E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Trott Rosemarie unser Sonnenschein
1. Auflage 2021
ISBN: 978-2-322-19893-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 148 Seiten
ISBN: 978-2-322-19893-1
Verlag: BoD - Books on Demand
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"Rosemarie unser Sonnenschein" ist ein Kinderbuch von Magda Trott, erschienen 1951. Magda Trott (geboren 20. März 1880 in Freystadt (Schlesien); gestorben 12. Mai 1945 in Misdroy (Pommern)) war eine deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin.
Autoren/Hrsg.
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Der Wichtelmann
Es war für Rosemarie sehr traurig, daß Schäfer Krischan mit seinen Schnucken den Weideplatz seit Wochen ziemlich entfernt vom Elternhause hatte. Wenn er mit seinen Schafen in der Nähe weidete, konnte sie täglich zu ihrem alten Freunde laufen, um sich von ihm schöne Geschichten erzählen zu lassen. Aber die Schnucken hatten im weiten Umkreise alles abgeweidet; so war Krischan gezwungen, mit seiner Herde täglich über eine halbe Stunde weit zu laufen. Die Eltern erlaubten es Rosemarie daher nicht, den Weg durch die Heide allein zu machen. Die Kinder vom Großbauern Petersen aber, die ihre treuen Schulgefährten waren, fanden kein Vergnügen daran, stundenlang beim alten Krischan zu sitzen. So mußte sich Rosemarie damit zufrieden geben, daß sie ihren lieben Freund nur abends, bei der Heimkehr, ein paar Augenblicke sah und sprach. Manchmal kam er freilich so spät zurück, daß sie nur vom Bett aus sein Kommen hörte. Ihre beiden Schnucken, Weißli und Beißli, wurden täglich vom Krischan mit hinausgenommen und sorgsam beim Malerhause wieder abgesetzt. Aus den beiden niedlichen Lämmern waren inzwischen rundliche Schafe geworden, die sich von Rosemarie gerne zausen oder streicheln ließen. Sobald sich das Kind zeigte, drängten sie sich an Rosemarie heran, weil sie wußten, daß das Kind stets ein wenig Salz mitbrachte, um es ihnen zu reichen. Voller Freude hatte sie Krischan neulich erzählt, daß sie die Lämmersprache bereits verstünde und genau wisse, was Weißli und Beißli von ihr wollten. Seit der Unterredung mit dem Vater nahm sich Rosemarie des kranken Rudolf mit größter Liebe an. Wenn sie, wie der Vater meinte, dem alten Schäfer damit eine Freude bereiten konnte, wollte sie sich große Mühe geben, ihn zu einem klugen Jungen zu machen. So fragte sie fast täglich ihre Mutter, ob sie zu Petersens gehen dürfe, um Rudolf bei seinen Schulaufgaben zu helfen. Die Mutter gewährte der Tochter diese Bitte gern. Das war freilich eine recht spaßige Stunde. Rosemarie saß auf dem Tisch und vor ihr auf einem Stuhl der zehnjährige Knabe. Dann sagte sie ihm mit unermüdlicher Geduld Zahlen und Buchstaben vor, oder sie schrieb dieses oder jenes Wort mit Kreide auf den Tisch und verlangte von Rudolf, es zu lesen oder nachzuschreiben. Aber das ging nicht so rasch. Rudolf lernte mit Mühe und Not bis fünf zählen, verwechselte aber stets die weiteren Zahlen. Niemals wurde Rosemarie ungeduldig. Immer wieder fing sie von vorn an und schloß ihren Unterricht mit den ermunternden Worten: »Heute bekommst du eine gute Note, du hast herrlich aufgepaßt und wirst gewiß einmal ein kluger Junge werden. Dann freut sich dein Großvater.