Togawa | Schwestern der Nacht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Togawa Schwestern der Nacht

Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-293-30528-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-293-30528-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach dem Tod der neunzehnjährigen Keiko Obano durchkämmt eine unbekannte Frau die Clubs und Bars von Tokio. Sie sucht den Mann mit der erotischen Stimme und dem Doppelleben; den Mann, der hier erfolgreich auf Jagd nach einsamen Frauenherzen geht und dabei so erfolgreich ist, dass er über seine Eroberungen Tagebuch führt. Auch Keiko Obano gehörte dazu. Doch plötzlich wird aus dem Spiel mit der Lust tödlicher Ernst. Die Frauen auf seiner Liste werden ermordet - der Mann wird vom Jäger zum Gejagten. Es entsteht eine tragische Verstrickung aus verlorener Liebe, verletzter Ehre und bitterer Rache.

Masako Togawa (1933-2016) arbeitete als Nachtclubsängerin in Tokyo, bevor sie zu schreiben begann und mit vierundzwanzig in einem Krimiwettbewerb den ersten Preis gewann. Ihre meisterlichen psychologischen Kriminalromane sind Bestseller und wurden vielfach preisgekrönt. Masako Togawa besaß einen Nachtclub in Tokio und war eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Japan, berühmt für ihre Krimis, Essays und sozialkritischen Beiträge.
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Prolog


Sie saß allein in einer Nische im ersten Stock der Bar und schaute gedankenversunken aufs Erdgeschoss hinunter. Durch den dichten Zigarettendunst konnte sie undeutlich neben dem Eingang den Kellner in seiner weißen Jacke erkennen und den Barkeeper, der hinter der Theke einen Cocktail-Shaker schüttelte. Die übrigen Gäste saßen entweder an der Theke oder in den Nischen im Erdgeschoss; die gedämpfte Beleuchtung machte sie fast unsichtbar. Auch hier oben gab es eine Bar, hinter der der Mixer sich die Zeit damit vertrieb, Gläser blank zu wienern; an der Ecke der Theke steckten zwei junge Männer die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander.

Niemand schenkte ihr auch nur die geringste Beachtung. Sonst wäre er wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen, dass dieses Mädchen, das kein Make-up trug und zwanzig sein konnte, nicht gerade wie ein typischer Bargast aussah. Als sie hereingekommen war, hatte sie eigenartig verstört gewirkt. Unten war kein Platz mehr frei, also stieg sie die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Der Lärm, der wie eine übermächtige Meereswoge an ihre Füße gebrandet war, wich wieder von ihr zurück. Sie fühlte sich leer und einsam, gefangen in einer Welt, die so schwarz war wie Pech.

Sie nahm ihr halb leeres Glas und stürzte die amberfarbende Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Das war ihr dritter Whisky heute Abend – der dritte in ihrem ganzen Leben. Er wärmte ihre Kehle, ihr Körper entspannte sich, und ihr Kopf wurde leicht. Sie stand auf und ging an die Theke, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, um nicht zu fallen.

Der Barkeeper sah das leere Glas in ihrer Hand und lachte.

»Sie haben aber einen drauf …«

Sie lächelte zurück. Schließlich kostete es nichts, nett zu ihm zu sein, und außerdem hatte sie nicht die geringste Vorstellung, was sie tun sollte, wenn sie die Bar verließ.

»Startklar für den vierten? Ich bring ihn gleich rüber.« Er gab vor, den Drink auf ihre Rechnung zu setzen, ließ es in Wirklichkeit aber bleiben. Den konnte sie genauso gut umsonst haben.

Sie schenkte ihm noch ein Lächeln, drehte sich um und kehrte an ihren Tisch auf der Galerie zurück. Dank dieser freundlichen Geste fühlte sie sich plötzlich viel wohler. Die Aufmerksamkeit des Barkeepers war für sie jetzt das Wichtigste in ihrem Leben. ›Bevor ich geh, muss ich ihm eine Schachtel Zigaretten geben‹, dachte sie.

Kurz darauf erschien er mit einem Kristallglas und einer Flasche Whisky, schenkte ihr ein und verschwand genauso lautlos, wie er gekommen war. Wieder war sie allein.

