E-Book, Deutsch, Band 112, 271 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
Toman Familienkonstellationen
9. Auflage 2017
ISBN: 978-3-406-69124-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ihr Einfluß auf den Menschen
E-Book, Deutsch, Band 112, 271 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
ISBN: 978-3-406-69124-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter Toman (1920-2003), war Professor em. für Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg mit Schwerpunkt Klinische Psychologie, Psychotherapie-Forschung und Psychotherapie-Ausbildung. Toman hat als erster seit 1959 in wissenschaftlichen Artikeln und seit 1961 mit dem englischen Buch Family Constellation, das in Amerika als 'Klassiker'gilt, außer den Geschwisterpositionen selbst das Thema der Geschwisterpositionen der Eltern, die Beziehungen der Eltern untereinander und zu den Kindern empirisch und theoretisch grundlegend behandelt.
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I. Theorie und Forschung
1. Einleitung
Jeder Mensch wird in eine Familie geboren. Diese kann allerdings unvollständig sein oder im Laufe der Entwicklung des Menschen unvollständig werden. Der Vater, die Mutter oder Geschwister können in ihr fehlen, als Folge von Tod, Scheidung oder Trennung.
Im Durchschnitt wächst der Mensch in einer Zwei- bis Drei-Kinder-Familie auf, und sowohl der Vater wie die Mutter bleiben in der Familie. Der Vater ist bei der Eheschließung etwa 27 Jahre, die Mutter 24 Jahre alt gewesen. Der Altersunterschied zwischen ihnen beträgt im Durchschnitt drei Jahre. Im allgemeinen vergehen nach der Heirat ein bis zwei Jahre, ehe das erste Kind geboren wird, und nach etwa sieben Ehejahren kommt das letzte Kind zur Welt. Der durchschnittliche Altersabstand zwischen den Kindern ist drei bis vier Jahre.
Eltern mit einer größeren Anzahl von Kindern haben meist etwas früher geheiratet. Die Zahl ihrer Ehejahre bis zur Geburt des letzten Kindes kann erheblich höher sein als sieben und der Altersabstand der Kinder verringert sich im Durchschnitt auf zwei bis drei Jahre.
In verschiedenen Epochen, aber auch in verschiedenen sozialen Schichten lag und liegt das Eheschließungsalter etwas oberhalb oder unterhalb der genannten Zahl. Auch dann ist der Mann allerdings im Durchschnitt drei Jahre älter als die Frau.
In 9 von 10 Fällen bleibt die Familie mindestens bis zur Adoleszenz des jüngsten Kindes intakt und beisammen. In etwa 10 % aller Familien mit Kindern wird ein Elternteil im Verlauf der späteren Kindheit oder frühen Jugend (bis zum 15. Lebensjahr des Kindes) durch Trennung, Scheidung oder Tod verloren, in etwa 5 % aller Familien mit Kindern bereits in der frühen Kindheit (bis zum 6. Lebensjahr des Kindes) oder schon zum Zeitpunkt der Geburt. In etwa 8 von 10 dieser Fälle ist der verlorene Elternteil der Vater, in 2 von 10 Fällen die Mutter.
Die Eltern stammen im Durchschnitt jeder aus einer Familie mit vier Kindern. Zwei von ihren drei Geschwistern sind im allgemeinen verheiratet. In mehr als 8 von 10 Fällen haben sie auch eigene Kinder.
Stärkere Abweichungen von diesen durchschnittlichen Verhältnissen haben in der Regel auch unterschiedliche psychologische Folgen. Eltern und Geschwister üben einen Einfluß aufeinander aus, der noch näher beschrieben werden soll. Wenn aber die Eltern etwa einen großen Altersunterschied aufweisen oder erst sehr viel später ihre Kinder bekommen haben als im Durchschnitt der Ehen, wenn ein Geschwister durch einen besonders großen oder aber durch einen besonders kleinen Altersabstand von einem Familienmitglied getrennt ist, wenn ein Elternteil oder ein Geschwister verloren wird, wenn ein solcher Verlust sehr früh im Leben einer Person oder erst relativ spät eintritt, wird die Familiensituation gegenüber anderen Familien in wichtigen Aspekten bleibend verändert. Es ist anzunehmen und konnte empirisch in vielfacher Weise belegt werden (siehe z.B. Bowlby 1951, Toman 1962, 1965), daß solche veränderten Situationen ihre Wirkungen auf das Sozialverhalten des einzelnen innerhalb der Familie haben, aber auch, daß ihre Wirkungen in sozialen Situationen und Kontexten außerhalb der Familie auftreten. Der einzelne verallgemeinert oder überträgt (etwa nach Hull, 1943, oder nach Freud, 1916/17; siehe auch Toman 1968) seine Erfahrungen in der Familie auf soziale Situationen außerhalb der Familie, etwa auf den Kinderspielplatz, den Kindergarten oder die Schule, auf Bekanntschaften und Freundschaften, die er schließt, auf Gruppen und Vereine, denen er sich zugesellt, auf Arbeits- und Berufssituationen, die er zum Teil selbst wählen kann und in die er sich jedenfalls täglich aufs neue und oft viele Jahre lang ohne Unterbrechung begibt.