« Die Folge davon war, daß Rudolf mit rührender Liebe an Rosemarie hing, weil sie die Einzige war, die sich des kränklichen Knaben annahm. Die Kinder Petersens kümmerten sich wenig um Rudolf; er war ihnen zu dumm. Frau Petersen hatte auch keine Arbeit für den Knaben, da er alles, was er tun sollte, verkehrt anfing. Vergeblich versuchte Rosemarie, die Kinder Hanne, Trine oder Albert dazu zu bringen, sich mehr mit Rudolf zu beschäftigen. Sie weigerten sich, denn der einfältige Junge langweilte sie. »Ich werde ihm bald ein neues Rädchen in den Kopf gesetzt haben. Wenn er dann noch geölt wird, ist er ein kluger Junge.« Der zehnjährige Albert lachte. »Womit willst du ihn denn ölen?« »Er ist wie eine Uhr. Man muß denken, daß er lauter kleine Räder im Kopf hat. Einmal ist er auf die Erde gefallen, da ist die Uhr in ihm kaputt gegangen. Aber ich bin jetzt wie der Uhrmacher, da bekommt er ein neues Rädchen, und dann wird er geölt. Das hat mein Vater mir erklärt.« »Mein Vadder hat eine Ölkanne«, sagte Margret, »soll ich sie dir bringen?« »Unsinn«, erwiderte Rosemarie, »man muß ihm immerfort was vorsagen. So ist das mit dem Ölen gemeint. Mein Vater weiß das!« Aber die Ölkanne ließ den Petersen'schen Kindern keine Ruhe. Sie versprachen sich einen schönen Spaß davon. Der Rudolf würde sich alles ruhig gefallen lassen; er sagte nie etwas, wenn man ihn hänselte. Heimlich wurde die Ölkanne am nächsten Tage aus dem Schuppen geholt; dann riefen sie Rudolf, der am Gartenzaun stand und auf Rosemarie wartete. »Komm, setz dich mal auf die Bank«, rief Albert und zog den kleinen Jungen mit sich fort. »So, – nun mach den Kopf nach vorn. – Richtig! – Die Augen zu!« Hanne, die hinter der Bank stand, kicherte unermüdlich. Neben ihr stand die Ölkanne. Albert nahm sie. »Jetzt zähle eins – zwei – drei –« Rudolf begann langsam zu zählen. Er saß ganz still. Da er die Augen geschlossen hatte, merkte er auch nicht, wie Albert die Ölkanne erhob und über seinen Kopf hielt. Dann begann er das fettige Öl langsam auf das blonde Haar des Knaben zu träufeln. »Vier – fünf – –« »Noch einmal von vorne zählen!« rief Albert. »Eins – zwei – drei – –« Bei jeder Zahl ließ Albert einen Tropfen fallen. Rudolf rührte sich nicht, obwohl er merkte, daß etwas auf seinen Kopf tropfte. Erst als ihm das Öl über das Gesicht rann, hob er die Hand, um die Fettigkeit abzuwischen. Hanne lachte laut auf. Sie stieß aus Versehen den Bruder an, dem die Kanne aus der Hand fiel, so daß der Junge den ganzen Guß über den Kopf bekam. Aber nun sprang er auf! Er schüttelte sich wie ein Pudel und fing an, jammervoll zu schreien. Rosemarie, die in diesem Augenblick den Garten betrat, hörte die klagenden Rufe des Jungen, eilte rasch herbei und sah, wie ihm das Öl über das Gesicht rann. Albert ergriff die Kanne und lief eiligst davon. Hanne, Berta und Margret umsprangen übermütig lachend den schreienden Knaben. Berta rief Rosemarie lachend zu: »Wir haben ihn geölt! Sieh nur, er ist ganz dreckig!« Aber da kamen sie bei Rosemarie schlecht an. Wie sah der arme Rudolf aus. Heftiger Unwillen stieg in dem kleinen Mädchen auf. »Ihr Dreckfinken, – was habt ihr mit dem armen Jungen gemacht!« »Wir haben ihn geölt, der Albert hat ihn begossen!« »Schämt euch«, rief Rosemarie aufgebracht, »ihr seid eine böse Gesellschaft! Das ist ein armer Junge, den dürft ihr nicht ärgern! Ich haue euch den Bast voll, wenn ihr das wieder macht. Man darf so ein armes Kind nicht quälen, das ist gemein!