Sie schloss die Augen. Sie sah immer noch rote und grüne schaukelnde Lichter, doch das scharfe metallische Klirren in ihrem Kopf hatte nachgelassen. Nach einer Weile hörte sie sogar Musik, aber es war ihr unmöglich zu sagen, ob die Klänge von außen oder aus ihrem Kopf kamen. Im Grunde war es ihr auch egal; sie ließ sich durch ihre eigene Welt treiben und schlug dabei mit den Fingernägeln den Takt. Eins zwei drei, eins zwei drei … es war eine fröhliche Polka, mit Geige und Gitarre gespielt.

›Wie habe ich diese Melodie einmal geliebt‹, dachte sie. ›Damals, als ich noch keine Sorgen hatte und glücklich war.‹ Sie begann leise vor sich hin zu weinen, Tränen kollerten ihr über die Wangen, und es dauerte eine Weile, bis sie merkte, dass die Musik gewechselt hatte; zuerst hörte sie einen Walzer, dann einen undefinierbaren Rhythmus.

Und dann vernahm sie eine Bassstimme, die sie bis zu ihrem Tod nicht mehr vergessen sollte. Sie war edel und wunderschön – wie die tiefen Töne einer Kirchenorgel. Sie kroch auf sie zu, schlug an ihre Füße, stieg immer höher, nahm ihr Herz gefangen. Sie erkannte das Stück – es war Zigeunerleben von Schumann.

Im Schatten des Waldes, im Buchengezweig,

Da regts sich und raschelt und flüstert zugleich.

Es flackern die Flammen, es gaukelt der Schein

Um bunte Gestalten, um Laub und Gestein.

Die Stimme war tief und traurig, gefühlvoll und einfühlsam. Sie übertönte das Lallen der Betrunkenen und den schrägen Sopran der Damen an der Bar. Wer konnte das sein? Sie schlug die Augen auf und spähte über das Geländer der Galerie. Sie konnte jedoch nur zwei Musikanten sehen, einen Geiger und einen Gitarristen, die die Begleitung spielten. Schüchtern begann sie, das Lied mitzusingen, das sie im Chor ihrer Oberschule geübt hatte. Ihre Stimme und der Bass ergänzten sich perfekt. Sie sangen in vollkommener Harmonie, bis Gitarre und Geige verstummten.

Wer war dieser Mann, dessen Stimme sich so hervorragend mit der ihren ergänzte? Unfähig, ihre Neugier im Zaum zu halten, stand sie auf, stieg, von der magischen Stimme gelenkt, die Treppe hinunter und tauchte in das allgemeine Getöse ein; unsicher spähte sie ins ungewohnte Dunkel, aber alles, was sie durch den Qualm erkennen konnte, waren schwarzhaarige Köpfe, die einander zu überlagern schienen. Was sollte sie tun?

Und dann kam ihr eine Idee. Der Geiger wollte gerade die Bar verlassen; sie stürzte auf ihn zu und stellte sich ihm in den Weg.

»Verzeihen Sie, mein Herr. Würden Sie das bitte noch mal spielen?«

»Sicher, junge Dame, so oft Sie möchten.« Der Geiger, dessen Haaransatz bis an die Schädelkuppe zurückgewichen war, gaffte sie und den Hundert-Yen-Schein, den sie ihm entgegenstreckte, neugierig an. Dann nahm er das Geld und rief seinen Kollegen zurück. Sie begannen wieder zu spielen, und plötzlich ertönte über das Stimmengewirr hinweg wieder die fantastische, eindringliche Bassstimme. Ihr Besitzer entpuppte sich als ein Mann, der im Schatten am Tisch hinter ihr saß. Sie reckte vorsichtig den Hals, um ihn besser sehen zu können, ohne dabei allzu neugierig zu erscheinen.

»Warum setzen Sie sich nicht zu mir?«, fragte die tiefe Stimme, und sie gehorchte, als ob es das Natürlichste der Welt wäre. Es war, als hätten sie sich hier verabredet.

»Spielt weiter!«, rief der Mann, und dann sangen sie beide in vollkommener Harmonie.

Sie tauschten die ganze Zeit über Blicke aus; als würden sie sich schon seit Jahren kennen.

»Los, Leute, wir wollen zur Abwechslung mal was anderes hören!«, kreischte ein Gast.

