Tiptree Jr. | Zu einem Preis | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 544 Seiten

Reihe: Sämtliche Erzählungen

Tiptree Jr. Zu einem Preis

Sämtliche Erzählungen, Band 4
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903061-30-9
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sämtliche Erzählungen, Band 4

E-Book, Deutsch, Band 4, 544 Seiten

Reihe: Sämtliche Erzählungen

ISBN: 978-3-903061-30-9
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Band der Serie umspannt das Werk der Schriftstellerin von Mitte der 70er-Jahre bis Mitte der 80er-Jahre. Herausragend sind hier die verfilmte Novelle 'Die Srewfly Solution' neu übersetzt, sowie erstmals auf Deutsch, die Novelle 'Zu einem Preis'. Als Anhang eines der persönlichsten Essays von James Tiptree Jr.: 'Nur die Unterschrift ist nicht echt' - ebenfalls erstmals in deutscher Sprache. In 'Die Screwfly Solution' beschreibt James Tiptree Jr. ein apokalyptisches Szenario: In den Nachrichten häufen sich die Meldungen über massenhaft auftretende Morde an Frauen. Zunächst nur in bestimmten Regionen, später weltweit. Der Wissenschaftler Alan versucht der Sache auf den Grund zu gehen und macht dabei eine fürchterliche Entdeckung. In 'Zu einem Preis' überquert ein junges Pärchen den Atlantik im Heißluftballon. Das gemeinsame Abenteuer geht schief, sie stürzen ins Meer und werden von einem Hospiz-Schiff geborgen. Doch an Bord des Schiffes ist etwas faul, und das Abenteuer geht für die beiden erst richtig los.

James Tiptree Jr. (1915-1987) ist das männliche Pseudonym von Alice B. Sheldon. Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, es müsse sich um einen Mann handeln. Die Aufdeckung, noch zu ihren Lebzeiten, war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod enden, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen verfasst worden. Sie zählt unter Science-Fiction-Fans zu den großen Klassikern, gleich neben Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. Ihre Kurzgeschichten, die sie erst im Alter von einundfünfzig Jahren zu schreiben begann, und von denen einige wohl zu den besten des späten 20. Jahrhunderts gehören, brachten ihr schnell Ruhm und zahlreiche Auszeichnungen ein. Dennoch litt sie ständig unter schweren Depressionen und Todessehnsucht. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von einundsiebzig Jahren erst ihren vierundachtzigjährigen Mann und dann sich selbst.
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Die Screwfly Solution

Der junge Mann, der auf 2° nördlicher Breite, 75° westlicher Länge saß, warf einen vernichtenden Blick zu dem wenig zweckmäßigen zweiflügeligen ventilador hoch und las weiter in seinem Brief. Obwohl bis auf die Unterhosen unbekleidet, schwitzte er in der Sauna, die in Cuyapán als Hotelzimmer durchging, gewaltig.

Wie machen das andere Ehefrauen bloß? Ich halte mich hübsch beschäftigt mit der Auswertung des Ann-Arbor-Stipendienprogramms und dem Seminar und sage immer strahlend: »Oh ja, Alan ist in Kolumbien und baut dort ein biologisches Schädlingsbekämpfungsprogramm auf, ist das nicht toll?« Aber insgeheim stelle ich mir Dich umgeben von 19-jährigen gurrenden Schönheiten mit rabenschwarzem Haar vor, die alle ganz heiß auf soziales Engagement sind und Geld wie Heu haben. Und denen Körbchengröße D aus der hauchzarten Wäsche quillt, das sind 100 Zentimeter Oberweite. Ich sehe das geradezu vor mir, jeden einzelnen Zentimeter. Ach, Liebster, Liebster, tue was du willst, aber komm heil zu mir zurück.

Alan grinste liebevoll und sah den einzigen Körper, nach dem er sich sehnte, kurz vor sich. Sein Mädchen, seine zauberhafte Anne. Dann stand er auf und machte das Fenster vorsichtig noch ein Stückweit mehr auf. Ein langes, fahles, klagendes Gesicht sah herein – eine Ziege. Das Zimmer lag zum Ziegengehege hin; der Gestank war bestialisch. Frischluft immerhin. Er nahm den Brief wieder auf.

Hier ist alles noch beim Alten, bloß dass dieser Horror in Peedsville anscheinend kein Ende nehmen will. Man redet jetzt viel von einer Sekte namens Söhne Adams. Auch wenn es eine Religion ist, warum kann man da nicht irgendwas unternehmen? Das Rote Kreuz hat in Ashton/Georgia ein Flüchtlingslager eingerichtet. Stell Dir das vor, Flüchtlinge innerhalb der Vereinigten Staaten. Ich hab gehört, dass zwei kleine Mädchen ziemlich übel zugerichtet worden sind. Ach, Alan.

