E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Toprak / Akkus Salafismus
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-17-040794-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Präventionswissen für die Interkulturelle Sozialarbeit
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-17-040794-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Ahmet Toprak lehrt und forscht an der FH Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Prof. Dr. Umut Akkus lehrt und forscht an der Hochschule Fulda im Fachbereich Sozialwesen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Salafistisch-religiöse Radikalisierung
Seit Beginn der 2000er Jahre zieht das Thema der Radikalisierung zahlreiche öffentlichkeitswirksame Diskurse, in deren Vordergrund die religiösen Radikalisierungstendenzen junger Muslim*innen sowie die Fragen nach den religiösen Hintergründen und gesellschaftlichen Risiken und Auswirkungen stehen, nach sich.
Die sicherheitspolitische Auseinandersetzung mit der Thematik sowie der politisch und wissenschaftlich diskutierte Zusammenhang mit Gewaltbereitschaft und Extremismus (vgl. Aslan/Akkilliç/Hämmerle 2018, S. 18?ff.; Neumann 2015) vernachlässigen dabei in Gänze die Wesenszüge von Radikalismus und ihre historische Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklungs- und Wandlungsprozesse.
Ein kurzer historischer Rückblick zeigt, dass Radikalismus durchaus eine bedeutende Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklungen und kritischer Auseinandersetzungen mit dem jeweiligen sozialen, religiösen und politischen Status quo war (vgl. Kilb 2020).
Verschiedene antike bis moderne Strömungen und Bewegungen setzten sich radikal von den vorherrschenden Strukturen ab, kreierten eigene Weltbilder und setzten weitere Entwicklungsprozesse in Gang. Bereits im 5. Jahrhundert v. u. Z. verfolgte der antike Kynismus das Ziel, mit unkonventionellen und provokanten Methoden und Mitteln zu verdeutlichen, dass Bräuche, Sitten und Werte nicht zur Natur des Menschen gehörten, sondern ein gewaltiges Potential von Zwängen darstellten, durch die sie »daran gehindert werden, zu jener uneingeschränkten Freiheit zu gelangen, die allein ein zufriedenes und glückliches Leben gewährleistet« (Döring 2011, S. 25). Diese radikale Auffassung und Umprägung von Bräuchen, Sitten und Werten ihrer Zeit ging mit der Forderung der Abwendung von allen künstlich erzeugten vermeintlichen Bedürfnissen und dem Fokus der Befriedigung von Elementarbedürfnissen auf die einfachste Art und Weise einher (vgl. ebd.). Die grundsätzliche Überzeugung, dass mit der Anspruchslosigkeit an körperlichen Bedürfnissen und der Unabhängigkeit von äußerlicher Anerkennung der Mensch zu seinem Wesensursprung zurückkehren und dadurch ein glücklicheres und zufriedeneres Leben führen kann, begründet den radikalen Bruch mit sozialen Konventionen. Die bewussten Widerhandlungen gegen etablierte Verhaltensnormen waren eine radikal-philosophische Kritik und Umprägung gesellschaftlicher Wertestrukturen (vgl. ebd.).
Im späten Mittelalter setzte sich Galileo Galilei für die Freiheit und Autonomie der Wissenschaft ein, indem er das bis dahin vorherrschende geozentrische Weltbild, demzufolge alle Gestirne im Universum sich um die Erde drehen würden, radikal infrage stellte (vgl. Fischer 2015, S. 9?f.). Seine Forderungen und Erkenntnisse brachten ihn in einen schweren Konflikt mit der Inquisition und der Institution Kirche, die ihn unter Hausarrest stellten, aber dennoch nicht verhindern konnten, dass seine Arbeiten eine neue Ära eingeleitet und ein grundlegend neues Weltbild, das die Naturwissenschaften bis heute prägt, hervorgerufen haben (vgl. ebd., S. 9).
Die Überwindung der feudalen zugunsten der bürgerlichen Ordnung während der Renaissance, wurde durch radikale gesellschaftspolitische Umbrüche eingeleitet. Die Amerikanische, Französische, Russische und Deutsche Revolution waren die zentralen Entwicklungen, die den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmten. Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen und Zielvorstellungen verband sie das Bestreben, eine jeweils bestehende gesellschaftspolitische Ordnung von Grund auf zu verändern und ein neues politisches Zeitalter einzuleiten. So führten die Revolutionen nicht nur zum Sturz von Monarchien und zur Loslösung von politischen Abhängigkeiten, sondern zur Schaffung neuer Staatsformen und eines neuen Bewusstseins (vgl. Dippel 1985; Arendt 2011).