Der Geiger ließ sein Instrument sinken und fragte: »Tja, soll ich ein anderes Stück spielen?«

Sie sah ihren Begleiter an und wandte sich dann dem Musiker zu.

»Nein danke, das reicht. Sie können gehen.«

Kurz darauf ging auch sie, in Begleitung des Fremden, der ihre Rechnung bezahlt hatte. Als sie aus der Bar traten, fiel das Licht einer Straßenlaterne auf ihn, und sie konnte ihn zum ersten Mal richtig sehen. Sie schätzte ihn auf etwa dreißig; er hatte ein schönes, klares Gesicht; sein Anzug war geschmackvoll und elegant. Alles in allem sah er wie die Verkörperung eines Jungmädchentraumes aus, und sie dachte mit Bedauern, dass sie ein recht ungleiches Paar abgeben mussten.

Einige Stunden später sanken sie auf den Rücksitz eines Taxis. Jetzt hielt er ihren dünnen Körper in seinen langen Armen und wühlte mit dem Kinn in ihrem Haar.

»Fahren Sie uns irgendwohin, wo wir uns ordentlich ausschlafen können«, sagte er zum Fahrer. Seine Stimme klang erschöpft, fast monoton.

»Wird gemacht, mein Herr. Lieber was im westlichen oder im japanischen Stil?« Dann stürzte sich der Fahrer mit einem gefährlichen Manöver in den Verkehr. Vielleicht hatte sie den Wortwechsel zwischen dem Fahrer und ihrem Partner wirklich gehört, vielleicht auch nicht. Sie lag reglos und mit fest geschlossenen Augen in seinen Armen.

Sechs Monate später.

Sie hing mit den Händen am Fenstersims, aber ihre Gedanken waren ganz woanders; sie weilten bei der Begegnung in der Bar vor sechs Monaten. Ein kalter Wind strich über ihre Füße.

›Es tut mir nicht Leid, dass ich mit ihm geschlafen habe‹, dachte sie. Aus ihrem trüben Alltag, dieser Hölle, ragte die Begegnung einsam und vollkommen heraus.

Sie presste sich an die raue Betonwand. Der Stein drückte gegen ihre Nase, ihre Wangen, ihre kleinen Brüste und den schwellenden Bauch hinab zu ihren Knien. Mit jedem Moment zog ihr Körper stärker an den dürren Armen. Wenn ihre Arme das Gewicht nicht mehr halten konnten, ihre jetzt schon tauben Finger unter der Belastung nachgaben, dann würde sie loslassen und vom siebten Stock in die Tiefe stürzen. Nur noch ein wenig Geduld – zwei Minuten, vielleicht drei …

Sie fragte sich, weshalb der Mann mit der tiefen Stimme nach dieser einen Nacht wieder aus ihrem Leben verschwunden war. Trotzdem hegte sie keinen Groll gegen ihn – sie war ihm sogar dankbar, denn er war das einzige Licht in ihrem kurzen grauen Leben gewesen.

›Er kann nichts für die Krämpfe, die ich nach der Arbeit in den Fingern kriege‹, dachte sie, ›genauso wenig für die Schmerzen abends in meinem ganzen Körper. Ihn trifft keine Schuld.‹ Dass sie tausendmal am Tag auf diese Tasten hämmern musste, das war schuld. ›Nur seinetwegen habe ich dieses Leben wenigstens noch ein halbes Jahr ausgehalten. Die Erinnerung an seine Stimme gab mir die Kraft weiterzumachen. Nur sie hat den Lärm in meinem Kopf, dieses Dröhnen wie ein Motor, erträglich gemacht und gedämpft. Seine tiefe Stimme hat mich verzaubert: Körper, Seele,...


Blesgen, Carla
Carla Blesgen studierte Anglistik und Germanistik in Köln. Sie arbeitet als freie Journalistin und übersetzt Literatur aus dem Englischen.

Togawa, Masako
Masako Togawa (1933-2016) arbeitete als Nachtclubsängerin in Tokyo, bevor sie zu schreiben begann und mit vierundzwanzig in einem Krimiwettbewerb den ersten Preis gewann. Ihre meisterlichen psychologischen Kriminalromane sind Bestseller und wurden vielfach preisgekrönt. Masako Togawa besaß einen Nachtclub in Tokio und war eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Japan, berühmt für ihre Krimis, Essays und sozialkritischen Beiträge.



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