Wobei mir einfällt, Barney ist mit ein paar Zeitungsausschnitten vorbeigekommen, die ich Dir schicken soll. Ich packe sie in einen eigenen Umschlag; ich weiß, was in ausländischen Postämtern mit besonders dicken Briefen passiert. Er meint, falls der Brief nicht ankommt, was haben die folgenden Städte gemeinsam? Peedsville, São Paulo, Phoenix, San Diego, Shanghai, Neu-Delhi, Tripolis, Brisbane, Johannesburg und Lubbock/Texas. Als Hinweis gibt er noch: Denk daran, wo sich derzeit die Innertropische Konvergenzzone befindet. Ich werde nicht daraus schlau, aber Dein überlegener Ökologenverstand vielleicht schon. Ich konnte den Ausschnitten nur entnehmen, dass es alles reichlich grausige Berichte über Morde oder Massaker an Frauen sind. Der schlimmste war der aus Neu-Delhi über »Flöße aus weiblichen Leichen« auf dem Fluss. Der lustigste der über den texanischen Offizier, der seine Frau, seine drei Töchter und seine Tante erschossen hat, weil Gott ihm auftrug, zuhause mal ordentlich sauber zu machen.

Barney ist ein richtiger Schatz, er kommt am Sonntag rüber und hilft mir dabei, das Fallrohr abzunehmen und zu gucken, was es verstopft. Er geht gerade wie auf Wolken; seit Deiner Abreise hat sich sein Antipheromon-Programm für Choristoneura occidentalis endlich ausgezahlt. Weißt Du, dass er über 2000 Präparate an den Wicklern getestet hat? Tja, und die gute alte Nummer 2097 funktioniert anscheinend. Als ich ihn gefragt habe, was sie tut, hat er nur gekichert; du weißt ja, wie schüchtern er bei Frauen ist. Jedenfalls sieht es so aus, als ob ein einmaliges Besprühen die Wälder retten wird, ohne irgendetwas anderes zu schädigen. Vögel und Menschen können es ruhig über die Nahrung aufnehmen, sagt er.

Und das, mein Schatz, ist alles, was es an Neuigkeiten gibt, außer dass Amy am Sonntag zurück nach Chicago fährt, weil die Schule wieder losgeht. Das Haus wird mir wie ein Grab vorkommen, ich werde sie schrecklich vermissen, obwohl sie gerade in dem Stadium ist, wo ich ihr schlimmster Feind bin. Die mürrischen, erotischen Mädchen am Anfang der Pubertät, sagt Angie. Amy lässt ihren Daddy grüßen. Einen Herzensgruß auch von mir und alles, was Worte nicht ausdrücken können.

Deine Anne

Alan legte den Brief sorgfältig in seine Schreibmappe und sah noch das schmale Bündel mit der restlichen Post durch, weil er nicht von Zuhause und von Anne träumen wollte. Barneys »dicker Umschlag« war nicht dabei. Er warf sich auf das ungemachte Bett und riss kurz vor Einsetzen der nächtlichen Stromsperre an der Zugschnur der Lampe. In der Dunkelheit verteilten sich die Ortsnamen, die Barney erwähnt hatte, auf einem verschwommenen Globus, der sich bedrohlich vor seinem geistigen Auge drehte. Irgendetwas …

Aber dann ergriff die Erinnerung an die fürchterlich von Parasiten befallenen Kinder, mit denen er an diesem Tag in der Klinik gearbeitet hatte, Besitz von seinen Gedanken. Er überdachte noch einmal die zu sammelnden Daten. Such nach dem schwachen Glied in der Verhaltenskette – wie oft hatte ihm Barney – Dr. Barnhard Braithwaite – das eingetrichtert. Wo war es, wo? Gleich morgen früh würde er anfangen, an größeren Mückenkäfigen zu arbeiten …

In diesem Moment schrieb Anne fünftausend Meilen weiter nördlich gerade:

Ach, Liebster, Liebster, Deine ersten drei Briefe sind hier, sie sind alle auf einmal gekommen. Ich wusste, dass Du schreiben würdest. Vergiss mein Gerede von dunkelhäutigen Millionenerbinnen, das war alles nur Spaß. Mein Liebster, ich weiß, ich weiß … wir. Diese schrecklichen Mückenlarven, diese armen kleinen Kinder. Wenn Du nicht mein Mann wärst, würde ich Dich für einen Heiligen halten oder so. (Tu ich ja eh.)

Ich hab Deine Briefe überall im Haus aufgehängt, das macht es um einiges weniger einsam. Keine richtigen Neuigkeiten hier, außer dass mir alles irgendwie ruhig und sonderbar vorkommt. Barney und ich haben das Fallrohr ausgebaut, es war knallvoll mit vergammelten Nüssen. Die müssen Eichhörnchen von oben da reingeworfen haben, ich werde es mit einem Drahtgitter verschließen. (Keine Sorge, diesmal nehme ich eine Leiter.)