« Die Petersen'schen Mädchen wichen beschämt zurück. Sie sahen ein, daß sie zu weit gegangen waren. Nur Margret meinte, Rosemarie hätte selbst gesagt, man müsse den Rudolf ölen, und das hätten sie eben getan. Rosemarie schlug die Hände zusammen. »Ochotti jau«, sagte sie entrüstet, »so war das doch nicht gemeint, du Dösbartel! Komm her, Rudolf, ich mache dich wieder sauber.« Aber es war keine leichte Arbeit. Frau Petersen half ihr dabei, nachdem sie nacheinander ihre Kinder kräftig verprügelt hatte. Als Rudolf gewaschen war und in einer sauberen Jacke wieder in den Garten kam, streichelte er scheu Rosemaries Hände. »Du bist gut, dich habe ich lieb.« Für Rosemarie war es eine Herzensfreude, daß sich der Junge die größte Mühe gab, etwas zu lernen. Aber es ging eben nicht so rasch. Sie mußte ihn oftmals damit trösten, daß er noch klein sei, später aber wahrscheinlich der beste Schäfer in der Heide werden würde. »Du hast einen klugen Großvater, du mußt genau so werden wie der gute Krischan.« – – Eines Nachmittags, als sich Rosemarie wieder einmal auf den Weg zu Petersens machte und am Gasthof des alten Lerz vorüberkam, blieb sie wie erstarrt stehen. Sie sah den weißen Lattenzaun vor dem Hause, und daran stand – ein Wichtelmann! Ein richtiggehender Wichtelmann! Rosemarie wagte keinen Schritt vorwärts und keinen rückwärts. Sie starrte auf das Männchen, das beide Arme um die Spitzen des Staketenzaunes gelegt hatte und sich nicht rührte. Kein ganz kleiner Wichtelmann war es, sondern erheblich größer als Rosemarie, aber für einen richtigen Mann doch viel zu klein. Er trug eine braune Mütze auf dem Kopf, hatte eine braune Jacke an und einen langen, langen grauen Bart. Sollte sie fortlaufen? Sollte sie dem Wichtelmann einen Gruß zurufen? Wie hatte Trine gesagt? Wenn man lieb und gut zu den Wichtelmännern ist, helfen sie den Menschen. Aber anreden dürfe man sie auch nicht. Sie erinnerte sich jenes kleinen Wichtelmannes, der während des Gewitters bei ihr im Bett gelegen und sie schließlich in den Finger gezwickt hatte, weil sie ihn hatte streicheln wollen. Das war damals gewiß ein Wichtelmannkind gewesen. Der dort am Zaun stand, mußte ein Wichtelmannvater sein, weil er so groß war. Noch immer blieb Rosemarie ratlos stehen. Schließlich machte sie einen artigen Knix, aber der Wichtelmann schien das nicht zu bemerken. Er hatte den Kopf erhoben und schaute in den Himmel hinein. Rosemarie knixte noch etwas tiefer. Ob es wohl besser war, umzukehren und heim zu gehen? Aber es lockte sie doch wieder, den Wichtelmann ganz in der Nähe zu sehen. Vielleicht verwandelte er sich in eine Maus, wenn sie noch näher kam und – weg war er dann! Sie knixte zum dritten Male so tief, daß sie mit dem Knie beinahe den Erdboden berührte. Da nickte der Wichtelmann bedächtig mit dem Kopfe. Dabei wackelte sein langer Bart. »Herr Wichtelmann, ich tue dir nichts«, rief sie schließlich hinüber. Ihr kleines Herz klopfte stürmisch vor Aufregung. Das Gesicht des kleinen Mannes verzog sich zu einem freundlichen Lachen. »Komm nur her, du darfst mir die Hand geben, kleines, artiges Mädchen.« »Dat Hart puckert«, erwiderte Rosemarie, »aber ich fürchte mich nicht vor dir, lieber Wichtelmann. Kinder, die sich fürchten, kann mein Vater nicht leiden. Bei mir im Bett war auch einmal...