Neben den historisch-philosophischen, wissenschaftlichen und politischen Radikalismen spiegeln sich auch in der Kunst und Literatur radikale Strömungen und Umbrüche wider. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie alte künstlerische/literarische Traditionen verwerfen und Stilbruch begehen, um neue Formen, kreative Erneuerungen und neue Stilelemente hervorzubringen. Laut Lobsien gelingt eine radikale Erneuerung nur durch eine radikale Attacke. Demnach macht die radikale Kunst seiner Ansicht nach »es sich zur Aufgabe, das Überkommene mit provokanter Attitüde zu attackieren, um so zu einer Annäherung an die wahren Verhältnisse, einer Aufdeckung der wirklichen Gründe, zu gelangen« (Lobsien 2013, S. 52). Das bedeutet, dass das künstlerische Tun nur durch die Verwerfung der alten Traditionen und Gewohnheiten sowie die Beseitigung bestehender Denkweisen und Stilmittel den Dingen der Welt und dem Leben, das sie abzubilden versucht, auf den Grund kommen kann (vgl. ebd.). Genauso verhält es sich mit dem literarischen Tun, dessen Radikalität sich darin äußert, sprachliche Reglementierungen und Restriktionen zu überwinden, um der Fixierung des Denkens, geprägt durch die Teilung der Wirklichkeit in räumliche, zeitliche, dingliche und psychische Einheiten, zu entkommen (vgl. ebd., S. 57). Dies sei nötig, um der Sache selbst, der eigentlichen Wirklichkeit oder, wie der Philosoph Edmund Husserl es ausdrückt, dem vortheoretischen/-wissenschaftlichen Wissen von der Welt (vgl. Husserl 1962, S. 143) so nah wie möglich zu kommen. Lobsien zufolge schafft Husserl mit seinem Wirken auch eine Schnittstelle zwischen dem Literarischen und Philosophischen. Seine radikalen Beiträge zur Neubegründung der Philosophie am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten laut Lobsien auch Folgen für die Literatur (vgl. Lobsien 2013, S. 60).
Schon die hier begrenzte Darstellung historischer Radikalismen macht deutlich, dass gesellschaftliche Entwicklungen und Bewegungen immer wieder geprägt von radikalen Formen sozialer und politischer Aufstände, Umbrüche und Revolutionen, philosophisch-wissenschaftlicher Umdeutungen und Umprägungen sowie künstlerisch-literarischer Verwerfungen in Erscheinung traten. Ihr Einfluss auf die Geschichte und die Gegenwart zieht schon fast zwangsläufig die Frage nach sich, ob Fortschritt und Entwicklung ohne radikale Widerstände überhaupt möglich sind. Dem Brockhaus zufolge wurde Radikalismus lange als »das prinzipienfeste, unter Umständen auch organisierte Eintreten für Bürgerrechte, soziale Gleichheit, Freiheit und demokratische Selbstbestimmung« (Brockhaus online) bezeichnet. Diese positive Konnotation habe sich aber »durch die weltanschaulichen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts um demokratische Veränderungen in Staat und Gesellschaft« verändert, womit »Radikalismus zu einem umstrittenen politischen Kampfbegriff« (Schnackertz 2011, S. 7) wurde. So wurde das Thema Radikalität bis zum Ende der 1990er Jahre fast ausschließlich in seiner politischen Dimension diskutiert. Denn von den liberalen Reformern bis zu den marxistischen Revolutionären sowie den Studierendenrevolten der 1960er Jahre zielten alle radikalen Bewegungen darauf ab, die gesellschaftlichen Verhältnisse und autoritären Strukturen umzuwandeln und in neue Strukturen zu überführen (vgl. Fahlenbach 2007, S. 14). Diese Bestrebungen, ihre Auffassungen und die damit einhergehenden Handlungen und Aktionen waren deshalb radikal, da sie an den Grundfesten des vorherrschenden sozialen und politischen Status quo ihrer Zeit rüttelten. Dies ist einer der Wesenszüge von Radikalismus, der seiner wörtlichen Bedeutung nach ein System von Auffassungen und Aktionen ist, die eine »auf die Wurzel (radix) gehende Haltung, Einstellung oder Bewegung« beschreibt und auf eine »grundsätzliche Umgestaltung bestehender Denk-, Orientierungs- und Handlungsweisen sowie gesellschaftlicher Strukturen« (Hillmann 2007, S. 722) abzielt.
Diese Umgestaltung kann sowohl mit dem Bestreben einhergehen, sich auf ein sozial, religiös oder politisch altes und tradiertes Wertesystem, von dem abgewichen wurde, zurückzubesinnen. Sie kann aber auch eine komplette Erneuerung bestehender Verhältnisse bedeuten, bei der alte und tradierte Strukturen komplett abgelehnt, dafür neue Wertesysteme konstituiert werden (vgl. Noethlichs 2011, S. 71). Lobsien schlägt in diesem Zusammenhang eine differenzierte Definition von »radikal« vor. Ihm zufolge impliziert der Begriff radikal zwei Dimensionen: »eine vertikale, die die Vorstellungen nach unten, zur radix, der Wurzel, der Basis, der Essenz, dem Ursprung, Kern, Fundament oder Grund lenkt und überwiegend Assoziationen der Stabilität aufruft; und eine horizontale oder lineare Vorstellung, die dann virulent wird, wenn ›radikal‹ im Sinne von avantgardistisch, fortschrittlich, progressiv, reformerisch gemeint ist« (Lobsien 2013, S. 52).
Laut dieser Definition sind alle vertikalen Bestrebungen, die auf ein tradiertes, bestehendes Fundament aufbauen und sich darin (wieder-)verwurzeln einer Neuerung und dem Fortschritt entgegengestellt. Die horizontale Dimension hingegen verwirft den Aspekt der Stabilität zugunsten einer vorwärts stürmenden, dynamischen, revolutionären und das Überkommene...