Barney ist in einer merkwürdigen, düsteren Stimmung. Er nimmt diese Geschichte mit den Söhnen Adams sehr ernst, anscheinend wird er mit im Untersuchungsausschuss sitzen, wenn sie den je auf die Reihe kriegen. Das Seltsame daran ist, dass anscheinend niemand irgendetwas unternimmt, als ob die Sache einfach ein paar Nummern zu groß ist. Selina Peters hat ein paar ätzende Kommentare dazu veröffentlicht, etwa: Wenn jemand seine Frau umbringt, dann nennen wir es Mord, aber sobald es nur genug Männer tun, nennen wir es einen Lebensstil. Ich glaube, dass sich die Sache ausbreitet, aber nichts Genaues weiß man nicht, weil die Medien aufgefordert sind, es herunterzuspielen. Barney sagt, es wird als eine Form ansteckender Hysterie betrachtet. Er besteht darauf, dass ich Dir diese grässliche Aussage schicke, nur den Durchschlag. Man wird sie natürlich nicht veröffentlichen. Aber dieses Totschweigen ist schlimmer, als ob gerade außer Sichtweite irgendwas Schreckliches passiert. Nachdem ich Barneys Blätter gelesen hatte, habe ich Pauline in San Diego angerufen, weil ich wissen wollte, ob es ihr gut geht. Sie klang komisch, als ob sie mir etwas verschweigen würde … meine eigene Schwester. Kurz nachdem sie gesagt hat, dass alles in Ordnung wäre, hat sie plötzlich gefragt, ob sie nächsten Monat kommen und eine Zeitlang bei uns bleiben könnte. Ich hab gesagt, komm jetzt gleich, aber sie will erst noch ihr Haus verkaufen. Mir wäre es lieber, sie würde sich beeilen.

Der Diesel läuft jetzt ganz gut, er brauchte nur einen neuen Filter. Ich musste bis nach Springfield, um einen zu besorgen, aber Eddie hat ihn mir für nur 2,50 eingebaut. Der wird mit seiner Werkstatt noch pleitegehen.

Falls Du es Dir nicht schon gedacht hast, diese Orte von Barneys Liste liegen alle ungefähr auf 30° nördlicher oder südlicher Breite – die Rossbreiten. Als ich sagte, nicht genau, sagte er, denk daran, dass sich die äquatoriale Tiefdruckrinne im Winter verschiebt und dann auch Libyen und Osaka einschließt und noch eine Stadt, die ich vergessen habe – warte, Alice Springs in Australien. Und was hat das mit dem Ganzen zu tun, hab ich gefragt. »Nichts – hoffentlich«, hat er gesagt. Werde Du daraus schlau, große Denker wie Barney können manchmal seltsam sein.

Ach mein Liebster, hier ist alles von mir für alles von Dir. Deine Briefe erhalten mich am Leben. Aber denk nicht, du musst, ich kann mir vorstellen, wie viel Dir Deine Arbeit abverlangt. Du sollst einfach wissen, dass wir zusammen sind, immer und überall.

Deine Anne

Ach PS: Ich musste den Umschlag noch einmal aufmachen und Barneys Zeug reintun, das war nicht die Geheimpolizei. So, jetzt aber. Noch einmal meine ganze Liebe, A.

In dem von Ziegen verpesteten Zimmer, wo Alan das las, trommelte Regen auf das Dach. Er hielt sich den Brief unter die Nase, um noch einmal den schwachen Parfümduft einzufangen, und faltete ihn zusammen. Dann zog er den gelben Durchschlag heraus, den Barney mitgeschickt hatte, und fing zu lesen an. Seine Miene verdüsterte sich.

SONDERBERICHT PEEDSVILLE-SEKTE / SÖHNE ADAMS. Gedächtnisprotokoll von Sgt. Willard Mews (Fahrer), wohnh. in Globe Fork/Arkansas. Ungefähr 80 Meilen westlich von Jacksonville stießen wir auf die Straßensperre. Major John Heinz aus Ashton erwartete uns schon und stellte uns eine Eskorte bei, zwei Wasserwerfer unter der Führung von Capt. T....


James Tiptree Jr. (1915-1987) ist das männliche Pseudonym von Alice B. Sheldon. Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, es müsse sich um einen Mann handeln. Die Aufdeckung, noch zu ihren Lebzeiten, war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod enden, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen verfasst worden.
Sie zählt unter Science-Fiction-Fans zu den großen Klassikern, gleich neben Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. Ihre Kurzgeschichten, die sie erst im Alter von einundfünfzig Jahren zu schreiben begann, und von denen einige wohl zu den besten des späten 20. Jahrhunderts gehören, brachten ihr schnell Ruhm und zahlreiche Auszeichnungen ein.
Dennoch litt sie ständig unter schweren Depressionen und Todessehnsucht. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von einundsiebzig Jahren erst ihren vierundachtzigjährigen Mann und dann sich selbst.



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