Außer den Personen spielen auch Wohnverhältnisse und Wohnsizwechsel, Krankheiten und damit verbundene vorübergehende Trennungen von der Familie eine Rolle. Im Durchschnitt hat ein Jugendlicher bis zum 15. Lebensjahr etwa einen bis zwei Wohnsitzwechsel seiner Familie erlebt. In dieser Zeit hat er etwa drei Krankheiten oder Unfälle gehabt, die keinen Krankenhausaufenthalt erforderten, und eine Krankheit oder einen Unfall mit Krankenhausaufenthalt. Dieser dauerte im Durchschnitt etwa vier Wochen.
Auch hier gilt, daß eine starke Abweichung, also eine größere Zahl von Wohnsitzwechseln oder eine größere Zahl von Krankheiten und Krankenhausaufenthalten das Sozialverhalten des Betreffenden verunsichern kann (Toman und Preiser 1973). Umgekehrt wirken unterdurchschnittliche Zahlen von Wohnsitzwechseln, also etwa überhaupt keiner, und unterdurchschnittliche Zahlen von Krankheiten oder Klinikaufenthalten unter sonst vergleichbaren Umständen eher günstig auf das Sozialverhalten des Kindes und Jugendlichen ein.
Ziel der nun folgenden Darstellung ist es, den wichtigsten und von Familie zu Familie am deutlichsten unterscheidbaren Teil der Wirkungen solcher Umweltbedingungen zu beschreiben und zu differenzieren. Wir gehen dabei von der Annahme aus, daß die Familie eines Menschen jenen Lebenskontext darstellt, der von frühester Lebenszeit an, am beharrlichsten und zunächst fast ausschließlich gegeben und wirksam ist. Spielplatz, Kindergarten, Schule, weiterführende Schule, Organisationen und Vereine, der Arbeitsplatz, der Stammtisch usw. kommen erst viel später als die Familie und in der Regel nur für Teilzeiten des Tages und Teilabschnitte der Lebenszeit des Individuums zur Geltung. Der Familienkontext bleibt in der Regel auch dann weiterbestehen. Das Individuum ist bis ins Erwachsenenalter, obschon in zunehmend kürzeren Zeitspannen, in den Familienkontext physisch einbezogen.
Es darf angenommen werden, daß Verallgemeinerungen von Erfahrungen eher aus früheren und nachhaltiger wirksamen Kontexten auf spätere und weniger nachhaltig wirkende Kontexte erfolgen als umgekehrt. Der Einfluß der Familie auf das Verhalten einer Person in der Schule ist in der Regel größer als der Einfluß der Schule auf das Verhalten dieser Person in der Familie. Der Einfluß der Erfahrungen in der Schule zusammen mit den Erfahrungen in der Familie auf die Berufssituation eines Menschen ist wahrscheinlich stärker als die Rückwirkung der Erfahrungen im Beruf auf die Schule und auf die Familie.
Diese Annahme will natürlich nicht besagen, daß spätere Ereignisse frühere Ereignisse überhaupt beeinflussen können. Die Vergangenheit kann nicht mehr abgeändert werden. Lediglich die Interpretation der Vergangenheit ist änderbar. Eine Person kann aus den Erfahrungen in der Schule oder im Beruf ihre Erfahrungen innerhalb der Familie im Rückblick neu einschätzen lernen, und es wäre denkbar, daß sie sogar die derzeit bestehenden Beziehungen zu ihren Familienmitgliedern fortan modifizieren kann. Selbst dann darf aber erwartet werden, daß diese erst im späteren Leben abgeänderten Familienbeziehungen in ihren unmittelbaren Wirkungen auf das weitere Familienleben und auf Kontexte außerhalb der Familie schwächer sind als die alten und ursprünglichen Beziehungen. Damit ist nicht einem hoffnungslosen Determinismus das Wort geredet, wohl aber sollten die alten und seit viel längerer Zeit wirksamen Einflüsse gegenüber den rezenteren und gegenwärtigen Einflüssen nicht unterschätzt werden. Die Wirkungen der alten Einflüsse sind oft versteckt. Sie betreffen emotionale Haltungen, elementare Motive und Interessen, deren sich der Betroffene mitunter gar nicht bewußt ist. Sie wirken aber auf sein soziales Verhalten ein, und zwar oft umso nachhaltiger, je weniger sie ihm bewußt sind.
2. Personenzusammensetzungen in der Familie
Die meisten Familien bestehen, wie gesagt, aus einem Vater, einer Mutter und mehreren Kindern. In der Mehrzahl der Familien ist auch heute noch der Vater der Brotverdiener und die Mutter im Haushalt und für die Betreuung der Kinder tätig, zumindest so lange, bis das jüngste ihrer Kinder die Schule besucht. Dies scheint auf lange Sicht und unter den gegebenen Lebensverhältnissen in fast allen Nationen und Gesellschaftssystemen die populärste und vermutlich auch die günstigste Lösung zu sein. Wenn gelegentlich einmal ein Vater den Haushalt und die Kinder versorgt, während die Mutter einen Beruf ausübt, ist das nichts Abnormes. Ein solches Elternpaar muß allerdings gewärtig sein, daß andere Familien oder etwa andere Kinder diese Situation doch als etwas Sonderbares ansehen und daß allein aus dieser Einschätzung durch die Umwelt gewisse Schwierigkeiten für seine Kinder erwachsen könnten.
Wenn beide Eltern voll berufstätig sind, müssen sie wohl oder übel ihre Kinder jemand anderem zur Betreuung übergeben, und hierbei verlieren sie zum Teil ihre Elternrolle. ...




