurz bevor sie den Großraum Paris erreichten, machten sie nochmals eine Pause und aßen in einer Raststätte ein belegtes Brot. Ihr Vater schaltete das Navigationsgerät ein, das er extra für diese Fahrt gekauft hatte, und sie erreichten die Avenue Simon Bolivar problemlos. Er parkte das Auto auf dem Trottoir gegenüber dem Haus, es war genug Platz vorhanden. Sie musste den Code für die Tür auf einem Zettel nachsehen. Zusammen trugen sie ihre Sachen zum Lift und beförderten sie hoch in die Wohnung. In den letzten Wochen war niemand mehr in der Wohnung gewesen. Sie roch...




